Читать книгу Der Schmuggelhund - Carmen Sternetseder-Ghazzali - Страница 6
Müllschlucken und Müllspucken
ОглавлениеLilie saß noch immer bei den Hausaufgaben, als ein lautes Bellen aus dem Kinderzimmer drang.
„Was hat der Hund denn jetzt? Der ist ja lauter als das Klavier“, sagte der Vater gereizt. Er hörte gerade auf seinem Handy arabische Lieder und nahm jetzt die Stöpsel aus dem Ohr.
In dem Moment kam Ilias auch schon mit der bellenden Killa auf dem Arm ins Wohnzimmer. „Ich glaube, sie muss mal“, sagte er und drückte Lilie den Welpen in den Arm. „Geh mit ihr raus!“
Sprachlos starrte Lilie ihn an.
„Spinnst du? Das ist dein Hund! Außerdem muss ich Hausaufgaben machen“, sagte sie.
„Killa muss mal! Sie war jetzt eine Stunde in meinem Zimmer. Ich habe auf sie aufgepasst. Jetzt bist du dran“, sagte Ilias.
„Aufgepasst? Sie hat die Stunde geschlafen. Geh du mit ihr raus! Ich muss Hausaufgaben machen.“
„Ich jetzt auch. Hopp! Geh jetzt!“
Wenn Ilias etwas durchsetzen wollte, konnte er unverschämt werden. Das wirkte vielleicht bei manchen Mädchen aus seiner Klasse, aber Lilie wusste, wie sie sich dagegen wehren konnte. Nicht mit Empörung und Zickerei. Sondern mit List und Tücke.
„Draußen ist es dunkel“, fing sie an, den Blick auf ihren Papa gerichtet. „Es schneit. Ich bin erst elf. Ich kann doch nicht alleine mit dem Welpen rausgehen.“
„Genau“, sagte der Vater. „Lilie geht nachts nicht alleine raus.“
„Ihr könnt zu zweit gehen“, mischte die Mutter sich ein, die gerade ein Hundebuch studierte. Welpenerziehung stand auf dem Einband.
Killa winselte auf Lilies Arm, furzte laut und versuchte, auf den Boden zu springen. Ihr Furz roch übel. Wie gammeliger Fisch.
„Raus!“, schrie der Vater. Auf seiner Stirn bildete sich eine Zornesfalte. „Raus, bevor sie das Wohnzimmer in ein Plumpsklo verwandelt!“
Als Ilias Killa das Geschirr anlegte, zappelte sie wie ein Fisch. Es war echt schwierig. Aber irgendwann saß es. Zwar ganz schief und verdreht, aber man konnte den Karabiner der Leine einhaken.
„Ich komme mit!“, rief Lilie, als Killa an der Leine hing.
Draußen war es eisig kalt. Schnee rieselte. „Da! Nimm die Leine“, befahl Ilias. „Ich trage dafür die Tasche mit den Leckerlis.“
Lilie nahm die Leine. Sie freute sich. In ihrer Fantasie hatte Lilie sich oft ausgemalt, dass der kleine Hund brav neben ihr her trotten würde. Das konnte ja wohl nicht so schwierig sein, einen kleinen Hund draußen herumzuführen. Pustekuchen! In Wirklichkeit war es das reinste Chaos. Killa benahm sich wie ein ungestümer Stier. Wollte Lilie nach rechts, stürzte Killa nach links. Wollte Lilie nach links, zog Killa nach rechts. Wollte sie geradeaus, stürmte Killa zurück. Lilie ging die Kraft aus. Es war unmöglich, den kleinen Hund zu halten. Ihr Arm schmerzte, ihre Finger brannten und sie war den Tränen nahe. Zerknirscht gab sie Ilias die Leine. „Der krasseste Staubsauger“, witzelte der. Denn während Killa zog, fuhr ihre Schnauze schnüffelnd über die verschneite Erde. Immer wieder schnappte sie nach etwas. Plötzlich kam ein Pfeifen aus Killas Lungen. Ein schriller, lauter Trillerpfeifenton. Es klang wie ein Trupp Polizisten auf Verbrecherjagd. „Sie hat was verschluckt“, stellte Ilias fest und beugte sich über den Welpen. „Pffffff!“, pfiffen ihre Lungenflügel. „Hilfe, sie erstickt!“, rief er jetzt panisch. „Sie hat was verschluckt.“
„Vielleicht eine Pfeife?“, piepste Lilie angstvoll. Sie hatte schon von Kleinkindern gehört, die Erdnüsse verschluckt hatten und daran erstickt waren. Jetzt röchelte Killa. Sie schien etwas viel Größeres als eine Erdnuss verschluckt zu haben. Lilie gefror das Blut in den Adern. Der erste Spaziergang mit Killa würde womöglich der letzte sein. Wer konnte schon sagen, was da gerade mit ihr passierte?
Ilias nahm Killa auf den Arm. „Wir müssen den Notarzt rufen“, sagte er mit gequetschter Stimme. Während sie durch die eisige Winternacht zurück zum Wohnblock liefen, hörte Lilie Ilias schluchzen. Sie hatte ihn bisher nur einmal schluchzen gehört. Das war vor fünf Jahren, als sein erstes Handy gestohlen worden war. Er hatte es von Papa bekommen, als er die erste Klasse im Gymnasium ohne eine einzige Vier geschafft hatte. Stolz war Ilias mit dem Handy ins Schwimmbad gegangen. Er hatte es so in seine Sporttasche gelegt, dass es jeder sehen und hören konnte. Wirklich jeder. Und dann war es weg. Untröstlich war er da gewesen.
Heute hatte er wieder ein ganz besonderes Geschenk bekommen. Einen kleinen Hund. In seiner Brust hatte sich dieselbe Freude breit gemacht, wie damals Und nun die Angst, das Besondere augenblicklich wieder zu verlieren.
Vor der Eingangstür trafen sie die Mutter. „Wo wart ihr?“, wollte sie wissen und klopfte sich den Schnee vom Mantel. „Ich habe euch im Park gesucht.“
„Mama“, rief Lilie verzweifelt. „Der Welpe stirbt!“
„Wie? Was?“ Die Mutter sah Lilie mit großen Augen an.
„Er macht so komische Geräusche“, jammerte Ilias.
„Ja, aus seiner Lunge“, wimmerte Lilie.
„Er hat bestimmt Schnee geschluckt“, versuchte die Mutter ihre Kinder zu beruhigen. „Kommt! Wir gehen erst mal in die Wohnung. So schnell stirbt ein Hund nicht.“
Kaum waren sie oben, ging es los. Killa stand auf dem Flurteppich zwischen Schuhen und in ihrem Magen gurgelte und blubberte es, als befände sich in ihr ein Brunnen voller Kröten. Es klang grässlich. Alle guckten entsetzt. Nur der Vater nicht. Der war längst auf der Couch eingeschlafen.
Plötzlich sperrte Killa ihr Maul weit auf. Lilie konnte ihren schwarzen Rachen sehen. Der kleine Hund würgte und krümmte sich zu einem S zusammen. Lilie hatte entsetzliche Angst, denn plötzlich ging ein Zucken durch den Hund wie von Stromstößen. Er zitterte bis ins Mark. Dann ein Rauschen, und schon spritzte es schwallartig aus seinem Maul: Erst Magensaft, dann der Rest. Zigarettenkippen, Gummibärli, ein Stück Pizza, ein Bonbon. Alles ergoss sich über den Flurteppich, die Turnschuhe, die Stiefel. Es klatschte gegen die Wand, lief ab und hinterließ widerliche Flecken und Striemen. Die Mutter, Lilie und Ilias schrien vor Schreck und Ekel.
Dann kehrte Stille ein. Killa blickte eine Sekunde verwirrt auf die Schweinerei, die sie da angerichtet hatte. Aber was dann geschah, toppte alles: Sie stürzte los, um die Schweinerei zu verschlingen. Da besann sich Lilie rasch und hielt Killa am Geschirr zurück. „Nein! Pfui!“, rief sie.
Die Mutter wickelte die erbrochenen Dinge schnell in ein Tuch. Ilias bekam einen Lachkrampf. Der Vater, der schlaftrunken, mit Handystöpsel im Ohr, herbeigeeilt war, stammelte wirres Zeug: „Der Köter hat meine neuen Stiefel ruiniert.“
Lilie wunderte sich, welche Stiefel er wohl meinte. Von ihm lagen nur ausgelatschte Turnschuhe und schwarze Lederschuhe auf dem Flurteppich. Meinte er etwa die neuen Winterstiefel der Mutter? Dunkelrotes Wildleder, das jetzt grün besudelt war. Die hatte der Vater ihr zu Neujahr geschenkt. Logo! Deshalb hatte er „meine Stiefel“ gesagt, überlegte Lilie und seufzte. Wie anstrengend das alles ist mit einem Welpen, dachte sie. Erst jetzt merkte sie auch, wie müde sie war. Hundemüde.