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1 DIE SCHÖNE UND DAS BIEST

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ANGEFANGEN HAT ALLES VOR ZWEI MONATEN. An einem stinknormalen Schultag, sofern an meiner Schule überhaupt irgendwas stinknormal ist. Die Klingel läutete zum Ende der letzten Stunde. Ein Mittwoch. Mittwochs trainieren die Mädchen aus meinem Jahrgang Streetdance in der Turnhalle. Jonah Hani, McKay Tambo und ich rannten durch die Gänge, rempelten dabei andere Schüler und Lehrer an, nur um den besten Blick durch das Fenster in der Turnhallentür zu bekommen.

Als wir dort ankamen, standen schon zwei Jungs aus unserem Jahrgang auf unseren Plätzen. Als sie den riesigen McKay entdeckten, verzogen sie sich. Wie immer machte er sich vor dem Fenster breit.

»Schieb deinen fetten Schädel aus meiner Sichtlinie, Mann«, meckerte Jonah.

»Mach Platz, Alter!«, maulte ich.

Obwohl ich McKays Kopf nur von hinten sah, wusste ich, dass er grinste. »Ruhig Blut, meine Brüder«, sagte McKay. »Liebreiz starrt mir ins Gesicht. Venetia ist vollreif, ich sag’s euch. Mann! Die hat Beine bis zum Mond. Könnt ihr glauben!«

Mit vereinter Kraft gelang es Jonah und mir, McKay beiseitezuschieben und selbst einen Blick in die Halle zu werfen. McKay hatte sich nicht getäuscht. Venetia ging voll ab in ihrem pinken Oberteil und den weißen Shorts. Die anderen Mädchen sahen sie an, versuchten mitzuhalten, aber Alter, Venetia hatte es einfach drauf. Ms Lane, die Street-dance-Lehrerin, nickte und wippte mit den Füßen. Und wie! Venetia tanzte besser als sie!

»Mann! Wenn ich nur zehn Minuten mit Venetia alleine wäre«, meinte Jonah.

»Dann wüsstest du nicht, was du machen sollst, Bro«, lachte McKay.

»Zehn Minuten? Halb so lang und sie wär mein Mädchen! Glaub mir!«, behauptete ich.

McKay und Jonah krümmten sich vor Lachen, hielten sich die Bäuche und warfen sich auf den Boden. »Du, Bit?«, fragte McKay.

Ich war nicht der Größte in unserem Jahrgang. Tatsächlich sogar der Zweitkleinste. Einmal in der sechsten hatte mich ein Mädchen »Liccle Bit« genannt und der Name war hängen geblieben.

»Mit deiner Sklavenfrisur siehst du aus wie ein Umpa-Lumpa!«, stichelte McKay. »Eher spielt Lionel Messi für die Crongton Wanderers.«

»Okay«, sagte Jonah und rappelte sich auf. »Wenn du dich für so einen großen Gangsta hältst, dann quatsch Venetia doch nach der Stunde an.«

»Genau«, sagte McKay und schob mich weg, um selbst durchs Fenster zu schauen. »Traust dich ja doch nicht, sie zu fragen, ob sie sich mit dir trifft.«

»Wenn ihr beide dabei seid, bestimmt nicht«, sagte ich.

»Mann! Du kackst dir doch in die Hose, ich kann’s schon riechen«, machte Jonah sich weiter lustig.

»Für ein Mädchen wie Venetia brauchst du das volle Programm, Bro«, erklärte McKay. »Ein iPhone, Dr-Dre-Kopfhörer, die neuesten Sneaker von Adidas, einen anständig ausrasierten Iro und außerdem musst du groß genug sein, dass sie dir unters Kinn passt. Topmädchen wollen einen Bruder, zu dem sie aufschauen können.«

»Und Bit, nichts davon trifft auf dich zu«, sagte Jonah. »Also geh mir aus dem Weg und vergiss es, eine Spitzenfrau wie Venetia anzubaggern.«

Ich setzte mich in Bewegung, weil ich wusste, dass ich, selbst wenn ich Dr-Dre-Kopfhörer und alles andere hätte, mich trotzdem nicht trauen würde, Venetia anzusprechen. Jonah und McKay holten mich ein und wir rannten aus dem Gebäude.

Wir wohnten alle in South Crongton, zehn Minuten zu Fuß von der Schule entfernt. Jonah Hani im selben Haus wie ich, er im zweiten Stock und ich im fünften. McKay Tambo lebte mit seinem Dad und seinem älteren Bruder im Block gegenüber. Gott weiß, was die in der Wohnung dort verbaut hatten, weil alle in der Familie aussahen wie Wrestler aus dem Bezahlfernsehen.

»Glaub’s mir, Mann«, prahlte McKay. »In fünf Jahren fahr ich einen kranken Wagen, und auf meinem Schoß sitzen zwei Mädchen, neben denen Venetia aussieht, als wär ihr ein Elefant über die Fresse getrampelt.«

»Und woher hast du das Geld für deinen kranken Wagen?«, wollte Jonah wissen.

»Ich werde Unternehmer!«, sagte McKay. »Kein Scheiß. Ich mach eine Kette auf mit meinem Hot-Wings-Spezialrezept. Wenn der Bruder aus Ashburton das mit seiner Sauce kann, wieso ich nicht? Vertrau mir. Meine Wings werden schärfer und leckerer als der ganze Scheiß, den’s bei Kentucky und Alabama gibt. Kannst du glauben! Bei mir bedienen Frauen mit Bleistiftabsätzen, Sonnenbrillen und kurzen Schürzen mit nix drunter. Und in allen meinen Läden läuft Musik.«

»Aber wenn du Unternehmer werden willst, musst du auf die Uni und lernen, wie das geht«, sagte ich. »Was ist mit Mathe? Du kannst nicht mal rechnen. Wie willst du das Geld zählen? Du brauchst einen Abschluss …«

»Und der dauert drei Jahre«, ergänzte Jonah.

»Drei Jahre zusätzlich, nachdem du deine A-Levels bestanden hast«, sagte ich. »Außerdem kostet die Uni einen Batzen Geld.«

»Mann!«, rief McKay. »Ihr Brüder versteht es echt, einem den Wind aus den Segeln zu nehmen.«

»Du wirst sowieso kein Geld verdienen«, lachte Jonah. »Du kriegst einen Fressflash und verfutterst den ganzen Profit. Wenn du in deinem Laden aufkreuzt, kriegen die Kunden keine Wings mehr zu sehen. Glaub mir!«

»Du kannst mich mal!«

McKay jagte Jonah den ganzen Weg bis zu unserer Siedlung, aber als wir dort ankamen, schnaufte McKay schon ganz komisch.

»Jonah, morgen mach ich dich fertig«, drohte McKay. »Dein kleiner Kugelkopf wird mit meiner großen Faust Bekanntschaft schließen. Und hinterher stopf ich ihn ins Klo! «

»Und deine große Klappe schließt Bekanntschaft mit meinem Frisbee, ich schieb ihn dir quer rein, dann kriegst du keinen einzigen Hot Wing mehr runter«, revanchierte sich Jonah.

McKay, der inzwischen keuchte wie ein Weißer beim olympischen Zehntausenmeterlauf, hatte keine Energie mehr, Jonah weiter zu jagen, und schlappte seinem Block entgegen. Jonah und ich gingen zu unserem Betonklotz. »Machst du heute Abend Hausaufgaben?«, fragte er.

»Kunst«, erwiderte ich. »Ich will Gran zeichnen. Lieber mal ich Porträts als irgendeinen bescheuerten Apfel oder so.«

»Und Mathe?«

»Ich werd nie gut drin sein, also wozu?«

Oben im zweiten Stock flitzte Jonah über den Balkon zu seiner Wohnungstür. Ich hoffte, seine sechzehnjährige Schwester Heather würde ihm aufmachen. Die sah echt super aus, was ich Jonah natürlich niemals sagen würde.

Aber sie ließ sich nicht blicken.

Anstatt den Lift zu nehmen, ging ich lieber über die Treppe rauf, schleppte mich bis in den vierten. Als ich laute Stimmen hörte, blieb ich stehen. Meine Schwester Elaine und Manjaro, ihr Ex.

»Spinnst du oder was!«, brüllte Manjaro. Mir fiel wieder ein, dass er so eine irre Ader am Hals hatte, die hervortrat, wenn er die Stimme hob. Irgendwie stellte ich mir immer vor, dass es eine schlafende Babyschlange war. »Nimm das Geld und kauf dem Kleinen was anzuziehen. Windeln und Spielzeug, oder so.«

»Ich will dein dreckiges Geld nicht«, schrie Elaine. »Wieso kannst du mich nicht in Ruhe lassen? Mum kommt gleich zurück. Kapierst du’s nicht? Das mit uns ist vorbei! Dein Konto ist abgelaufen! Der Automat spuckt deine Karte aus. Ich lass mir keinen Scheiß mehr von dir gefallen, also geh mir aus der Sonne!«

»Heißt das, ich darf für meinen Sohn kein Vater sein? Ist es das, was du mir sagen willst, Elaine? Kennst du mich nicht? Du weißt, dass ich das nicht zulassen kann. Nimm wenigstens das Geld.«

»Scheiß auf dein Geld! Lass mich in Ruhe!«

»Das wirst du noch bereuen.«

»Du kapierst nicht mal, was du mir angetan hast!«, brüllte Elaine. »Du schnallst es einfach nicht. Du bist so bescheuert, dass du denkst, du hast nichts falsch gemacht. Glaub mir! Du brauchst Hilfe. Schieb deinen traurigen Arsch aus meinem Blickfeld und lass mich in Ruhe.«

Ich hörte die Schritte meiner Schwester auf den Betonstufen oben, dann knallte die Wohnungstür zu. In diesem Moment klingelte mein Handy. Ich ging dran, stieg dabei weiter die Stufen rauf. Es war Gran. »Wo bist du, Lemar?«

»Unterwegs, Gran. Bin in einer Sekunde da.«

Ich guckte hoch. Manjaro kam die Treppe runter. Er warf einen Blick auf mein billiges Handy und grinste. »Zeig mal«, sagte er.

Ich wollte ihm nicht in die Augen schauen. Er war so gebaut, dass man sich lieber nicht mit ihm anlegte, und er hatte einen schmalen Schnurrbart wie mein Opa früher, dazu noch ein Ziegenbärtchen. Der Stecker in seinem linken Ohrläppchen war wohl ein Diamant und seine Haare waren immer voll korrekt geschnitten. Aber keine Markenklamotten, nur ein schlichtes blaues T-Shirt, ein Anorak, schwarze Jeans und coole Reeboks. Immer wenn ich ihn sah, raste mein Herz wie Usain Bolt. McKay behauptete, Manjaro hätte zwei Brüder umgebracht. Gerüchte besagten, er sei der Enkel von einem legendären Gangsta namens Herbman Blue. Wieso hatte meine Schwester ausgerechnet von ihm ein Baby bekommen müssen?

»Hast du nicht gehört, Kleiner?«, sagte er. »Lass mal dein Handy sehen und hör auf, so eine Fresse zu ziehen. Ich tu dir schon nichts. Reg dich ab.«

Ich hasste es, wenn er mich Kleiner nannte. Aber was sollte ich machen? Manjaro war ungefähr zehn Jahre älter als ich und der OG, der absolute Obergangsta hier bei uns in der Siedlung. Widerwillig gab ich ihm mein Handy. Er betrachtete es wie die Typen in den weißen Anzügen alles, was sie am Tatort eines Verbrechens finden – ein paar Mal hatten wir die in South Crongton schon gesehen. »Weißt du«, sagte er. »Vielleicht kann ich dir ein Upgrade beschaffen, wenn du eine Kleinigkeit für mich erledigst.«

Ich sagte nichts. Er sah mich an und lachte. Dann wuschelte er mir mit der rechten Hand durch die Haare. »Könntest einen Haarschnitt vertragen«, sagte er. »Erledige was für mich, dann schneid ich dir die Haare vielleicht sogar selbst. Ich kümmere mich immer um die Brüder, die für mich arbeiten, das weißt du.«

Er gab mir mein Handy “wieder und sprang fünf Stufen weiter runter. Ich stieß einen langen Seufzer aus. Dann blieb er aber noch mal stehen und drehte sich um. Wieder raste mein Herz. »Sag deiner Schwester, sie hätte das Geld nehmen sollen. Ich weiß, dass ihr nicht viel habt. Deine Mum kann nicht viel verdienen.«

Ich musste mir verdammt große Mühe geben, mir meine Wut nicht anmerken zu lassen, weil er über meine Mum redete – sie tat, was sie konnte. Er schaute mich ein letztes Mal an, dann war er weg.

Liccle Bit. Der Kleine aus Crongton

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