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Kranich hatte es eilig. Eigentlich hatte er es immer eilig — das lag einfach in seinem Wesen. Noch nie hatte ihn ein Mensch langsam gehen, nie mit Ruhe sein Mittagessen verzehren oder schläfrig und stumpfsinnig in dem überfüllten Wagen der Untergrundbahn sitzen sehen. Auf der Straße lief er, sein Mittagessen verschlang er, und in der Untergrundbahn las er Schriftstücke — sogar solche, die er beinahe auswendig kannte.

Auch heute machte er es nicht anders. Kaum hatte er in dem überfüllten Wagen einen Sitzplatz erobert, vertiefte er sich in das Lesen der Akten. Es kümmerte ihn wenig, daß neben ihm zwei junge Damen standen, die ihm vorwurfsvolle Blicke zuwarfen; auch der dicke Herr, der ihm bei jeder Wendung des Zuges auf die Füße trat, störte ihn nicht. Er hielt seine Papiere so nahe ans Gesicht, als wäre er plötzlich kurzsichtig geworden, und las und las. Das nannte er innerlich: „Auch unter den widrigsten Verhältnissen die Zeit zu nutzen.“

Heute waren die Schriftstücke ausnahmsweise weder trocken noch langweilig. Die Folge davon war, daß Kranich nicht wie sonst eine, sondern vier Haltestellen zu spät ans Aussteigen dachte. Traurig betrachtete er die Namensbezeichnung der Haltestelle, als wolle er diesen schwarzen Buchstaben einen Vorwurf machen; dann zuckte er die Achseln und wartete geduldig, bis er mit dem entgegenkommenden Zug zurückfahren konnte.

„Haben Sie endlich Geld?“ empfing ihn die Wirtin, als er schnell durch den dunklen Vorraum in sein Zimmer schlüpfen wollte.

„Gute Frau …“ begann Kranich.

„Also nicht“, erwiderte die „gute Frau“, die über genügend Menschenkenntnis verfügte und ganz genau wußte, daß ein Mieter sie nur dann „gute Frau“ nannte, wenn er kein Geld mitbrachte.

„Also nicht“, bestätigte Kranich und blickte ihr treuherzig in die Augen.

Die Zimmervermieterin sah ihn an, und ein trauriges Lächeln huschte über ihr runzliges Gesicht. Sie war eine Vermieterin von der harmloseren Art; von der Art, die ihr Herz noch in der Brust und das Mietzinsbuch in der Kommode aufbewahren, und nicht umgekehrt.

„Aber morgen bestimmt, Herr Kranich“, warnte sie und drohte ihm mit dem Finger.

„Morgen bestimmt, gute Frau“, rief der junge Mann erleichtert. „Jetzt entschuldigen Sie mich aber bitte: Ich muß mich zum Abendessen umziehen.“

Kranich schloß die Tür seines Zimmers hinter sich, schaltete das Licht ein und unterhielt sich eine Zeitlang mit seinem Kanarienvogel. Nachdem er sich überzeugt hatte, daß der störrische Vogel noch immer nicht Pfötchen geben wollte, seufzte er leise und machte sich ans Umziehen. Er zog den Rock aus, nahm Kragen und Selbstbinder ab und plätscherte eine Weile mit Wasser. Dann legte er denselben Kragen an und band den einzigen anderen Selbstbinder um, den er besaß; schlüpfte wieder in den Rock und blies geschickt zwei Fädchen vom Ärmel.

Darauf besah er sich mit sichtlichem Wohlgefallen im Spiegel und fühlte sich dabei genau so zufrieden wie ein Fürst oder Millionär, der vor dem Festessen Frack oder Smoking angelegt hat. Nun zog er seinen zweireihigen Mantel an, knöpfte ihn statt von links nach rechts, von rechts nach links zu, so daß er einen weniger abgetragenen Eindruck machte; sprengte aus einer Flasche, die einmal Kölnisches Wasser enthalten hatte, einige Tropfen Leitungswasser auf sein Taschentuch, schnupperte daran, seufzte beim Gedanken an die schlechte Beschaffenheit der deutschen Erzeugnisse, klemmte die Aktenmappe unter den Arm und machte sich auf den Weg.

Das Speisehaus, das er zwanzig Minuten später betrat, zeichnete sich dadurch aus, daß es seinen Gästen für wenig Geld reichliches und schlechtes Essen verabreichte. Kranich war hier sehr bekannt, obwohl er es nur besuchte, wenn er wenig Geld hatte — sechsmal in der Woche. Der Ober wies ihm sofort einen Platz an einem freien Ecktisch an, aber Kranich winkte mit großartiger Miene ab und nahm neben einer alleinsitzenden hübschen und jungen Dame Platz. Sie dankte etwas erstaunt für seinen ehrerbietigen Gruß, widmete sich aber sofort wieder ihrem Essen.

„Was darf es sein?“ erkundigte sich der Ober nach den Wünschen des Gastes.

„Haben Sie Gans?“ fragte Kranich von oben herab.

„Jawohl, mein Herr“, erwiderte der Ober höflich, und diese Antwort brachte Kranich in vorübergehende Verlegenheit.

„Gans haben Sie …“ murmelte er sichtlich verwundert. „Ein gutes Haus … Führt Gans … Aber ich habe heute mittag schon Gans gegessen. Bringen Sie Gräupchen.“

„Mit Fleisch?“

„Ohne Fleisch. Immer wieder Fleisch ist auf die Dauer nicht gesund. Und dann: ein kleines Helles!“

„Spezial, Hofbräu oder …“

„Das billigste“, sagte Kranich ruhig.

Die Dame neben ihm sah auf. Sekundenlang blitzte es belustigt in ihren Augen. Dann senkte sie ihren Kopf, so daß ihr Gesicht unter dem breiten Rand des schwarzen Hutes verschwand.

„Sie wundern sich, gnädiges Fräulein?“ fragte Kranich gelassen.

„Ich wundere mich nicht“, sagte sie sehr schnell und sehr bestimmt.

Kranich legte den Kopf verblüfft auf die Seite. Sein Verfahren, mit Damen anzuknüpfen, war sonderbar — er wußte das und war sowohl auf kühl-verächtliche Blicke gefaßt, als auch auf eine scharfe Zurechtweisung. Es widerfuhr ihm heute zum erstenmal, daß eine unbekannte Dame auf eine seiner plötzlichen und meist völlig unbegründeten Fragen, ohne mit der Wimper zu zucken, ganz sachlich antwortete.

„Dann … wundern Sie sich eben nicht“, sagte Kranich endlich. Doch sofort nahm er einen neuen Anlauf: „Vielleicht werden Sie sich aber doch wundern, wenn ich Ihnen verrate, daß mir mein Arzt empfohlen hat, nur ganz billige Biere zu trinken, da sie viel weniger schädlich sein sollen.“

„Auch darüber wundere ich mich nicht“, sagte das Mädchen ernst. „Ich habe nämlich heute auch kein Geld.“

Kranich riß den Mund auf, und es verging eine Weile, ehe er daran dachte, ihn wieder zu schließen.

„Oh, oh“, stammelte er. „Eine verd … kühne Schlußfolgerung! Sie meinen, ich hätte kein Geld?! Ich, der berühmte Detektiv Kranich von der Firma ‚Jenns & Hirschfeld‘ hätte kein Geld? Unglaublich!“ Er lachte laut auf. Dann fügte er ruhig hinzu: „Im übrigen haben Sie vollkommen recht.“

Dieses Zugeständnis kam so unerwartet, daß die junge Dame in einem plötzlichen Anfall von Lachen beinahe an einem Bissen ihrer Nachspeise erstickte. Kranich beobachtete mitleidig, wie sie hustete und hustete, und ihr Gesicht dabei immer röter wurde.

„Es wird Ihnen was in die Ventilationsröhre hineingekommen sein“, meinte er teilnahmsvoll. „Trösten Sie sich: das kommt öfter vor. Mein Großvater zum Beispiel ist daran gestorben.“

Das Mädchen, das sich schon halb beruhigt hatte, begann von neuem zu husten und zu lachen.

„Sie haben eine wunderbare Art, einen Menschen zu trösten“, sagte sie endlich. „Sie hätten Krankenpfleger werden sollen.“

Kranich zuckte die Achseln.

„Auch das habe ich versucht. Man warf mich nach fünf Tagen raus, weil ich zu aufmerksam gegen die Kranken war. Ich hatte unter anderem den Patienten, die sich in der Nacht langweilten, Alkohol verschafft. Diese Neuerung fand unter den Kranken allgemeine Anerkennung — trotzdem wurde ich rausgeworfen. Als ob ich etwas dafür konnte, daß zwei dieser unvernünftigen Geschöpfe auf den Gedanken kamen, mitten in der Nacht im Park spazieren zu gehen. Das hätte jedoch noch nichts ausgemacht, wenn sie nicht so töricht gewesen wären, sich am Treppengeländer hinunterzulassen — vielleicht wäre aber auch das noch nicht entscheidend gewesen, wenn sie nicht ausgerechnet auf dem Rücken der durch den Lärm herbeigelockten Oberin gelandet wären. Natürlich war hinterher ich an allem schuld, obwohl ich bei dem Auftritt gar nicht mitgewirkt und nicht einmal besonders laut gelacht hatte.“

„Sie sind großartig“, erklärte das Mädchen heiter. „Aber was ist denn los?“

Kranich war plötzlich aufgesprungen.

„Verdammt noch mal!“ rief er wütend. „Jetzt hat dieses dösende Kamel vom Nebentisch doch richtig meine Mappe mitgenommen.“

Mit ein paar Sätzen jagte er hinter dem „dösenden Kamel“ her, das es jetzt übrigens recht eilig zu haben schien. Es war ein dicker, schwarzhaariger Mann, der in sichtlicher Hast dem Ausgang zustrebte. Als er merkte, daß Kranich ihn einholen würde, blieb er sofort stehen.

„He! Sie da! Verehrtester!“ rief Kranich. „Das ist meine Mappe! Wo haben Sie denn Ihre Augen?“

Der Mann sah wirklich erschrocken aus.

„Wie kann man nur so vergeßlich sein!“ rief er bestürzt. „Ich besitze genau solch eine Mappe, und daher …“

Kranich winkte gnädig mit der Hand.

„Schon gut! Meine Großtante war auch vergeßlich. Sie kam einmal mit drei Schirmen nach Hause, und von diesen dreien gehörte ihr keiner. Auf Wiedersehen!“

Er überzeugte sich, daß alle Schriftstücke nach wie vor in der Mappe waren, und trat wieder an seinen Tisch.

„Sagen Sie mal“, empfing ihn seine Nachbarin, die den Auftritt gespannt verfolgt hatte. „Sind Sie nicht Detektiv?“

„Ja, Warum …“

„Kommt Ihnen da gar nicht der Gedanke, daß jener Mann Ihre Mappe absichtlich mitgenommen haben könnte, um sich deren Inhalt anzueignen?“

Kranich blickte nachdenklich auf seine Gräupchen, die der Ober inzwischen gebracht hatte.

„Es ist möglich“, sagte er nach kurzem Schweigen ruhig. „Aber Sie verzeihen: Ich muß jetzt speisen.“

Er aß mit jenem ausgezeichneten Appetit, der allen jungen Leuten eigen ist, die aus geldlichen Rücksichten regelmäßig auf das Mittagessen verzichten. Er unterbrach seine Mahlzeit nur zweimal, und auch das lediglich, um vom Nebentisch neue Brötchen heranzuholen. Endlich war er fertig, lehnte sich mit Behagen in seinem Stuhl zurück und brannte sich eine Zigarette an.

„Darf ich fragen, mit wem ich eigentlich die Ehre habe?“ erkundigte er sich höflich.

„Ich heiße Agnes Wieland“, erwiderte seine Nachbarin freundlich, „und arbeite — Sie werden staunen — bei dem Privatdetektiv Egon Friede.“

„Donner … Donnerwetter!“ brummte Kranich. „Hm … Da sind Sie wohl gar Detekteuse?“

„Nein“, gab sie lachend zurück. „Ich bin nur Tippfräulein.“

„Nun geht mir ein Licht auf!“ rief Kranich. „Wenn Sie bei einer Detektei arbeiten, wundert es mich nicht mehr, daß auch Sie kein Geld haben. In diesem Fach sind die Gelder verd … selten!“

„Oh, bitte sehr!“ widersprach Agnes. „Ich habe nur daher kein Geld, weil mein Vorgesetzter sich verausgabt hat, und die heute erwartete Zahlung erst nach Schluß der Banken durch einen Scheck geleistet wurde.“

„Wird schon ein hoher Scheck sein“, meinte Kranich wegwerfend. Wenn er gegessen hatte, war er stets von einer großen Verachtung für alle Privatdetekteien beseelt.

„Achthundert Mark“, sagte sie. „Und dabei ist das nur der Vorschuß für den Fall Sommerfield‘, den Herr Friede heute übernommen hat. Der eigentliche Verdienst …“

„Halt! Halt!“ schrie Kranich aufgeregt dazwischen. „Langsam, Fräulein Agnes! Nur immer langsam! Welchen Auftrag, sagten Sie, hat Herr Friede heute übernommen? Aber bitte: Ganz langsam und deutlich!“

„Som-mer-field“, antwortete sie, jede Silbe betonend.

„Ich leide also doch nicht an Gehörstörungen. Aber weiter: Wie hoch war der Scheck, den Ihr Vorgesetzter als Vorschuß erhielt?“

„Achthundert Mark.“

„Ha, ha, ha! Prächtig! Herrlich! Herr Ober!“ Kranich war ganz aus dem Häuschen. „Herrr … Ober! Bringen Sie zwei Glas Weinbrand! Den Spaß müssen wir begießen, Fräulein Agnes! Köstlich! Herrlich …“

„Ich trinke keinen Weinbrand“, sagte Agnes und schüttelte verblüfft über Kranichs Gebaren den Kopf. „Einen Mokka vielleicht …“

Kranich zog seine Geldbörse und machte rasch Kassensturz.

„Nein!“ sagte er fest. „Zum Mokka langt’s nicht. Herrr … Ober! Nur einen Weinbrand!“

Die Viper

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