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Das Frisörgeschäft „François Bourgmiller“ erfreute sich regen Zuspruchs und immer wachsender Beliebtheit. Der Inhaber, François Bourgmiller, konnte zufrieden sein. Eigentlich hieß er Franz Burgmüller, aber schon damals, als er noch bei der Albion-Filmgesellschaft Theaterfrisör war, hatte er erkannt, daß seine Kunden — insbesondere die Damen — einem Haarkünstler um so mehr Vertrauen entgegenbrachten, je mehr sie sich beim Aussprechen seines Namens die Zunge verdrehen mußten.

François — so nannten ihn seine alten Kunden, und so wollen auch wir ihn nennen — stand in seinem blaueingefaßten, weißen Mantel neben der Kasse und zwirbelte seine linke Schnurrbarthälfte; das tat er immer, wenn er Zeit hatte. Er war klein von Wuchs, äußerst behend und flink, hatte eine runde, spiegelblanke Glatze und auffallend große Ohren, die sich an seinem kahlen Schädel wie zwei Fragezeichen ausnahmen.

Damit hätte man alles Wichtige über sein Äußeres gesagt, wenn nicht noch seine kleinen, gutmütigen Mäuseaugen gewesen wären. Ein Blick in diese Augen genügte, und man kannte den ganzen François; diese Augen, die jetzt mit liebkosenden, zärtlichen Blicken über den Kassenstreifen glitten, konnten vielleicht auch mal traurig dreinschauen, auch ängstlich — nie aber wären sie imstande gewesen, zornig oder haßerfüllt zu funkeln. Darum kann man diese Augen gar nicht treffender kennzeichnen als mit dem Ausdruck Mäuseaugen.

„Monsieur François“, wandte sich sein Lehrling an ihn. Er mußte einer der jüngsten Lehrlinge sein, denn er sprach das „Monsieur“ so aus, als verschlucke er dabei einen Knödel. „Hier ist die Karte eines Herrn, der nur von Ihnen selbst bedient sein will.“

François warf einen beinahe furchtsamen Blick auf das weiße Kärtchen. Als er neben dem Namen „Stephan Gerron“ den kleinen Buchstaben „v“ bemerkte, verschwand plötzlich das glückliche Lächeln aus seinem Gesicht, und seine Augen glichen mehr denn je furchtsamen, kleinen Mäuseaugen.

„Chambre séparée“, sagte er leise, fast geistesabwesend.

„Schaum — Paré“, murmelte der Lehrling und trollte sich eilig davon, da er von der Richtigkeit seiner Aussprache nicht ganz überzeugt war.

François seufzte bekümmert und schritt langsam, mit gesenktem Kopf, die Stufen einer Treppe hinauf. Hier, in einem langen Gang, lagen die Einzelkabinen. Von außen sahen sie kaum anders aus als die anderer Frisöre auch. Dennoch unterschieden sie sich in einem Punkte wesentlich von allen ähnlichen Einzelkabinen. Das Sonderbarste daran aber war, daß der sonst so geschäftstüchtige François in keinem seiner zahlreichen Werbeblätter und Rundschreiben die Kundschaft auf diesen Umstand aufmerksam machte: die Einzelkabinen François’ waren nämlich vollkommen schalldicht gebaut.

François öffnete eine Glastür und dann die eigentliche, mit dickem Stoff verkleidete Innentür und befand sich nun in einer hellerleuchteten Frisörzelle. Mit dem Rücken zu ihm saß vor dem großen Spiegel ein Mann in mittleren Jahren mit vollem, gutgepflegtem Backenbart und einer etwas altmodischen, goldumfaßten Brille, durch die zwei dunkle Augen dem Spiegelbild François’ entgegenblitzten.

„Machst schon wieder ein Leichenbittergesicht“, sagte eine tiefe, nicht unangenehme Stimme spöttisch.

François zuckte zusammen.

„Nichts für ungut, Herr … Gerron“, murmelte er und trat näher. „Was darf es sein?“

Der Mann vor dem Spiegel zog seine Hand aus der Tasche. Ein schwarzer, enganliegender Handschuh wurde sichtbar, aber das schien François durchaus nicht zu wundern.

„Hier!“ sagte der Kunde und tippte mit dem schwarzen Finger auf ein Lichtbild, das ihn selbst darstellte. Und dann sprach er die etwas ungewöhnlichen Worte: „Genau so muß ich in einer halben Stunde aussehen. Verstanden? Wehe dir, wenn du nicht eine Musterarbeit lieferst.“

François brachte das Bild ganz nahe an eine Lampe und betrachtete es lange mit prüfenden Blicken. Dann besah er sich ebenso aufmerksam das Gesicht seines Gastes.

„Stümperarbeit, Stümperarbeit“, brummte er leise und machte sich am Waschtisch zu schaffen. „Am besten wäre es, das alles erst einmal runterzunehmen und dann …“

Weiter kam er nicht. Ein lautes Auflachen des Fremden unterbrach ihn.

„Das täte dir so passen! Nee, nee, mein Lieber! Auch du wirst mein wirkliches Gesicht nie zu sehen bekommen. Das heißt: du kannst es sehen, wenn du willst … aber dann …“

„Nicht, nicht“, wehrte François entsetzt ab. „Ich bin nicht neugierig; nein, ganz und gar nicht …“

„Das wird auch dein Glück sein“, knurrte der Mann vor dem Spiegel, sichtlich zufrieden mit der Wirkung seiner Worte. „Und jetzt los, an die Arbeit!“

François begann mit den Haaren des Fremden. Vorsichtig, als hänge sein Leben davon ab, löste er eine Perücke vom Kopf Gerrons. Er wußte, daß er das durfte, da sein unheimlicher Kunde darunter stets eine zweite glatte Perücke trug. Dann begann François verschiedene andere Perücken zu probieren, bis er eine gefunden hatte, die ihm zusagte. Er befestigte sie am Kopf des Kunden und machte sich nun daran, an Hand des vor ihm liegenden Bildes die Haare der Perücke zu verschneiden.

„Habe heute wieder was Feines vor“, sagte der Fremde, dessen Augen im Spiegel jeder Bewegung der flinken Finger François’ folgten. „Was ganz besonders Feines!“ Augenscheinlich bereitete es Gerron Vergnügen, François in Schrecken zu versetzen.

„Bitte, sprechen Sie nicht davon“, bat der kleine Mann mit halberstickter Stimme. „Ich komme mir sonst vor wie ein Spießgeselle von Ihnen …“

„Du gefällst mir! Bist du vielleicht nicht mein Spießgeselle?“

„Nein, nein!“ stöhnte François. „Ich tue meine Pflicht, sonst nichts. Weshalb Sie sich so verkleiden, geht mich nichts an …“

„Ha, ha, ha!“ lachte Gerron. „Eine hübsche Moral! Dabei weißt du ganz genau, daß du mir jedesmal dazu verhilfst, einen Menschen …“

„Still! Schweigen Sie!“ zischte der Frisör, bleich wie Kalk. „Ich will nichts wissen! Ich will nicht!“

„Und doch hast du mit wollüstiger Neugier die Gerichtsverhandlung gegen Sommerfield, den Brudermörder, in den Zeitungen verfolgt …“

„Nein, nein!“

„Du hast recht: nein! Er ist kein Brudermörder. Ich weiß es, und du weißt es, und sonst niemand! Die Geschworenen, die Sommerfield zum Tode verurteilten, wußten es jedenfalls nicht — und das ist die Hauptsache.“

François legte die Schere aus der Hand, die jetzt merklich zitterte.

„Warum? Warum taten Sie es?“ fragte er tonlos.

„Du Narr! Weil die beiden Brüder jemand im Wege waren, der meinen Preis zahlen konnte.“

François seufzte wieder und machte sich mit Kitt an der Nase des Kunden zu schaffen.

„Sie wagen viel“, meinte er. „Einer Ihrer Spießgesellen wird Sie einmal verraten …“

„Du bist der einzige, der es vielleicht könnte“, gab der andere rasch zurück. „Und du wirst es niemals tun.“

„Und warum nicht?“ fragte François, all seinen Mut zusammennehmend. „Ich habe einmal etwas von straffreien Kronzeugen gehört …“

Plötzlich öffnete sich die Tür, und durch einen Spalt blickte ein blonder Mädchenkopf.

„Pa! Es ist schon halb acht. Ich gehe jetzt nach Hause.“

„Geh nur, geh nur, mein Kind“, sagte François zerstreut.

Das Mädchen trat aber ein.

„Hier ist die Abendzeitung“, sagte sie. „Vielleicht möchte der Herr einen Blick hineinwerfen.“

Sie stand einen Augenblick unschlüssig da — eine hoch- und schlankgewachsene Mädchengestalt mit hübschen, weichen Gesichtszügen —, dann wünschte sie freundlich „Guten Abend“ und schloß die Tür hinter sich.

„Darum!“ sagte der Fremde trocken.

„Was? Wie? Was meinen Sie?“ fragte François verwirrt.

Gerron betrachtete das Gesicht des Frisörs im Spiegel.

„Darum“, wiederholte er mit Nachdruck. „Darum wirst du mich nie verraten. Verstehst du?“

François schüttelte nur stumm den Kopf.

„Du bist ein Angsthase“, erklärte Gerron bedächtig. „Schon das allein schützt mich vor deinem Verrat. Du wirst nie vergessen, wie man den Slawinsky aus dem Wasser zog, und in welchem Zustand die Leiche Fischers war, als man sie auf den Schienen der Eisenbahn fand. Diese beiden versuchten es, mich zu verraten, und ich strafte sie … Ja, schon deine Angst vor einem ähnlichen Ende sollte genügen. Aber ich verlasse mich nie allein auf so etwas … denn man kann nie wissen … Sag mal, wie stellst du dir aber dein Familienleben vor, wenn es bekannt wird, daß du der Spießgeselle, der Hauptgehilfe des berühmtesten Giftmischers aller Zeiten warst? Glaubst du, deine Tochter — das Mädel vorhin ist doch deine Tochter? — würde dir noch je einen so zärtlichen Blick zuwerfen? Glaubst du …“

„Genug, genug“, stammelte François. „Ich kann nicht … ich kann nicht …“

„Na also!“ Gerron lachte gutmütig auf und griff nach der Zeitung.

„Übrigens“, meinte er nach kurzem Schweigen, „was ist’s mit deinem Mädel? Sie sieht gut aus und scheint nicht dumm zu sein. Ich könnte gerade jetzt eine Gehilfin in ihrem Alter gut brauchen …“

Das Rasiermesser, das François abzog, entglitt seinen Händen.

„Niemals! Nie!“ kreischte er plötzlich auf. „Sie … Sie … Sagen Sie das nicht noch einmal … Sonst … bei Gott …“

Der Fremde merkte sofort, daß er hier wirklich Unmögliches verlangte.

„Schon gut“, begütigte er. „Es war ja nur so ein Gedanke von mir … Also nicht. Es gibt genug Mädels, die froh wären … Na ja … Bist und bleibst ein Schafskopf …“

Er runzelte die Stirn und blätterte in der Zeitung. Plötzlich beugte er sich jäh vor. Seine Augen starrten auf einige gedruckte Zeilen, und seiner Kehle entrang sich ein ächzender Laut.

„Was? … Was? …“ rief François erschrocken und spähte über die Schulter Gerrons auf die Stelle, unter der sich dessen schwarzer Finger eingegraben hatte.

Inmitten der „letzten Nachrichten“ stand da ganz klein und eng gedruckt:

„Das Gnadengesuch Peter Sommerfields, der wegen Brudermordes zum Tode verurteilt wurde, ist bewilligt worden. Die Todesstrafe wurde in lebenslängliche Zuchthausstrafe umgewandelt. Wie wir in letzter Stunde erfahren, ist der amtliche Eilbote erst knapp zehn Minuten vor Vollstreckung des Todesurteils eingetroffen, da er einen Motorradunfall erlitt und erst, nachdem er stundenlang bewußtlos im Straßengraben gelegen, wieder zu sich kam und sich zu Fuß bis zum nächsten Kraftwagen schleppte.“

„Verdammt!“ stieß Gerron hervor und schlug mit der Faust auf den Waschtisch. „Schnell! Schnell! Ich habe größte Eile!“

Die Viper

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