Читать книгу Wandern ist doof - Blanca Imboden - Страница 11
fassungsloser Schreck, 9 Buchstaben: ENTSETZEN
ОглавлениеIch bin nicht grundsätzlich männerfeindlich. Im Moment habe ich nur absolut keine Lust auf eine Singlereise mit Verkuppelungsspielchen. Ich gehe zurzeit gerne etwas auf Distanz zur Männerwelt und fühle mich gut dabei.
Und wandern?!
Wandern ist doof.
Nachdem ich in der Schulzeit meine letzten Pflichtwanderungen erdulden musste, beschloss ich, nie mehr freiwillig Berge hochzukraxeln, nur um dann von oben nach unten zu schauen.
Und fasten?! Warum sollte ich? Ich bin schlank und gesund.
Nichts essen und dann auch noch Berge besteigen, und als Krönung ein paar bescheuerte Männer im Schlepptau. Das ist ein Albtraum, wie er im Buche steht! Und das alles zwölf Tage lang, in einem Kuhdorf, das absolut keine Ablenkung oder Ausweichmöglichkeiten bietet, nur Berge, so weit das Auge reicht. Soll ich mir das tatsächlich antun?
Ich räume kopfschüttelnd meine Rätselsachen zusammen und gehe hinunter in die Wohnung. Eine dunkle Wolke hat sich vor die Sonne geschoben, und sofort wird es kühl. Wieso hatte ich das denn in der Ausschreibung nicht gelesen? Singlereise mit Wandern und Fasten!
Habe ich in letzter Zeit wirklich jedes Kreuzworträtsel gelöst und eingeschickt, ohne auf den Gewinn zu achten und mich zu fragen: Will ich das denn überhaupt?
Es sieht ganz danach aus.
Was gewinne ich wohl als Nächstes? Einen Campingurlaub in der Antarktis? Einen Abend mit Hansi Hinterseer? Eine Tonne Häkelwolle, direkt über meinem Balkon abgeworfen? Mir käme noch einiges in den Sinn, das ich nie und nimmer gewinnen möchte.
Sagte nicht mein Ex schon immer, ich sei zu spontan, würde zu unüberlegt handeln, sei zu kindisch? Hatte er am Ende recht?
Frank war so ein Typ, der niemals den Fernseher eingeschaltet hätte, ohne vorher die Fernsehzeitung zu studieren. Jeder winzige Ausflug wurde im Voraus endlos recherchiert und damit jede Möglichkeit zu Spontanität im Keim erstickt. Als Lehrer war er es gewohnt, alles zu planen, zu organisieren, unter Kontrolle zu haben. Und doch: Wir passten wunderbar zueinander. Glaubte ich. Bis vor einem halben Jahr hielt ich uns für ein glückliches Paar. Wir stritten uns, wir versöhnten uns. Wir hatten Spaß, gemeinsame Freunde, konnten auch zu zweit sein, ohne uns zu langweilen. Dabei waren wir immerhin schon drei Jahre zusammen. Sogar unser Sexleben war okay. Bis Frank eines Tages vor mir stand, völlig überraschend, und erklärte, dass er mit einer Lehrerkollegin auswandern würde. Ausgerechnet mit der dicken Dorothee! Ich konnte es nicht fassen. Liebte Frank neuerdings nach Gewicht? Seine neue Liebe war dreißig Kilo schwerer als ich! Es gehe ihm um innere Werte, erklärte mir Frank. Was war mit meinen inneren Werten nicht in Ordnung? Seit wann interessierten sich Männer für innere Werte? Und wieso konnte dieser Gewohnheitsmensch plötzlich über sich selbst hinauswachsen und das Abenteuer im Ausland suchen? Die beiden arbeiten jetzt in Afrika in einem Missionsprojekt. Unvorstellbar! Mein Weltbild geriet gehörig ins Wanken. Hatte ich ihn derart verkannt? Eine Zeit lang war ich erschüttert und verzweifelt. Mein Selbstvertrauen war fast zerstört.
Warum hatte ich nichts gemerkt?
Gar nichts!
Normalerweise sind es die Männer, die sagen, es sei doch alles perfekt gewesen, an dem Tag, an dem sie von ihrer Frau verlassen werden. Weil sie einfach nichts merken, wenn sie nichts merken wollen.
Aber ich? Bin ich so unsensibel?
Frank mit seinem Ordnungsfimmel konnte ich mir gar nicht in Afrika vorstellen. Er wollte sogar seine Taschentücher gebügelt haben und tat dies notfalls selber, so wichtig war ihm das. Die Bücher und CDs standen nach dem Alphabet sortiert im Schrank. Seine T-Shirts ordnete er nach Farben, und jede Socke hatte ihren speziellen Platz in der Kommode. Und jetzt lebt Frank irgendwo im Busch? Früher trank er immer die gleiche Sorte Bier, und nur diese eine war die richtige. Bei den meisten Lebensmitteln war er so. Er wusste haargenau, was ihm schmeckte, und alles andere kam nicht auf den Speiseplan. Bloß keine Experimente. Jetzt hockt Frank in Afrika, und es macht ihm offenbar nichts aus, dass alles anders ist und er auch mal in eine grillierte Heuschrecke beißen muss? Weil die dicke Dorothee ihn begleitet? Dabei sind wir im Urlaub immer an die Adria gefahren, weil jedes exotische Land ihm suspekt war.
Wo war bloß meine Menschenkenntnis geblieben? Ach, ich könnte immer noch aus der Haut fahren, je mehr ich darüber nachdenke. Aber Grübeln hilft nichts.
Vielleicht sollte ich wirklich auf diese Reise gehen. Schon, um mir zu beweisen, dass ich unternehmungslustig, offen und risikobereit bin und dass auch ich Mut zum Abenteuer habe. Nicht dass am Ende jemand vermuten könnte, ich sei in unserer Beziehung die Festgefahrene gewesen.
Vielleicht würde es mir gerade jetzt guttun, etwas völlig anderes zu machen, auszubrechen und neue Leute zu treffen, die ganz andere Interessen und Lebenswege haben.
Eventuell. Allenfalls.