Читать книгу Die Viper - Arno Alexander - Страница 6
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ОглавлениеDer berühmte Detektiv Egon Friede lag leise gähnend auf der Ottomane in seinem geschmackvoll eingerichteten Wohn- und Arbeitszimmer und blätterte ohne sonderliche Teilnahme in einer Bilderzeitschrift. Ab und zu tat er einen tiefen Zug aus seiner kurzen Pfeife und blies den Rauch in einer dichten grauen Wolke weit von sich.
Ihm schräg gegenüber saß an einem Schreibmaschinentisch Agnes Wieland, seine Stenotypistin. Sie war so hübsch, wie es die Stenotypistin eines Mannes von Geschmack unbedingt sein muß; ihre graublauen Augen strahlten stets so, als wenn deren Inhaberin gerade Gehaltserhöhung erhalten hätte; und ihre zierlichen Füßchen wippten so unternehmungslustig hin und her, wie man es bei anderen Stenotypistinnen nur abends und auch dann erst nach dem dritten Glas Wein beobachten kann.
„Wir brauchen Geld, Herr Friede“, sagte sie plötzlich und rückte die Papiere beiseite, an denen sie nun schon volle zwei Stunden gearbeitet hatte.
Friede hob kaum merklich die Augenlider. Die Blicke, mit denen er ihre geschmeidige Gestalt streifte, waren nachdenklich.
„Wer braucht Geld?“ fragte er langsam. „Sie oder ich?“
„Sie und ich!“ gab sie schlagfertig zurück und warf einen vorwurfsvollen Blick in die Gegend, wo sie hinter dem dicken Qualm sein Gesicht vermutete.
Friede gähnte laut.
„Bitte, verallgemeinern Sie nicht immer, Fräulein Agnes“, sagte er ruhig. „Also etwas genauer: Sie brauchen Geld. Wozu, geht mich nichts an. Wieviel?“
„Siebenhundertfünfzig Mark.“
„So viel auf einmal?“
Das Mädchen warf so geschickt ein Bein über das andere, daß ein guter Teil der seidenen Unterwäsche nunmehr deutlich zu sehen war.
„Es ist mein Gehalt für die letzten drei Monate“, sagte sie einfach. Alles weitere sollten die Beine sagen.
„Schreiben Sie einen Scheck über diesen Betrag aus“, erklärte Friede kühl.
„Schecks werden kaum etwas nützen“, erwiderte sie trocken. „Wenigstens keine mit Ihrer Unterschrift, da Ihr Konto seit gestern gesperrt ist.“
Friede nickte.
„Stimmt, Sie sagten es mir schon gestern. Verstehe ich übrigens nicht. Ich habe doch erst kürzlich fünfzigtausend Mark verdient …“
„Es stimmt ganz genau“, unterbrach sie ihn sehr bestimmt. „Hier ist die Aufstellung: Dreihundertfünfzig Mark polizeiliche Strafen für zu schnelles Autofahren. Tausendachthundert Mark Schadenersatz für den umgefahrenen Schutzmann, — der zweite war billiger: den zahlte die Versicherungsgesellschaft aus. Ferner ein Damenpelzmantel für viertausend Mark. Der Kaufpreis für das Landhaus derselben Dame betrug achtzehntausendzweihundert Mark. Einen wildfremden schwindsüchtigen Arbeiter schickten Sie nach Davos — Kostenpunkt: neunhundert Mark. Ihre eigene Reise nach Monte Carlo kam auf rund zehntausend Mark. Weiterhin …“
„Genug!“ wehrte Friede ab. „Ich sehe, es hat schon seine Richtigkeit. Da muß etwas getan werden …“
„Sie hätten eben, wie ich Ihnen schon sagte, den Fall des Kommerzienrats Sommerfield nicht ablehnen dürfen“, bemerkte Agnes.
„Davon verstehen Sie nichts“, gab Friede mit leisem Unmut zurück. „Bevor ich den Fall ablehnte, habe ich ihn überprüft. Der ganze Fall war gestellt, verstehen Sie? Der Kommerzienrat wollte meine Fähigkeiten prüfen. Ich habe ihm Bescheid gesagt und natürlich abgelehnt.“
„Das ändert die Sache allerdings …“
„Nein, mit solchen Fällen ist uns nicht geholfen. Ich muß etwas anderes versuchen … Nehmen Sie, bitte, jetzt das linke Bein vom rechten. Ich habe genug gesehen. Wollen Sie meine Geliebte werden?“
„Nein, aber …“
„Dann besorgen Sie jetzt die Briefe und trinken Sie irgendwo eine Tasse Kaffee. Ich habe eine wichtige Besprechung. Sie müssen heute aber auf alle Fälle noch einmal vorbeikommen. Auf Wiedersehen!“
Agnes stand noch im Vorzimmer und knöpfte ihre Handschuhe zu, als es plötzlich klingelte. Sie öffnete vorsichtig einen Türspalt und spähte hinaus. Schnell wollte sie die Tür wieder zuziehen, aber der zerlumpte Strolch, der draußen stand, hatte schon seinen Fuß dazwischengeschoben.
„Hier wird nicht gebettelt!“ rief Agnes ärgerlich. Angst hatte sie nicht. Wenn Friede in der Nähe war, fürchtete sie sich nie.
„Nu’ mach keine Zicken, Kleine“, rief der ungewöhnliche Besucher gemütlich. „Ich muß den Detektiv sprechen. Aber dalli!“
Durch das laute Gespräch herbeigelockt, steckte Friede den Kopf durch die Tür.
„Was ist denn hier los? Wie? Sie wollen mich sprechen?“ Er machte eine einladende Handbewegung. „Kommen Sie herein, guter Mann. Ihr Schießeisen legen Sie hier auf den Tisch; Sie können es später wieder mitnehmen. Fräulein Agnes, lassen Sie sich nicht aufhalten.“
Er verabschiedete das Mädchen mit einer Kopfbewegung und schloß hinter ihr die Tür.
Der Strolch steckte wortlos die Waffe, die er eben erst gehorsam auf den Tisch gelegt, wieder in die Tasche und betrat rasch Friedes Arbeitszimmer. Am Fenster blieb er stehen und starrte eine geraume Weile durch den Spitzenbesatz des Vorhangs auf die Straße.
„Bist du ihrer sicher?“ fragte er plötzlich in dialektfreiem Deutsch, warf sich in einen Sessel und streckte die mit völlig zerrissenen Schuhen bekleideten Füße weit von sich.
„Vollkommen“, erwiderte Friede kurz.
Der andere nickte.
„Stimmt. Sie hat das Haus sofort verlassen, hat keinen Versuch gemacht, mich zu photographieren, und ging, ohne sich umzuwenden, die Straße hinunter. Immerhin … Man kann nicht vorsichtig genug sein.“
Friede zuckte die Achseln.
„Sie arbeitet seit einem Jahr bei mir. Ich habe sie sozusagen auf Herz und Nieren geprüft. Während dieser Zeit hatte sie drei Liebschaften. Der erste Freund war ein Banklehrling und plünderte wie üblich die Portokasse, um ihr Geschenke zu machen. Sie ersetzte die unterschlagenen Gelder und schob ihn ab. Der zweite war Student. Er studierte ein halbes Jahr lang auf ihre Kosten, bis sie dahinter kam, daß er seine ‚Studien‘ in Berliner Nachtlokalen betrieb. Aus. Der dritte, gegenwärtige, ist Schnürsenkelfabrikant und ‚Kavalier‘. Er zahlt alles.“
„Deswegen kann sie dennoch …“
„Nein, denn ich habe noch mehr Beweise. Ein sehr netter junger Mann hat ihr in meinem Auftrag den Vorschlag gemacht, ihm bestimmte Abschriften aus meinem Briefwechsel zu verschaffen. Für schönes Geld, versteht sich’s. Sie weigerte sich.“
„Sie wird den Schwindel durchschaut haben. Natürlich hatte sie nichts Eiligeres zu tun, als dir von der bestandenen Prüfung zu berichten.“
„Sie tat es nicht, mein lieber Metzner. Die Sache kam ihr bestimmt viel zu selbstverständlich vor.“
Der Besucher seufzte.
„Hoffentlich hast du recht. Vermutlich hängt mein Leben davon ab.“
„Ist es so schlimm? Aber erzähle endlich: was hast du in den zwei Monaten deiner Abwesenheit ausgerichtet?“
„Deine Vermutung stimmt: die Bande, deren Vorhandensein die Polizei abstreitet, besteht tatsächlich. Seit drei Wochen bin ich ihr Mitglied.“
Die Züge Friedes wurden bei diesen Worten gespannt. Mit keinem Wort unterbrach er den Bericht seines Helfershelfers.
„Man ist in jenen Kreisen sehr mißtrauisch“, fuhr Metzner mit gleichförmiger, etwas müder Stimme fort. „Mich verwendeten sie bis jetzt nur als Photographen. Erst als ich erwähnte, daß ich mit deinen Gewohnheiten und der Örtlichkeit hier vertraut sei, gaben sie mir einen gefährlicheren Auftrag: dir mit List oder Gewalt das Schriftstück ‚R. Brand‘ zu entwenden.“
„Fauler Zauber“, sagte Friede bedauernd. „In diesem Schriftstück ist keine Zeile, für die es sich lohnen würde, sie geheim zu halten.“
„Ich ahnte es! Also haben die Kerle schon Verdacht geschöpft. Natürlich kehre ich jetzt nicht mehr zu ihnen zurück.“
Friede holte aus einem Fach seines Schreibtisches eine Weinbrandflasche, goß zwei Gläschen voll und trank Metzner zu.
„Hm …“ murmelte er sinnend. „Ich kann es dir nicht verdenken, wenn du deine Haut nicht länger zu Markte tragen willst. Dein plötzliches Ausbleiben würde die Leutchen aber erst recht stutzig machen, und dann …“
„Habe ich alles überlegt. Sobald wir das Nötige besprochen haben, rufst du die Polizei an und läßt mich festnehmen. Das weitere laß meine Sorge sein. Zweifellos wird die Verhaftung von unseren Feinden beobachtet werden, und niemand wird mehr glauben, daß ich dein Kundschafter sei.“
„Der Gedanke ist nicht übel“, stimmte Friede zu. „Nun berichte aber, was du weißt. Wenn’s auch wenig ist, — das Geringste kann hier wichtig sein.“
„Höre zu: die Bande befaßt sich eigentlich nur mit Giftmorden. Wenn je zu anderen Mitteln gegriffen wird, dann handelt es sich immer um ein unvorbereitetes, plötzlich notwendig gewordenes Verbrechen. Das Oberhaupt der Bande — man nennt es ‚die Viper‘ — muß ein ganz gerissener Kerl sein; wie mir gesagt wurde, kennt ihn niemand. Die Arbeit ist genau verteilt: Einige haben nichts anderes zu tun, als Gifte zu beschaffen oder herzustellen; andere werden nur als Kundschafter verwendet; wieder andere — das sind die angesehensten — haben sich an die Leute heranzumachen, die von den Kundschaftern als ‚geeignet‘ befunden wurden: an Leute, die auf den Tod eines Erbonkels, eines reichen Gatten oder Mündels warten und hoffen. In der Regel erklären sich diese Leute sehr bald bereit, für den Fall des plötzlichen Ablebens ihres Verwandten einen bestimmten Betrag zu bezahlen. Bei diesen Abmachungen wird nie das Wort ‚Mord‘ gebraucht, obwohl die Beteiligten genau wissen, worum es sich handelt. Die Beträge, die sie zu entrichten haben, sind …“
„… sehr hoch, — kann ich mir denken!“
„Falsch geraten! Die Beträge sind sehr niedrig gehalten. Erst nach Antritt der Erbschaft werden die Leute richtig zur Ader gelassen — man erpreßt ihnen etwa die Hälfte des geerbten Vermögens, dann aber haben sie für immer Ruhe.“
„Ein seltener Fall“, murmelte Friede. „Meist hat solch eine Erpresserschraube kein Ende.“
„Ein Beweis mehr für die Klugheit des Leiters dieser Bande. Er weiß genau, daß ein Mensch, dem man alles nimmt, sich leicht zu einer Anzeige entschließt.“
„Eine Frage“, unterbrach ihn Friede. „Kannst du es erklären, wie es kommt, daß die Polizei von diesem Treiben noch nichts gemerkt hat; ja, daß sie auf mein Vorhalten das Vorhandensein einer solchen Bande mit allem Nachdruck abstritt? Sollten Polizeibeamte mitverwickelt sein?“
Der Besucher schüttelte den Kopf.
„Nein, das glaube ich nicht. Ich vermute, daß man ein bestimmtes Gift anwendet, das von den Ärzten nicht nachgewiesen werden kann …“
„Haben die Leute ein derartiges Gift?“ rief der Detektiv überrascht.
„Es wird jedenfalls nur selten angewandt. Wahrscheinlich ist seine Beschaffung oder Herstellung mit Gefahren verbunden. In den weitaus meisten Fällen arbeitet die Bande mit Rauschgiften. Die Polizei kann dann nur feststellen, daß der Betreffende sich selbst vergiftet habe, da er ja an demselben Gift stirbt, das er sich immer wieder beibrachte. Dann aber gibt es noch ein drittes, geradezu teuflisches Mittel …“
Friede hob die Hand und lauschte. Man vernahm das Aufschließen der Treppentür und leichte Schritte im Vorzimmer. Der Detektiv stand auf, nahm Flasche und Gläser in die Hand und winkte dem Besucher, ihm zu folgen.
„Meine Sekretärin ist wieder da“, erklärte er leise, und die beiden Männer begaben sich in einen Nebenraum. Nachdem Friede die Tür hinter sich zugezogen hatte, forderte er Metzner mit gedämpfter Stimme auf, in seinem Bericht fortzufahren.
„Wenn die Anwendung der erwähnten Mittel nicht möglich ist —“, nahm jener seine Erklärungen wieder auf, „— angenommen, das ausersehene Opfer ist standhaft, und alle Versuche, es an ein Rauschgift zu gewöhnen, mißlingen, — dann wählen die Kerle ein leicht nachweisbares Gift, bearbeiten den Fall aber so sorgfältig, daß die Polizei unbedingt einen Unschuldigen festnimmt. Beweggründe sind vorhanden, die Indizien lückenlos — der Unschuldige wird verurteilt, und wieder hat die Polizei keine Ursache, an das Bestehen einer Giftmischerbande zu glauben.“
Friede schwieg wie in Gedanken versunken. Zwischen seinen Brauen grub sich eine finstere Falte.
„Kannst du mir ein Beispiel nennen?“ fragte er endlich.
„Nein“, sagte Metzner sofort. „Alles, was ich dir erzähle, sind ja mehr oder weniger Mutmaßungen. Ich kann dir keinen Fall nennen, von dem ich weiß, daß er dem eben geschilderten entspricht; allerdings kenne ich einen aus neuerer Zeit, von dem ich das vermute.“
„Welcher Fall ist das?“ rief Friede gespannt.
„Der Fall des Brudermörders Peter Sommerfield“, erwiderte Metzner ruhig.
„Verdammt noch mal!“ entfuhr es Friede, und er schlug mit der Faust auf den Tisch. „Ich war im Gerichtssaal, als er verurteilt wurde. Ich hatte tatsächlich nicht den Eindruck, einen Mörder zu sehen. Aber Eindrücke sind unzuverlässig, und darum ging ich der Sache auch nicht nach. Hm … Soviel ich mich entsinne, war die Verdachtsbegründung allerdings lückenlos …“ Der Detektiv war aufgestanden und schritt langsam aus einer Ecke des Zimmers in die andere. „Neulich war der Kommerzienrat, der Vater des Verurteilten, bei mir, — er wollte mir einen Scheinauftrag geben … ich lehnte ab … hm … Fast bereue ich es jetzt …“
„Das ist sehr schade“, stimmte der andere zu. „Ich glaube, daß der Fall ‚Sommerfield‘ am ehesten eine Handhabe zum Überführen der Giftmischer geben könnte. Der Fall ist noch neu, die Spuren frisch …“
„Was mach’ ich nur“, grübelte Friede. „Ich habe den Kommerzienrat so kurz behandelt, daß ich mich ihm nun unmöglich nähern kann …“
In diesem Augenblick klopfte es.
„Herein!“ rief Friede.
Agnes steckte den Kopf durch den Türspalt.
„Der Kommerzienrat Sommerfield ist wieder da, Herr Friede“, sagte sie leise. „Soll ich ihn abweisen?“
„Nein!“ riefen Friede und Metzner wie aus einem Munde.