Читать книгу Besessen - Das turbulente Leben von Prince - Alex Hahn - Страница 9

Оглавление

1.: Zuhause

Als er fünf Jahre alt war, nahm Prince Roger Nelsons Mutter, Mattie Shaw, ihren kleinen Sohn in ein Theater in Minneapolis mit, wo sein Vater, John L. Nelson, bei einer Musikrevue Klavier spielte. Nachdem er und seine Mutter ihre Plätze eingenommen hatten und darauf warteten, dass die Show begann, sah Prince den hunderten von Menschen zu, die in das Theater strömten, und er fragte sich, was wohl als Nächstes passieren würde. Auf einen Schlag gingen die Lichter aus und hüllten ihn und das übrige Publikum in Dunkelheit. Dann wurde hinten im Saal ein helles Spotlight eingeschaltet, das die Aufmerksamkeit aller auf die Bühne richtete. Der Vorhang bewegte sich, und hinter ihm trat ein lächelnder John Nelson hervor, der sich zu herzlichem Applaus ans Klavier setzte.

Als Nelson zu spielen begann, nahm sein Gesicht einen konzentrierten Ausdruck an, und seine Hände flogen über die Tasten. Das Publikum sah ihm gebannt zu. Prince schien es, als habe sein Vater besondere Fähigkeiten, mit denen er hunderte von Menschen in Trance versetzen konnte.

Hinter Nelson bewegte sich der Vorhang erneut. Eine Gruppe äußerst attraktiver, knapp bekleideter Frauen – die Chormädchen – trat zu ihm auf die Bühne. Prince sah zu, wie sie um seinen Vater herumtanzten, der ihr verführerisches Lächeln erwiderte.

Nach dieser Show ließ Prince diese Szene wieder und wieder in seinem Kopf Revue passieren. Er rief sich seinen Vater ins Gedächtnis, wie er vorn an der Bühne stand, von Lichtern angestrahlt, die hell die Dunkelheit durchdrangen. Aber während er sich all das erträumte, änderte sich das Drehbuch ein wenig. Jetzt saß Prince selbst am Klavier und badete in der Bewunderung der Menge. Nun war er umgeben von schönen Frauen, die zu den Rhythmen tanzten, die er erschuf.

Der junge Prince entwickelte eine Besessenheit für die Macht der Musik. In den folgenden Tagen und Wochen begann er zu erforschen, wie Instrumente klangen und wie man sie spielen konnte. Sein Vater hatte ein Klavier im Wohnzimmer stehen, und Prince begann, jeden Tag darauf herumzuklimpern, während Nelson in der Arbeit war. Er war ein Naturtalent: Es dauerte nicht lange, und er konnte dem Instrument eine zusammenhängende Melodie entlocken. Beim Einkaufen in den großen Kaufhäusern rannte Prince sofort in die Abteilung mit den Musikinstrumenten. Er spielte mit Radios, Orgeln und Klavieren – mit allem, was Geräusche von sich gab. Weil er klein und daher nicht leicht zu sehen war, folgte seine Mutter manchmal nur den Geräuschen, um ihn wieder aufzuspüren.

Prince, der stets ein ruhiges Kind gewesen war, das am liebsten allein spielte, schien die perfekte Ausdrucksmöglichkeit für sich gefunden zu haben. Seine neu erwachte Begeisterung für die Musik beschäftigte ihn nun mehr als alles andere. Er zog sich von der Welt zurück und stürzte sich in die Musik – ein Muster, das sein Leben fortan prägen sollte.

In Minnesota, dem amerikanischen Bundesstaat, in dem Prince geboren wurde und auch später stets lebte, ziert die Nummernschilder der Autos der Spruch „Land der zehntausend Seen“. Dieser Ausdruck lässt an ein halbmythisches Land im Herzen des amerikanischen Mittelwestens denken – eine gesunde und ordentliche, wenn auch vielleicht etwas langweilige Gegend, mit der man in den USA Protestantismus, schlichte Vanillearomen und bürgerliche (und zudem weiße) Moralvorstellungen assoziiert. Die Region wurde 1640 von einem calvinistischen Pfarrer namens Pater Louis Hennepin entdeckt, der bei seinen Reisen auf die beeindruckenden Saint-Anthony-Wasserfälle stieß, die sich in den Mississippi ergießen. Die Metropole dieses Bundesstaats, Minneapolis, wurde um 1840 von frühen Industriellen gegründet, die entlang dem Fluss und unterhalb der zur Energiegewinnung genutzten Wasserfälle Sägewerke und Getreidemühlen errichteten, aber dennoch hat sich die Stadt eine über­raschende Unverdorbenheit und große landschaftliche Schönheit erhalten, die sich auch im Namen des Staats spiegelt, der in der Sprache der Dakota-Indianer ein „Wasser“ bedeutet, „das den Himmel spiegelt“.

Es ist wenig verwunderlich, dass ein solches Gebiet einen ehrlichen Folksänger wie Bob Dylan hervorgebracht hat, einen typisch amerikanischen Schriftsteller wie F. Scott Fitzgerald oder einen populistischen Politiker wie den Demokraten und Nixon-Herausforderer Hubert H. Humphrey. Man würde jedoch nicht erwarten, dass dies die Heimat eines getriebenen, messianischen, afroamerikanischen Popmusikers mit einer kometenhaften Karriere sein würde – eines ehrgeizigen, vielgestaltigen Talents, das mit einer derartigen Geschwindigkeit berühmt wurde, dass ihm zu seinen besten Zeiten allenfalls Michael Jackson oder Madonna ebenbürtig schienen. Selbst nachdem er ein internationaler Superstar geworden war, entfernte sich Prince selten weit von diesem kalten Staat im mittleren Westen. In Minneapolis hat er schon an den verschiedensten Orten gewohnt: als junger Mann in einer kleinen Wohnung in der Innenstadt, dann in einem hübschen gemieteten Haus am Ufer des Lake Minnetonka, wo er das überaus direkte Album Dirty Mind einspielte, und in einem lila angestrichenen Haus am grünen Kiowa Trail. Später nutzte er den Überfluss, den ihm der enorme Erfolg des Albums und Films Purple Rain von 1984 eingebracht hatte, um in Edina, einem exklusiven Vorort von Minneapolis, ein Haus mit Swimmingpool und Tennisplatz zu kaufen und sich ein paar Kilometer entfernt in Chanhassen den ausgedehnten Studiokomplex Paisley Park bauen zu lassen. Das Studio stand zwar zunächst auch anderen Künstlern offen, aber schon bald wurde es sein privates, abgeschottetes Universum, das niemand außer ihm, seinen Angestellten und einigen auserwählten Freunden und Mitarbeitern betreten durfte.

Zwar trat Prince in der ganzen Welt auf, aber den größten Teil seines Lebens verbrachte er in kleinen, ruhigen Vororten in der Nähe der Gegend, in der er aufgewachsen war. Diese Umgebung wurde schließlich zur Metapher für sein Einsiedlertum und sein Misstrauen gegenüber Außenstehenden. „Ich werde immer in Minneapolis leben“, sagte Prince 1996 Oprah Winfrey. „Da ist es so kalt, dass es die bösen Menschen abschreckt.“

John Nelson, der Sohn kleiner Farmpächter, dessen Großeltern noch Sklaven gewesen waren, zog 1956 aus Louisiana nach Minneapolis, nachdem er sich von seiner ersten Frau Vivienne hatte scheiden lassen. Ihn lockten die starke Wirtschaft des Industriestandorts und die Tatsache, dass die Stadt Minderheiten gegenüber als sehr tolerant galt, und er ließ sich mit seinen zwei Töchtern Lorna und Sharon sowie seinem Sohn John Jr. im Norden von Minneapolis nieder, einer Arbeitergegend, in der viele Afroamerikaner lebten und die allgemein Northside genannt wurde. Nelson war klein – nur etwa eins sechzig, aber gut aussehend und stets perfekt gekleidet. Er fand eine Stelle bei Honeywell Electronics, wo er Plastikteilchen formte, und blieb bei dieser Firma, bis er dreißig Jahre später in Rente ging. Er war der ideale Arbeitnehmer: Er war ruhig, sprach nicht viel, war ordentlich, hatte feste Gewohnheiten und war enorm diszipliniert.

Nelsons wahre Leidenschaft galt der Musik. Er war ein talentierter Pianist und passte daher perfekt auf die Northside, wo es zahlreiche Jazzclubs und Bluesbars gab. Nelsons gute Konstitution ermöglichte es ihm, jeden Tag bei Honeywell zu schuften und dann bis in die frühen Morgenstunden in diesen kleinen Clubs vor Ort aufzutreten. Seine Band, das Prince Rogers Trio (das nach seinem Bühnennamen benannt war), erspielte sich in der Umgebung einen guten Ruf.

Nelson war ein zurückhaltender Mann mit einem sehr lebendigen Sinn für Humor. Er wirkte ruhig und selbstbewusst, aber viele Menschen fanden ihn seltsam; ein Mitarbeiter von Prince in den Neunzigern verglich Nelson mit Chauncey Gardiner, dem geheimnisumwitterten Helden des Films und Romans Willkommen, Mr. Chance. Gelegentlich jedoch traf Nelson auf einen der seltenen Menschen, die seine Art der Kommunikation perfekt verstanden. Dazu gehörte beispielsweise der große Trompeter und Bandleader Miles Davis, den er 1987 bedingt durch den Ruhm seines Sohnes kennen lernte. „Sie waren beide ein wenig exzentrisch und verrückt – sie verstanden einander sehr gut“, erinnerte sich Susan Rogers, die lange Zeit als Tontechnikerin für Prince tätig war. Als sie sich in dem Aufnahmestudio trafen, in das Prince Miles eingeladen hatte, sah Nelson ihn genau an und sagte beiläufig: „Ich mochte diese Hosen, diese gestreiften, die Sie bei den Grammy Awards getragen haben.“

Miles dachte darüber nach und sagte dann: „Ich habe keine gestreiften Hosen.“

„Doch, sicher, ich habe Sie doch damit gesehen“, erwiderte Nelson unbeirrt.

Nachdem sie sich an diesem Thema festgebissen hatten, diskutierten die beiden Jazzer hin und her, ob es die gestreiften Hosen nun gab oder nicht. Prince hielt sich im Hintergrund, beobachtete den bizarren Wortwechsel und musste sich das Lachen verkneifen.

Schließlich erinnerte sich Miles an das fragliche Kleidungsstück. „Ja, jetzt fällt es mir ein. Ich habe gestreifte Hosen“, sagte er. „Sie sind aus Aalhaut gemacht. Aalhaut, wie in Vietnam!“

Nelson lächelte; er schien genau zu wissen, was Miles meinte.

Musikalisch konnte er Miles (und auch seinem Sohn) zwar nicht das Wasser reichen, aber Nelson war dennoch ein talentierter Jazzpianist. Das Prince Rogers Trio spielte nicht nur Standards, sondern auch einige von Nelsons eigenen Kompositionen, bei denen es sich um abstrakte, nicht lineare Stücke handelte, die gelegentlich an Thelonious Monk oder Duke Ellington erinnerten. Nelsons Musik war, wie er selbst, eine Herausforderung, wenn man sie richtig verstehen wollte. „Es waren ausufernde Balladen, sehr unstrukturiert, mit vielen Pausen und seltsamen Phrasierungen“, sagte Rogers, die auch einmal eine Session für Nelson mitschnitt.

1956 traf Nelson, als er bei einer Tanzveranstaltung in Northside aufspielte, die Jazzsängerin Mattie Shaw. Auch sie stammte eigentlich aus Louisiana und war mit ihrer Zwillingsschwester Edna Mae in den Fünfzigern nach Minneapolis gezogen. Ihre Stimme erinnerte viele Zuhörer an Billie Holiday. Sie war Anfang zwanzig und hatte schon eine Ehe hinter sich, aus der ein Sohn, Alfred, hervorgegangen war. Der sechzehn Jahre ältere Nelson bat sie, seiner Band beizutreten, und das tat sie: Wenig später waren sie auch privat ein Paar, und sie heirateten 1957. Die ganze Familie zog nach Northside in ein bescheidenes Häuschen in der Logan Avenue 915.

Prince, ihr erstes gemeinsames Kind, kam am 7. Juni 1958 im Mount-Sinai-Krankenhaus im Zentrum von Minneapolis zur Welt. Sein ungewöhnlicher Name war dem Künstlernamen seines Vaters entlehnt und spiegelte auch die hohen Erwartungen, die wohl alle Eltern mit ihren Neugeborenen verknüpfen. „Ich nannte meinen Sohn Prince, weil ich wollte, dass er all das verwirklicht, was ich mir je vorgenommen hatte“, sagte Nelson 1991 in der TV-Show A Current Affair.

Ein zweites Kind, Tyka, kam 1960 zur Welt. Jetzt war die Familie komplett – Vater, Mutter und sechs Kinder (aus drei verschiedenen Ehen), die von Nelsons bescheidenem Einkommen lebten. Doch irgendwie gelang es ihnen, nicht in Armut zu versinken. Charles Smith, ein Cousin zweiten Grades von Prince, hat das Haus der Nelsons als makellos sauber und sogar recht nobel in Erinne­rung, jedenfalls im Vergleich zum Haus seiner eigenen Eltern. Nelson baute in die Wohnzimmerwand schließlich sogar einen Fernseher ein, und das erschien Smith, der seinen Vater leider nicht dazu überreden konnte, es ihm gleichzutun, als Merkmal äußersten Wohlstands. Smith berichtet zudem, dass Nelson die ganze Nachbarschaft mit seinem geschniegelten Äußeren beeindruckt habe. „Seine Schuhe passten stets zu seiner Kleidung, und er war immer sauber und ordentlich“, sagte Smith. „Wir gingen immer zu ihm und bettelten darum, dass er seinen Schrank öffnete und uns seine Anzüge zeigte.“ Seinem Sohn war Nelson in jeder Hinsicht ein Vorbild: Prince bewunderte seine musikalische Kreativität, seine extravagante Kleidung und seine Disziplin.

Shaw, die ihren Ehemann in der Regel Prince nannte, gab ihrem Sohn den Spitznamen Skipper, der sich auch einprägte. Über Jahre hinweg bestand er darauf, dass er von Familie und Freunden so genannt wurde, und er wurde ­bockig, wenn man Prince zu ihm sagte. Mit sieben Jahren konnte er bereits recht fließend auf dem Klavier seines Vaters spielen, und es war klar, dass die Musik in seinem Leben eine bedeutsame Rolle spielen würde. Dennoch hatte er andere Interessen – typisch für einen Jungen in seinem Alter: Sport, vor allem Tischtennis und Basketball. Smith erinnert sich, dass Prince in beiden Sportarten recht gut und überaus ehrgeizig war. Er liebte es zu gewinnen und tat das auch immer. Mitte der Achtziger, bei einem Treffen mit Michael Jackson, forderte Prince seinen Erzrivalen zu einer Partie Tischtennis heraus. Um den selbst ernannten King of Pop von vornherein einzuschüchtern, schmetterte Prince den Ball wütend quer über die Platte, seinem Gegner entgegen.

Zwar sollte ein fester Glaube in seinem Leben später eine große Rolle spielen – auf den Dankeslisten der Albumcover stand Gott jedes Mal ganz oben –, aber das lag nicht unbedingt daran, dass man ihn von Kindesbeinen an mit Religion indoktrinierte. Die Nelsons waren praktizierende Adventis­ten des Siebten Tags, und Prince besuchte den Bibelunterricht. In späteren Interviews beklagte er sich, dass ihm bei den Gottesdiensten, die er als Kind besuchen musste, lediglich der Chor gefallen habe. Während er jedoch keine Affinität für irgendeine organisierte Religion entwickelte, absorbierte er mit Sicherheit die grundsätzliche christliche Lehre, die auf ihn einen großen Eindruck machte. Die Vorstellung eines allmächtigen Gottes, der gute Taten belohnen und das Böse bestrafen würde, war in seinem Bewusstsein fast immer fest verankert.

Prince besuchte zunächst die John-Haye-Grundschule in Northside. Er hatte Probleme damit, dass er ein ganzes Stück kleiner war als seine Klassenkameraden. In seinen Songs und auch in Interviews ließ er sich später häufig darüber aus, dass er viele Hänseleien ertragen musste. 1996 sagte er im Gespräch mit Oprah Winfrey, dass die traumatischen Erlebnisse seiner Kindheit, darunter auch die Schikanen seiner Mitschüler, dazu geführt hätten, dass sich in ihm eine zweite, abgespaltene Persönlichkeit entwickelte. „Jüngste Untersuchungen haben ergeben, dass es vermutlich zwei Personen in mir gibt“, sagte er ohne jeglichen Anklang von Ironie. „Ich bin nicht nur vom Sternzeichen her Zwilling. Und wir haben noch nicht festgelegt, welches Geschlecht diese andere Person hat.“

Glücklicherweise brachte ihn der Spott auf dem Schulhof nicht dazu, sich weiter in sich selbst zurückzuziehen. Stattdessen entwickelte er mit neun oder zehn ein komisches Talent und begann, mehr Freunde zu finden. Vor allem wenn er mit Menschen zusammen war, die er kannte, konnte er sich schnell von einem scheuen, introvertierten Kind in einen ausgelassenen, lustigen Jungen verwandeln. „Er war genau wie wir alle – er war lustig und machte Späße“, berichtete Smith.

Auch war Prince kein Außenseiter unter seinen Altersgenossen. Er war schick, aber konservativ angezogen (darauf achtete sein Vater) und hatte sich noch nicht das kryptische Gemurmel angewöhnt, das viele seiner Interviews prägte, nachdem er berühmt geworden war. Dennoch wollte Prince mehr als nur zu einer Gruppe zu gehören: Nach und nach entwickelte er den Wunsch, andere zu überraschen, zu verblüffen und zu schockieren. Dieser Charakterzug wurde noch bestärkt durch eine eigentümliche und etwas zwielichtige Figur in seinem direkten Umfeld: seinen Halbbruder Alfred Nelson, den ersten Sohn von Mattie Shaw. Er war einige Jahre älter als Prince, hatte ebenfalls musikalisches Talent – er sang bei seiner großen Sammlung von James-Brown-Platten voller Inbrunst mit, und er war zudem ebenso schrill und unkonventionell; er trug eine verrückte Frisur im Stil von Little Richard und warf mit Geldscheinen um sich, die wer weiß woher stammten. „Wir glauben, dass er ein Zuhälter oder so was war“, erinnerte sich Smith. Alfred, der gegen Disziplin völlig immun war, kroch gelegentlich spätnachts aus seinem Schlafzimmerfenster und schlich sich aus dem Haus, um später auf demselben Weg zurückzukehren. Manchmal überraschte er dann Prince und Smith, die oft zu ihm kamen, um seine wilden Outfits anzuprobieren und James Brown zu hören.

Zwar ist wenig über Alfreds musikalisches Talent oder seinen diesbezüglichen Ehrgeiz bekannt, aber es ist auffällig, dass sich viele seiner Eigenheiten – ein seltsam schräger Stil bei Kleidung und Frisur, die Begeisterung für James Brown und eine eigenwillige Beziehung zum Essen – auch bei Prince zeigten. Aber Alfred verstand sich letztlich weniger darauf, seine eigenartigen Impulse zu kontrollieren oder in sinnvolle Bahnen zu lenken. Smith zufolge drehte er schließlich durch und landete in einer psychiatrischen Anstalt in Minneapolis.

Während es für Prince in der Schule und mit seinen Altersgenossen allmählich einfacher wurde, verschärfte sich die Situation in der Familie. John Nelson und Mattie Shaw hatten völlig unterschiedliche Charaktere und kamen oft nicht gut miteinander zurecht. „Sie war diejenige, die ausflippte, nicht er“, berichtete Smith. „Ich glaube, dass Nelson wirklich sehr viel an Princes Mutter lag und dass sie nicht oft genug in ihre Schranken gewiesen wurde.“ Es war nicht ungewöhnlich, dass es zu lauten Streitereien kam, bei denen Shaw in Tränen ausbrach. Dazu kam, dass sie ihre Karriere auf Eis gelegt hatte, um sich um die Kinder zu kümmern, während Nelson nach wie vor nachts in den Clubs auftrat. Diese konfliktbeladene Situation war beängstigend und verwirrend für Prince, der in seinem quasi autobiografischen Film Purple Rain ein düsteres Porträt seiner Familie zeichnete. 1996 erzählte er Oprah Winfrey, die Szene, in der seine Mutter weint, nachdem sein Vater sie geschlagen hat, sei der Moment des Films gewesen, der am authentischsten aus seinem Leben erzählt hatte. Die Streitereien gingen weiter, und seine Eltern trennten sich, als er zehn Jahre alt war; später ließen sie sich scheiden.

Als Nelson auszog, ließ er sein Klavier da, und Prince spielte weiter begeis­tert darauf. Shaw heiratete wenig später Hayward Baker aus Minneapolis, der somit sein Stiefvater wurde. Prince, der kurz vor der Pubertät stand, lehnte es ab, dass nun ein weiterer Mann in sein Leben eindrang, und er geriet häufig mit Baker aneinander. Jahre später beschrieb Prince ihn als distanziert und materialistisch. „Ich konnte ihn von Anfang an nicht leiden“, sagte er 1981der Zeitschrift Musician. „Er brachte uns ständig Geschenke, statt sich mal hinzusetzen, um mit uns zu reden und uns ein Freund zu sein.“

Mit zwölf Jahren bat Prince seinen Vater, ihn wieder zu sich zunehmen. Nelson war dazu bereit, aber dieses Arrangement war nicht von Dauer. Smith zufolge erwischte Nelson Prince mit einer Freundin im Bett und warf seinen Sohn zur Strafe raus. Wie er 1985 in einem Interview mit dem Rolling Stone erzählte, flehte er seinen Vater an, bleiben zu dürfen, und bat auch seine Schwes­ter Tyka, sich für ihn einzusetzen. Als er Nelson schließlich telefonisch erreichte, musste Prince erfahren, dass der immer noch an seinem Nein festhielt: „Ich saß zwei Stunden lang heulend in der Telefonzelle. Das war das letzte Mal, dass ich geweint habe.“

Sie sollten nie wieder zusammen wohnen, aber ihre Beziehung war abwech­selnd geprägt von intensiver Zuneigung und zorniger Distanz, bevor Nelson 2001 starb. Prince versuchte als Erwachsener wiederholt, sich Nelson wieder anzunähern – er nannte ihn als Autor für Songs, mit denen sein Vater gar nichts zu tun gehabt hatte, lobte ihn in den Medien in den höchsten Tönen und stellte ihn Größen wie Miles Davis vor. Ganz offensichtlich hatte er den Wunsch, ein enges Band zu seinem Vater zu knüpfen und alte Wunden zu heilen.

Was aber waren das für Wunden? Als hätte es nicht schon gereicht, dass der Vater die Familie verließ und Prince dann später auf die Straße setzte, bestrafte Nelson seinen Sohn zudem auf eine Weise, die emotionale Narben hinterließ. In Purple Rain spielt Prince einen aufstrebenden jungen Musiker, der von seinem launischen, unberechenbaren Vater körperlich gezüchtigt wird. Als Oprah Winfrey ihn 1996 fragte, ob ihn sein Vater je „misshandelt“ habe, antwortete Prince: „Er hatte so seine Phasen.“ Im Song „Papa“ (auf dem 1993 erschienenen Album Come) flüstert Prince: „Misshandelt die Kinder nicht, sonst werden sie so wie ich.“

Allerdings war Prince diesbezüglich nicht immer konsequent – eine Tatsache, die sicherlich auch die widersprüchlichen Gefühle in Bezug auf seinen Vater widerspiegelt. 1999 sagte er Larry King, sein Vater habe ihn nicht „hart“ behandelt, und Misshandlungen erwähnte er nicht. „Ich meine, er war sehr streng, wenn es um Bestrafungen ging, aber das waren alle Väter“, sagte Prince. „Ich habe den Unterschied zwischen Recht und Unrecht gelernt, daher erscheint mir das nicht so hart.“

Nelson selbst verneinte stets vehement, seine Kinder misshandelt zu haben. Charles Smith, der zwar nicht kategorisch ausschließen wollte, dass Prince auch körperlich gezüchtigt worden war, bemerkte zumindest keine Spuren systematischer Gewalt. „Ich habe nie miterlebt, dass Prince oder Tyka besonders schlecht behandelt worden wären“, sagte er.

Nachdem er von seinem Vater auf die Straße gesetzt worden war – an sich im Grunde bereits ein Fall von Kindesmisshandlung –, wurde sein Leben noch schwerer als vorher. Er blieb kurze Zeit bei seiner Tante, Olivia Nelson (John Nelsons Schwester), aber sie wollte oder konnte seine Erziehung nicht langfris­tig übernehmen. Monatelang pendelte er zwischen verschiedenen Familienmitgliedern und Freunden hin und her. „Ich fand es nicht schön, so herumgeschubst zu werden“, sagte er 1980 der Los Angeles Times. Und zum ersten Mal in seinem Leben lernte er auch wirkliche Armut kennen. Er stellte sich damals sogar oft vor die Tür eines McDonald’s, um das Bratfett zu schnuppern und davon zu träumen, dass er sich einen Burger leisten könnte.

Schließlich kam Prince dauerhaft bei Bernadette Anderson unter, der Mutter seines engen Freundes André. Mistress Anderson, die wie die Nelsons ebenfalls zu den Adventis­ten des Siebten Tags gehörte, war eine jener Frauen, wie man sie in den ärmeren afroamerikanischen Vierteln öfter antraf und welche die Probleme ihrer Gemeinde als ihre eigenen betrachteten. Zwar hatte sie sechs eigene Kinder, aber sie nahm Prince wie einen Sohn bei sich auf und kümmerte sich für den Rest seiner Teenagerjahre um seine Erziehung. „Sie war jedem eine Mutter“, sagte Smith. „Wenn sie mit dem Auto vom Einkaufen kam, dann teilte sie alles mit jedem.“

Nachdem er nun wieder das dringend nötige Gefühl verspürte, einen festen Halt im Leben zu haben, konzentrierte sich Prince auf den Unterricht an der ­Bryant Junior High School. Er kam in die Basketballmannschaft der Schule und freundete sich eng mit einem Mitspieler namens Duane an, der bald den Namen Duane Nelson tragen und sein Stiefbruder werden sollte, als John Nelson wieder heiratete. Von Anfang an spielte ein gewisses Konkurrenzdenken in ihrer Freundschaft eine große Rolle, weil Duane, der höher aufgeschossen war und besser aussah, größere Chancen bei den Mädchen hatte. (Prince thematisierte in dem Song „Lady Cab Driver“ auf 1999, wie sehr ihn diese Situation damals frustrierte.)

In der Highschool wurde Prince schnell klar, dass seine Stärken nicht unbedingt auf sportlichem Gebiet lagen. Er begann auf der Central High immer mehr, sich mit Musik zu beschäftigen, und er besuchte eine Reihe verschiedener Kurse. Sein Talent blieb dabei nicht unentdeckt. Sein Lehrer John Hamilton schloss während der Mittagspause das Musikzimmer ab, damit Prince ungestört auf dem Klavier und den anderen Instrumenten üben konnte. Außerdem besuchte Prince auch einen eher ungewöhnlichen Kurs, den Hamilton „Musikbusiness“ nannte und in dem die Schüler die juristischen und finanziellen Grundsätze lernten, nach denen die Musikindustrie vorging. Der Lehrer gab Prince zudem Einzelunterricht an Klavier und Gitarre. Mark Brown, ein anderer Central-Schüler, der ähnlich von Hamilton gefördert wurde (und der später sein Bassist wurde), beschreibt seinen Lehrer als sowohl ermutigend als auch streng. „Er wollte, dass ich Noten lesen lerne, und da stimmten wir überhaupt nicht überein“, sagte Brown. „Aber er war ein toller Lehrer, und er hat einen wirklich vorangetrieben.“

Sein Freund und Ersatzbruder André Anderson (der später den Namen André Cymone annahm) interessierte sich ebenfalls für Musik, und die beiden begannen regelmäßig im Keller von Andrés Mutter zu jammen. Etwa zu dieser Zeit kaufte John Nelson – vielleicht als Friedensangebot in ihrer schwierigen Beziehung – Prince eine Gitarre. Anderson lernte Bass, und Smith brachte ein kleines Schlagzeug mit, um seinerseits zu dem Lärm beizutragen. „Ich sagte Prince, dass er auf keinen Fall Gitarre spielen könnte, weil er doch eigentlich Pianist war“, erinnert sich Smith. „Er bewies, dass ich völlig Unrecht hatte, indem er im Handumdrehen Gitarre lernte.“ Den Gesang in dieser spontan zusammengestellten Truppe übernahm zunächst Smith.

Oben im Haus teilte sich Prince mit Anderson ein Zimmer. Sie waren zwar gute Freunde, aber das enge Miteinander brachte dennoch Probleme: Auf Andersons Zimmerseite lagen überall Sachen herum, während es bei Prince so aufgeräumt war wie in einem Armeespind. Obwohl er nicht mehr bei seinem Vater lebte, schien dessen disziplinierte Lebenseinstellung doch großen Einfluss auf Prince zu haben, der nun in den Keller zog, weil er dort besser Ordnung halten und auch mehr Privatsphäre genießen konnte. Bernadette Anderson hat dieser Darstellung widersprochen, wohl weil sie auf keinen Fall den Eindruck aufkommen lassen wollte, dass ihr Ziehsohn nicht gut behandelt wurde, aber Prince hat das immer wieder betont.

Im Keller hatte er zudem seine Instrumente gleich zur Hand; Prince hatte bereits begonnen, die Grenze zwischen Zuhause und musikalischer Arbeitsstätte zu verwischen. Der Keller wurde zudem so etwas wie ein privates Universum – ein kleiner Ausschnitt der Welt, in dem er alles komplett unter Kontrolle hatte. Es war zwar ein dunkler Raum ohne allzu viel natürliches Licht, aber dennoch fühlte er sich hier am wohlsten, und es war ein erstes Modell für die isolierten Aufnahmestudios, in denen er den größten Teil seiner wachen Stunden in den nächsten dreißig Jahren verbringen sollte.

Man schrieb nun das Jahr 1974, und Auseinandersetzungen über eine ganze Reihe gesellschaftspolitischer Themen erschütterten die Städte der USA. Vornehmlich ging es dabei um den Vietnamkrieg und um die Rassenfrage, ein Thema, das sich in den Siebzigern vor allem daran entzündete, dass per Gerichtsbeschluss häufig schwarze Kinder in weiße Viertel zur Schule geschickt wurden und umgekehrt. So wurden auch weiße Kinder der vor allem von Afroamerikanern besuchten Central High zugewiesen, und Mitte des Jahrzehnts war das Verhältnis weißer und schwarzer Schüler dort beinahe ausgewogen. Bei einem Ehemaligentreffen 1996 erinnerten sich frühere Schulangestellte kaum an eine angespannte Lage, wie sie in anderen amerikanischen Großstädten die Regel gewesen war. „Meiner Meinung nach war die Central zwischen 1971 und 1981 eine der Schulen in Minnesota, bei denen die Integration ausgesprochen friedlich verlaufen war“, wusste die ehemalige Musiklehrerin Bea Hasselmann der Minneapolis Star Tribune anlässlich dieses Events zu berichten.

Von anderer Seite wird diese rosarote Darstellung angezweifelt. Mark Brown, der dort auch noch in den späten Siebzigern zur Schule ging, als Prince bereits seinen Abschluss gemacht hatte, erinnert sich an „sehr viele Spannungen und viele Kämpfe“ zwischen Schwarzen und Weißen. „Eine Trennung bestand trotzdem: Schwarze trafen sich mit Schwarzen und Weiße mit Weißen.“

Aber falls die Rassendiskriminierung wirklich den Alltag an der Central High School prägte, dann hatte das auf Prince offenbar insofern wenig Einfluss, als er keine Bitterkeit gegen Weiße entwickelte. Als er einige Jahre später seine erste Profiband zusammenstellte, wählte er bewusst sowohl weiße als auch schwarze Musiker. Auch bot seine Hautfarbe ihm während seiner Teenagerzeit keine starke Identifikation; zwar war er hauptsächlich mit schwarzen Freunden aufgewachsen, und seine Eltern waren schwarz, aber während der ersten zehn Jahre seiner Karriere bestritt er ganz bewusst, eine von seiner Rassenzugehörigkeit geprägte Identität zu haben. (In frühen Interviews gab er fälschlicherweise an, seine Eltern seien ein gemischtrassiges Paar gewesen.) Erst ab Mitte der Neunziger, als er seinem Plattenvertrag zu entkommen suchte, den er mit Sklavenhalterei verglich, stellte Prince sich selbst als unterdrückter schwarzer Amerikaner dar. Und selbst da führte er eher die allgemeine wirtschaftliche und soziale Unterdrückung ins Feld, um sein eigenes schweres Los zu illustrieren.

Auch die antiautoritäre Haltung, die von den gesellschaftskritischen Bewegungen der Sechziger und Siebziger propagiert wurde, hatte wenig Einfluss auf Prince – oder vielleicht war es eher so, dass dieser Einfluss sich verspätet bemerkbar machte. Zwar galt Prince zwischen zwanzig und dreißig als selbst gestylter Kulturrebell, aber auf der Highschool war er weder Unruhestifter noch Agitator. Smith erinnert sich, dass Prince die Schule sehr diszipliniert anging und seine Hausaufgaben oft schon vorab, immer aber rechtzeitig machte. Diese Einschätzung bestätigt auch seine Toningenieurin Rogers, die Mitte der Achtziger auf eines seiner Zeugnisse stieß und sich erinnert, er habe zwei Zweien und eine Eins bekommen und sei als „ruhiger, fleißiger, gehorsamer Schüler mit Respekt für die Obrigkeit und seine Lehrer“ beschrieben worden.

Aber seine wahren Interessen lagen außerhalb des Unterrichts. Jeden Tag nach der Schule zogen sich Prince, Anderson und Smith in den Keller zurück und jammten stundenlang. Sie spielten dabei nicht nur ihre eigenen Songs – hauptsächlich unstrukturierte Instrumentals –, sondern auch eine Reihe von Coverversionen. Sie brachten sich die Titel bei, die sie von Santana, Grand Funk Railroad oder anderen Bands im Radio hörten.

Der Keller der Andersons, der Prince als Schlafzimmer und Probenraum diente, stand zudem für seinen ersten Versuch, eine alternative Community zu gründen, bei der die Musik und vielleicht auch Sex eine große Rolle spielten. Jahre später erinnerte Prince sich in Interviews an ein hedonistisches Wunderland, in dem er und Anderson sich ersten Liebesspielen mit verschiedenen Freundinnen hingaben. Smith meint zwar, dass er dabei aus Publicitygründen übertrieb – eine Tatsache, die Prince selbst bestätigte, als Familienmitglieder wegen dieser Enthüllungen peinlich berührt reagierten –, andere wiederum glauben, dass diese Geschichten der Wahrheit recht nahe kommen. „Ich hatte den Eindruck, dass es da in diesem Keller viele Mädchen gegeben hat“, sagt Howard Bloom, der in den Achtzigern als Presseagent für Prince tätig war. „Er ist in den Sechzigern aufgewachsen, als die Botschaft Make love, not war ­lautete. In diesem Keller strebte er der Befreiung entgegen, und er sah es als sein Recht an, jede Art von Sexualität, Spaß und Vergnügen auszuleben.“

Dennoch erscheint es unwahrscheinlich, dass Bernadette Anderson, die sich so viel Mühe gab, ihren Kindern eine disziplinierte Umgebung zu bieten, derartig ungebremste Exzesse gestattet hätte. Pepé Willie, ein Freund und Musikerkollege, erinnert sich, dass Mistress Anderson Prince, der damals sechzehn war, einmal eine Tracht Prügel verabreichte, als sie entdeckte, dass er die Schule geschwänzt hatte, um stattdessen im Keller mit einem Mädchen herumzuschmusen. „Sie verdrosch ihn, noch während ich dabeistand“, berichtete Willie. „Er war nicht wütend, er versuchte nicht, zurückzuschlagen oder dergleichen, er nahm es einfach hin, dass er eine Tracht Prügel bezog.“

Dennoch ging es in jenem Keller in erster Linie um Musik – nicht um die Verbesserung der eigenen Fähigkeiten, sondern auch darum, etwas über andere Musiker zu erfahren. Prince und seine Freunde hörten viel Radio und waren denselben weichgespülten Hits jener Zeit ausgesetzt wie alle anderen: Tony Orlando & Dawn, Paul McCartney & Wings, America und John Denver. Allmählich entdeckten sie aber auch den Rhythm & Blues, eine Richtung, die sich mehr und mehr in den Mainstream einschlich, als Hits von Künstlern wie ­Stevie Wonder („Superstition“ und „You Are The Sunshine Of My Life“ aus dem Jahr 1973), Sly & The Family Stone („Family Affair“, 1971) und den Tempta­tions („Just My Imagination“) bis auf den ersten Platz der Charts vordrangen.

Aber es war nicht so einfach, in Minneapolis etwas über dieses vielfältige musikalische Erbe herauszubekommen. Nur ein Radiosender, KUXL, spielte regelmäßig R & B, war aber nur tagsüber auf Sendung. Verglichen mit anderen Großstädten war Minneapolis eine echte Wüste, wenn es um schwarze Musik ging, und die lebendige Jazz- und Bluesszene, die es in den Fünfzigern und Sechzigern noch gegeben hatte, war inzwischen fast ganz verschwunden. Jellybean Johnson, der als Teenager nach Minneapolis zog und sich auf der ­Lincoln Junior High mit Prince anfreundete (der diese Schule für kurze Zeit besuchte, bevor er auf die Bryant wechselte), erlebte beinahe einen Kulturschock. „Ich hatte zuvor in Chicago gewohnt, wo man rund um die Uhr nichts anderes hörte als schwarze Musik“, erklärte Johnson, der später bei The Time, einem Nebenprojekt von Prince, mitwirkte.

Dennoch war es für junge schwarze Musiker, die in Minneapolis aufwuchsen, nicht nur von Nachteil, dass sie anderen Klängen ausgesetzt waren. Zwar war Prince vor allem von R&B-Musikern wie James Brown und Sly Stone begeistert, aber ihm gefielen auch Popgruppen wie Fleetwood Mac oder Rockbands wie Santana. Als er später eigene Songs zu komponieren begann, machten sich auch diese Einflüsse bis zu einem gewissen Grad bemerkbar.

Prince, Anderson und Smith nannten ihre Band Grand Central. Sie holten den Nachbarsjungen Terry Jackson als Perkussionisten dazu, unter anderem auch, weil er Zugang zu einem Kellerraum hatte, der nicht so feucht war wie jener der Andersons und in den man ausweichen konnte, wenn Bernadette Anderson das Gefühl hatte, den Krach nicht länger aushalten zu können. Inzwischen übernahmen auch Prince und Anderson gelegentlich den Gesang: Die Bandmitglieder teilten sich den Job des Sängers und führten ihre Band auf recht demokratische Weise. Eigentümlicherweise nutzte Prince, der auf seinen ersten drei Alben fast ausschließlich im Falsett singen sollte, bei Grand Central vor allem die tieferen Lagen seines Stimmumfangs. „Wenn wir Sachen von Sly Stone spielten, sang Prince genau wie Sly“, erinnerte sich Smith.

Stone, der eigentlich Sylvester Stewart hieß, entwickelte sich allmählich zum wichtigsten musikalischen Einfluss von Prince und sollte das auch für viele Jahre bleiben. Mehr als jeder andere Künstler kann er als Prototyp für sein Bemühen in den Achtzigern gesehen werden, R & B mit Rock und Pop zu vermischen. Sly gründete seine Band, The Family Stone, in den Sechzigern in San Franciscos Haight-Ashbury, einer Szene, die stark von Marihuanaqualm und überbordendem Idealismus umnebelt war, und er verkörperte die Widersprüche dieser Bewegung und dieser Zeit besser als irgendjemand sonst. Er war enorm talentiert, aber gleichzeitig selbstzerstörerisch und chronisch unmotiviert: In seinen Texten drängte er seine Hörer, nach Erfolg zu streben, aber er selbst tat im Grunde alles, um die guten Startbedingungen ungenutzt verpuffen zu lassen, die ihm seine musikalischen Fähigkeiten ermöglichten. Dennoch gab es eine kurze Zeit in den späten Sechzigern und den frühen Siebzigern, als Stones Kreativität die Leistungen eines jeden anderen R&B-Musikers hell überstrahlte. Die perfekte Kombination aus Rhythmus, Melodie und schierer Energie, die sich in Songs wie „Thank You (Falettinme Be Mice Elf Agin)“, „Sing A Simple Song“ und „Dance To The Music“ offenbarte, wurde in der Rock- und Popmusik seither kaum je wieder erreicht. Bei den sanfteren Songs wie „Family Affair“ oder „Time“ bewies Sly zudem, dass er zu den größten Sängern seiner Generation gehörte.

Die Musik von Sly & The Family Stone entsprach genau dem, was Prince gern selbst erreichen wollte: Sie vereinte die besten Elemente aus Funk, Rock und Pop und schuf daraus eine neue und originelle Sprache. Aber während Prince Stones musikalisches Können bewunderte, stießen ihn dessen Drogenmissbrauch und Disziplinlosigkeit ab; er hielt sich lieber an James Brown, den man als den „am härtesten arbeitenden Mann im Showgeschäft“ bezeichnete. Smith gegenüber verkündete Prince einmal: „Ich will nicht wie Sly werden, ich werde mir beim Üben den Hintern abarbeiten wie die Band von James Brown, und ich werde alles so gut im Griff haben, dass niemand mir deswegen irgendetwas vorwerfen kann.“ Zu einer Zeit, als der Drogenkonsum in den amerikanischen Highschools sehr verbreitet war, führte Prince einen auffällig soliden Lebenswandel; er trank nicht mal gelegentlich Bier. Während viele seiner Klassenkameraden versuchten, die pubertäre Suche nach der eigenen Identität durch wilde Partyexzesse voranzutreiben, war er von Musik besessen und interessierte sich für wenige andere Dinge, außer vielleicht noch für die Mädchen, die ihn in seinem Keller besuchten.

Wenn Sly Stone sein größter musikalischer Einfluss war, James Brown gleich danach an zweiter und Stevie Wonder an dritter Stelle lag, dann folgte als ­Nächste eine völlig andere Künstlerin, die jedoch seine Texte entscheidend prägte: Joni Mitchell. Sowohl Prince als auch Mitchell haben sich in verschiedenen Inter- views daran erinnert, dass Prince im Alter von zehn Jahren eines ihrer Konzerte besuchte und dabei in der ersten Reihe saß. Er fiel ihr vermutlich auf, weil junge Afroamerikaner in ihrem Publikum selten waren – vor allem in überwiegend von Weißen bewohnten Städten wie Minneapolis –, aber wohl auch, weil er sie mit seinem seltsamen, intensiven Blick während der ganzen Show unverwandt anstarrte. Mitchells Texte, die stark auf Allegorien und visuelle Beschreibungen aufbauen (bei denen Verweise auf Farben eine große Rolle spielen), durchdrangen seine eigene Herangehensweise derart, dass er sich sogar komplette Satzfragmente bei ihr ausborgte. Zwar zeigte sich der Einfluss ihrer Texte und ihrer lebendigen, vielseitigen Musik erst wesentlich später, aber es ist deutlich, dass Prince bereits in sehr jungen Jahren von Mitchells Arbeit sehr beeindruckt war.

Grand Central übten, wann immer es nur ging, und begannen bald, in den kleinen Tanzhallen der Stadt aufzutreten. Das Repertoire der Band enthielt dabei auch einige eigene Songs, obwohl keiner davon besonders erinnerungswürdig war. Aber jedes Bandmitglied hatte musikalisches Talent, und Grand Central erspielten sich in der kleinen, aber feinen R&B-Szene von Minnea­polis alsbald einen guten Namen. Zu den weiteren nennenswerten Bands zählten Flyte Tyme, bei der die späteren Starproduzenten Terry Lewis und Jimmy Jam mitwirkten (die auch bei The Time spielten) und eine weitere spätere R&B-Größe, Alexander O’Neal. Die Bands standen in freundlicher, aber intensiver Konkurrenz zueinander. Eine Truppe, die sich The Family nannte (und die von Sonny Thompson geführt wurde, der in den Neunzigern zur Band von Prince gehörte), versuchte beispielsweise, besonders einschüchternd zu wirken, indem die Musiker mit langen schwarzen Jacken auf die Bühne gingen, als trügen sie die Farben einer Gang. „Wir versuchten ja nicht, einander umzubringen“, sagte Jellybean Johnson. „Wir wollten die anderen nur von der Bühne schießen.“

Als Grand Central allmählich bekannter wurden, rangen sich Prince und Anderson zu einer unsentimentalen Entscheidung durch. Da sie sich darüber ärgerten, dass sich Charles Smith stark im Footballteam der Schule engagierte und seine Trainingszeiten sich mit den Proben für die Band überschnitten, beschlossen sie einmütig, ihn durch Morris Day zu ersetzen, einem weiteren Freund aus der Nachbarschaft. Als Smith eines Tages im Keller aufkreuzte, musste er feststellen, dass man sein Schlagzeug beiseite geräumt hatte, um Platz für ein anderes zu machen. Obwohl er darüber sehr enttäuscht war, blieb er dennoch lange Jahre eng mit Prince verbunden.

Mit Day erwarb die Band größere Professionalität, unter anderem, weil sich Days Mutter LaVonne Daugherty erbot, als eine Art Managerin für die Gruppe zu agieren. Der Bandname wurde zudem in Champagne geändert, weil Smith darauf bestand, dass der Ausdruck „Grand Central“ seine Idee gewesen war. (Prince, Anderson und Day wollten zudem vermeiden, dass man sie mit Graham Central Station verglich, einem Soloprojekt von Larry Graham, dem Bassisten von Sly & The Family Stone.)

Daugherty, die zwar Ehrgeiz, aber wenig Erfahrungen in der Musik- indus­trie hatte, wurde von Pepé Willie unterstützt, einem New Yorker, der 1974 nach Minneapolis gezogen war, nachdem er Shauntel Manderville, eine Cousine von Prince, geheiratet hatte. Willie war ein Songwriter, der mit der R&B-Gruppe Little Anthony and The Imperials gearbeitet hatte, und er beantwortete viele der geschäftlichen Fragen, die Daugherty und Prince an ihn herantrugen. Hauptsächlich aus dem Gefühl heraus, der Familie wegen dazu verpflichtet zu sein, begann Willie, zu den Proben der Band zu kommen, bei denen sich Prince schnell als Frontmann von Champagne herauskristallisierte. „Er brach einen Song in der Mitte ab und sagte: ‚Kleinen Moment mal‘, und dann ging er zum Keyboarder und zeigte dem, was er gern hören wollte“, erinnerte sich Willie.

Als Willie Ende 1975 mit seiner eigenen Band, 94 East, ins Studio ging, ­heuerte er Prince als Sessiongitarristen an. Bei den Proben lernte er dann auch dessen Arbeitsethik kennen: Während die Band Pause machte, um ein Bier zu trinken, gesellte sich Prince nicht zu den Musikern, sondern übte weiter. „Wir kamen dann später wieder, und er lachte uns aus, weil wir rote Augen hatten“, berichtete Willie. „Wir hielten ihn für ein bisschen spießig.“ Bei diesen Ses­sions, die im Cookhouse in Minneapolis stattfanden, bekam Prince das erste Mal einen Einblick in ein Aufnahmestudio. (Willie, der aus seinem Ruhm ein wenig Kapital schlagen wollte, veröffentlichte einige dieser Demos 1986, 1995 und 2002 unter dem Namen 94 East auf seinem eigenen Label.) Prince war am Song­writing für das Projekt beteiligt und fand es offenbar ziemlich aufregend, seine eigene Musik auf Band zu hören. Wenn er damit begann, einen Titel zu entwickeln, dann hörte er nicht eher auf, als bis die Nummer komplett war, egal, wie spät es darüber wurde. „Manch einer hätte gesagt: ‚Was soll’s, ich hau mich erst mal hin.‘ Aber er war da anders“, sagte Willie. „Wenn er loslegte, dann musste er die Sache auch zu Ende bringen.“

War ein Song abgeschlossen, spürte Prince ein absolutes Hochgefühl. Willie erinnert sich, dass er einmal um vier Uhr morgens von einem Telefonanruf geweckt wurde, als Prince gerade den Text zu „Just Another Sucker“, einem Song von 94 East, fertig gestellt hatte: „Er hatte gerade etwas vollbracht – er war sehr stolz und glücklich, und das musste er jemandem erzählen.“

Nach dieser Erfahrung war Prince umso stärker daran interessiert, mehr von seinen eigenen Songs aufzunehmen, und Anfang 1976 nahmen Cham­pagne ein Demo im ASI Studio auf, einem engen, primitiven Sechzehnspurstudio auf der Northside. „Das Studio war total heruntergekommen“, erinnert sich David Z. Rivkin, der bei diesen Sessions als Toningenieur dabei war und auch später noch häufig mit Prince arbeiten sollte. Die Band, für die Daugherty die Studiozeit bezahlte, spielte sechs eigene Songs ein, darunter das von Prince komponierte „Machine“ (von dem er später sagte, es ginge dabei um die „Körperteile einer Frau“) sowie Andersons „39th Street Party“. Die Aufnahmen dieser Session sind heute vermutlich alle verschollen.

Wenig später gab Prince der Schülerzeitung Central High Pioneer sein erstes Interview. Mit einer gewissen Großmäuligkeit beklagte er sich darüber, dass es für eine Band aus Minneapolis schwer sei, weitab von den großen Unterhaltungszentren New York und Los Angeles nach oben zu kommen. Er behauptete, wenn seine Band in einer dieser Städte lebte, „dann hätten wir unseren Durchbruch schon längst gehabt“.

Prince und Anderson schrieben beide weiter Songs, und im Frühjahr 1976 mietete sich die Band in einem weiteren Studio ein, in dem billigeren Moonsound, das nur über Achtspurtechnik verfügte. Der Eigentümer des Studios, ein großer, schlaksiger Engländer namens Chris Moon, war als Teenager nach Minneapolis gekommen, als sein Vater in der Stadt Arbeit gefunden hatte, und er eröffnete das Studio kurz nach seinem Highschoolabschluss. Hauptsächlich stellte er dort Werbejingles für eine örtliche Werbeagentur her, aber an den Abenden und Wochenenden vermietete er die Einrichtung, sodass Lokalbands wie Champagne eine kostengünstige Möglichkeit bekamen, eigene Aufnahmen zu erstellen.

In seiner Freizeit schrieb Moon, ein verkappter Songwriter, reihenweise Texte. Er fand es jedoch schwierig, die dazugehörige Musik zu komponieren, und er hoffte schon seit Langem, eines Tages auf einen Instrumentalisten zu treffen, der ihm dabei helfen konnte. Während der Champagne-Sessions fiel ihm Prince sofort auf. Der junge Mann machte einen ruhigen und schüchternen Eindruck, und auf den ersten Blick schien er keine Fähigkeiten zu besitzen, die ihn von der Gruppe abgehoben hätten, aber seine Leidenschaft und seine Disziplin ließen dann doch erkennen, dass bei ihm mehr dahintersteckte. Prince erschien bei jeder Session stets früher als die anderen, um allein noch ein wenig zu proben – nicht nur auf der Gitarre, sondern auch auf dem Klavier und auf dem Bass.

Eines Nachmittags, als sie allein im Studio waren, nahm Moon Prince beiseite.

„Ich suche jemanden“, erklärte er, „mit dem ich Musik zu den Texten schreiben kann, die ich verfasst habe.“

Prince sagte nichts; während der Sessions hatte er bisher auch kaum je gesprochen.

„Ich suche außerdem nach einem Musiker, der bei mir freie Studiozeit bekommen würde, um mit ihm ein Projekt aufzubauen und die Musik rauszubringen“, fuhr Moon fort. Prince erkannte, was Moon ihm hier offerierte – im Gegenzug bekam er die Möglichkeit, als Solokünstler und nicht nur als Teil einer Band zu arbeiten.

Er dachte eine Weile über das Angebot nach und brummte dann etwas. Es klang nicht wie eine klare Antwort, aber Moon beschloss, es als ein Ja zu interpretieren.

„Darauf geben wir uns die Hand“, sagte Moon, und Prince schlug ein. Anschließend erhielt er einen Schlüssel für das Moonsound Studio.

Als Anderson und Day davon erfuhren, waren sie etwas verstimmt, dass Prince eine derartige Sonderbehandlung bekam. Aus verletztem Stolz stellten sie ihm ein Ultimatum: Er musste sich zwischen Moon und Champagne entscheiden. Äußerst hin- und hergerissen rief Prince bei Moon an; er war sich nicht sicher, ob er sich von seinen Freunden trennen wollte. Der Studiobesitzer drängte ihn auch nicht, sondern sagte vielmehr, er solle sich für das entscheiden, was ihm am besten schien. Zwei Stunden später meldete sich Prince erneut: Er wollte mit Moon zusammenarbeiten.

Da Moon tagsüber in der Werbeagentur beschäftigt war, hatte Prince das Studio am Nachmittag in der Regel für sich. Er arbeitete mit den Texten, die Moon ihm hingelegt hatte, und versuchte, am Klavier Melodien zu den Worten zu erschaffen. Moon zeigte seinem neuen Partner, wie die Gerätschaften im Studio funktionierten, und es dauerte nicht lange, da konstruierte Prince bereits komplette Songs, indem er ein Instrument nach dem anderen einspielte. An den Wochenenden, wenn Prince frei von seinen schulischen Pflichten war, arbeitete er praktisch rund um die Uhr im Studio. Ähnlich wie sein Vater brauchte auch er nur wenig Schlaf, um sich zu erholen. Während der nächsten Wochen setzten sie ihre Sessions fort, und er begann sich Moon gegenüber ein wenig zu öffnen. Dennoch arbeitete er weiterhin wie besessen; wenn Moon mal einen Joint rauchte oder sich ein Bier aufmachte, warf Prince ihm missbilligende Blicke zu und bestand darauf, dass sie mit den Aufnahmen weitermachten.

Im Frühjahr 1976 machte Prince seinen Abschluss an der Central High und konnte somit noch mehr Zeit im Moonsound verbringen. Er konzentrierte sich jetzt nur noch auf die Musik, und seine Kenntnisse und Fähigkeiten verbesserten sich dementsprechend. Zwar war das Klavier noch immer sein stärkstes Instrument, aber er entwickelte sich zudem auch zu einem kompetenten Schlagzeuger. Prince lernte schnell, wie das Studioequipment funktionierte, und es dauerte nicht lange, da beherrschte er das Mischpult wie ein alter Hase. „Er sah aus wie eine Krake, weil seine Hände einfach überall zu sein schienen“, sagte Moon. Als Sänger war er zunächst sehr zurückhaltend, und sein Falsett war so sanft, dass die Lautstärkepegel des Studios kaum ausschlugen, wenn er sang. Er wurde jedoch mutiger, wenn Moon für eine angenehme Atmosphäre sorgte und ihn beispielsweise mit einem Kissen unter dem Kopf auf dem Boden liegen ließ und das Licht ausschaltete.

Moon und Prince, die in ihrer äußeren Erscheinung und auch vom Temperament her völlig unterschiedlich waren, entwickelten eine kreative Symbiose. Eines Morgens stolperte Moon in die Agentur, nachdem er die Nacht über mit ein paar Frauen gefeiert hatte, und begann in seinem noch leicht beduselten Zustand einen Text zu schreiben. Als Erstes fielen ihm die Worte „soft and wet“ ein, und darauf folgten andere metaphorische Sexbeschreibungen. Als er den Text am Nachmittag mit ins Studio brachte und die Zweideutigkeit erklärte, setzte sich Prince ans Klavier und schrieb seine bisher eingängigste Melodie. Das Thema Sex sprach Prince ganz offenbar an, und diese neue Richtung brachte das Team im Moonsound noch stärker zusammen.

Moons nächsten Vorschlag nahm Prince jedoch nur zögernd an. Er sollte als Musiker auf seinen Nachnamen verzichten. „Ich kann mir nicht vorstellen, dich als Prince Nelson anzukündigen; ich weiß, dass du so heißt, aber das Nelson brauchen wir nicht“, sagte Moon. Nach einigem Hin und Her stimmte Prince zu.

Während die beiden weiterarbeiteten, zeichnete sich allmählich ab, dass die Ideen von Prince immer mehr Raum einnahmen als die von Moon. Er begann, seine eigenen Texte zu schreiben, und es dauerte nicht lange, da hatten er und Moon vierzehn Songs zusammen, darunter auch „Soft And Wet“. Die Instrumente hatte Prince alle selbst gespielt. Obwohl die meisten Songs zu lang ausgewalzt wurden, ist sein noch ungeschliffenes Talent auf diesen frühen Aufnahmen bereits gut erkennbar. Zu den Höhepunkten auf dem Demo zählt „Leaving For New York“, auf dem Prince, der an einen Stevie Wonder mit noch etwas höherer Stimme erinnert, über eine fließende Klavierfigur lockt, stöhnt und sich am Scatgesang versucht.

Wer Prince in dieser Phase kennen lernte, hatte schnell den Eindruck, es mit einem aufstrebenden musikalischen Genie zu tun zu haben. Eines Nachmittags lud Moon den Schlagzeuger Bobby Z. Rivkin, den Bruder von David Z. Rivkin, ins Studio ein (die gemeinsame Initiale, die sich beide Brüder teilten, war auf einen Spitznamen zurückzuführen, den ihnen ihre Großmutter verpasst hatte). Als er Prince dort zum ersten Mal Klavier spielen sah, war Rivkin fasziniert. „Es klang, als habe er vier Hände; er holte mehr Akkordklang aus dem Klavier heraus, als ich je zuvor gehört hatte“, erinnerte sich Rivkin. In den kommenden Wochen hing Rivkin öfter im Moonsound herum. Er hatte bereits erkannt, dass dieser junge Musiker es wert war, dass er ihm seine ganze Karriere widmete.

Die Zeit war nun reif, wie Prince glaubte, um seine Musik den Plattenfirmen vorzustellen und darauf hinzuarbeiten, einen Vertrag zu bekommen. Die musikalische Zusammenarbeit mit Moon gab ihm inzwischen nicht mehr so viel; er bat den Engländer stattdessen, sein Manager zu werden, doch der lehnte ab. „Das ist nicht mein Ding“, antwortete er, „dir die Hotels zu buchen und dafür zu sorgen, dass du die richtigen Klamotten trägst. Das interessiert mich nicht.“

Also beschloss Prince, sich im Alleingang an die Plattenfirmen zu wenden, und zeigte dabei enormes Selbstbewusstsein. Mit vier Demosongs bewaffnet flog er nach New York, wo er bei seiner Halbschwester Sharon Nelson übernachtete. Wie zu erwarten war, rissen sich die Labels nicht gerade darum, einen unbekannten Teenager zu empfangen. Enttäuscht rief Prince noch einmal bei Moon an und drängte ihn, die Plattenfirmen für ihn anzusprechen. Moon gab nun doch nach und tat das, aber auch seine Anrufe wurden nicht erwidert.

Daraufhin entschied sich Moon für einen kühnen Trick. Er meldete sich bei Atlantic Records und behauptete gegenüber der Sekretärin, die seinen Anruf entgegennahm, er vertrete Stevie Wonder. Nur wenig später rief einer der leitenden Angestellten zurück. Mit allem Mut, den er aufbringen konnte, gab Moon nun zu, leider nichts mit Wonder zu tun zu haben; dafür könnte er aber ein viel besseres Angebot machen. „Ich vertrete Prince“, sagte Moon. „Wenn Ihnen Stevie Wonder gefällt, werden Sie meinen Künstler lieben. Er ist erst achtzehn, er spielt alle Instrumente selbst, und er ist nicht blind.“

Moons Dreistigkeit hatte Erfolg, und Prince konnte sein Material einsenden, aber Atlantic war von dem Band nicht beeindruckt. Das Moonsound-Demo war einfach nicht geschliffen und professionell genug für eine Präsentation bei den großen Majorlabels. Prince war zwar enttäuscht, aber er gab nicht auf. Im Apartment seiner Schwester plante er den nächsten Schritt.

Bald darauf trat ein wichtiger neuer Förderer auf den Plan. Eines Nachmittags spielte Moon ein Demo mit vierzehn Songs Owen Husney vor, einem ehrgeizigen Endzwanziger aus Minneapolis, der sich zuvor bereits als Bandmitglied der High Spirits (bei denen auch David Rivkin spielte), als Radiomoderator und als Tourpromoter versucht hatte. Zum damaligen Zeitpunkt führte Husney mit einem Partner ein lukratives Unternehmen namens Ad Company, das nicht nur für Kunden aus der Musikindustrie Marketingaufgaben übernahm.

Moon ließ das Tape laufen, und Husney begann mit den Füßen zu wippen und mit dem Kopf zu nicken.

„Was ist das für eine Band?“, fragte er schließlich.

„Das ist keine Band“, antwortete Moon. „Das ist ein einzelner Typ, der singt und auch alles andere macht.“ So etwas war Husney, obwohl er schon einige Jahre im Musikgeschäft war, noch nie begegnet.

„Du machst wohl Witze!“, brüllte er. „Das ist ja verrückt, wo steckt der denn? Den müssen wir sofort anrufen!“

Husney meldete sich bei Prince in New York und stellte sich vor. Zwar hatte er noch nie wirklich eine Band gemanagt, aber er versprühte viel Selbstbewusstsein und Insiderwissen. „Ich war so was wie sein ‚Kreativitätsschützer‘“, erklärte Husney. „Er war jung, und er würde es bald mit vielen Leuten zu tun haben. Er war damals sehr schutzlos.“

Prince blieb während des Telefongesprächs sehr gelassen, aber er erklärte sich bereit, nach Minneapolis zurückzukehren und sich mit Husney zu treffen. Einige Tage später fuhr Moon ihn zu Husneys Haus, und die beiden verstanden sich sofort. „Ich habe einen Sinn für Humor, der ziemlich schwarz und fast schon ein bisschen krank ist, und er stieg sofort drauf ein“, sagte Husney. „Er lachte wahnsinnig gern.“

Husney und Prince unterschrieben eine Managementvereinbarung, und Husney machte sich daran, seinen neuen Klienten, einen talentierten, aber noch ungeschliffenen Teenager, in einen Profimusiker zu verwandeln. Zwar erzielte sein Unternehmen damals einen Umsatz von acht Millionen Dollar pro Jahr, aber Husney zögerte nicht, seinem Partner die gesamte Ad Company zu überlassen, damit er sich rund um die Uhr um Prince kümmern konnte. Gemeinsam mit dem Rechtsanwalt Gary Levinson wandte sich Husney nun an wohlhabende Bekannte, um zusätzliche Gelder aufzubringen. Nachdem er etwa fünfzigtausend Dollar gesammelt hatte, gründete er die Firma American Artists. Ein Teil des Geldes wurde dafür verwendet, Prince ein Apartment zu mieten und ihm fünfzig Dollar Taschengeld pro Woche zu zahlen. Prince, der seine Jugendjahre – geprägt von der Auflösung seiner eigentlichen Familie – hinter sich gebracht hatte, zog nun endgültig aus dem Keller der Andersons aus.

Husney bot nun auch kreative Beratung an und ermutigte Prince, den ausufernden Songs auf dem Moonsound-Demo kompaktere Strukturen zu verleihen; auch empfahl er, mehr Pop in der Art von „Soft And Wet“ zu schreiben. Prince war diesem Feedback gegenüber recht aufgeschlossen und kam schon bald mit der schlichten, beinahe an ein Kinderlied erinnernden Nummer „I Like What You’re Doing“ (das bis heute nicht veröffentlicht wurde). Husney kaufte neue Musikinstrumente und ließ einen Raum auf seiner Büroetage zum Übungsstudio umbauen, damit Prince dort mit anderen Musikern jammen konnte. Bobby Rivkin bekam einen Job bei American Artists und diente Prince oft als Fahrer; nachdem er immer wieder erwähnte, dass er auch Schlagzeug spielte, durfte er schließlich bei einem Jam mitmachen. Prince mochte seinen einfachen, schlichten Stil. Zu den Bassisten bei diesen Sessions zählte auch Robbie Paster, der später für lange Jahre sein persönlicher Assistent werden sollte, aber meistens übernahm André Anderson diese Position. Die Auflösung von Champagne hatte ihre Freundschaft nur kurzzeitig abgekühlt, und sie hatten sich ihre kraftvolle musikalische Chemie erhalten.

Nachdem Prince sein Material nun stärker geschliffen hatte, buchte ihm Husney etwas Studiozeit im Sound 80, das technisch besser ausgestattet war als das Moonsound. Chris Moon, der für seine Karriere eine entscheidende Rolle gespielt hatte, zog sich nun zurück, obwohl Prince weiterhin Fragmente seiner Texte für seine Songs verwendete. David Rivkin wurde wieder als Toningenieur angeheuert, und das Ergebnis war genau das, was Husney haben wollte: ein geschliffenes Demo, das seine Fähigkeiten als Sänger und Multiinstrumentalist bestens in Szene setzte. Der Manager stellte ein aufwändiges Promotion­paket zusammen und beschloss, dass die Zeit gekommen war, sich den großen Plattenfirmen vorzustellen.

Die Aufgabe, der diese Einmannband und das Einmannmanagement gegenüberstanden, war jedoch nicht so leicht. Man konnte kaum davon ausgehen, dass die Plattenfirmen wegen eines kleinen, schüchternen Teenagers aus dem mittleren Westen in Begeisterungsstürme ausbrechen würden, dessen Musik zwar von der fachlichen Umsetzung her äußerst beeindruckend war, beim Songwriting jedoch noch Schwächen zeigte. Zudem hatte Husney bei all seinem Engagement und Geschick als Promoter noch nie jemanden gemanagt oder je einen Plattenvertrag mit einem großen Label ausgehandelt.

Dennoch hatten die beiden einen entscheidenden Vorteil: Sie waren sich über ihre Strategie vollkommen einig. Die Betonung sollte darauf liegen, dass Prince ein ganzes Album im Alleingang aufnehmen konnte; in den Siebzigern, bevor sich die ausgeklügelten Heimstudios durchsetzten und Do-it-yourself-Alben normal wurden, galt das als erstaunliche Leistung. Und sie wollten seine Schüchternheit dazu nutzen, um eine geheimnisvolle, faszinierende Atmosphäre um ihn herum zu erschaffen.

Zudem sollte der Vertrag auf alle Fälle garantieren, dass Prince die kreative Kontrolle behielt. Wenn möglich, sollte er sein erstes Album selbst produzieren, und sie wollten einen Vertrag über mehrere Alben, der es ihm ermöglichen würde, sein Talent allmählich auszubauen. Vor allem die erste Forderung war außergewöhnlich kühn; warum sollte ein Label einem noch unbekannten Künstler so viel Macht einräumen? Husneys Antwort darauf lautete, dass sich die Verantwortlichen bei den Firmen der Klarheit und Eindringlichkeit seiner Vision sofort beugen würden. Auf Prince hatte es einen enorm stärkenden Einfluss, dass Husney derart bedingungslos von ihm überzeugt war; schnell begann der junge Musiker zu glauben, dass er ein Recht darauf hatte, all das zu bekommen, was sein Manager bei den Plattenfirmen für ihn forderte.

Doch obwohl das Band zwischen Prince und Husney zunächst äußerst stark war, betrachtete Prince seinen neuen Manager ähnlich wie Moon in erster Linie als Mittel zum Erfolg. Husney musste später die Erfahrung machen – wie Moon, als sein Studio nicht mehr gebraucht wurde –, dass Prince die scheinbar so ehrliche Zuneigung gegenüber einem Menschen wie mit einem Schalter ausknipsen konnte, wenn er wollte.

Wie Chris Moon war sich auch Husney nicht zu fein, beim Erstkontakt mit den Labels ein wenig zu fabulieren. Er rief jemanden an, den er bei Warner Bros. kannte – Russ Thyret, einen hochrangigen Mitarbeiter, der ihm zuvor einen Job in der Firma angeboten hatte –, und erzählte ihm von Prince. Husney behauptete, CBS Records wollten Prince zu einem Treffen nach Los Angeles fliegen, und er überlege nun, ob Warner vielleicht auch an einem Gespräch interessiert seien. Thyret sagte ja. Daraufhin telefonierte Husney mit CBS und A&M Records, wobei er immer wieder deutlich herausstrich, was für ein musikalisches Wunderkind sein Schützling war und dass andere Firmen ebenfalls Interesse zeigten. Die Labels waren alle zu einem Treffen bereit – schließlich wollten sie keine Chance verpassen, indem sie sich einen Musiker, für den sich die Konkurrenz interessierte, nicht wenigstens ansahen. „Ich habe überall gelogen, um ihn unterzubringen“, erinnerte sich Husney. „Eifersucht ist die Energie, die dieses Business antreibt.“

Und so stiegen Husney, Prince und der Anwalt Levinson in ein Flugzeug nach Los Angeles und besuchten die eleganten Büros von fünf Plattenfirmen: Warner Bros., CBS, A&M, RSO und ABC/Dunhill. Den ersten Vorstoß übernahmen Manager und Anwalt, dann war Prince am Zug und sagte ein paar Worte. Diese Strategie funktionierte; nachdem sie das Demo geprüft hatten, waren die Verantwortlichen gespannt darauf, mehr von dem Teenager zu hören, der die Musik geschaffen hatte, und sie waren von seiner seltsam stillen Persönlichkeit fasziniert. CBS buchten das Village Recorders Studio und baten Prince, zu einer Art Vorspieltermin zu kommen. Er nahm dabei „Just As Long As We’re Together“ auf, einen der Songs von seinem Demo, während die CBS-Mitarbeiter zusahen.

Als das Team nach Minneapolis zurückgekehrt war, klingelte bei Husney das Telefon. RSO und ABC hatten zwar dankend abgelehnt, aber die anderen drei Labels waren weiterhin interessiert und wollten über ein Angebot nachdenken. Husney formulierte nun die Forderungen, auf die er und Prince sich geeinigt hatten. A&M wollten lediglich einen Vertrag über zwei Alben anbieten, und damit waren sie schon aus dem Rennen. Warner Bros. und CBS boten beide lukrative Dreialbendeals, aber beide äußerten Bedenken, Prince selbst produzieren zu lassen. CBS kamen schließlich mit einer Idee, die sie für ganz wunderbar hielten: Verdine White, der Bassist der beliebten R&B-Band Earth, Wind & Fire, sollte das erste Album produzieren. „Damit war die Möglichkeit, dass Prince bei CBS unterschrieb, vom Tisch“, erinnerte sich Husney.

Also blieben nur noch Warner. Dort ging man allenfalls so weit, dass man es Prince gestatten wollte, beim ersten Album als Koproduzent zu fungieren, aber viele andere Umstände sagten Prince und Husney sehr zu. Das Unternehmen hatte in den Siebzigern unter der Leitung von Mo Ostin und Lenny Waronker den Ruf erworben, interessante Künstler unter Vertrag zu nehmen und deren Kreativität sorgfältig zu fördern. Zudem waren Prince und Husney beeindruckt von der Art, mit der Russ Thyret an die Treffen herangegangen war. „Während uns alle anderen groß ausführten, in schicke Restaurants schleppten und uns Häuser in Beverly Hills versprachen, lud uns Russ zu sich nachhause ein, setzte sich auf den Boden und redete mit uns über Musik“, sagte Husney. „Dabei entstand eine echte Verbundenheit.“

Doch bevor er seine Entscheidung fällte, machte Prince die Warner-Angestellten noch auf eine Sache aufmerksam, die ihm am Herzen lag: Er wollte nicht ausschließlich als R&B-Künstler vermarktet werden. „Ich bin Künstler und mache Musik aus ganz verschiedenen Richtungen“, betonte er. „Ich bin kein R&B-Künstler, ich bin kein Rocker.“ Zur damaligen Zeit hatten die meisten Labels, so auch Warner, eigene Abteilungen für „Black Music“, und Prince wollte auf keinen Fall seine kreativen Möglichkeiten eingrenzen.

Die Warner-Manager gaben die richtigen Antworten, und Prince unterschrieb am 25. Juni 1977 – er war gerade neunzehn geworden – einen Vertrag mit Warner über drei Alben. Damit begann eine Zusammenarbeit, die sich zu einer der fruchtbarsten und lukrativsten – und gleichzeitig zu einer der frus­trierendsten und peinlichsten – in der Geschichte des ehrwürdigen Labels entwickeln sollte. Zu jener Zeit waren Ostin und Waronker optimistisch, ein Talent unter Vertrag genommen zu haben, wie es jede Generation nur einmal hervorbringt. Hätten sie innegehalten und nachgedacht, dann hätten sich die Warner-Chefs vielleicht Gedanken darüber gemacht, wie ein derart auf seine Unabhängigkeit bedachter Mensch wohl auf die Zwänge reagierte, die sich bei der Arbeit innerhalb eines amerikanischen Großkonzerns unweigerlich ergaben. Welches Maß an Kontrolle würde jemand wie Prince fordern?

Als man zur Feier des Vertragsabschlusses gemeinsam essen ging, wirkte Prince schüchtern und steif. Nach dem offiziellen Essen kommunizierte er jedoch auf seine eigene Weise mit den Warner-Managern, indem er einen Song aufnahm, der den Titel „We Can Work It Out“ trug. Der Text des unveröffentlichten Songs kann nur als Ausdruck der Hoffnung interpretiert werden, dass die Geschäftsbeziehung zwischen Prince und Warner Bros. glücklich und fruchtbar sein würde. Stattdessen sollte sie eines Tages mit einem großen Knall zu Ende gehen.

Besessen - Das turbulente Leben von Prince

Подняться наверх