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1.

1993 Ich schließe Bekanntschaft mit Veteranen aus dem ehemaligen Sowjetischen Speziallagern

Komm doch einmal mit nach Mühlberg. Wir machen dort im April wieder unseren Arbeitseinsatz im Lager. - sagten mir eines Tages Werner, Eberhard und Günter 1993. Mühlberg? Das habe ich noch nie gehört, wo liegt denn das? Na, bei Torgau an der Elbe. - antworteten sie mir. Wir übernachten dort im Nachbarort Neuburgsdorf in einem Gasthof und machen unseren jährlichen Arbeitseinsatz im ehemaligen sowjetrussischen Speziallager. Ich komme drei Tage mit versprach ich.

Wir hatten uns 1992 kennen gelernt, als ich mich für das zeitgeschichtliche Thema "Sowjetische Speziallager" konkret interessierte. Ich arbeitete damals im sächsischen Kultusministerium und wollte für die Schule einen Unterrichtsfilm über solche Speziallager drehen. Inzwischen hatte ich schon einiges gehört und gelesen in diesen ersten Jahren nach der "Friedlichen Revolution" über diese Lager, die davor so gut wie niemand kannte. Glaubte ich bisher, dass das Schlimmste, was ein Mensch erleben und ertragen könnte, die Stasi-Haft gewesen sei. So sollte ich hier erkennen, dass der russische Geheimdienst noch weitaus Schrecklicheres zu bieten hatte.

Meine erste Reise in diese Vergangenheit führte mich damals so nach Mühlberg und Neuburgsdorf an die Elbe und in den nahegelegenen Wald, wo das sogenannte "Speziallager Nr. 1" in der Sowjetischen Besatzungszone bestanden hatte. "Speziallager"? Warum Speziallager? Ward ihr alle Spezialisten? - fragte ich damals ein wenig scherzhaft meine gut zehn Jahre älteren Freunde. Ach, Unsinn! Das war vielleicht Tarnung, der Name. Logisch und sachlich kann Dir das sowieso niemand erklären. Das wissen vielleicht nicht einmal die Russen. - bekam ich zu hören. "Speziallager" ist aber die Originalbezeichnung der Russen und hängt mit der Bezeichnung der Gruppe der Inhaftierten als "Spezialkontingente" zusammen - also für einen speziellen Zweck Inhaftierte. Aber welcher Zweck das genau war, werden wir noch sehen.

Das Lager hatte von 1945 bis 1948 bestanden. Es waren ungefähr Zwanzigtausend Inhaftierte hier durchgegangen, wovon in den drei Jahren ca. Siebentausend zu Tode gemartert wurden. Täglich stapelten sich die Leichen, vor allem im Winter - schrecklich.

Jetzt gibt es Menschen, die sagen: "Ja, das waren doch alles Naziverbrecher."(1) So war auch die SED-Propaganda. Oder wie sagte es doch seinerzeit auch ein wenig "wissenschaftlicher" ein nicht unbekannter Historiker - Professor… - ich konnte es in der Presse lesen: das seien alles "NS - Funktionsträger gewesen" und "somit seien sie auch schuldig." Doch halt, meine Gesprächspartner, damals fast siebzigjährige, gestandene Männer, Arzt, Diplomingenieur, Lehrer, Facharbeiter, Betriebsdirektor, Handwerksmeister. Sie hatten dieses Lager erlebt. Was hatten sie für eine Meinung dazu? Sie sagen, solche öffentlichen Äußerungen könnte man zwar leicht als Dummheit oder Unwissen abtun, aber wenn man die Rolle dieser Leute im öffentlichen Leben betrachte, müsse man eher dazu neigen, dass sie damit ganz gezielt etwas bezwecken wollen, wenn sie falsches Zeugnis ablegen. Irgendjemanden dienen sie damit, genauso wie jene "Antifa-Gruppe B.", die die Gemarterten und Gemordeten in einer Unterschriftensammlung als "Mörder" bezeichnet hat. Gut wäre es da, wenn es eine Gegenbewegung geben würde, etwa eine “Anti-Kommu.“ Aber darauf ist noch niemand gekommen.

Meine Gesprächspartner erzählen mir vom Kriegsende. Sie sollten zuletzt noch als Luftwaffenhelfer eingezogen werden, als der Krieg zu Ende war. 1944/45 beendeten sie gerade die Berufsschule und mussten in ein Wehrertüchtigungslager ins Erzgebirge. Alle aus der ehemaligen Schulklasse wurden von den Russen verhaftet. Nach Verhören und brutalen Quälereien in GPU-Kellern mussten sie ein Protokoll unterschreiben, das in russischer Sprache abgefasst war und das sie nicht lesen konnten. Danach kamen sie ins Lager Mühlberg. Eines von über zehn Lagern in der sowjetrussischen Besatzungszone. Der Jüngste bei uns im Lager ist zwölf Jahre alt gewesen, höre ich. Sagt mal, beginne ich zu fragen, wie konnte ein Zwölfjähriger ein Naziverbrecher sein? Oder, wie konntet ihr, die ihr ja während der zwölf Jahre Naziherrschaft Schüler gewesen seid, wie konntet ihr da zu Naziverbrechern werden? Meine Frage können sie nicht beantworten.

Eberhard sagt: Es lässt sich weder logisch noch sachlich eine Begründung finden. Auch eine Verwechslung oder ein Versehen ist ausgeschlossen, denn es waren Tausende solcher Jugendlicher wie wir, auch viele Mädchen, eingesperrt. Und die juristische Seite? - frage ich noch. Juristisch betrachtet, waren wir in diesen Lagern nur verdächtigt, nur beschuldigt, keinem wurde eine konkrete Schuld nachgewiesen. Es gab kein Gericht, keine Urteile. Alle bestätigten übereinstimmend, dass sie den Eindruck gewannen, dass die Russen auch gar nicht daran interessiert waren, die konkrete Schuldhaftigkeit zu untersuchen. Mein Eindruck war eher, die mussten ein vorgegebenes Soll erfüllen. - meint schließlich Siegfried. Warum sperrten die Sowjets Schüler zu Tausende ins Lager und quälten sie zu Tode? Warum? Diese Frage muss wohl auch 48 Jahre nach dem Kriege unbeantwortet bleiben.

Eberhard schildert die Willkür auch anhand der unterschiedlich langen Haft seiner Schulkameraden und der eigenen: Alle hatten bis Kriegsende die gleiche Biographie, waren derselbe Jahrgang, siebzehn Jahre alt und jünger, gingen zur Berufsschule, alle mussten am Wehrertüchtigungslager teilnehmen. Keiner hatte bis Kriegsende etwas anderes getan. Und doch mussten sie ganz unterschiedliche Lagerhaftzeiten durchleiden:

Von zwölf Jugendlichen zwischen 15 und 17 Jahren mit der gleichen Beschuldigung "Mitglied Werwolf" gewesen zu sein (Die Jugendlichen wussten damals gar nicht, was das war.) wurden zwei nach einem Jahr aus dem Lager Mühlberg entlassen, drei nach drei Jahren aus Mühlberg, vier nach fünf Jahren, also 1950, aus dem Konzentrationslager Buchenwald, einer nach fünf Jahren, einer nach sieben Jahren aus einem GULAG-Lager in Sibirien und einer nach sieben Jahren aus Waldheim, nachdem er dort als "Kriegsverbrecher" in den berüchtigten

"Waldheimer Prozessen" zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt worden war.

Anzumerken ist noch, dass die aus Sibirien entlassenen als "Kriegsgefangene" zurückgekommen sind, obwohl sie nie im Krieg waren.(2) Hier muss wohl keiner Historiker studiert haben, um zu begreifen, dass das nicht zu begreifen ist, dass das reine Willkür ist.

Achim Kilian, einer von ihnen, der das Lager Mühlberg und Buchenwald überlebte und danach im Westen einer der Historiker auf diesem Gebiet wurde, der entgegen anderer Kollegen schon durch das eigene Erleben Kompetenz ausstrahlte, schreit dieses heute überall noch festsitzende und gepflegte Unrecht der Verdächtigungen förmlich aus sich heraus:

"Da nicht erkennbar ist, dass der Herr Professor mit der hier zitierten dpa - Meldung nicht einig geht, muss man folgern, dass er seine Einlassungen trotz unserer oben geäußerten Einwände undifferenziert als gültige Fakten verstanden wissen will. Er spricht von Schuldigen, ohne individuelle Schuld belegen zu können. In dubio pro reo. Oder gibt es für ihn - wie bei den Sowjets - keinen rechtsstaatlichen Umgang mit den vermeintlichen oder tatsächlichen Naziaktivisten, Minderbelasteten, Mitläufern und Unschuldigen im Sowjetischen Speziallager Buchenwald 1945-1950? Will er nicht wahrhaben, dass dies ein Lager für Arrestanten war, in dem nicht ein einziger Verurteilter festgehalten wurde? Will er die noch Lebenden Geschundenen und bis 1990 Verleugneten, die ihm widersprechen, als Lügner diffamieren, die Angehörigen demütigen?"(3)

Ich verstehe seine Erregung und halte es für unzumutbar, wenn Unschuldige wie diese ehemaligen Schüler weiterhin offiziell verleumdet werden dürfen. Und mich verwundert es aufs Äußerste, dass sich deutsche studierte Historiker und Journalisten dafür hergaben, das Martern und Morden in diesen Lagern von einem ganz anderen als von einem rechtsstaatlichen Standpunkt aus zu betrachten.

Ich frage mich, kann man in lautes empörtes Geschrei einstimmen, wenn in Deutschland ein Polizist einen Kindermörder etwas unsanft anfasst, und gleichzeitig öffentlich den Sowjets die Absolution erteilen, wenn sie massenhaft deutsche Frauen vergewaltigten und Zehntausende in Lagern und anderswo umbrachten oder verhungern ließen. Es waren ja nur "NS Funktionsträger". Richtig ist, ein größerer Teil der inhaftierten alten Männer war Mitglied der NSDAP. Aber Mitglied in einer Partei zu sein, bedeutet nicht automatisch ein Verbrecher zu sein. Ein erheblicher Teil der Inhaftierten, darunter die Tausenden Jugendlichen wie meine Freunde, waren nicht Mitglied der NSDAP. Man kann zuweilen den Eindruck haben, dass für politisch Missliebige das Faustrecht und für die Anderen rechtsstaatliche Grundsätze gelten, äußert denn auch Gerhard bedenklich. Du hast recht, sagt Klaus, es scheint bei uns so zu sein: Wenn einer in dieser Richtung verdächtigt wird, ist er vogelfrei. Achim Kilian erläuterte uns damals, warum einzelne Historiker oder Politiker, die sich nie und nimmer in reale kommunistische Haftbedingungen hineindenken können, zu solch abstrusen Schlussfolgerungen kommen. Weil sie es im Westen gewohnt waren, von den Gerichtsakten auszugehen und überzeugt sind, dass dort sachlich richtige Fakten drinstehen. Die "schnallen das nicht" - pflegt mein Freund Wolfgang zu sagen. Die begreifen nicht, dass im Kommunismus Gerichtsakten ein "Instrument des Klassenkampfes" sind und dass dort hineingeschrieben wird nicht was wirklich ist, sondern was "die Partei" wünscht. Die Verwaltungsakten, die ihnen zur Verfügung stehen, enthalten nur Stichworte zur "Beschuldigung". Diese Verwaltungsakten wurden von NKWD - Geheimdienstlern abgefasst und enthalten in der Regel erfundene Gründe, die sich an Vorgaben von oben orientieren. Das heißt z.B., wenn Werwölfe gefunden werden mussten, dann wurden auch welche gefunden, auch wenn es keine gab. Achim Kilian bewies uns damals, dass auch in seinem Fall die Verwaltungsakte je nach Bedarf verändert und gefälscht wurde. Denunziationen und Willkür führten zu Verdächtigungen, Festnahmen und Beschuldigungen, gegen die der Einzelne absolut wehrlos war. Die Einzelakten mit den Vernehmungsprotokollen halten die Russen nach wie vor geheim unter Verschluss. Warum wohl? Wenn sie die "Faschiiiisten" bloßstellen würden, bestände dafür überhaupt kein Grund.(4)

Wir saßen abends im Gasthof von Neuburgsdorf zusammen, tranken Bier und aßen eine deftige Wurstplatte. Keinem der Anwesenden , die drei Jahre in Mühlberg und einige danach noch zwei Jahre in Buchenwald zubringen mussten und die dort jeden Tag dem Tod ins Auge schauten, kommt ein Wort des Hasses auf die Russen über die Lippen. Sie wollen gedenken und erinnern, aber nicht aufrechnen. Sie wissen, hier geht es um das System. Weltverbesserungssysteme mit ihren Ideologien schaffen meist ein Klima und ein Umfeld, das Massenmord und Völkermord begünstigt. Wir diskutieren noch bis in die Nacht hinein. Jeder erzählt mir seine Erlebnisse: GPU-Keller und danach Lager.

Am anderen Tag zeigen sie mir das ehemalige Sowjetische Speziallager Nr. 1 im nahe gelegenen Wald. Früher war hier kein Wald. Wir kommen zuerst an eine breite Allee, die mit Pappeln gesäumt ist. Sie beginnt plötzlich mitten im Wald und endet genauso. Unwillkürlich muss ich an Heideggers Traktat über die Holzwege denken: "Sie führen verschlungen und ziellos in den Wald hinein und enden jäh." Der Sinn, das Ziel, denke ich, bleibt bis heute im Dunkel. Die Lagerstraße endet jäh. Jäh konnte auch das Leben hier enden. Meine Begleiter machen mich entlang der Lagerstraße auf Mauerreste aufmerksam, die sonst kaum zu erkennen wären. Hier standen einst die Baracken zu je 250 Personen, mehrfach umzäunt und gesichert. Wir gehen etwas seitwärts in den Wald und stoßen auf größere Mauerreste mit gewölbten Fundamenten. Hier befanden sich die Latrinen für ca. Zehntausend Gefangene. Dann kommen wir zum Gelände zwischen den Bäumen, wo ca. 50 Holzkreuze stehen, wo die Toten damals namenlos verscharrt wurden. Die Angehörigen wurden nicht benachrichtigt.

Erst vierzig Jahre nach dem Ende der DDR erfuhren viele Familien erstmalig vom Schicksal ihrer Angehörigen. Das Gelände wird gesäubert, geharkt, Blumen gepflanzt. Eine Art Friedhof entsteht. Meiner Meinung nach ist das zunächst ein Provisorium, dem noch eine würdigere Gedenkstätte folgen muss. Aber der Anfang ist mühevoll, doch ehrenhaft. Wenn ich mir überlege, dass ca. 7.000 Menschen hier umgekommen sind. Da müsste schon etwas Größeres entstehen.

Am Abend saßen wir dann wieder im Gasthof zusammen. Meine Fragen fand man nicht lästig. Vierzig Jahre mussten sie schweigen. Jetzt konnten sie mir oder den Angehörigen erzählen, wie es wirklich war. Jetzt erst konnte sich ihre Seele befreien von dem jahrzehntelangen Druck, der auf sie gelastet hatte. Ich nahm das auf als ein starkes Erlebnis und suchte nach Parallelen, nach den Wurzeln von Gewalt und Terror gegen Andersdenkende in der DDR, nach den Wurzeln des Agierens der Stasi, die selbst die Gesetze der DDR nicht respektiert hatte. Wenn ich heute die aktuellsten Werke von Historikern, u.a. "Verdrängter Terror", von Bettina Greiner,(5) mit unseren Feststellungen vergleiche, die wir damals 1993 in unseren Gesprächen und Diskussionen über die Sowjetischen Speziallager trafen, dann sind diese Erkenntnisse nicht neu: Dass Gewalt und Terror das Lagerleben bestimmte, dass diese Lager im Grunde nichts anderes waren als Konzentrationslager, dass die Lagerinsassen vollkommen entrechtet und ständig unterversorgt dahinvegetieren mussten bis sie schließlich verendeten, oder dass die angebliche Entnazifizierung ein ausgemachter Schwindel war. Das alles ist nicht neu, das haben wir auch schon damals so gesehen, aber es ist heute immerhin tausendfach auch wissenschaftlich belegt und bewiesen.

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