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1929: Ein deutscher Kommunist erfährt die Höllenqualen tschekistischer Haft auf der "Teufelsinsel" im Weißen Meer - russische Schicksale
Jetzt lassen wir einmal einzelne Zeitzeugen reden, die das erlebt haben und die das so wiedergeben als wäre es gestern gewesen. Wie war das Verhaftet werden wie war das Weggesperrtsein bei den Sowjets wirklich? Wie hat das der Einzelne erlebt?
Damit wir ein wenig die Kontinuität der Lager und die Art des Umgangs der tapferen Tschekisten mit den verhafteten Delinquenten verfolgen können, beginnen wir in Solowki 1929, im „Lager zur besonderen Verwendung". Solowki befindet sich auf der Solowetzki - Hauptinsel am Ausgang der Onega - Bucht ins Weiße Meer. Für die in der Geographie unkundigen Leser sei noch hinzugefügt, dass dies ungefähr am nördlichen Polarkreis ist. Unser Zeitzeuge ist Karl Albrecht, der 1897 in Württemberg geborene, erfahrene Kommunist, der 1924 als Forstfachmann nach Sowjetrussland ging, etwa wie Max Hölz und andere, um den Kommunismus aufbauen zu helfen. An seinen detaillierten Schilderungen bemerken wir unschwer die „rote Linie", wie sie immer geradeaus führt, wie sie weder Umwege geht noch in Schwankungen verfällt wie etwa der Aktienkurs an der New Yorker Börse, nein, nein, immer geradeaus, bis zu dem denkwürdigen Tag, als uns alle Erich Mielke 1989 in Berlin mit dem erschütternden Eingeständnis verblüffte: "Ich liebe doch alle, alle Menschen!".
Natürlich, kaum einer wird diese Insel kennen, wer möchte schon dorthin? Im Volksmund wird sie Toteninsel genannt, manchmal auch Teufelsinsel. Auch Robert Steigerwald kannte sie nicht, als er 1977 in Frankfurt am Main schrieb: "Weil ich nicht verrückt bin, bin ich Kommunist".(18) Auch der berühmte "Deutschlibanese" El Masri kannte die Insel nicht als er 2008 Monate lang versuchte, uns Ostdeutschen tagtäglich seine Geschichte schmackhaft zu machen. Karl Albrecht war ebenfalls nicht verrückt. Trotzdem hat er es auf sich genommen, dieses Lager im Winter 1928/29, natürlich in amtlicher Begleitung des Genossen Nogtew zu besichtigen. In diesen Erinnerungen erzählt er unter anderem: "Die Lagerleitung erklärte uns, sie verfolge den Zweck, mit Hilfe dieser (weggesperrten) Fachleute und Gelehrten die nötigen Vorarbeiten für die von Moskau geplante Besiedlung des Nordens durchzuführen. Nogtew meinte dann noch, dass er heute jeden Spezialisten hierher „holen" könne, wenn er „neuen Bedarf" habe, um die Arbeiten fortzuführen…Ich hörte von einem Professor. Am Abend des ersten Tages unseres Aufenthaltes auf den Solowetzker-Inseln wurde im Theatersaal des großen Klubhauses eine Sondervorstellung gegeben. Zahlreiche Gefangene waren die Zuschauer. In den Pausen benutzte ich die Gelegenheit, mich unter die Gefangenen zu mischen. Aus den kurzen Gesprächen mit ihnen bekam ich allmählich einen Eindruck von dem wirklichen Leben, wie es sich auf Solowki täglich abzuspielen pflegte. Obgleich sich in meiner Nähe dauernd Leute aufhielten, die sicherlich von der Lagerleitung zu meiner persönlichen Überwachung beordert worden waren, gelang es mir doch, eine Reihe von Einzelheiten zu erfahren. Hier in Solowki hatte ich die Gelegenheit, einmal einen tiefen Blick hinter die Kulissen der Sowjetjustiz zu tun. Vorsichtshalber hatte ich meine Freunde gebeten, sich in den Pausen ebenfalls unter die Gefangenen zu mischen und zu versuchen, die Aufmerksamkeit der Lagerbeamten von mir abzulenken. Dies gelang auch, so dass ich immerhin mehrere unbemerkte Gespräche führen konnte. Von einigen Gefangenen wurde mir gesagt. Ich solle doch einmal unvorbereitet eine Besichtigung der schweren Moorarbeiten oder der Waldarbeiten durchführen, dann würde ich bald erfahren, wie hier die Wirklichkeit aussähe…Von anderen Gefangenen wurde mir gesagt, dass am Tage vor unserer Ankunft überall dort, wohin wir nachher geführt wurden, eine "Generalprobe" abgehalten worden wäre einer der Gefangenen flüsterte mir zu, dass im vergangenen Winter mehrere hundert Gefangene, welche sich in ihrer Verzweiflung gemeinsam gegen die unmenschlichen Arbeitsbedingungen aufgelehnt hätten - man habe täglich ohne einen einzigen Ruhetag mehr als 14 Stunden ununterbrochen ohne ausreichende Verpflegung im Moorbruch oder im Wald schwer arbeiten müssen - einfach an den Rand des halb zugefrorenen Meeres getrieben, wo sie mit Maschinengewehren zusammengeschossen und dann in das Meer geworfen worden seien. Ein anderer sagte mir, ich möchte doch Nogtew den Vorschlag machen, dass er eine seiner üblichen "Schießübungen" auf lebende Ziele abhalten möge. Es gäbe nämlich ganz in der Nähe von Nogtews Wohnung eine besondere Mauer, auf deren dachartig zugespitzten First die der Lagerleitung irgendwie missliebig gewordenen Gefangenen, insbesondere heimatlos gewordene Kinder (Besprisorniki), gesetzt würden, auf die dann von den meist völlig betrunkenen Lagerführern mit Pistolen geschossen würde. Die Unglücklichen würden vorher nackt ausgezogen und im Reitsitz auf diesen First gesetzt, so dass sie förmlich an die Mauer anfroren. Die Körper pflegten auch dann noch als Zielscheibe zu dienen, wenn sie bereits von mehreren Kugeln getroffen worden waren. Sie waren festgefroren und konnten also nicht herunterfallen."(19)
Einige Jahre später 1930/31 war Karl Albrecht selbst Gefangener der tapferen Tschekisten: "Eines Tages wurde ich völlig unerwartet mitten in der Nacht aus dem Gefängnis abgeholt. Zuerst wurde ich in das Polizeigefängnis in Sokolniki gebracht und dort drei Tage in einer völlig verunreinigten engen, ungeheizten Kellerzelle in Einzelhaft gehalten. Als ich mich über die erbärmliche Unterkunft beschwerte, drohte man mir, mich in eine Gemeinschaftszelle mit Berufsverbrechern zu legen.
Am Abend des vierten Tages wurde ich wieder in das Taganka-Gefängnis überführt. Hier blieb ich mehrere Tage in strenger Absonderung in einer Einzelzelle. Dann wurde mir von Schelesnikow eröffnet, dass mein Verfahren abgeschlossen worden sei und dass ich mich am kommenden Tage vor dem Revolutionstribunal zu verantworten hätte. Gleichzeitig wurde mir die Anklageschrift ausgehändigt. Sie war von lakonischer Kürze: Ich wurde beschuldigt, deutscher Spion zu sein und für den deutschen Generalstab gearbeitet zu haben. Die Todesstrafe wurde nach § 58 des Strafgesetzbuches der RFSSR beantragt. Die GPU hatte also sechzehn Monate Zeit gebraucht, um diese armselige Anklageschrift zustande zu bringen."
"Die Insassen in meiner Zelle konnten in vier Kategorien eingeteilt werden: Intelligenzler, Arbeiter, Bauern, und rein kriminelle Elemente, sogenannte „Spanna" oder „Ukri".
Wie ich bald feststellte, waren in meiner Zelle sehr viele Angehörige der Intelligenz, - (Anmerkung des Autors: Kein Wunder, bei Lenins Orientierung: „In welchem Dorf, in welcher Stadt gibt es keine Saboteure, die sich Intellektuelle nennen?") - etwa 20 Prozent Arbeiter, und etwa 40 Prozent Bauern. Der Rest bestand in den in der Sowjetunion in erschreckender Zahl vorhandenen jungen Taugenichtsen, Dieben, Einbrechern und dgl.(20)
Aus der Fülle der Einzelschicksale, die Karl Albrecht in den Jahren ab 1930/31 kennen lernte, wollen wir einige herausgreifen, bevor wir uns wieder in die Nachkriegsmonate und Jahre nach Ostdeutschland, mit einem Zeitsprung nach 1945 begeben:
Professor Syrnikow:
"Eines Tages wurde er in unsere Zelle gestoßen. Scheu verkroch er sich in den dunkelsten Winkel. Erst nach einigen Tagen gelang es mir, festzustellen, dass dieser in dürftige Kleider gehüllte, völlig weißhaarige Mann ein russischer Hochschulprofessor war und noch nicht einmal 50 Jahre zählte. Sein Name war Wladimir Iwanowitsch Syrnikow. Er erzählte mir mit zitternder, ängstlicher Stimme von seinem Leidensweg.
Syrnikow wurde eines Tages von der Vorlesung weg durch zwei GPU-Leute abgeholt und in das Bezirkspolizeigefängnis gebracht. Gleich bei seiner Einlieferung wurde er von einem GPU-Beamten aufgefordert, über seine Beziehungen zum Auslande und seine angebliche Spionagetätigkeit für Frankreich und Deutschland Auskunft zu geben.
Man verlangte von ihm genaue Angaben darüber, mit wem er sich anlässlich seiner Teilnahme an einem wissenschaftlichen Kongress in Deutschland im Vorjahr getroffen und welche "Aufträge" von deutschen Dienststellen er dabei übernommen habe. Man hielt ihm vor, dass er mit einer Reihe russischer Emigranten seit Jahren in Fühlung stehe und anlässlich einer Studienreise nach dem Auslande mit führenden Persönlichkeiten dieser Emigrantenkreise mehrmals Zusammenkünfte gehabt habe. Syrnikow beteuerte, dass an all diesen Beschuldigungen kein wahres Wort sei, und dass er auch bei seinen Vernehmungen diese immer wieder ausgesagt habe. Er habe sich niemals mit Politik befasst und sei ausschließlich aus wissenschaftlichem Interesse und natürlich mit Genehmigung der Sowjetbehörden ins Ausland gereist. Außerdem habe er sich stets ängstlich davor gehütet, im Auslande mit Personen zusammenzukommen, durch deren Verkehr er irgendwie verdächtig werden könnte. Doch alle seine Beteuerungen nützten ihm nichts.
"Na, dann wollen wir abwarten, was Sie uns nach zwei Monaten freiwillig sagen werden!" So schloss der GPU. - Mann die Vernehmung. Syrnikow wurde aus seiner Einzelzelle in einen Gemeinschaftskellerraum des Bezirksgefängnisses überführt. Dort wurde er mit lärmendem Gejohle von den meist jugendlichen Insassen in Empfang genommen. Seine Zellengenossen waren durchweg berufsmäßige Kriminalverbrecher, sogenannte "Ukri" oder "Spanna". Ohne die Anwesenheit des Gefängniswärters auch nur im Geringsten zu beachten, spielten sie Karten und schrien und beschimpften einander mit den unflätigsten, abscheulichsten Worten. Kaum hatte sich Syrnikow auf einer der verwahrlosten Pritschen niedergelassen, als ihm aus einer Ecke der Zelle zugerufen wurde: "Zieh mal deinen Mantel aus und bring ihn her!" Syrnikow, der damals noch bei vollen Kräften war, weigerte sich, dieser Aufforderung nachzukommen. Darauf stürzten sich mehrere der jungen Banditen auf ihn, schlugen ihm die Brille von der Nase und zogen ihn unter dem Gelächter aller Anwesenden buchstäblich bis auf das Hemd aus. Syrnikow, der sich mit allen Kräften gegen diese Vergewaltigung zu wehren versucht hatte, wurde mit Fäusten und Füßen grün und blau geschlagen.
Er rief laut um Hilfe. Die Zelleninsassen lachten dazu nur und sagten höhnisch, er könne lange schreien, hier herein traue sich niemand. Hierher komme keine Hilfe. Und in der Tat ließ sich, trotz seiner verzweifelten Schreie kein Gefängniswärter sehen. Syrnikow musste dann mit ansehen, wie die Berufsverbrecher unter sich der Reihe nach seine Bekleidungsstücke im Kartenspiel gegeneinander ausspielten. Noch in derselben Nacht, als er vor Aufregung und Angst kein Auge schließen konnte, sah er, wie sich leise die Zellentür öffnete und alle seine Sachen von dem Anführer der Bande an den Gefängniswärter ausgeliefert wurden.
Am darauffolgenden Morgen meldete Syrnikow dem Diensttuenden, was sich in der Nacht zugetragen hatte. Obwohl dieser sah, dass Syrnikow nur im Hemd, mit zerschlagenem Gesicht vor ihm stand, hatte er ihn ausgelacht mit der Erklärung, er solle keine Räubergeschichten erzählen, so etwas käme auf dieser Polizeistation nicht vor. Volle vier Wochen musste Professor Syrnikow dieses Martyrium ertragen. Seine Angehörigen, die ihn endlich mit großer Mühe ausfindig gemacht hatten, schickten ihm Tag für Tag Nahrungsmittel und Gebrauchsgegenstände. Die Pakete wurden ihm aber sofort von dem Anführer der "Ukri" weggenommen. Syrnikow wurde jedes Mal gezwungen, den Empfang der Pakete zu bestätigen und auf einem Zettel an seine Angehörigen Wünsche aufzuschreiben, die ihm von den Banditen diktiert wurden. So sehr Syrnikow sich auch sträubte, von seinen Angehörigen etwas zu erbitten, - er musste sich, um brutalen Misshandlungen zu entgehen, dem Willen dieser Verbrecherbande völlig fügen. So musste er zusehen, wie die von seinen Angehörigen unter größten persönlichen Entbehrungen und Opfern am Munde abgesparten Nahrungsmittel von der Gaunerbande verschlungen wurde. Er wehrte sich immer wieder gegen diese ungeheuerlichen Erpressungen. Zuletzt musste er einsehen, dass die Polizeibeamten mit den Berufsverbrechern unter einer Decke steckten und Hand in Hand mit ihnen arbeiteten. Da verlor Syrnikow jeden Mut, sich gegen diese furchtbaren Zustände zur Wehr zu setzten. Er wurde zum willenlosen Ausbeutungsobjekt der Bande uniformierter und nicht uniformierter Diebe und Erpresser. Als nach einem Monat der GPU-Beamte, der ihn seinerzeit vernommen hatte, ihn wieder vorlud und höhnisch fragte, ob er immer noch behaupten wolle, unschuldig zu sein, war er mit seinen Nerven dermaßen heruntergekommen, dass er alles bejahte, was ihm an Verbrechen zudiktiert wurde.
Daraufhin wurde er aus der Gemeinschaftszelle des Polizeigefängnisses in unsere Zelle 62 im Butyrkigefängnis überführt. Nach einiger Zeit wurde er aus unserer Zelle wieder zur Vernehmung gerufen. Da er sich inzwischen etwas erholt hatte, versuchte er, sein "Geständnis" mit dem Hinweis auf die Erpressungen zu widerrufen. Darauf drohte ihm aber der GPU-Beamte, ihn sofort wieder in die furchtbare Gemeinschaft mit den Berufsverbrechern zurückbringen zu lassen. Und da zog der alte Gelehrte es denn vor, alles zu unterschreiben, statt erneut in die Verbrecherzelle zu kommen.
Schon wenige Tage später wurde Professor Syrnikow aus unserer Zelle abgeführt. Aus Inschriften in der Badezelle sahen wir später, dass er tatsächlich erschossen worden war. Gelehrtenschicksal in der UdSSR."
Arbeiterkommunist Iwanow:
"Eines Abends, als wir Zellengenossen wieder einmal über Politik diskutierten, holte der von uns allen wegen seines ruhigen Wesens und seiner Kameradschaftlichkeit sehr beliebte ehemalige Arbeiter und spätere Maschinenbauingenieur Peter Alexandrowitsch Iwanow tief Luft und begann , seine unerschütterliche Stalintreue zu begründen.
Peter Alexandrowitsch erklärte zu Beginn seiner Ausführungen, dass er durch Schilderung seines eigenen Werdeganges zeigen wolle, warum er überzeugter Kommunist geworden sei und auch heute noch Stalin und der Parteiführung unverbrüchliche Treue bis in den Tod halten wolle.
Er erzählte:
`Mein Vater war vor der Revolution ein armer Maschinenschlosser in einer der vielen Textilfabriken in Iwanowo-Wosnessensk. Wir waren acht Kinder. Er erhielt einen Wochenlohn von etwa zwölf Rubeln. Ich war der jüngste meiner Geschwister. Infolge der Armut unserer Eltern konnte jeder von ihnen die Volksschule nur so lange besuchen, um lesen und schreiben zu erlernen. In eine höhere Schule gehen war undenkbar. Wie alle meine Brüder, so musste auch ich mit elf Jahren als Hilfsarbeiter in die gleiche Fabrik eintreten. Ich wurde in der Reparaturwerkstatt beschäftigt. Ich bekam bei zehnstündiger Arbeitszeit zwei Rubel Arbeitslohn. Leidenschaftlich gern hätte ich eine höhere technische Schule besucht. Allein die Erfüllung dieses Wunsches blieb mir versagt. Während die Kinder der bessergestellten Familien eine glückliche Kindheit und sorgenfreie Jugend verleben konnten, mussten meine Brüder und ich in der stickigen Luft der alten Textilfabrik schuften. Jugend - und Arbeitsschutzgesetze gab es damals nicht. Obwohl ich nur wenig freie Zeit hatte und immer sehr müde war, beschäftigte ich mich in jeder freien Stunde mit technischen Basteleien. Als ich knapp vierzehn Jahre alt war, gelang es mir, in mühevoller Nächtearbeit und mit großem Fleiß eine kleine Dampfmaschine aus Abfallstücken unserer Werkstatt zusammenzubauen. Diese erste Arbeit war mein großer Stolz. und meine einzige Freude. Mein Vater hegte die Hoffnung, dass der Brotherr unserer Familie, der reiche Fabrikant Meyerowitsch, vielleicht geneigt sein würde, dem jüngsten der acht Kinder seines Arbeiters Iwanow die Mittel zum Studium im Technikum vorzuschießen, wenn er ihm diese gelungene Arbeit eines erst Vierzehnjährigen vorzeige.
Klopfenden Herzens erwartete ich die Rückkehr meines Vaters von diesem Bittgang. Spät nach Mitternacht kam er heim. Wir wohnten in einer alten, dem Fabrikanten gehörenden Mietskaserne in zwei dunklen, feuchten Kellerräumen. Die Miete wurde dem Vater, wie allen anderen Arbeitern, jeden Zahltag gleich vom Arbeitslohn einbehalten. Schon von weitem hörte ich grölenden Lärm. Da wusste ich, dass mein Vater vergeblich um Hilfe gebeten hatte. Mein sonst so nüchterner Vater wurde von zwei Arbeitskameraden betrunken nach Hause gebracht. Er war sehr verbittert. Als er nämlich zögernd seine Bitte vorgetragen hätte, mir, seinem jüngsten Sohn, zum Studium zu verhelfen, hätte ihn der Fabrikant ausgelacht und dann beinahe zur Tür hinausgeworfen. Er habe ihm dabei grobe Vorhaltungen gemacht, wieso er sich unterstehen könne, ihn mit einer solchen frechen Forderung zu belästigen. Auch der Hinweis meines Vaters, dass er bereits 30 Jahre im Betrieb des Fabrikbesitzers treu und gewissenhaft seine Pflicht getan habe, und dass auch seine Frau sowie alle seine acht Kinder seit dem Tag ihrer Schulentlassung bei ihm in Arbeit ständen, übten nicht den geringsten Einfluss aus.
So stürzten meine Kindheitsträume in sich zusammen. Bitterster Groll erfüllte mich. Tiefster Hass gegen alle Besitzenden trieb mich frühzeitig in die Reihen der Unzufriedenen. Tag für Tag, Jahr für Jahr habe ich in der Fabrik dieses Textilindustriellen als schlecht bezahlte Arbeitskraft zehn Stunden lang schwere Arbeit verrichtet.
Dann kam der Krieg. Meine vier ältesten Brüder kamen an die Front. Drei sind gefallen, einer kam als Krüppel heim. Dann kam die Revolution. Ich wurde damals 19 Jahre alt. Schon während des Krieges hatte ich mit den Revolutionären Fühlung gehabt. Es ist wohl selbstverständlich, dass wir jungen Arbeiter uns mit unserem ganzen Herzen zu den Bolschewisten bekannten. Ich war überglücklich, nun doch noch studieren, Ingenieur werden zu können. Von diesem Augenblick an war ich fest entschlossen, alles zu tun, um dieser Partei zu dienen.
Inzwischen nahm die Revolution ihren Fortgang. Die Bolschewiken - meine von mir vergötterte Partei - übernahm die Macht. Mit hunderten meiner Arbeitskameraden stand ich in den Reihen der bewaffneten revolutionären Arbeiterschaft von Iwanowo -Wosnessensk. Ich kämpfte leidenschaftlich für den Sieg der Bolschewisten. Zwei Jahre waren vergangen. Ich war immer noch in der Roten Armee und kämpfte in ihren Reihen gegen die Weiße Armee Koltschaks in Sibirien. Eines Tages kam ich zu Besuch zu meinem alten Vater, der inzwischen als einer der ältesten Arbeiter des Betriebes Mitglied des Verwaltungsrates der Textilfabrik geworden war. Ich sah, die Partei hatte ein Versprechen eingelöst, sie hatte die Fabriken den Arbeitern übergeben. Und dann kam ich zum Studium nach Moskau. Ich erhielt ein Staatsstipendium. So war ich denn endlich am Ziel. Ich konnte meinen Kindheitstraum verwirklichen, ich konnte mich dem Studium widmen und mit Hilfe der Partei doch noch Ingenieur werden.
Es ist deshalb eine Pflicht der Dankbarkeit, wenn ich dieser Partei auch jetzt noch die Treue halte. Ich werde bis zum Ende ein kämpferischer Vertreter der Stalinschen Generallinie bleiben, auch wenn es mir noch so schwer fällt. Es ist nicht meine Sache, Kritik an der Tätigkeit meiner eigenen Klassenregierung zu üben. Meine Aufgabe ist, blind zu gehorchen und schweigend das auszuführen und auf mich zu nehmen, was meine Partei mir befiehlt. Und selbst dann, wenn die Partei mir befielt, ich müsse dieses oder jenes Verbrechen als meine Schuld bekennen und auf mich nehmen, wenn sie mich in ein Konzentrationslager oder in den Tod schickt, so habe ich mich auch diesem Befehl schweigend und gehorsam unterzuordnen.
Während dieser Worte eines Bolschewiken, der lieber schuldlos sterben wollte, als seine Partei zusammenbrechen zu sehen, herrschte lautlose Stille in unserer Zelle. Ein alter General wischte sich die Augen und sagte voll Mitgefühl und Trauer: `Ist es nicht jammerschade um diesen prächtigen Menschen und ehrlichen Kommunisten? Ist es nicht eine furchtbare Tragödie, dass so oft auch die Edlen und Guten unseres armen, unglücklichen Volkes und aller anderen Völker sich von diesen heuchlerischen Lügnern verführen lassen? Iwanow blieb nicht mehr lange bei uns. Eines Abends wurde er gemeinsam mit einer Gruppe anderer "ohne Gepäck" aus der Kammer gerufen. Sicherlich ist Iwanow tapfer gestorben. Oder dämmerte ihm doch in seiner letzten Minute eine Ahnung davon, dass…."
Rotarmist Koslow:
"Viel Abwechslung und Humor brachte in unsere gedrückte Stimmung der 24-jährige Rotarmist Koslow. Er war einer jener Menschen, die in allen noch so schwierigen Lebenslagen ihren natürlichen Humor nicht verlieren. Mehrere Wochen herrschte in unserer Zelle an jedem Morgen, wenn auch nur für wenige Minuten, eine verhältnismäßig gute Stimmung. Sie kam daher, dass Koslow in dieser Zeit immer über die Erlebnisse in der vergangenen Nacht berichtete. Koslow wurde seit Wochen, Nacht für Nacht, von einem Tschekisten zur Vernehmung gerufen. Jeden Morgen kam er dann pünktlich vor der Ausgabe der Tagesration von der Vernehmung zurück. Seine Taschen waren vollgestopft mit Butterbroten und Zigaretten, die er von dem Vernehmer während und nach der Vernehmung großzügig zugesteckt erhielt. Denn Koslow war ein seltener Vogel. Er sollte als Kronzeuge in einem öffentlichen Prozess auftreten, in welchem eine Reihe höherer Offiziere der Roten Armee wegen Hoch- und Landes-verrat verurteilt werden sollten. Koslow war ein intelligenter Bauernbursche aus dem Rjasaner Gouvernement. Er hatte eine so lebendige Phantasie, dass sie sogar für einen GPU-Vernehmer zu ausschweifend war. Jeden Morgen also setzte er sich an das Ende unseres Zellentisches und spielte uns vor, was sich in der Nacht an Fragen und Antworten zwischen ihm und seinem Vernehmer zugetragen hatte. Obwohl Koslow zu Anfang immer erklärt hatte, er wisse über eine Verschwörung in den Moskauer Militärkreisen nichts, wurde er durch Drohungen seines sehr jugendlichen Vernehmers gezwungen, über eine "Verschwörung" in den obersten Militärkreisen Aussagen zu machen. Als einfacher Rotarmist war er sicherlich niemals mit höheren Militärpersonen zusammengekommen, es sei denn auf dem Kasernenhof. Seiner Natur nach lag ihm bestimmt auch alles andere näher, als sich an einer Verschwörung gegen den Staat oder die Partei zu beteiligen.
Seine Verhaftung verdankte er einem unvorsichtigen Briefwechsel mit seinen Angehörigen auf dem Lande. Er hatte mehrmals geschrieben, dass in Rotarmistenkreisen große Unzufriedenheit mit der gegenwärtigen Lage der Bauernschaft herrsche, während seine Angehörigen ihm wiederum Jammerbriefe über die Ergebnisse der Zwangskollektivierung schrieben. Koslow war leichtsinnig, alle diese Briefe aufzubewahren und sie teilweise auch seinen Stubenkameraden vorzulesen. Bei dieser Gelegenheit war es immer zu lebhaften Diskussionen gekommen. Die meisten Rotarmisten waren Bauernsöhne und mit den Zuständen in der Landwirtschaft, namentlich mit der Kollektivierung, ganz und gar nicht zufrieden.
Unter seinen Stubenkameraden hatte Koslow einen jungen Moskauer Arbeiter, der Jungkommunist war und fanatisch auf die "Generallinie der Partei" schwor, die er nicht verstand. Dieser Jungkommunist hatte dem politischen Kommissar der Truppe von dem Schriftwechsel Koslows mit seinen Angehörigen und den politischen Diskussionen in Kenntnis gesetzt. Das war Koslow zum Verhängnis geworden. Er wurde sofort verhaftet. Ihm wurde zuerst zum Vorwurf gemacht, die Briefe besonders verabredet zu haben, um damit innerhalb der Roten Armee unauffällig "staatsfeindliche Propaganda" betreiben und seine Armeekameraden zu Meutereien gegen den Staat aufwiegeln zu können.
Mit der ihm pfiffigen Bauernschlauheit hatte Koslow bald begriffen, dass die Beteuerungen seiner Unschuld völlig zwecklos waren und die Verurteilung so oder so zur Abschreckung seiner Kameraden zweifellos durchgeführt und wenn er nicht "gestehe", besonders exemplarisch ausfallen würde.
Er hatte sich deshalb vorgenommen, dem Wunsche seines Vernehmers nachzugeben und ihm möglichst viel über eine "Verschwörung" in der Moskauer Garnison zu berichten. Er wollte im Rahmen seiner gegenwärtigen Verhältnisse alle für ihn erreichbaren Vorteile herausholen, die ihm zugänglich waren, wenn er "geständig" war. So erzählte uns Koslow jeden Morgen die tollsten und phantastischsten Räubergeschichten, die er in der Nacht vorher bei der Vernehmung seinem Tschekisten auf dessen Zureden hin über die angeblich im Gang befindliche Verschwörung "gestanden" hatte. Koslow erzählte uns offenherzig, dass natürlich kein Wort an all diesen "Geständnissen" wahr sei, und dass er sich selbstverständlich hüte, Namen von Menschen anzugeben, die er kenne und denen er dadurch Schaden zufügen würde. Eines Morgens erzählte er uns, dass der Vernehmer ihn in der Nacht gefragt habe, ob seine Verschwörergruppe nicht auch ein Attentat auf Stalin beabsichtige. "Selbstverständlich", habe er prompt geantwortet, "hatten wir ein Attentat auf Stalin vorgehabt." Ob das Attentat während einer Parade durchgeführt werden sollte? - fragte der Vernehmer. "Natürlich bei einer Parade, wo denn sonst?" - antwortete Koslow. So hatte er es verstanden, volle vier Wochen den eifrigen Tschekisten in Hochspannung zu halten. Dieser junge Mann glaubte wirklich, eine glänzende Karriere mit seiner "Entdeckung" machen zu können. Damit ihm diese hochpolitische Aktion nicht etwa von einem Dienstälteren weggenommen werden konnte, hatte er lange darüber geschwiegen, was ihm Koslow alles "gestanden" hatte, bis das Vernehmungsmaterial, das einen geradezu ungeheuerlichen Umfang angenommen hatte, von ihm abgeschlossen worden war. Jetzt erst gab er seinem Vorgesetzten von dem Resultat seiner vier Wochen lang in fieberhaftem Eifer geführten Vernehmungen Kenntnis.
Koslow hatte sich während dieser vier Wochen an den Butterbroten, dem Tee und den Zigaretten seines Vernehmers gütlich getan und jeden Morgen den Inhalt seiner bei der Vernehmung gefüllten Taschen an seine Zellenkameraden ausgeteilt. Als der Vernehmer die Vernehmungen für abgeschlossen hielt, blieb Koslow mehrere Tage unbelästigt. Dann wurde er eines Nachts wieder gerufen. Überraschend schnell kam er zurück und erklärte uns: `Heute Nacht ist die Bombe geplatzt! ‘Unter atemloser Spannung der Zellengenossen erzählte er dann, dass er in ein großes Zimmer geführt wurde, in dem viele GPU- und Truppenkommandeure zugegen waren, desgleichen auch sein aufgeregter Vernehmer. Er musste sich in die Mitte des Zimmers stellen, wo er von den im Halbkreis herum Sitzenden ins Auge gefasst wurde. Er wurde gefragt, ob er zu seinen Aussagen, die vor dem Vernehmer gemacht habe, voll und ganz stehe, und ob er bereit sei, diese Aussagen auch vor dem Militärgericht zu wiederholen. Hierauf hatte er keine Antwort gegeben. Dann stellte man die Frage, wer das Haupt der Verschwörung sei. Koslow sah zu seinem Vernehmer hinüber. Es schien ihm als ob ihm dieser den Namen "Woroschilow" vorsage. So erklärte er prompt mit lauter Stimme: "Woroschilow!"
Alle Anwesenden waren von ihren Sitzen aufgesprungen, schrien durcheinander, dies sei doch unmöglich, und brüllten ihn an, wieso er denn zu dieser Behauptung käme. Hierauf habe Koslow gelassen erwidert: "Nun, Woroschilow ist doch unser Armeeführer; er muss doch die ganze Sache machen!"
Jetzt erst - so erzählte Koslow - merkten die versammelten Kommandeure, dass sie einem gerissenen Bauernburschen vor sich hatten, der es verstanden hatte, vier Wochen lang den Vernehmer zu übertölpeln.
Als die Versammlung sich etwas beruhigt hatte, wurde Koslow gefragt, wie er dazu gekommen sei, derart unwahre Angaben zu machen. Er erwiderte, dass ihm die ganze Vernehmungsprozedur Spaß gemacht habe. Zuerst habe er ja wahrheitsgetreu gesagt, dass er von einer Verschwörung nichts wisse. Da ihn aber der Vernehmer angeschrien habe und weil er ihn nicht weiter erzürnen wollte, habe er auf alle seine Fragen eben mit "ja" geantwortet. Von diesem Tag an waren die Vernehmungen des Rotarmisten Koslow natürlich zu Ende, und zu Ende waren auch die guten Tage.
Einige Tage später wurde Koslow "mit Sachen" herausgerufen. Was mit ihm weiter geschah, ist leider nicht bekannt."
Werkmeister Sacharow:
Sehr lebhaft beteiligte sich an den Diskussionen in unserer Zelle der etwa 50 Jahre alte Werkstättenmeister Sacharow, ein intelligenter aufgeweckter, ehemaliger Schlosser der bekannten Lokomotivfabrik Kolomna. Sacharow war drei Jahre in deutscher Kriegsgefangenschaft gewesen (im I. Weltkrieg). Er arbeitete damals bei Krupp, kannte also die Auslandsverhältnisse. Nun saß er bereits drei Jahre im Butyrkigefängnis. Die GPU beschuldigte ihn trotzkistischer Propaganda und der Sabotage, da Lokomotivreparaturen, die in der von ihm geleiteten Reparaturwerkstatt ausgeführt wurden, "durch sein Verschulden" nicht fristgemäß beendet worden seien. Sacharow war in einer öffentlichen Betriebsversammlung von dem Chef seiner Vorgesetzten Dienststelle, der als Hauptverantwortlicher die Schuld von sich abwälzen wollte, kurzerhand der Sabotage beschuldigt worden. Er hatte sich sofort mit aller Kraft gegen diese Beschuldigung gewehrt, da er wohl wusste, dass diese öffentliche Anschuldigung das Signal zur Verhaftung war. Er versuchte , nachzuweisen, dass die Reparaturen lediglich deshalb nicht zu Ende gebracht werden konnten, weil die von ihm angeforderten notwendigen Ersatzteile für die Lokomotiven teils überhaupt nicht, teils nicht zur rechten Zeit von der Materialverwaltung seines Kommissariats angeliefert wurden. Er war damals von seiner übergeordneten Dienststelle aufgefordert worden, ohne viel Worte zu machen, an Stelle der fehlenden neuen Teile eben die alten unbrauchbar gewordenen und zerbrochenen Stücke notdürftig, so gut es eben ginge, zusammenzuflicken und sie als neue einzubauen. Dann sollte er die Meldung durchgeben, dass die zur Reparatur bestimmten Lokomotiven völlig überholt und betriebsbereit seien. Er wurde persönlich dafür verantwortlich, gemacht, dass sämtliche Lokomotiven zum vorgeschriebenen Termin von der Werkstattleitung abgeliefert werden.
Sacharow hatte gegen diese Anordnung scharf protestiert und auf die Folgen eines solchen Handelns hingewiesen. "Wenn Lokomotiven auch schon kurze Zeit nachher auf der Strecke liegenbleiben, was geht das uns an." - wurde ihm auf seinen Protest gegen diese verbrecherische Anordnung geantwortet.
Sacharow hatte sich trotz aller Drohungen geweigert, den ihm erteilten Befehlen und Anordnungen Folge zu leisten. Die Lokomotiven wurden nicht abgeliefert. Dafür wurde er jetzt als Schädling bezeichnet und der Sabotage bezichtigt. Da er in seiner Verteidigungsrede vor der Betriebsversammlung versucht hatte, die wahren Hintergründe und objektiven Ursachen der Verzögerung aufzuklären, wurde er dazu noch des Trotzkismus bezichtigt, weil er damit die Sowjetmacht vor den Augen der Werktätigen diskreditiert habe.
Sacharow erzählte uns, dass er früher, vor seiner Verhaftung, nichts von einer Parteiopposition habe wissen wollen. Nun hatte er umgelernt. Aus den Berichten vieler Mitgefangener erkannte er, dass sein Fall kein Einzelfall war. Was von ihm verlangt wurde, war ein Teil der Auswirkungen der Dilettantenwirtschaft, wie sie in allen Betrieben der Sowjetunion herrschte. Früher, so sagte Sacharow, habe er vieles nicht verstanden. Er wunderte sich oft, wenn plötzlich Ingenieure, Techniker, alte Meister und Arbeiter, deren gute Arbeitsleistung und verantwortungsbewusstes Pflichtgefühl er genau kannte, einfach aus dem Betrieb heraus verhaftet, spurlos verschwanden oder aber später wegen Spionage in öffentlichen Prozessen verurteilt wurden. Jetzt erst kenne er die eigentlichen Hintergründe dieser "Schädlingsarbeit" und verstehe nun die Vorgänge völlig.
Viele Tausende von Betriebsunfällen auf den Eisenbahnen sind darauf zurückzuführen. dass das Zug - und Rangierpersonal ständig "fertig reparierte" Lokomotiven und Eisenbahnwagen zugeteilt erhält, die nur provisorisch zusammengeflickt sind und deshalb auf freier Strecke zusammenbrechen müssen. Sacharow hatte der GPU während seiner Vernehmungen immer wieder all diese furchtbaren Missstände im Eisenbahnwesen geschildert. Aber alle praktischen Hinweise auf analoge Fälle nützten ihm nichts. Zuletzt wurde ihm verboten, seine Vorgesetzten "zu verleumden". Sacharow war ganz verzweifelt. Er hatte eine schwerere Strafe als alle anderen "Schädlinge" zu erwarten, da er ja auch als Trotzkist angeklagt wurde. Sacharow, der als alter Eisenbahnfachmann über die Zustände im Eisenbahnwesen der Sowjetunion genau unterrichtet war und schon lange vor dem I. Weltkrieg im Eisenbahndienst gearbeitet hatte, war für die Zukunft sehr besorgt. Er hatte die Überzeugung, dass die verlotterten Verhältnisse im Eisenbahnwesen, insbesondere auf dem Gebiet der allgemeinen Betriebssicherheit, in den letzten Jahren nicht nur nicht beseitigt worden waren, sondern sich zusehends von Monat zu Monat verschlechterten. Alle Bemühungen Einzelner gegen diese Misswirtschaft anzukämpfen, waren völlig sinnlos und gefährlich, dass musste Sacharow erkennen.
So wurde auch der Werkmeister Sacharow als Schädling und Trotzkist erschossen. Er hatte sich geweigert ein Verbrechen zu begehen."(21)
Wenn wir uns die Tätigkeit der Organe anhand dieser Beispiele in Russland vor eurer Verhaftung und Einlieferung ins Speziallager nach 1945 anschauen, was stellen wir fest? Es liegt alles in einer Hand.- sagt mein Freund Ehrhard. Tatsächlich! Die Organe verhafteten, sie beschuldigten, sie verurteilten - und dann? Erschießen! Oder, 25 Jahre Lager! Wer Glück hatte, bekam einen Zehner. Rudi merkt an: Die haben doch bei keinem Einzigen geprüft, ob er wirklich schuld war. Wozu denn? Es genügte ihnen doch ein Geständnis. Oft sperrten sich die Delinquenten am Anfang etwas. Naja, weil sie glaubten, die Organe wollten wissen, wie es wirklich war, bzw. es ginge ihnen darum, die Wahrheit herauszufinden. Wie dumm! Sie wussten nichts von der Planerfüllung der Organe. Aber schließlich hat jeder unterschrieben, was die Organe wünschten.(22) Genau so war es doch dann bei uns auch. Und überhaupt, die Organe erfanden dieses allerneueste Verfahren: Bespitzelung, Verhaftung, Voruntersuchung, Gericht, Urteilsverkündung (d.h. Haft, oder Erschießung) - auch der Staatsanwalt, obwohl er ganz selten gesehen wurde - alles lag in einer Hand. Einmalig, nicht wahr? Und praktisch! Man sparte nicht nur Zeit. Aber bleiben wir mal beim Letzteren: Wie umständlich sind doch dagegen die Gerichtsverfahren in den westlichen Demokratien? Für die Klärung eines Grundstücksstreites benötigt man über drei Jahre. Bei den Organen existierten Grundstücksfragen erst gar nicht. Oder nehmen wir z. B. die Untersuchung: Der bekannte Tschekist Lazis wusste gleich, wie man es machen muss: "Sucht bei der Untersuchung nicht nach Indizien… Die erste Frage: Zu welcher Klasse gehört er? …." Na, das war doch eine praktische Vereinfachung, - oder?(23) Und dann, welcher Tschekist würde sich weigern, den Plan zu erfüllen? Welcher Tschekist möchte nicht eine Auszeichnung, eine Prämie, einen Orden? Sind das nicht alles verständliche menschliche Bedürfnisse?
Machen wir jetzt wieder einen Zeitsprung zum Kriegsende 1945. Manchen wird dieser Sprung zu groß sein. Aber wir betrachten die Arbeit der Organe und viele werden gleich merken, die Zeit ist stehen geblieben. Es scheint zumindest so. Und warum sollte man die Arbeit auch verändern, wenn sie sich millionenfach bewährt hat. Oberst Kopalin begründet es uns gleich wissenschaftlich: "In der Zeit der Sowjetmacht gerieten alle Grundprinzipien eines Rechtsstaates in Vergessenheit. Die fehlenden Bausteine einer juristischen Regelung der Beziehungen in Staat und Gesellschaft wurden durch "revolutionäre Zweckmäßigkeit", "Sondermaßnahmen" …und Zwang ersetzt." Und - "die…Verfolgung ausländischer Bürger, wie sie von den Organen des NKWD/MWD …praktiziert wurde, stand häufig im Widerspruch zur Haager und Genver Konvention …und war in ihren Formen mit den politischen Repressalien gegenüber den Völkerschaften der UdSSR vergleichbar."(24) Wie man sich rechtsstaatlich zu verhalten hätte? Man hatte es einfach vergessen.
Auch die Nationalsozialisten hatten es vergessen. Dabei hätten vielleicht die zehn christlichen Gebote schon gereicht. Da wären wir schon weiter gekommen. Ach so, die Organe glaubten ja nicht an Gott. Also was regen wir uns da auf.
Wenn du schreibst: „Die Zeit ist stehen geblieben." - musst du das belegen, sagt mir mein Freund Ehrhard. Nun, da haben wir den Kronzeugen: "….erfolgte daher die Strafbemessung in den meisten Fällen nach dem Strafgesetzbuch der RSFSR in der Fassung von 1926."(25) Du lieber Gott, 1926! Das sind bis 1945 fast zwanzig Jahre. Es kommt noch dicker. - sagt mein Freund Ehrhard: Du hast doch auch den „ARCHIPEL GULAG" von Alexander Solchenizyn gelesen. Erhard schlägt das Buch auf und zitiert: „Abgesessen war die Haftzeit und sogar die fristlose Verbannung. Doch nirgends - nicht in den „Kulturabteilungen" der Lager, nicht in den Bezirksbibliotheken, nicht einmal in den mittelgroßen Städten, habe ich je das sowjetische Gesetzbuch mit den Augen gesehen, in den Händen gehalten, mit Geld zu kaufen bekommen, ja, selbst danach zu fragen gab`s keine Instanz. Und Hunderten meiner Mithäftlinge ging es nicht anders: In den vielen Jahren der Voruntersuchung, der ersten, der zweiten und x-ten Gerichtsverhandlung, der Lagerzeit und der Verbannung haben sie ein gedrucktes Gesetz kein einziges Mal zu Gesicht bekommen! Und erst als die beiden Gesetzbücher die letzten Tage ihrer fünfunddreißigjährigen Existenz hinter sich zu bringen im Begriff waren und durch neue ersetzt werden sollten, dann erst sah ich sie, die broschierten Zwillinge, das StGB und die StPO, auf einem Ladentisch in der Moskauer Metro liegen."(26)
Na, jetzt wissen wir es! Das heißt also, wenn wir Solschenizyn Glauben schenken wollen - und wir glauben ihm doch? fragt mein Freund Ehrhard, unterbricht den Satz und schaut mich an: „Absolut!" - antworte ich. Das heißt also, fängt Ehrhard nochmals bedeutungsvoll an: Von 1926 bis 1961 hat so gut wie niemand diese Gesetzbücher gekannt. Also auch die sowjetischen Tschekisten, die Verhafter, die Untersucher, die Verurteiler, die Vollstrecker, haben diese Gesetzbücher wahrscheinlich nicht gekannt? Du großer Gott! Dann haben die russischen Völker, die elf vollständig deportierten und die 48 teilweise deportierten Völker in der UdSSR schon immer - und wir Ostdeutschen ab Mai 1945 in einer völlig gesetzlosen Zeit gelebt! Es herrschten also Prinzipien der Barbarei, oder was sonst? Naja, gegeben hat es diese Gesetzbücher schon. Aber man brauchte ja meist nur den 58-er Paragraphen, den kannte man auswendig, den konnte man beliebig gegen die Staatsfeinde auslegen. Aber die Stasi ist doch schon 1950 gegründet worden - und zwar auf Grundlage der Erfahrungen der Tscheka und mit Hilfe der Tscheka/alias GPU, alias NKWD usw. "Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen." Hör bloß auf mit diesen Sprüchen! - ermahnt mich Ehrhard. Mit der Stasi, das kommt später, jetzt sind wir erst beim Kriegsende 1945: