Читать книгу Die Viper - Arno Alexander - Страница 8
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ОглавлениеAgnes war für einen Augenblick sprachlos: solch ein Kavalier war ihr im Leben noch nicht vorgekommen! Aber dann tat sie das Klügste, was sie tun konnte: sie lächelte nachsichtig.
„Und nun sagen Sie mir bitte, Herr Kranich, warum Sie das alles so außer Rand und Band bringt.“
„Später, später“, beschwichtigte sie der junge Detektiv. „Erst müssen Sie mir genau erzählen, wie die Geschichte war. Vor allem: Wann erhielten Sie den Auftrag und von wem?“
„Ich dürfte Ihnen das eigentlich nicht erzählen“, besann sich Agnes endlich auf ihr Berufsgeheimnis. Dann überlegte sie aber, daß Kranich doch der denkbar harmloseste junge Mann sei … und außerdem war sie neugierig, nachher zu erfahren, was für eine Bewandtnis es mit diesem Auftrag habe.
„Es war gegen sechs Uhr, als ich nach Erledigung einer Besorgung noch einmal ins Büro kam“, berichtete sie. „Bald darauf erschien der Kommerzienrat Sommerfield. Ich dachte erst, Herr Friede würde ihn abweisen, da er gar nicht gut auf ihn zu sprechen war; aber nein: er ließ ihn vor und unterhielt sich etwa eine Stunde lang mit ihm. Als der Kommerzienrat sich verabschiedete, fragte er, ob der Scheck von achthundert Mark genüge. Herr Friede erklärte, für die erste Zeit reiche dieser Betrag vollkommen …“
„Dieser Schuft!“ murmelte Kranich dumpf.
„Erlauben Sie!“ begehrte Agnes auf. „Ich kann es nicht dulden, daß Sie in meiner Gegenwart in dieser Tonart von Herrn Friede sprechen! Es ist geschmacklos und …“
„Ta ta tü — ta ta ta — und so weiter!“ unterbrach Kranich sie und schnitt eine Grimasse. „Ich meine doch gar nicht Ihren Herrn Friede, sondern diesen Schuft und Gauner Hirschfeld!“
„Ach so“, meinte Agnes erstaunt. „Nun gut! Immerhin könnten Sie sich wirklich in Gegenwart einer Dame etwas mehr Zwang anlegen und deutlicher sprechen.“
„Könnte ich auch“, nickte Kranich. „Was glauben Sie, was für einen Zwang ich mir anlegen würde, wenn Sie zum Beispiel eine reiche Erbin wären! Aber Sie sind genau so ein ausgebeutetes armes Hascherl wie ich. Wir sind sozusagen unter uns Proletariern … Aber zur Sache! Wissen Sie, was sich hier in meiner Mappe befindet?“
„Nein!“
„Die Akten des Falles ‚Peter Sommerfield‘!“
„Ah! …“
„Sehen Sie! Jetzt sind Sie verblüfft! — Jawohl! Der Kommerzienrat hat unserer Detektei denselben Auftrag wie Herrn Friede erteilt. Und unsere Detektei hat mich mit den Untersuchungen betraut. Aber, was das Schönste ist: der Kommerzienrat wird uns angeblich morgen für den Fall zweihundertfünfzig Mark Vorschuß bezahlen, und davon soll ich fünfzig Mark bekommen. Was sagen Sie nun?“
„Das ist schäbig“, erklärte Agnes, die jetzt diesen Teil der Angelegenheit begriffen hatte.
„Und ob das schäbig ist!“ rief Kranich entrüstet. Aber er beruhigte sich gleich wieder. „Na, gut! Ich weiß ja nun Bescheid. Morgen soll der Hirschfeld was erleben!“
„Was können Sie tun? Wenn Sie aufmucken, wird er Sie rauswerfen und den Auftrag einem anderen Detektiv übergeben …“
„Ja, wenn er das könnte! Ich bin nicht ganz so dumm! Nee, Fräuleinchen … Ich habe die Sommerfieldschen Schriftstücke heute schon ein bißchen angesehen. Es ist ein ganz schwerer Fall. Dem ist von allen unseren Detektiven außer mir keiner gewachsen. Und wenn Hirschfeld das nicht weiß, so weiß es immerhin sein Kindermädchen Hübner.“
„Der Fall ist schwierig“, stimmte Agnes zu. „Auch wenn Herr Friede noch so nötig Geld braucht, übernimmt er schon seit langem keinen einfachen Fall mehr.“
„Er kann sich’s leisten“, murmelte Kranich mit einem Blick auf die Uhr. „Wenn ich so bekannt wäre wie er … Aber es wird Zeit zum Gehen. Ich muß bis morgen über den Fall ‚Sommerfield‘ genau unterrichtet sein … Ober, zahlen!“
Beide beglichen ihre Zeche und traten auf die Straße hinaus.
„Also, Fräulein Agnes, leben Sie wohl“, sagte Kranich in sichtlicher Unruhe. „Ich muß wirklich eilen.“
„Wohin gehen Sie jetzt?“ erkundigte sie sich.
„Nach Hause, natürlich. Ich wohne am Barbarossaplatz.“
„Dann können Sie mich noch ein Stückchen begleiten. Es ist für Sie kaum ein Umweg. Ich muß noch schnell ins Büro, ein paar Briefe schreiben.“
Kranich sah wieder nach der Uhr.
„Na, gut“, sagte er widerstrebend zu. Aber er war den ganzen Weg über so nachdenklich und schweigsam, daß sein Umweg sich eigentlich kaum lohnte. Immerhin hatten die beiden jungen Leute für morgen abend einen Treffpunkt vereinbart, als Agnes vor einer Tür stehen blieb und die Schlüssel aus der Handtasche nahm.
„Hier also ist das Büro des berühmten Detektivs“, meinte Kranich, und es klang fast wie Neid aus seiner Stimme. „Möchte wissen, ob ich je ein eigenes Büro haben werde.“
In diesem Augenblick wurde die Haustür von innen ungestüm aufgerissen, und ein Mann stürzte barhäuptig, mit offenem Rock, auf die Straße.
„Herr Friede?!“ rief Agnes verwundert.
„Sie hier!“ sagte Friede und blieb stehen. Der Schein einer Laterne fiel voll auf seine scharfgeschnittenen Züge. Da sah Agnes, daß sein Gesicht von einer geisterhaften Blässe bedeckt war und seine Augen wie im Fieber glänzten.
„Was ist …“, begann sie erschrocken.
„Kommen Sie mit hinauf“, sagte Friede beherrscht, aber seine Lippen zuckten, „bei mir ist eingebrochen worden.“
„Und? Und?“
„Die Akten ‚Sommerfield‘ sind verschwunden“, sagte der große Detektiv, und man sah es, daß er sich Gewalt antun mußte, um halbwegs gefaßt zu erscheinen.
Agnes flog neben ihm her die Treppe hinauf. Weder sie noch Friede achteten auf ihren Begleiter, der gemächlich hinter ihnen hertrabte.
„Es ist doch zum …“ knirschte Friede, als sie das Büro betreten hatten und die von den Einbrechern angerichtete Verwüstung betrachteten. „Wenn ich die Akten wenigstens schon gelesen hätte! Aber so … Ich muß es dem Kommerzienrat mitteilen. Es wird natürlich bekannt … Ich bin bloßgestellt …“
Plötzlich bemerkte er Kranich.
Dieser junge Mann hatte sich auf einen Stuhl gesetzt, drehte seinen abgenutzten, formlosen Hut zwischen den Fingern und sah teilnahmsvoll und treuherzig zu Friede hinüber.
„Was wollen Sie? Wie kommen Sie hierher?“ brüllte ihn Friede an.
„Gestatten — Kranich“, sagte der junge Mann und machte im Sitzen eine knappe Verbeugung. „Ich konnte es mir nicht versagen, einmal meinen berühmten Kollegen bei der Arbeit zu beobachten. Die Gelegenheit war zu günstig …“
An Friedes Stirn schwoll eine Zornesader.
„Mein Herr!“ sagte er mit unheimlicher Ruhe. „Die Gelegenheit, von hier zu verschwinden, ist augenblicklich auch noch günstig. Los! Scheren Sie sich zum Teufel!“ Er machte drohend einen Schritt auf den lästigen Besucher zu.
„Ta ta tü, ta ta ta“, rief Kranich, erhob sich und streckte abwehrend die Hand aus. „Nicht so stürmisch! Eile mit Weile — pflegte mein Stiefonkel zu sagen, wenn Einbrecher im Hause waren — und dann wählte er mit Bedacht eine geeignete Krawatte …“
„Jetzt ist’s aber des Guten zuviel!“ rief Friede, zog den Rock aus und krempelte die Ärmel hoch.
„Sie werden sich erkälten“, warnte Kranich. „Aber bevor Sie mich ’rauswerfen — das bin ich übrigens schon gewöhnt —, lassen Sie lieber von Fräulein Agnes die Akten Sommerfield abschreiben, die ich Ihnen hier mitgebracht habe …“
„W—a—a—s haben Sie mitgebracht?“ fragte Friede verblüfft.
„Die Akten Sommerfield“, wiederholte Kranich. „Was denn sonst?“
Agnes lachte laut auf. Nun erst kam ihr der Gedanke, sich ins Mittel zu legen. Sie tat es anscheinend mit bestem Erfolg, denn schon eine halbe Stunde später arbeiteten alle drei eifrig und einmütig. Friede oder Kranich diktierten, Agnes nahm das Stenogramm auf; wenn sie nicht mehr konnte, schrieb einer von den beiden Männern ein halbes Stündchen auf der Maschine.
Auf dem Tisch standen Weinbrandflaschen, Zigaretten und kalter Aufschnitt. Wer Kranich essen und trinken sah, wäre nie auf den Gedanken gekommen, daß ihm sein Arzt nur billige Biere empfohlen hätte, oder daß dieser junge Mann der Überzeugung wäre, Fleisch sei auf die Dauer ungesund. Er räumte so gründlich auf, daß Friede sogar seinen für unvorhergesehene Fälle angelegten eisernen Bestand an Büchsenfleisch anreißen mußte.
Als sämtliche Schriftstücke diktiert waren, und Agnes sich daran machte, sie mit der Maschine abzuschreiben, sah Friede endlich nach der Uhr.
„Sechs Uhr morgens“, meinte er verwundert. „Es lohnt sich nicht mehr, schlafen zu gehen.“ Er begab sich in den Nebenraum und bereitete einen vorzüglichen Mokka.
Und dann saßen Kranich und Friede beisammen am Tisch und besprachen von allen Seiten den sonderbaren Fall „Sommerfield“. Ausnahmsweise redete Kranich diesmal etwas weniger als sonst, und gerade dieser Umstand war für sein ferneres Wohlergehen von entscheidender Bedeutung, denn Friede haßte Schwatzhaftigkeit und ließ sie nur als Mittel zum Zweck gelten — zum Irreführen eines Gegners.
Um acht Uhr war schon ein guter Teil der Akten mit der Maschine abgeschrieben, und alle drei jungen Leute begaben sich zur Bank. Friede löste seinen Scheck ein und gab jedem der Gehilfen hundert Mark.
Dies alles aber war die Ursache, daß Kranichs Wirtin beinahe in Ohnmacht fiel, als der vielversprechende junge Mann gegen halb neun Uhr bedenklich schwankend ihre gute Stube betrat, nachlässig einen Geldschein auf den Tisch warf und mit etwas unsicherer Zunge fragte:
„Können Sie hundert Mark wechseln?“