Читать книгу Weiter als der Ozean - Carrie Turansky - Страница 6
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Auf dem knirschenden Kies näherten sich Schritte. Laura hob den Blick und atmete scharf ein. Andrew Frasier kam auf sie zu. Sie stand schnell auf und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Wie grauenhaft, dass er sie dabei ertappte, wie sie in seinem Garten weinte! Was musste er nur von ihr denken? Noch schlimmer, was würde er seiner Mutter erzählen?
Er verlangsamte seine Schritte und blieb zwei Meter vor ihr stehen. „Es tut mir leid, wenn ich Sie störe.“ Er betrachtete sie mit einem vorsichtigen Blick. „Ich ging spazieren und dachte, ich hörte jemanden hinter der Hecke.“ Er warf einen kurzen Blick zur Hecke und richtete ihn dann wieder auf sie. „Ist mit Ihnen alles in Ordnung?“
Sie schniefte und richtete sich auf. „Ja, Sir. Mir geht es gut. Danke.“ Ihre Nase war bestimmt ganz rot, und die Tränen glänzten wahrscheinlich immer noch in ihren Augen.
Er betrachtete sie einen Moment länger, und sein Blick wurde sanfter. „Ich bin Andrew Frasier, Mr und Mrs Frasiers Sohn. Und Sie sind …?“
„Laura McAlister, Sir.“ Sie machte einen hastigen Knicks. „Mrs Frasiers Kammerzofe.“
„Ah, ja.“ Sein Blick wanderte zu dem Brief in ihrer Hand. „Sie wirken aufgewühlt. Haben Sie schlechte Nachrichten bekommen?“
Die Hitze stieg ihr in die Wangen, und sie hob das Kinn. „Mir geht es gut, Sir. Es besteht kein Grund zur Sorge.“ Sie war zwar Dienstbotin, aber das bedeutete nicht, dass sie ihm ihre persönlichen Angelegenheiten verraten musste.
Sein Blick blieb unverwandt auf ihr ruhen. „Ich wollte Ihnen nur ein offenes Ohr und meine Unterstützung anbieten, falls ich Ihnen helfen kann.“
Seine freundliche Antwort überraschte Laura. Sie schluckte. Er schien nett zu sein, aber er war ein vermögender Mann, er würde eines Tages dieses Anwesen erben. Wie konnte er verstehen, wie es war, von morgens bis abends zu arbeiten, um die Familie über Wasser zu halten, weit weg von ihnen zu sein und sich jeden Tag Sorgen um sie zu machen?
Trotzdem könnte es tröstlich sein, jemandem zu erzählen, was passiert war. Sie hob langsam den Kopf und sah ihm in die Augen. „Meine Mutter ist sehr krank. Sie wurde ins St.-Josef-Krankenhaus in London gebracht. Ich habe einen Bruder und zwei Schwestern, die zu jung sind, um allein zu leben. Die Polizei hat sie in ein Kinderheim gebracht.“
Er runzelte die Stirn. „Das tut mir leid. Das klingt sehr ernst.“
Neue Tränen schossen ihr in die Augen. Sie wandte den Kopf ab. Sie war es nicht gewohnt, von den Menschen, für die sie arbeitete, Mitgefühl zu bekommen. Mrs Frasier war keine unfreundliche Herrin, aber sie war mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt und hatte Laura nie nach deren Familie gefragt.
Sie senkte wieder den Blick auf den Brief, und eine Ahnung von großer Dringlichkeit stieg in ihr auf. „Ich muss nach London. Ich muss meine Mutter besuchen und sehen, was ich für meine Geschwister tun kann. Aber ich bin nicht sicher, ob Mrs Frasier das erlaubt. Ich will meine Stelle nicht verlieren.“
Er trat einen Schritt näher.
Laura erstarrte, ihre Hand umklammerte den Brief.
„Wenn meine Mutter von diesen Umständen hört, wird sie Ihnen sicher erlauben, sich um Ihre Familie in London zu kümmern. Ihre Stelle wäre dadurch gewiss nicht gefährdet.“
Sie schaute ihm forschend ins Gesicht und rang mit sich, ob sie ihm glauben sollte.
„Ich könnte mit ihr sprechen, wenn Sie möchten.“
Warum schlug er so etwas vor? Ihr fiel eine mögliche Antwort ein, und ein kalter Schauer lief über ihren Rücken. „Nein, ich … ich will Ihnen keine Unannehmlichkeiten machen.“ Was noch wichtiger war: Sie wollte nicht in seiner Schuld stehen.
„Das sind keine Unannehmlichkeiten. Ich bin Anwalt. Ich bin es gewohnt, für andere zu sprechen.“ Seine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. „Ich kann sehr überzeugend sein, besonders gegenüber meiner Mutter.“
Seine Worte klangen ehrlich, und sie war versucht, auf seinen Vorschlag einzugehen. Aber wie sollte sie sicher sein, dass er nicht wie Simon Harrington war? Vielleicht bot er seine Hilfe nur an, um ihr Vertrauen zu gewinnen und sie zu verleiten, ihre Vorsicht über Bord zu werfen?
Er betrachtete sie noch einen Moment länger. „Was sagen Sie dazu?“
„Ich weiß nicht, wie lange ich in London bleiben muss. Die Vorstellung, dass meine Geschwister gezwungen sind, in einem Kinderheim zu wohnen, ist für mich unerträglich.“
„Meine Mutter ist eine mitfühlende Person, besonders wenn es um die Not von Kindern geht. Sie wird das bestimmt verstehen.“ Er zog die Brauen hoch und beobachtete sie erwartungsvoll.
Wenn die Bitte von ihrem Sohn käme, wäre Mrs Frasier vielleicht eher gewogen, Laura zu erlauben, sich für längere Zeit frei zu nehmen. Dann könnte sie nach London fahren und ihrer Familie helfen, ohne befürchten zu müssen, dass sie ihren Arbeitsplatz verlor. Und sie wäre auch weit genug von Andrew Frasier weg und müsste sich keine Sorgen machen, dass sie ihm gegenüber zu irgendetwas verpflichtet war.
Sie hob den Blick. „Einverstanden. Wenn Sie mit ihr sprechen, wäre ich Ihnen dafür sehr dankbar.“
„Das tue ich sehr gerne.“ Er überlegte einen Moment. „Ich bewundere Ihre Hingabe an Ihre Familie“, sagte er dann, griff in seine Tasche und zog eine Visitenkarte heraus. „Das ist die Adresse unserer Kanzlei in London. Dort bin ich ab Dienstag wieder zu erreichen. Falls Sie Hilfe brauchen, scheuen Sie sich bitte nicht, zu mir zu kommen.“
Laura warf einen Blick auf die Visitenkarte. Sie hatte kein Geld, um einen Anwalt zu bezahlen. Was würde er als Gegenleistung für seine Dienste von ihr erwarten? Der Stein in ihrem Magen war sofort wieder da.
„Ich habe Kontakte zu Leuten, die Kinderheime leiten“, fuhr Andrew fort, während er ihr immer noch die Visitenkarte hinhielt. „Meine Familie hat Dr. Barnardo unterstützt, und ich habe einige Veranstaltungen von ihm besucht. Vielleicht könnte ich herausfinden, wie es um Ihre Geschwister steht.“
Diese Bemerkung bewog sie, in seinen Vorschlag einzuwilligen. Sie streckte langsam die Hand aus und nahm seine Karte. Es war vielleicht ein Fehler, aber sie würde fast alles tun, um ihren Geschwistern zu helfen. Sie warf einen Blick auf die Adresse, aber der Straßenname sagte ihr nichts. Zweifellos befand sich seine Kanzlei in einem Stadtviertel, in das sie normalerweise nicht kam.
Sie bedankte sich murmelnd und steckte die Karte in ihre Schürzentasche. „Ich muss jetzt wieder an die Arbeit gehen.“
Er nickte. „Meine Mutter hat gerade Besuch, aber sobald sie wieder allein ist, werde ich mit ihr sprechen. Dann können Sie hoffentlich Ihre Taschen packen und noch heute nach London aufbrechen.“
„Danke, Sir.“ Sie machte einen Knicks und marschierte auf den Dienstboteneingang zu.
Andrew Frasier schien ein anständiger Mann mit ehrbaren Absichten zu sein, aber das hatte sie von Simon Harrington am Anfang auch gedacht. Um ihr Vertrauen zu gewinnen, wäre mehr nötig als ein paar freundliche Worte und das Angebot, ihr zu helfen.
Katie hielt Grace fest an der Hand und folgte den anderen Mädchen die Steintreppe des Grangeford-Kinderheims für arme und mittellose Kinder hinab. 173 Mädchen im Alter von fünf bis sechzehn Jahren waren in dem dreistöckigen Ziegelgebäude untergebracht. Katie rieb sich die Arme und versuchte, die Kälte zu vertreiben, während die Schritte der Mädchen im Treppenhaus widerhallten. Grangeford war ein kalter, düsterer Ort, aber sie bekamen drei Mahlzeiten am Tag, und jedes Mädchen hatte ein eigenes Bett. Wenigstens hatten sie und Grace Betten nebeneinander bekommen.
Als sie hier angekommen waren, hatten sie zwei schlichte braune Kleider bekommen. Darüber trugen sie beigegraue Schürzen, damit die Kleider sauber blieben. Obwohl sie Essen und Kleidung bekamen, war es ganz anders als zu Hause. Alles war fremd und anders. Katie hatte Mühe, sich an das Leben hier zu gewöhnen. Jeden Tag hatte sie das Gefühl, einen furchtbaren Albtraum zu durchleben, der nie enden würde. Wenn sie nur aufwachen und wieder in ihrer Wohnung über der Schneiderei sein könnte, wo sie die Liebe und Zuneigung ihrer Mutter erfuhr.
Grace sah mit ernstem, blassem Gesicht zu ihr hoch. Die grauen Schatten unter ihren Augen verrieten, dass sie schlecht geschlafen hatte. „Glaubst du, Mama kommt heute?“
Katies Herz fühlte sich an wie ein schwerer Stein in ihrer Brust, aber sie zwang sich zu einem schwachen Lächeln. „Ich hoffe es.“
Es war ihr fünfter Tag in Grangeford. Seit sie hier waren, hatten sie weder von ihrer Mutter noch von Mrs Graham etwas gehört. Und mit jedem Sonnenuntergang schwand auch die Hoffnung, dass Mama wieder gesund werden und sie nach Hause holen würde.
Lebte Mama noch? Das war die Frage, die Katie jede wache Stunde beschäftigte und die sie nachts vom Schlafen abhielt. Ein kalter Schauer lief über ihren Rücken, und sie versuchte, diese beängstigende Frage zu verdrängen. Falls ihre Mutter gestorben wäre, hätte man es ihnen doch bestimmt mitgeteilt. Dass sie nichts gehört hatten, bedeutete hoffentlich, dass Mama noch im Krankenhaus war und wieder gesund werden würde. Dann würde sie herkommen und sie nach Hause holen, damit sie alle wieder zusammen sein konnten.
„Nicht so langsam, Mädchen!“ Mrs Hastings, die Assistentin der Heimleiterin, hielt unten an der Treppe die Tür auf, durch die Katie, Grace und zig andere Mädchen in einer geordneten Reihe strömten. Als das letzte Mädchen draußen war, schloss die Frau die Tür und drehte sich zu den Kindern um. „Sammelt Stöcke und legt sie in die Holzkisten dort neben dem Schuppen!“ Sie deutete über den weiten Rasen zu einem kleinen, getünchten Schuppen in der Nähe des hohen Holzzauns.
Ein nächtlicher Windsturm hatte den Rasen mit Zweigen übersät, die von den großen Bäumen, die das Gelände umgaben, abgebrochen waren. Es war das zweite Mal, dass sie hinausgeschickt wurden, um Brennholz zu sammeln. Katie hatte nichts gegen diese Arbeit. Stöcke und Zweige zu sammeln war eine angenehme Abwechslung zum Fegen, Putzen und Staubwischen im Haus.
Mit einem müden Seufzen ließ Grace Katies Hand los und stapfte über den Rasen. Sie hob ein paar kleine Zweige auf und sammelte sie in ihrer Schürze. Katie folgte ihr. Sie nahm einige der größeren Zweige und zog sie über den Rasen zum Schuppen.
Hinter dem Zaun waren Jungenstimmen zu hören. Katie hob den Blick, und ihr Herzschlag beschleunigte sich. War Garth vielleicht auf der anderen Seite dieses Zauns? Sie waren voneinander getrennt worden, sobald sie hier angekommen waren. Seitdem hatte sie ihn nicht mehr gesehen. Aber man hatte ihr gesagt, dass alle Jungen in dem Gebäude auf der anderen Zaunseite untergebracht waren. Als sie Mrs Hastings gefragt hatte, ob sie mit Garth sprechen könne, hatte die Frau streng die Stirn gerunzelt und erwidert: „Jungen und Mädchen ist es nicht erlaubt, miteinander zu sprechen.“
„Aber er ist mein Zwillingsbruder. Warum dürfen wir nicht miteinander sprechen?“
Die Frau kniff die Augen zusammen. „Hüte deine Zunge, junges Fräulein! Im Grangeford-Kinderheim wollen wir keine frechen Sprüche hören!“
Bei dieser unangenehmen Erinnerung verzog Katie das Gesicht und warf die Zweige, die sie gesammelt hatte, in die Kiste. Die Jungenstimmen waren wieder zu hören. Sie warf einen Blick über die Schulter. Niemand sah in ihre Richtung. Schnell huschte sie hinter den Schuppen und betrachtete den hohen Holzzaun. Wenn sie nur hinüberschauen könnte! Vielleicht würde sie Garth auf der anderen Seite sehen.
Direkt über ihrem Kopf entdeckte sie ein kleines Astloch und fasste einen Plan. Sie schlich wieder auf die andere Seite des Schuppens zurück, nahm eine leere Kiste und zog sie bis zum Zaun. Direkt unter dem Astloch drehte sie die Kiste um und stieg darauf. Jetzt konnte sie durch das Loch spähen.
Mehrere Jungen liefen über den Rasen und sahen aus, als würden sie Fangen spielen, während einige andere einfach herumstanden. Katie betrachtete ihre Gesichter, und ihr Herz schlug höher. Garth stand ungefähr zwanzig Meter von ihr entfernt und unterhielt sich mit einem anderen Jungen. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und beobachtete das Spiel. Er trug eine ihr unbekannte braune Kniebundhose, einen grauen Pullover und eine braune Kappe.
Sie hätte so gern seinen Namen gerufen, aber wer gegen die Regeln verstieß, wurde schwer bestraft, und sie wollte nicht, dass Garth Prügel bekäme, weil er mit ihr sprach. Trotzdem musste es eine Möglichkeit geben, ihn wissen zu lassen, dass sie hier war.
Sie biss sich auf die Lippe. Bitte, Herr, lass ihn näher kommen.
„Was machst du da?“
Katie fuhr keuchend herum und wäre fast von der Kiste gefallen. „Gracie! Schleich dich bitte nicht so an mich heran.“
Mit den aufgesammelten Stöcken in den Händen schaute Grace mit großen Augen zu ihr hoch. „Entschuldigung. Ich wollte dich nicht erschrecken.“
„Ist schon gut. Komm her.“ Katie hielt ihr die Hand hin.
Grace ließ die Stöcke fallen und kletterte neben Katie auf die Kiste. Sie war zu klein, um durch das Astloch blicken zu können. Deshalb fasste Katie sie an der Taille und hob sie hoch.
Grace schaute durch das Loch und atmete scharf ein. „Dort ist Garth!“
„Pst! Uns darf niemand hören.“
„Warum nicht?“
„Wir dürfen nicht mit den Jungen sprechen. Aber vielleicht kommt er irgendwann näher.“
Katie setzte Grace auf ihre Hüfte, und sie blickten abwechselnd durch das Astloch und beobachteten ihren Bruder.
„Jetzt kommt er!“, flüsterte Grace.
„Lass mich sehen.“ Katie nahm Graces Platz ein. Als Garth nur noch drei Meter weg war, rief sie leise seinen Namen.
Er runzelte die Stirn und blickte zum Zaun.
„Psst“, zischte Katie. „Hier drüben.“
Garths Augen leuchteten auf. Er sah sich unauffällig um und schlenderte dann auf den Zaun zu. „Katie, bist du das?“
„Ja! Grace und ich sind hier.“
Ein Lächeln zog über sein Gesicht, doch dann wurde er schnell wieder ernst und wandte sich vom Zaun ab. „Falls mich jemand dabei erwischt, dass ich mit euch spreche, bekomme ich große Schwierigkeiten.“
„Ich weiß. Das hat mir die Heimleiterin auch gesagt, als ich fragte, ob ich dich sehen könnte.“
„Hast du etwas von Mama oder Mrs Graham gehört?“
„Nein. Kein einziges Wort. Du?“
„Nein.“ Er sprach leise und blieb mit dem Rücken zu ihr stehen.
„Glaubst du, Mrs Graham hat Laura geschrieben?“
Er schnaubte. „Warum kommt Laura dann nicht?“
Graces Kinn zitterte. „Laura kommt nicht?“
Katie strich Grace beruhigend über den Rücken. „Nicht weinen, Gracie. Wenn sie kann, kommt Laura bestimmt.“ Sie spähte wieder durch das Astloch. „Glaubst du, Mama geht es gut?“
Garth drehte sich zu ihr herum. Seine Augen funkelten unruhig. „Keine Ahnung, aber ich werde es herausfinden.“
Katie erstarrte. „Wie meinst du das?“
„Ich werde nicht ewig hierbleiben und mir Sorgen machen, was mit Mama sein könnte.“
„Garth, du darfst nicht weglaufen!“
Er runzelte die Stirn und steckte die Hände in seine Hosentaschen. „Ich muss von hier fort und nach Mama sehen. Dann werde ich eine Möglichkeit finden, dich und Gracie aus dem Heim zu holen.“
„Aber wie sollen wir überleben, wenn wir auf uns allein gestellt sind?“
Seine Miene wurde hart. „Wir finden schon einen Weg. Sie können uns doch nicht ewig hier einsperren und voneinander trennen.“
„Mrs Graham hat Mama bestimmt gesagt, wo wir sind. Sie wird uns holen, sobald sie kann. Davon bin ich felsenfest überzeugt.“
Garths Augen verdunkelten sich, und er wandte den Kopf ab. Bei dem Zweifel in seiner Miene wurde Katie schwer ums Herz. Wenn Garth nicht glaubte, dass Mama kommen und sie hier herausholen würde, wie sollte sie dann diesen Glauben aufbringen?
„Garth, komm!“ Ein Junge rannte auf den Zaun zu und winkte ihm, zu den anderen zu kommen und mitzuspielen.
„Ich muss gehen.“
Katie schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter. Es musste eine Möglichkeit geben, mit Garth in Kontakt zu bleiben. Eine Idee schoss ihr durch den Kopf, und sie steckte den Finger durch das Astloch. „Wenn du wieder in den Garten kommst, dann schau in dieses Astloch. Falls ich irgendetwas höre, hinterlasse ich dir hier eine Nachricht. Und du machst das Gleiche.“
„Einverstanden.“ Er warf einen Blick über die Schulter, dann drückte er kurz ihren Finger. „Pass auf dich und auf Gracie auf.“
„Das mache ich. Versprochen.“ Als er seine Finger zurückzog, seufzte sie.
Grace spähte noch einmal durch das Astloch. „Bis bald, Garth.“ Ihre Stimme zitterte, und sie schniefte, als sie von der Kiste stieg.
Katie beugte sich noch einmal vor und beobachtete, wie Garth zu seinen Freunden zurückkehrte und dann zum Jungengebäude schlenderte. Mit jedem Schritt, den er sich von ihr entfernte, hatte sie das Gefühl, ein weiteres Stück ihres Herzens zu verlieren. Sie stieg von der Kiste und atmete stockend aus. Vierzehn Jahre lang waren sie und Garth unzertrennlich gewesen. Eigentlich sogar noch länger, wenn man ihre gemeinsame Zeit in Mamas Bauch mitrechnete.
Dass sie in Grangeford gezwungen wurden, in getrennten Gebäuden zu wohnen, war schwer, aber wenigstens wusste sie jetzt, dass er auf der anderen Seite des Zaunes war. Das war ein kleiner Trost. Aber wie sollte sie ihn finden, falls er ausbüxte? Die Vorstellung, nicht zu wissen, wo er war und ob es ihm gut ging, war für sie schier unerträglich.
Sie sah ihre Schwester an und kniff die Lippen fest zusammen. Sie hatte Garth versprochen, auf Grace aufzupassen. Dieses Versprechen musste sie halten. „Komm, Gracie. Wir müssen zurück und …“
„Mädchen! Was macht ihr da?“ Mrs Hastings marschierte mit gerötetem Gesicht auf sie zu. „Kommt sofort von diesem Zaun weg!“
Katie nahm Grace an der Hand und zog sie schützend an sich.
„Warum steht ihr untätig herum?“
Katie blinzelte. Ihr Herz hämmerte so heftig, dass sie fast fürchtete, es würde ihren Brustkorb sprengen. Sie durfte die Wahrheit nicht verraten. Was konnte sie sagen?
Mrs Hastings deutete mit ihrem knochigen Finger auf die Zweige vor ihren Füßen. „Hebt diese Zweige auf und macht euch an die Arbeit, die ich euch aufgetragen habe!“ Sie schnalzte mit der Zunge. „Müßiggang ist aller Laster Anfang. Hier in Grangeford dulden wir so etwas nicht.“
„Ja, Madam.“ Katie warf einen schnellen Blick auf Grace. Sie bückten sich beide und hoben den piekenden Haufen abgebrochener Zweige auf.
Als sie sich aufrichtete, hob Katie die Augen zum wolkenverhangenen Himmel. Hilf uns, Vater. Wir haben niemand sonst, an den wir uns wenden können.
Laura faltete ihren grauen Wollpullover und legte ihn in den Koffer auf ihrem Bett. Dann blickte sie sich in dem spärlich möblierten Zimmer um, das sie mit Millie teilte. Ihre Augen leuchteten auf, als ihr Blick auf das Foto von ihrer Familie auf dem kleinen Tisch neben dem Bett fiel. Dieses Bild konnte sie nicht zurücklassen. Es war das einzige Foto, auf dem die ganze Familie zusammen war. Sie nahm es vom Tisch, um es zu betrachten.
Es war vor drei Jahren aufgenommen worden, bevor ihr Vater gestorben war und bevor sie angefangen hatte, als Dienstbotin zu arbeiten. Ihr Leben hatte damals ganz anders ausgesehen. Das spiegelte sich in dem Frieden und der Zufriedenheit in den Gesichtern wider.
Mama saß mit strahlenden Augen und einem glücklichen Lächeln vorn. Sie trug ihr schönstes Kleid mit dem hochgeschlossenen Spitzenkragen. Die vierjährige Grace saß in ihrem weißen Rüschenkleid und mit einer großen weißen Schleife, die ihre blonden Locken zusammenhielt, auf ihrem Schoß.
Papa stand hinter Mama, groß und stattlich in seinem schwarzen Anzug und mit Krawatte. Garth stand rechts von ihm. Ihr Bruder reichte ihrem Vater kaum bis zu den Schultern. Sie lächelte bei der Erinnerung, dass sie versucht hatten, Garths dunkelbraune Locken glatt zu kämmen, aber einige Strähnen hatten sich nicht bändigen lassen und fielen ihm in die Stirn.
Sie und Katie saßen links und rechts neben Mama. Sie trugen identische Kleider und beugten sich nah zu ihr, um den Familienkreis zu vervollständigen. Bei diesen bittersüßen Erinnerungen schnürte sich ihre Kehle zusammen. Damals hatte keiner von ihnen gewusst, wie sehr sich ihr Leben nur wenige Monate später ändern würde.
Mit einem Seufzen schob sie das Foto vorsichtig in ihren gefalteten Pullover. Es war nicht leicht, so weit entfernt von ihrer Familie zu arbeiten, aber die Bande der Liebe und Hingabe blieben stark, auch wenn sie kilometerweit voneinander getrennt lebten.
Sie räumte ihre Bürste und ihren Kamm in den Koffer, dann klappte sie den Deckel zu und ließ das Schloss zuschnappen.
Die Tür ging auf, und Millie schaute herein. „Hast du schon fertig gepackt?“
Laura blickte sich noch einmal im Zimmer um. „Ja. Ich glaube, ich habe alles, was ich brauche.“
„Mr Frasier hat gesagt, dass du nach unten kommen sollst, sobald du fertig bist.“
„Mr Frasier? Ich dachte, er ist bei einem Angelausflug.“
Millie grinste. „Ich meinte den jüngeren Mr Frasier. Mr Andrew Frasier.“
Laura wurde sofort vorsichtig. „Was will er?“
„Keine Ahnung, aber du solltest dich lieber beeilen und ihn nicht warten lassen.“
Laura schlüpfte in ihren Mantel. Dann umarmte sie Millie herzlich. „Ich werde dich vermissen, Millie.“
„Ich dich auch. Pass gut auf dich auf. Gib uns Bescheid, wie es läuft und wann du zurückkommst.“
„Das mache ich.“ Laura nahm ihre Handtasche und ihren Koffer vom Bett und trat auf den Gang hinaus. Sie ging auf die Dienstbotentreppe zu, aber dann überlegte sie es sich anders und drehte sich um. Wenn Andrew Frasier auf sie wartete, nahm sie die Haupttreppe. Sie wollte nicht das Risiko eingehen, ihm auf der dunklen Hintertreppe zu begegnen.
Sie atmete tief ein und marschierte los. Als sie auf dem untersten Treppenabsatz ankam, sah sie Andrew Frasier mit Mr Sterling unten an der Treppe stehen. Der stämmige Butler bedachte sie mit einem besorgten Blick. Er war immer freundlich zu ihr gewesen, und dafür war sie sehr dankbar.
Andrew Frasier sah zu ihr hoch und lächelte. „Ah, Miss McAlister, da sind Sie ja.“ Er zog eine Taschenuhr aus der Westentasche. „Wenn Sie sich beeilen, können Sie den Fünfzehn-Uhr-dreißig-Zug noch erwischen.“
Sie warf einen Blick auf die große Standuhr neben dem Kamin in der großen Halle, während sie die letzten Stufen hinabstieg. Es war schon fast drei. Zu Fuß würde sie es unmöglich bis halb vier zum Bahnhof schaffen. Es dauerte mindestens vierzig Minuten, um in den Ort zu kommen, selbst wenn sie mit ihrem Koffer zügig vorankäme.
„Layton holt bereits das Automobil“, sprach Andrew weiter. „Er fährt Sie zum Bahnhof.“
Laura blieb auf der untersten Stufe abrupt stehen. „Oh, nein, Sir. Das ist nicht nötig. Ich kann zu Fuß gehen.“
„Aber wenn Sie den Nachmittagszug verpassen, fährt der nächste Zug erst um Viertel nach sieben. Ich will nicht, dass Sie so lange am Bahnhof warten müssen.“ Er schaute zum Fenster. „Außerdem sieht es so aus, als bekämen wir bald Regen. Bitte lassen Sie sich zum Bahnhof bringen.“
Er schien sein Angebot ernst zu meinen. Eine schnelle Fahrt im Automobil wäre natürlich viel angenehmer als ein langer Fußmarsch im Regen. „Wenn Sie meinen. Danke, Sir.“
Elsie, das junge Küchenmädchen, kam aus der Tür am Ende des langen Gangs und eilte mit einem kleinen Korb auf sie zu. „Bitte sehr, Sir.“
„Sehr gut.“ Er nahm den Korb. „Bitte richten Sie Mrs Lindquist meinen Dank aus.“
„Ja, Sir.“ Elsie senkte den Kopf und eilte zur Dienstbotentreppe zurück, die in die Küche hinabführte.
Draußen vor dem Haus knirschte der Schotter unter den Autoreifen.
„Das dürfte der Wagen sein.“ Andrew deutete zur Haustür.
Mr Sterling schritt vor ihnen her durch die schwarz-weiß gekachelte Eingangshalle und zog die schwere Holztür auf. Andrew trat als Erster hinaus, und Laura folgte ihm. Der Butler nickte ihr ermutigend zu. Sie lächelte ihn dankbar an.
Als sie aus dem Haus trat, ließ sie ihren Blick über die gewundene Zufahrt zum Rasen und zu den Gärten wandern. Der Geruch von Regen und frisch gemähtem Gras wehte ihr entgegen. Sie atmete tief ein, und ihre Kehle war plötzlich wie zugeschnürt. Es war albern, sentimental zu werden, weil sie von Bolton wegfuhr. Das hier war nicht ihr Zuhause. Sie kehrte nach London zurück, wo sie geboren und aufgewachsen war. Aber ihre Familie befand sich in einer Notlage und war zerstreut. Laura konnte also bei ihrer Heimkehr keine herzliche Begrüßung erwarten. Ihre engsten Freunde lebten hier, sie waren Dienstboten in diesem Haus, wie sie selbst.
Der Chauffeur eilte um den Wagen herum und trat zu Mr Frasier.
„Bitte bringen Sie Miss McAlister zum Bahnhof.“
„Ja, Sir.“ Layton nahm Lauras Koffer und schnallte ihn am Heck des Automobils fest.
Mr Frasier öffnete die Tür zur eleganten Rückbank.
Laura bedachte ihn mit einem unsicheren Blick. „Wenn ich mit Mrs Frasier wegfahre, sitze ich normalerweise vorn neben dem Fahrer.“
„Meine Mutter kommt heute nicht mit. Es spricht also nichts dagegen.“ Er deutete auf den Rücksitz. „Sie wollen doch nicht zu spät kommen und den Zug verpassen.“
Laura rutschte auf den Rücksitz und legte ihren Rock um sich, obwohl sie das Gefühl nicht abschütteln konnte, dass es sich nicht geziemte, dass sie wie ein Familienmitglied auf dem Rücksitz Platz nahm.
„Das ist für Sie.“ Mr Frasier reichte ihr den Korb.
Sie blinzelte verwirrt, dann nahm sie ihn entgegen.
„Ich habe keine Ahnung, was Mrs Lindquist eingepackt hat, aber es schmeckt bestimmt besser als das, was Sie im Zug bekommen.“
„Danke.“ Sie war so überrascht, dass sie nicht wusste, was sie sonst sagen sollte.
„Danken Sie nicht mir, sondern Mrs Lindquist, wenn Sie zurück sind.“ Er nahm einen Umschlag aus seiner Anzugjacke und hielt ihn ihr hin.
Sie starrte den sauberen weißen Umschlag, auf dem ihr Name stand, verständnislos an. „Was … was ist das?“
Seine braunen Augen funkelten, und er zog schmunzelnd einen Mundwinkel nach oben. „Das ist für Sie.“
Sie biss sich auf die Lippe und war nicht sicher, ob sie den Umschlag annehmen sollte.
„Es ist nur ein kleiner Betrag als Hilfe auf Ihrem Weg.“
Sie zögerte immer noch. Warum gab er ihr Geld?
„Bitte, meine Mutter und ich wollen Sie damit unterstützen.“
Wenn dieses Geschenk auch von seiner Mutter kam, konnte Laura es unbesorgt annehmen. „Danke. Und bitte richten Sie auch Mrs Frasier meinen Dank aus.“
„Das mache ich. Ich wünsche Ihnen eine sichere Fahrt.“ Er schloss die Tür.
Der Chauffeur drehte an der Kurbel. Als der Motor ansprang, stieg der Mann vorn ein. Im selben Moment landeten schon die ersten Regentropfen auf dem weichen Autodach.
Mr Frasier hob die Hand, und Laura nickte ihm zum Abschied zu, als der Wagen losfuhr.
Sie lehnte sich auf dem schwarzen Ledersitz zurück und starrte auf den Korb und den Umschlag. Warum hatte sich Mr Frasier so viel Mühe gemacht? Und warum war er so freundlich zu ihr? Er schien dafür keine Gegenleistung zu erwarten, aber das wusste sie nicht mit Bestimmtheit. Sie riss den Umschlag vorsichtig auf und holte einen cremefarbenen Briefbogen heraus. Als sie das Blatt auseinanderfaltete, landeten zwei steife Fünf-Pfund-Noten auf ihrem Schoß.
Ihr entfuhr ein überraschtes Keuchen. Ihr Lohn betrug nur vier Pfund im Monat, da sie auf Bolton auch Kost und Logis bekam. Das war ein sehr großzügiges Geschenk, das ihr in London bestimmt helfen würde. Sie nahm den Brief und las ihn stumm.
Miss McAlister, ich hoffe, Sie nehmen dieses kleine Geschenk an, das Ihnen und Ihrer Familie in dieser schweren Zeit helfen soll.
Für ihn mochte es ein kleines Geschenk sein, aber für sie war es eine hohe Summe.
Ich bete, dass Ihre Mutter bald wieder gesund wird und Sie Ihre Geschwister im Kinderheim gesund und wohlbehalten vorfinden. Bitte scheuen Sie sich nicht, zu mir zu kommen, wenn Sie in London Hilfe brauchen. Ich rechne damit, dass ich am 13. April zurückfahre. Sie erreichen mich in der Kanzlei von Mr Henry Dowd.
Hochachtungsvoll
Andrew Frasier
Sie faltete den Brief wieder zusammen und schob ihn und die Geldscheine tief in ihre Manteltasche. Dank dieses Geldes brauchte sie sich nicht den Kopf zu zerbrechen, wie sie zum Krankenhaus kommen sollte, um ihre Mutter zu besuchen, oder wie sie zum Kinderheim käme, in dem ihre Geschwister untergebracht waren. Ihre Zuversicht wuchs, doch einen Moment später wurde sie von den verwirrenden Fragen und Zweifeln, die ihr durch den Kopf gingen, verdrängt. Sie musste diesen Sorgen einen Riegel vorschieben!
Sie hatten schon viele schwere Situationen durchgemacht und überwunden. Sie würden auch jetzt eine Lösung finden.
Sie schloss die Augen und wollte beten. Sie wollte glauben, dass sich Gott um sie und ihre Familie kümmerte, aber sie hatte nach dem Unfall für ihren Vater gebetet, und Gott hatte ihn trotzdem zu sich geholt. Aber sie musste es auf jeden Fall versuchen. Gott, bitte heile Mama und pass auf meine Geschwister auf. Hilf mir, dir zu vertrauen, auch wenn ich nicht verstehe, warum du das zugelassen hast, und auch wenn ich keine Ahnung habe, wie die Zukunft aussieht.
Sie schlug die Augen wieder auf und blickte durch das Fenster, an dem die Regentropfen hinabliefen. Sie wartete auf ein beruhigendes Gefühl oder eine leise, tröstende Stimme. Aber sie hörte nichts als das Motorengeräusch des Automobils, das durch die Pfützen fuhr und sich schnell dem Ort näherte.
Würde Gott ihre Gebete erhören und ihnen einen Weg bahnen, sodass sie wieder alle zusammen sein konnten? Das war ihr Herzenswunsch. Aber ihre Angst war größer als ihr Glaube – und erstickte den kleinen Hoffnungsfunken in ihrem Herzen.