Читать книгу Das Juwel der Talmeren (Band 1) - C. M. Spoerri - Страница 9
Kapitel 1 - Léthaniel
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Verdammte Schweinekacke!
Es ist so dunkel wie in einem Kuhmagen. Ich kann noch nicht einmal die Hand vor Augen erkennen.
Verflucht, wie bin ich nur in diese Situation geraten?!
Ich schicke tausend Verwünschungen an die Götter, die mich zu dieser hirnrissigen Mission haben Ja sagen lassen. Mal abgesehen davon, dass die Scheißaufgabe an sich schon gefährlich genug ist, hätte ich spätestens beim Anblick dieser Chaotenbande, mit der ich losgeschickt wurde, ein entrüstetes Nein brüllen und der Auftraggeberin – aka Herrscherin von Altra – den Vogel zeigen müssen.
Na gut, womöglich hätte ich damit meinem Leben ein abruptes Ende gesetzt, denn ihr werter Gemahl hätte solch eine Geste mit Sicherheit persönlich genommen und mir zumindest die Eier abgeschnitten.
Dennoch kommt mir ein Leben als Eunuch gerade erstrebenswerter vor, als hier in einer finsteren Zelle inmitten der Talmeren ein Gefangener von Dunkelelfen zu sein und nicht zu wissen, wie es weitergeht.
Mit ›Chaoten‹ meine ich übrigens nicht meinen langjährigen Kumpel mit dem seltsamen Namen Steinwind – ein Hüne von einem Mann, der mehr Muskeln als Grips besitzt. Mit ihm bin ich seit Jahren unterwegs und bisher ist mein Kopf noch immer auf den Schultern geblieben.
Vielmehr meine ich diese Magierin Lucja, die allem und jedem mit Skepsis begegnet, obwohl sie offenbar selbst einmal Schwarzmagierin war. Das hat mir zumindest eine hübsche Dienerin in meinen Laken zwischen frivolen Versprechen und leidenschaftlichen Schwüren ins Ohr geflüstert.
Zudem diesen Dunkelelfen, der sich nur ›Schatten‹ nennt, was ihn wohl interessant oder geheimnisvoll wirken lassen soll. Sein Hang zu skurrilen Pseudonymen wäre mir ja noch gleichgültig – muss jeder selbst wissen, mit welchem Namen er in der Gegend rumläuft. Aber da gibt es das klitzekleine Detail, dass der Dunkelelf eine zwielichtige Vergangenheit als Mitglied der legendären Assassinengilde von Karinth hat. Außerdem besitzt er obendrein diese grimmige Miene, bei der man nie weiß, ob er gerade plant, einem die Kehle aufzuschlitzen, oder ihm einfach ein Furz quer sitzt. Der Kerl hatte in seinem Leben eindeutig zu wenig Frauen – falls er überhaupt schon mal mit einer im Bett lag.
Eine Assassinen-Jungfrau … irgendwie hat die Vorstellung etwas, das mich trotz all der Widrigkeiten gerade zum Schmunzeln bringt.
Jap, unsere vierköpfige Truppe ist ein einziges Selbstmordkommando.
Mit Risiken und deren Nebenwirkungen kenne ich mich allerdings aus, und auch wenn wir unseren Hals für das Land Altra riskieren, so hatte ich an einen erfolgreichen Ausgang dieser Mission geglaubt. Doch dann hatte Lucja die glorreiche Idee, dass wir uns trennen, weil unsere Chancen, etwas zum Abendessen zu jagen, dadurch größer seien.
Warum habe ich mich nicht durchgesetzt und darauf bestanden, dass wir in diesem gefährlichen Gebiet mitten im Talmerengebirge zusammenbleiben?
Jeder weiß, dass man in den Bergen nicht allein unterwegs sein sollte, da nicht nur kleinere Gefahren wie Felsstürze oder plötzliche Schneestürme hier lauern, sondern tausendmal todbringendere Dinge. Und zwar in Form von Kreaturen, deren Schauergeschichten Kinder dazu bringen, sich abends tief unter der Bettdecke zu verstecken. Korani, Dunkelelfen, Zentauren, Drachen … die Auswahl, von wem oder was man sich das Licht auspusten lassen möchte, ist breit gefächert und für jeden Geschmack etwas dabei.
Aber neeeihen … von alldem wollten meine Begleiter natürlich nichts wissen. Sogar mein Kumpel Steinwind hat sich auf die Seite der störrischen Magierin und ihres noch viel stureren Begleiters geschlagen. Diesem Dunkelelfen, der jetzt mit Sicherheit irgendwo da draußen in der Finsternis bei seinen Artgenossen hockt und sich ins Fäustchen lacht, weil er uns Tölpel in einen Hinterhalt zu locken vermochte.
Falls er überhaupt ein Lachen zustande bringt. Ich bezweifle stark, dass seine Mundwinkel über die notwendigen Muskeln verfügen, sich überhaupt zu heben. Er wirkt ebenso grimmig wie seine Kumpane, die uns mit einem Mal umzingelt hatten.
Statt zu jagen, sind wir selbst gejagt und in diese unterirdische Höhle verschleppt worden.
Scheiße!
Wütend schlage ich mit der Faust gegen die Felswand, an der ich lehne, und spüre kaum den Schmerz, der dabei durch meine Hand zuckt.
Es ist schweinekalt in der kleinen Zelle, in der ich vor wenigen Minuten mit Kopfschmerzen aufgewacht bin. Aber der Pelzumhang, der mir zum Glück nicht abgenommen wurde, schützt etwas davor, mir den Hintern abzufrieren.
Meine Gedanken rasen und wollen einfach nicht zur Ruhe kommen. Dies wäre wirklich ein guter Zeitpunkt für meine Tabakpfeife, die mir so oft im Leben schon geholfen hat, einen klaren Kopf zu kriegen, und die ich natürlich bei unserem Gepäck ließ, das irgendwo über mir an der Oberfläche zwischen einigen Felsen liegt.
Wie bei den Göttern sollen wir hier wieder rauskommen? Bisher habe ich stets einen Plan gehabt, aber jetzt? Mir ist bekannt, was Dunkelelfen mit Menschen anstellen – Magier hin oder her. Sie machen sie zu Sklaven, brechen ihren Willen und ihre Zauberkraft. Oder verzehren sie bei lebendigem Leib. Es ist kein Ammenmärchen, das weiß ich.
Ich habe mich ein bisschen über Dunkelelfen informiert, ehe ich mich bereit erklärte, mit diesem ›Schatten‹, den die Herrscherin von Altra als ihren Vertrauten und neuen Lieblingselfen auserkoren hat, von Merita aus über das Talmerengebirge in den Norden zu reisen.
Unser Ziel ist Fayl. Eine Region Altras, in der es immer noch Unruhen gibt, seit das Land vor acht Jahren einen Machtwechsel erfuhr.
Der Auftrag der Herrscherin lautet, mit dem dort ansässigen Zirkelleiter Venero zu sprechen und ihn zu überreden, dem Magierbündnis beizutreten, das den Frieden für Altra bringen soll.
Jede der sechs Regionen unseres Landes wurde früher von einem Zirkelleiter regiert. Seit dem Umbruch ersetzen in Lormir, Arganta, Chakas und Merita jeweils fünf Zirkelräte, die der neuen Herrscherin unterstellt sind, diesen Posten. Wenn erst mal Fayls Unterstützung gesichert ist, stehen die Chancen beträchtlich besser, Oshema – die einzige Region, die noch gegen die neuen Strukturen rebelliert –, zum Schweigen zu bringen.
Ob wir jemals in Fayl ankommen, ist jedoch äußerst fragwürdig.
Unsere Mission beinhaltet ein hohes Risiko, das war uns allen bewusst, als wir aufgebrochen sind. Lucja, Schatten und Steinwind zu Pferd, ich auf meinem Königsgreif namens Meteor.
Die Zeiten sind rau, die Söldner, die nach einem Kampf lechzen, weit verstreut. Viele Krieger wittern seit dem Machtwechsel ihren Vorteil, wenn sie sich auf die eine oder andere Seite schlagen und dies mit möglichst dramatischen Kampfberichten untermauern.
Wir waren nur zu viert. Je kleiner unsere Gruppe, desto unauffälliger könnten wir uns nach Fayl schleichen. Desto geschützter wären wir vor feindlichen Augen.
Dachten wir.
Falsch gedacht.
Ein größerer Trupp hätte uns in diesem Fall eindeutig Vorteile verschafft. Jetzt sitzen Steinwind und ich irgendwo mitten in den Talmeren Hunderte von Fuß unter den verfluchten Gesteinsschichten in Zellen fest und warten darauf, dass Dunkelelfen uns die Herzen rausschneiden, um sie zu essen – oder uns zu Sklaven machen. Ein Schicksal kaum besser als das andere.
Ich fahre mir mit beiden Händen über das Gesicht, konzentriere mich und suche mit dem Geist nach demjenigen meines Greifs Meteor. Wir müssen jedoch so tief unter der Erde sein, dass es aussichtslos ist, eine Verbindung zu ihm herzustellen.
Normalerweise teilen Greife mit ihren auserkorenen Reitern nicht nur ihre magischen Kräfte, sondern es ist auch möglich, mit diesen wunderschönen Wesen über Gedanken zu kommunizieren – nun ja, Greife schicken eher Bilder als Worte. Aber man gewöhnt sich rasch daran und es fühlt sich falsch an, Meteors Präsenz nicht zu spüren. Seit ich mich vor drei Jahren mit ihm verbunden habe, war sein Geist täglich bei mir. Ein Leben ohne ihn ist nicht mehr vorstellbar.
Ein Greif bindet sich nur ein einziges Mal an einen Menschen – immer an einen Magier, so wie ich es bin. Diese Verbindung ist so tief und innig, wie es ansonsten keine mir bekannte Symbiose auf der Welt gibt. Wir teilen gewissermaßen unsere Gedanken, Gefühle und er kann seine magischen Kräfte für mich öffnen, sodass ich Zauber zu wirken vermag, die jegliche Vorstellungskraft übersteigen. Da es sich bei Meteor obendrein um einen Königsgreif handelt, ist er ein besonders edles Tier mit gewaltiger Macht.
Aber das ist nicht der Grund, warum ich ihn so liebe. Seine störrische und gleichzeitig liebevoll-fürsorgliche Art sowie sein Humor waren es, die mich vom ersten Moment an, als ich ihn im Greifenorden von Chakas sah, fasziniert haben. Zugegeben, auch sein schwarzer Löwenkörper und die anthrazitfarbenen Federn, die seine Flügel und den Adlerkopf zieren, haben es mir angetan. Ich mag nun mal schöne Dinge und Meteor ist eines der bezauberndsten Geschöpfe, das die Götter je erschaffen haben.
Er hat die Größe eines kleinen Ponys und ermöglicht es mir problemlos, auf ihm zu reiten – und zu fliegen. Oh, wie ich das Fliegen auf ihm liebe! Wir sind uns obendrein auch charakterlich äußerst ähnlich. Beide besitzen wir einen Hang dazu, uns in verzwickte Situationen zu begeben, sind selbstbewusst und scheuen uns nicht vor neuen Erfahrungen und Abenteuern.
Ja, Meteor hat mein Herz im Sturm erobert. Hoffentlich geht es ihm gut … ich ließ ihn zurück, als ich Lucjas Schreie hörte.
Wäre ich bloß nie nachschauen gegangen …
»Néthan?« Die Stimme meines Kumpels Steinwind dringt an mein Ohr.
Dass er meinen alten Namen verwendet, widerstrebt mir zwar, doch ich habe es aufgegeben, ihm zu erklären, dass ich inzwischen lieber Léthaniel genannt werde. Steinwind und ich kennen uns schon so lange, dass es ihm schwerfällt, meine Namensänderung zu verinnerlichen. Aber seit unserem letzten Abenteuer fühlt es sich einfach falsch an, weiterhin als Néthan herumzulaufen.
Womöglich habe ich doch mehr mit diesem Schatten-Assassinen gemeinsam, als mir lieb ist …
Ich versuche zu ergründen, wie weit mein Freund von mir entfernt sein mag. Vielleicht ein Dutzend Schritt? Oder weniger? Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, dies festzustellen, denn die ganze verdammte Umgebung ist finster. Dunkelelfen sehen besser, wenn sie keine Fackeln entzünden – was man von mir als Mensch nicht behaupten kann. Dennoch habe ich es bisher nicht gewagt, eine Feuerkugel zu bilden.
»Verdammt, macht mal einer Licht?«, beschwert sich Steinwind wie aufs Stichwort.
Er ist kein Magier wie ich, sondern ein normaler Mensch und kann daher keine Lichtkugel herbeizaubern.
Nun gut normal ist wahrscheinlich untertrieben – er ist der stärkste und größte Mensch, der mir jemals begegnet ist. Ich vermute ja immer noch, dass er von den Riesen abstammt, die auch irgendwo hier im Talmerengebirge ihr Zuhause haben sollen. Noch nie hat jemand von uns einen Riesen gesehen, also lassen sich diese Gerüchte nicht prüfen. Und Steinwind schweigt über seine Herkunft – hat selbst mir, seinem langjährigen Freund, nie die Frage beantwortet, ob an den Klatschgeschichten etwas dran sei. Geschweige denn, seinen richtigen Namen verraten.
Keine Mutter kann ihr Kind so sehr hassen, es mit solch einem Namen zu strafen …
»Néthan?«, knurrt Steinwind erneut in die Dunkelheit.
»Hier.« Meine Stimme klingt rau, weil ich schon seit gefühlten Ewigkeiten nichts mehr getrunken habe.
»Bist du verletzt?«, fragt mein Freund weiter.
»Nur ein paar Kratzer und mein Schädel brummt. Du?«
Steinwind grunzt. »Nichts, was mich umbringen würde. Wo sind die anderen beiden?«
»Na, wo unser Herr Elf ist, kannst du dir wohl denken«, entgegne ich missmutig.
»Meinst du, er hat uns in diesen Hinterhalt gelockt?« Steinwinds Stimme klingt zweifelnd.
Ich stoße ein verächtliches Schnauben aus und spare mir eine Antwort.
Vorsichtig greife ich an meine Schläfe, wo eine große Platzwunde von dem Schlag zeugt, der mich niederstreckte. Es muss arg geblutet haben, meine Haut ist über die gesamte Wange bis zum Hals mit Blut verkrustet.
Als ich die Verletzung berühre, zucke ich zusammen. Das wird eine weitere Narbe auf meinem Körper hinterlassen.
Als ob ich nicht schon genug davon hätte …
Mein Oberkörper ist ohnehin davon übersät. Ich hätte sie in einem Magierzirkel von einem geübten Heiler, der über genügend Erdmagie verfügt, gegen das notwendige Kleingeld entfernen lassen können, aber jede Einzelne davon erzählt eine Geschichte und gehört damit zu meinem bewegten Leben. Es mag melodramatisch klingen, doch irgendwie hänge ich an den Narben.
Ich bin nicht eitel – nun, vielleicht ein klitzekleines bisschen – jaja, issja gut, ein großes bisschen … Verletzungen im Gesicht habe ich noch nie ausstehen können. Und jetzt ist weit und breit kein Erdmagier in der Nähe, der die Wunde zu heilen vermag. Ich bin Feuermagier, Lucja ist Wassermagierin, der Dunkelelf ein Assassine und Steinwind ein Schurke. Wir alle können zwar kleinere Blessuren versorgen, keiner besitzt jedoch die Kräfte, sie zu heilen wie ein Erdmagier.
Mist.
Warum habe ich nicht auf meine Instinkte gehört? Während ich zusammen mit Steinwind Lucjas Schrei gefolgt bin, den wir vom Lagerfeuer aus vernommen haben, ahnte ich bereits, dass uns Ärger erwartet.
Als ich die schwarzhaarige Magierin dann auf dem schneebedeckten Boden sah, über ihr breitbeinig ein fremder Dunkelelf, der seinen blutverschmierten Dolch gerade aus ihrem Bauch zog, blieb mir das Herz für den Bruchteil einer Sekunde stehen. Von unserem Begleiter namens Schatten war weit und breit nichts zu sehen.
Ich habe mich noch nicht mal vergewissern können, ob Lucja tot ist oder nicht, da bekam ich bereits einen harten Schlag auf den Kopf und wurde kurz darauf in Schwärze gehüllt. Es hatte sich eindeutig um einen Hinterhalt gehandelt.
Steinwind reißt mich erneut aus meinen Gedanken. »He. Machst du jetzt endlich mal Licht?«
Ich atme tief durch. »Was, wenn …«
»… wenn sie uns sehen?« Steinwinds Lachen gleicht einem Donnergrollen.
Umgehend muss ich zugeben, dass meine Bedenken komisch anmuten. Wir sind von Dunkelelfen gefangen worden. Ob sie uns sehen können, spielt wirklich keine Rolle. Sie wissen ja, dass wir da sind, denn ziemlich sicher haben sie uns hierhergebracht.
Also strecke ich die Hand in die Dunkelheit aus, um eine Lichtkugel zu bilden. Zugegebenermaßen bin ich selbst neugierig darauf, wo genau wir uns befinden. Eventuell entdecke ich ja noch eine Möglichkeit, von hier wegzukommen.
Ich habe vorhin die Zelle abgetastet und festgestellt, dass sie ungefähr drei auf zwei Schritt misst. Mit einer eisernen Tür aus Stäben am einzigen Ort, wo ein Ausgang wäre. Obwohl ich ein Schloss gefunden habe, ist es mir nicht gelungen, es mittels der Dietriche, die ich bei mir trage, zu öffnen, da es zusätzlich mit Magie verbarrikadiert worden sein muss. Womöglich kann ich das Eisen mit meiner Feuermagie zum Schmelzen bringen. Es ist riskant, da ich für den Zauber viel von meiner Körperwärme brauche und im dümmsten Fall erfrieren könnte, doch einen Versuch ist es allemal wert.
Leise einatmend, konzentriere ich mich auf die Kräfte, die ich in meinem Körperzentrum wahrnehme, seit ich ein kleiner Junge war. Obgleich jeder Mensch in Altra eines der vier Elemente Feuer, Wasser, Erde oder Luft in sich trägt, die ihm besondere Fähigkeiten verleihen, so hat nur ein kleinerer Teil von den Göttern obendrauf noch Magie geschenkt bekommen. Diese lernt man in einem der Magierzirkel des Landes zu kontrollieren – ich hatte sogar privaten Unterricht vom Zirkelleiter von Chakas. Aber das ist eine andere Geschichte.
Während rein Erdbegabte sich zum Beispiel um das Wohl von Menschen und Tieren kümmern und sie heilen können, vermögen Erdmagier noch viel gewaltigere Dinge. Sie sind dazu fähig, sogar ganze Gliedmaßen wiederherzustellen, wenn diese vom Körper abgetrennt wurden.
Ich als Feuerbegabter bin ein äußerst geschickter Kämpfer. Mit meiner Feuermagie bin ich in der Lage, Zauber zu wirken, die mir vor allem bei Angriff und Verteidigung äußerst nützlich sind.
Mit meiner Magie bin ich mit Meteor zusammen, ohne zu prahlen, ein richtig ernst zu nehmender Gegner.
Doch jetzt … da ist nichts. Nicht ein Hauch der Wärme, die normalerweise in meinem Inneren erstrahlt und welche ich nutzen kann, um mein Feuerelement zu beherrschen.
Ich fluche leise und probiere noch einmal, meine Magie hervorzulocken. Behutsam, als wäre sie eine Jungfrau in der Hochzeitsnacht.
Vergebens.
Es scheint, als wäre der Quell, aus dem ich meine Kräfte normalerweise ziehe, ausgetrocknet.
»Bin ich blind oder ist es immer noch dunkel?« Steinwind knirscht hörbar mit den Zähnen.
»Es geht nicht … meine Magie ist weg.« Ich merke selbst, dass ein Anflug von Panik in meiner Stimme mitschwingt, und beiße mir unwillkürlich auf die Zunge. Ich hasse es, machtlos zu sein. »Diese Bastarde müssen sie blockiert haben!«
»Blockiert?«
»Ja, das ist doch möglich. Mit einem Pulver oder so. Verdammt noch mal!«
Steinwind fällt in meinen Fluch ein. »Scheiße, wie lange hält das an?«
Ich zucke mit den Schultern, obschon mein Freund mich nicht sehen kann. »Keine Ahnung … ein, zwei Stunden – wenn das Pulver stark war, sogar Tage oder Wochen.«
Ich habe lange im magischen Zirkel von Chakas gelebt und weiß, dass es ganz fiese Mittel gibt, Magie zu unterbinden. Mir bleibt nur, ein Stoßgebet zu Feuergott Ignas zu schicken, dass diese Dunkelelfen keine solch starken Substanzen kennen. Sonst sitzen wir wirklich in der Klemme.
Erneut ist Steinwinds Fluchen zu vernehmen. »Was nun?«
»Ich weiß nur eins: Wir müssen hier raus! Lass dir was einfallen.«
»Du bist der Anführer, nicht ich«, erwidert Steinwind missmutig.
Ich seufze. Wir haben einige Jahre bei den Sandschurken gelebt – und ja, dort war ich deren Anführer. Doch das war vor dem Abenteuer, das mich nach Merita brachte.
Verflucht, ich bin kein Anführer mehr!
Ich bin seit zwei Jahren ein Lakai der Herrscherin, der brav Männchen macht und Pfote gibt, wenn es verlangt wird. Meine Zeiten als Draufgänger sind vorbei. Zumindest werden sie das gezwungenermaßen ohnehin bald sein, sollten wir nicht rauskommen.
»Hast du einen Plan?«, tönt Steinwind von der anderen Zelle zu mir herüber.
»Nein.«
»Nein?«
»Nein, verdammt.«
»Aber du hast immer einen Plan, Anführer.«
»Hör verflucht noch mal auf, mich Anführer zu nennen!« Ich balle die Hand erneut zur Faust.
»Aber du hast immer einen Plan, Néthan.«
Ich knurre in mich hinein. »Im Moment seh ich keine Möglichkeit, wie wir hier rauskommen«, fasse ich die ausweglose Situation zusammen. »Zudem müssen wir wissen, wo Lucja ist. Ohne sie wird es wesentlich schwerer, nach Fayl zu gelangen und unsere Mission zu erfüllen. Sie hat gesagt, sie habe dort Kontakte, die uns vielleicht helfen könnten, den Zirkelleiter von Fayl zu einem Bündnis zu überreden.«
»Glaubst du, sie lebt noch?«
Steinwinds Stimme verrät, dass er daran zweifelt. Tue ich auch, denn das Bild ihres leblosen Körpers erscheint wieder vor meinem inneren Auge. Aber noch habe ich mich nicht selbst davon überzeugen können, dass sie wirklich tot ist. Folglich gibt es noch Hoffnung.
»Ich weiß es nicht«, gestehe ich widerwillig. »Solange ich nicht ihren Leichnam gesehen habe …«
»Gegebenenfalls wirst du den früher sehen, als dir lieb ist.«
»Halt’s Maul.«
Allein die Vorstellung, dass sie gestorben sein könnte, bereitet mir Unbehagen. Sie ist keinesfalls die Sorte Frau, die mein Herz höherschlagen lässt und auch nicht die, die ich rekelnd in meinen Laken sehen will. In den letzten Jahren bin ich wählerisch geworden …
Nichtsdestotrotz hat mich Lucja auf ihre Weise beeindruckt. Sie ist eine Kämpferin durch und durch. Eigentlich hätte ich eine verwöhnte Göre erwartet – ist sie doch die Tochter des ehemaligen Zirkelleiters von Arganta. Lucja allerdings … sie ist … bodenständig. Ja, das beschreibt ihr Wesen wohl am besten. Bodenständig, resolut, temperamentvoll und geradlinig. Eigenschaften, die ich an Menschen schätze. Sie ist eine gute Weggefährtin, auch wenn sie selten spricht und stets diesen säuerlichen Gesichtsausdruck aufsetzt, als hätte ihr jemand ins Essen gerotzt. Und dennoch weiß ich, dass sie alles beobachtet und sich eine Meinung dazu bildet. Still, abwartend, berechnend und klug.
»Anfü… Néthan?«
»Was?!«
»Ich glaube, da kommt jemand.«
Ich halte die Luft an und horche in die Dunkelheit. Entweder hat Steinwind bessere Ohren oder die Person, die sich nähert, kommt von seiner Seite her. Auf jeden Fall höre ich nichts.
Ich bleibe so still wie möglich – bis ich mit einem Mal einen Lufthauch spüre. Es liegt eventuell daran, dass ich mich so nahe bei den Gitterstäben aufhalte, doch ich vermeine, eine Bewegung in der Dunkelheit zu erkennen.
»Wer ist da?« Ich versuche, meine Stimme so fest wie möglich klingen zu lassen – obwohl ich so angespannt bin wie die Sehne eines Bogens, kurz bevor sie zerreißt.
»Schhht«, zischt jemand von außen.
In mir überschlagen sich die Gedanken. Anscheinend ist dieser Jemand ein Verbündeter. Sonst hätte er sicher nicht zur Stille ermahnt, oder? Aber … wer ist es?
»Schatten?«, flüstere ich in der vagen Hoffnung, dass ich mich in dem Dunkelelfen getäuscht habe und er uns gerade befreit.
»Schhht«, stößt der Unbekannte erneut hervor, dieses Mal ungeduldiger.
Dann knackt etwas und ich vernehme Metall, das über Stein schleift.
»Was tut Ihr?« Ich klinge so angespannt, wie ich mich fühle. Entweder bedeutet das Auftauchen des Fremden gerade unseren Tod oder … unsere Freiheit.
Ich registriere eine Hand, die nach meiner greift. Eine kräftige Hand mit kurzen Fingern.
Nein, das ist nicht Schatten.
Ein Kind? Ist ein Kind gerade dabei, mich zu befreien?
»Kommt!«
Die Stimme klingt nicht wie die eines Kindes. Eher wie die eines erwachsenen Mannes. Jedoch bin ich nicht in der Situation, irgendwelche Ansprüche zu stellen – also packe ich die Hand und lasse mich aus der Zelle ziehen.
»Was ist mit …«
»Er wird ebenfalls hinausgeführt«, unterbricht mich der Fremde ungeduldig.
Es ist ein komisches Gefühl, zu gehen, ohne auch nur das Geringste zu sehen. Jeden Moment fürchte ich, über irgendetwas zu stolpern oder mir den Kopf zu stoßen.
Allerdings führt mich die kleine Hand so zielsicher durch die Dunkelheit, dass ich staune. Wie kann die Person in dieser Finsternis bloß etwas sehen?
»Steinwind?«, raune ich.
Wieder erklingt dieses »Schhht«, ehe die Hand fester zupackt und mich energischer wegzerrt.
Ich stolpere durch die Dunkelheit, lasse mich von meinem unbekannten Retter leiten.
Irgendwann hält er endlich an und ich bemühe mich, etwas zu erkennen.
Vergebens.
Ein leises Knacken ertönt, dann öffnet sich eine Tür und endlich fällt etwas Licht in den Gang, in welchem wir uns befinden. Was ich sehe, erstickt jedoch jede Hoffnung, die ich auf Rettung hatte, im Keim.