Читать книгу Die Viper - Arno Alexander - Страница 4
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ОглавлениеDer Geschäftsführer Hübner zupfte sorgfältig die Ärmel seines altmodischen, speckig glänzenden Gehrocks zurecht, rückte den dicken Knoten der immer schief sitzenden Krawatte gerade und betrat mit einem leisen Räuspern das Arbeitszimmer seines Vorgesetzten.
„Herr Direktor, Herr Direktorl“ raunte er leise.
Da die Vorhänge zugezogen waren und im Zimmer kein Licht brannte, vermochte er nicht gleich zu erkennen, ob sein Vorgesetzter anwesend war oder nicht.
„Herr Direktor!“ rief er wieder, diesmal etwas lauter.
Ein verschlafenes Grunzen, begleitet von unwilligem Schnaufen, war zunächst die einzige Antwort.
„Was ist los, Hübner?“ fragte nach einer Weile eine Stimme aus dem Dunkeln.
„Der Kommerzienrat ist da!“ wisperte Hübner.
„Ah!“ kam es erfreut zurück. „Ja, dann machen Sie doch endlich Licht …“
„Ja, ja, natürlich …“
Die Deckenbeleuchtung flammte auf.
Direktor Hirschfeld, Leiter und Inhaber der bekannten Berliner Privatdetektei „Jenns & Hirschfeld“, hob seinen schweren Kopf von der Schreibtischplatte. Die kleinen, in Fett verquollenen Äuglein blinzelten, seine gepflegte Hand fuhr hastig über die heiße Stirn und Glatze.
„Also, lassen Sie den Kommerzienrat herein“, sagte er, noch immer etwas benommen, mit schleppender Stimme.
„Um Gottes willen, Herr Direktor!“ ereiferte sich Hübner. „Unsere Vorbereitungen … Sie haben alles wieder vergessen! Und dann … Oh! …“
Geschäftig flog der kleine, dürre Mann aus einer Ecke des Zimmers in die andere. Es war staunenswert, wie er es fertig brachte, beinahe gleichzeitig dem Direktor Kragen und Krawatte anzulegen, die „Asbach-Uralt“-Flasche und die Gläser vom Schreibtisch unters Sofa zu befördern und die billigen Zigarren auf dem Rauchtisch mit dem Kistchen „für besondere Zwecke“ zu vertauschen.
„Schon gut, schon gut, Hübner“, wehrte Hirschfeld ab, als der Geschäftsführer sich daran machte, ihm den Rock und die Weste abzubürsten.
„Geht nicht anders! Nur einen kleinen Augenblick Geduld, Herr Direktor! Sie müssen unser Geschäft doch sozusagen standesgemäß vertreten. Rock und Weste müssen sauber sein. Die Beinkleider können ja dreckig bleiben. Die sieht der Kommerzienrat nicht, da Sie ja doch hinter Ihrem Schreibtisch nicht hervorkommen. So! Jetzt noch den Hans — dann ist alles in Ordnung.“
Er stob zur Tür hinaus und kehrte gleich darauf mit einem Mann im Mantel zurück, der verlegen Zylinder und Lederhandschuhe in den Händen drehte.
„Hier!“ Hübner suchte alle seine Westentaschen ab. „Aha! Hier haben Sie fünfzig Pfennig. Trinken Sie irgendwo ein Gläschen Bier. Aber erst die Sache richtig machen!“
„Ja, ja“, meinte der andere und schritt nach der Tür, aber Hübner sprang ihm nach und hielt ihn am Mantel fest.
„Wo ist der Scherben? He? Wo ist Ihr Einglas?“
„Das Ding verlier ich ja doch immer wieder …“
„Los, los! Macht rasch!“ drängte Hirschfeld.
Hübner seufzte.
„Na, schon recht; also ohne Einglas. Aber vergessen Sie nicht die Geschichte mit dem Vorschuß!“
Der Mann nickte und stieß die Tür auf.
Mit einem Schlage veränderte sich das Bild. Der Direktor war aufgestanden und verneigte sich höflich vor dem Mann mit dem Zylinder; Hübner aber katzbuckelte hinter ihm her durch die Tür.
„Habe die Ehre, Herr Baron“, murmelte er ehrfürchtig. „Wird alles zu Ihrer Zufriedenheit erledigt werden.“
Hans, der „Baron“, winkte gnädig mit der Hand.
„Schon recht, mein … Guter“, sagte er etwas unsicher. Plötzlich wandte er sich noch einmal um. „Ja, da fällt mir gerade ein, Herr Direktor“, rief er laut. „Brauchen Sie nicht noch einen kleinen Vorschuß?“
Der Direktor hob beschwörend beide Hände empor.
„Aber nein, Herr Baron! Die fünftausend Mark, die Sie letzthin zahlten, genügen vollkommen.“
Der „Baron“ nickte freundlich und schritt, begleitet von Hübner, durchs Wartezimmer zum Treppenflur.
„In einer Stunde sind Sie wieder da“, flüsterte Hübner dem „Baron“ hastig zu. „Heute müssen unbedingt noch die Fenster geputzt werden.“
Der „Baron“ trollte davon, Hübner aber betrat wieder das Wartezimmer.
„Der nächste, bitte!“ rief er laut; und dann, als bemerke er den hageren, grauen Mann im Polsterstuhl erst jetzt, fuhr er fort: „Ah, der Herr Kommerzienrat 1 Habe die Ehre, die große Ehre … Bitte näherzutreten! Der berühmte Detektiv Hirschfeld, Max Hirschfeld, empfängt Sie natürlich sofort!“
Fünf Minuten später saß der Kommerzienrat dem Direktor gegenüber, und zwischen ihnen lag ein Häufchen Banknoten.
„Ich bin wirklich erstaunt, wie schnell Sie den Fall abgeschlossen haben, Herr Hirschfeld“, sagte der grauhaarige Kommerzienrat mit einem gewinnenden Lächeln. „Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir jetzt den genauen Betrag meiner Restschuld nennen wollten.“
„Sofort, Herr Kommerzienrat“, erwiderte Hirschfeld zuvorkommend und drückte auf einen Klingelknopf. Seit gestern war die Klingelanlage nicht in Ordnung, und Hirschfeld wußte das ganz genau; er hatte aber gute Gründe zu hoffen, daß das Klingelzeichen doch den gewünschten Erfolg haben werde: Hübner konnte es zwar nicht hören, dafür aber sehen — durchs Schlüsselloch.
Der Geschäftsführer erschien nicht gleich. Erst nahm er sich die Zeit, auf einem Bogen Papier geschickt einige Zahlen zu ändern — entsprechend der günstigen Stimmung des Kommerzienrats. Nun erst rannte er geschäftig ins Direktorzimmer — herein, heraus — wartete, bis die Tinte der neuen Zahlen ausgetrocknet war, und legte dann mit ehrerbietiger Miene den Bogen Hirschfeld vor.
„Unsere Restforderung, Herr Kommerzienrat“, erklärte der Direktor mit einem mitleidigen Lächeln, „ist entsprechend dem recht einfachen Falle auch recht gering.“ Er schneuzte sich umständlich die Nase. „Vierhundertneunundneunzig Mark und siebzig Pfennig. Hier ist die Abrechnung.“
Kommerzienrat Sommerfield hob wortlos zehn Fünfzigmarkscheine von dem Päckchen ab, das vor ihm lag; mit einer lässigen Handbewegung schob er die Banknoten Hirschfeld zu und ließ merkwürdigerweise den Rest des Geldes auf dem Tisch liegen.
„Sagen Sie, bitte“, fragte er kühl, „haben Sie den Fall eigentlich selbst bearbeitet oder ihn durch Angestellte …“ Er zögerte.
„Fast alle Fälle nehme ich mir selbst vor“, wich ihm Hirschfeld geschickt aus. „Wie sollte ich auch sonst das in mich gesetzte Vertrauen meiner Auftraggeber rechtfertigen? Meine Angestellten — übrigens nur allererste Kräfte — haben mich bei meiner Arbeit natürlich zu unterstützen. Sehen Sie, wenn …“
„Ihre Versicherung genügt ja vollkommen“, unterbrach ihn der Kommerzienrat etwas kurz und blickte nachdenklich auf den großen Siegelring, der seinen rechten Mittelfinger schmückte.
Direktor Hirschfeld lächelte; aber es war nicht das überlegene Lächeln, das er seinen Angestellten — den allerersten Kräften — gegenüber stets mit Erfolg anwandte. Er fühlte sich augenblicklich nicht recht wohl in seiner Haut: Was wollte denn der Kommerzienrat noch von ihm? Die Aufgabe war gelöst, die Rechnung beglichen — der Fall also vollkommen erledigt. Was bezweckte der Besucher mit seiner sonderbaren Frage?
„Ich muß Ihnen ein Geständnis machen“, sagte der graue Mann ihm gegenüber langsam, und in seine kalten Augen trat ein Schimmer von Teilnahme. „Der ganze Fall, den Sie lösten, war — konstruiert.“
Er betrachtete sein Gegenüber mit Blicken, die forschend und spöttisch zugleich waren; und das Gesicht Hirschfelds war tatsächlich des Betrachtens wert.
„Ko … ko … konstruiert?“ stammelte er ratlos, und seine Glatze wurde zusehends röter. „Wie … was wollen … Sie damit sagen?“
„Nichts Kränkendes für Sie“, versicherte der Kommerzienrat. „Ich habe einfach einen Kriminalfall — mit Indizien, Alibis und allem, was sonst dazu gehört — aufgebaut, und dann — habe ich fünf Privatdetekteien den Auftrag gegeben, diesen Fall zu entschleiern. Verstehen Sie nun?“
„Nein!“ Diese Antwort war insofern bedeutsam, als Hirschfeld diesmal ausnahmsweise wirklich genau das sagte, was er dachte.
Der Kommerzienrat hob ein wenig gelangweilt die Augenbrauen.
„Ich wollte mir einen Geschicklichkeitsnachweis verschaffen, denn der Auftrag, den ich in Wirklichkeit zu vergeben habe, ist so schwierig und für mich so wichtig …“
Auch Hirschfeld hatte Augenblicke, wo der Geist über ihn kam.
„Darf ich Ihnen eine Zigarre anbieten, Herr Kommerzienrat? Es plaudert sich dabei gemütlicher“, meinte er mit seinem verbindlichsten Lächeln, denn er hatte endlich begriffen, daß die fünfhundert Mark durchaus nicht gefährdet waren, und daß es eine Möglichkeit gab, noch viel mehr herauszuholen.
„Danke“, lehnte der Kommerzienrat ab. „Ich bin Nichtraucher. Aber bitte — rauchen Sie doch!“
Hirschfeld brannte sich etwas erregt eine Zigarre an.
„Sagten Sie nicht, Herr Kommerzienrat, daß Sie den Prüfungsfall — reizender Gedanke übrigens! — noch vier anderen Detektiven übergeben hätten? Mit welchem Erfolg, wenn ich fragen darf?“
„Sie sind der erste, der die Aufgabe löste. Ein Detektiv kam rascher, dafür aber zu einem falschen Schluß. Zwei haben noch nichts von sich hören lassen, und einer — Sie werden ihn wohl dem Namen nach kennen: Egon Friede — weigerte sich überhaupt, den Fall zu übernehmen.“
Hirschfeld lächelte geringschätzig.
„Friede — hm — ja, ein Anfänger … Kann natürlich etwas — hm — aber — nur leichte Sachen, wissen Sie …“
„Mir wurde gesagt, er hätte ein paar recht verzwickte Fälle gelöst …“
„Glück, weiter nichts.“
„Jeder Mensch, der vorwärtskommen will, muß Glück haben. Ein Detektiv ohne Glück taugt aber schon gar nichts …“
Hirschfeld rückte etwas gereizt auf seinem Sessel hin und her.
„Natürlich, natürlich! … Ihre Anschauungen sind sehr beachtenswert, und Sie haben damit vollkommen recht … Ich meine aber, daß ein Detektiv noch besser ist, wenn er — wie ich — Glück hat und außerdem hier was …“ Er tippte bedeutsam gegen die Stirn.
Nichts in den Mienen des Besuchers ließ erkennen, ob ihn die Worte Hirschfelds überzeugt hatten oder nicht. Nur der Ton seiner Stimme verriet etwas wie leises Unbehagen, als er jetzt sagte: „Wir wollen zur Sache kommen.“ Dann hob er den Kopf und fragte mit leicht gefurchter Stirn: „Sie haben doch sicherlich von der Verurteilung meines Sohnes gehört?“
„Aber gewiß, Herr. Kommerzienrat“, bestätigte Hirschfeld eifrig. „Der Fall hat ja in allen Kreisen sehr viel Staub aufgewirbelt …“
„Wie meinen Sie das?“ rief der Kommerzienrat plötzlich heftig. „Ich habe es mir ein kleines Vermögen kosten lassen, damit dieser Fall so wenig wie möglich besprochen würde …“
„Ich meinte natürlich nur die Fachkreise!“ rief Hirschfeld vorwurfsvoll.
„Also gut“, sagte der Kommerzienrat wieder ganz ruhig. „Diesen Fall — den Fall ‚Peter Sommerfield‘ sollen Sie lösen. Ich lasse Ihnen alle diesbezüglichen Akten da, und wenn Sie mir bis morgen eine auch nur halbwegs vernünftige Schilderung des möglichen Sachverhaltes geben, erhalten Sie von mir endgültig den Auftrag. Geld spielt dabei keinerlei Rolle.“