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TRAUER UND WEITERE TODESFÄLLE

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Der Tod gehört zum Leben. Das wissen wir alle, doch wenn es ein nahes Familienmitglied betrifft, ist es doch ein schwerer Lebensabschnitt. Da haben es gläubige Menschen einfacher.

Sie finden Trost und Kraft in ihrer Vorstellung von der Auferstehung. Meine Mutter und mein Bruder waren Anhänger des Christentums und überzeugt von der „frohen Botschaft“, seinen Gaben und Verheißungen von der Erlösung, Gnade und ewigem Heil. Zum Heil sind die Taufe und der Glaube erforderlich. Mein Vater war (wie auch ich) getauft, aber nicht gläubig.

Der Glaube hatte für meinen Vater und für mich keinen Sinn in Bezug auf das Streben nach Glück und Wohlbefinden. Trotzdem war meine Mutter mit Sicherheit davon überzeugt, meinem Vater im Jenseits wieder zu begegnen.

In meiner Kindheit war die Familie die kleinste gesellschaftliche Zelle, in der ich von meinen Eltern Geborgenheit und Anerkennung erfuhr. Und dafür danke ich noch heute besonders meinem Vater, der sich selbstlos für die Familie einsetzte.

Nach dem Tod meines Vaters hatte ich wenig Zeit gehabt, Gefühle zu äußern.

Am 11.9.2001 nahmen Bernd und ich an einer Beerdigung eines ehemaligen Kollegen teil. Zu ihm hatte ich kein enges Verhältnis. Er zweifelte anfangs auch, ob die Verbindung von Bernd und mir wegen dem Altersunterschied gut ginge. Jedoch in der Kirche bei der Trauerrede des Verstorbenen kullerten wir unaufhörlich die Tränen. Erst jetzt kam ein Gefühlsausbruch durch den Tod meines Vaters zum Ausbruch. Die anderen Trauernden wunderten sich bestimmt darüber, denn sie kannten nicht meine Situation.

Im August 2001 beerdigten wir in Darmstadt Bernds Schwägerin. Bernds Bruder Heinz war nur ein Jahr jünger als mein Mann. Die Verstorbene und Heinz hatten sehr abgekapselt gelebt. Sie besaßen auch keine Kinder. Es war erschreckend, wie wenig Kondolenzbesucher an der Trauerfeier teilnahmen. Die Brüder hielten telefonischen Kontakt bzw. sahen sich zu Familienfeierlichkeiten. Es war erschreckend, wie Heinz immer mehr abmagerte.

Nun greife ich zeitlich einmal vor, um nicht laufend Todesfälle in unserem Bekanntenkreis erwähnen zu müssen.

Im März 2002 verstarben gleich zwei gute, Braunschweiger Freunde von Bernd. Es war bedauerlich, dass wir Abschied von Bernds 76-jährigen Malerfreund nehmen mussten. Zwischen ihm und Bernd bestand eine enge Sympathie. Er hatte sich früh der Aquarellmalerei zugewandt und gab Bernd hilfreiche Tipps für sein Hobby. Als bekannter Künstler hatte der Verstorbene einen großen Bekanntenkreis, den er durch nette Einladungen pflegte. Wir nahmen gern an solchen Festen teil, weil man dort sehr interessante Leute antraf.

Dadurch hatte Bernd auch den anderen Braunschweiger kennengelernt. Er verstarb im Alter von 82 Jahren und war ein angesehener Braunschweiger Wirt. In seiner Kneipe trafen sich unter anderen oft auch Kommunal- und Landespolitiker. Es war das Verdienst des Verstorbenen, dass man sich an diesem Ort wohlfühlte. Auch für Bernd und für mich war die Kneipe ein besonderer Ort, denn hier hatte mich Bernd gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, ihn bei unserer USA-Reise im Jahre 1994 zu heiraten. Damals sagte ich JA. Vorbild war der Wirt und seine Frau, die auch in Las Vegas geheiratet hatten.

Wir empfanden es schon sehr eigenartig, dass Beide im selben Krankenhaus kurz hintereinander an Krebs starben und mussten uns mit dem Verlust abfinden.

Ein Jahr später im April 2003 erfuhren wir vom Freitod eines Freundes von Bernd. Der Verstorbene hatte lange Zeit seine krebskranke Frau bis zu ihrem Tod begleitet. Er wurde dabei alkoholabhängig und depressiv und kam allein mit dem Leben in der einsamen Gegend, in der er wohnte, nicht mehr klar.

Am 6.Dezember 2003 war ich von der Nachricht geschockt, dass die Mutter meines Exmannes Hanno verstorben sei. Sie war 83 Jahre alt geworden und kümmerte sich sehr um ihren nicht ganz einfachen Sohn, der immer wieder depressive Phasen hatte und 1990 nach unserer Scheidung zu ihr nach Schleswig- Holstein gezogen war.

Ich hatte sie in Erinnerung als eine Frau, die pflichtbewusst, aber wenig herzlich war und keine Kompromisse eingehen konnte.

Obwohl sie viel aktiver im Leben stand als meine Mutter, hatte meine Exschwiegermutter ihren Gesundheitszustand nicht richtig eingeschätzt. Sie plante zuerst eine Augen- und dann eine Herzbehandlung durchführen zu lassen. Der Augenarzt sollte sie wegen des fortschreitenden Verlustes der Sehschärfe behandeln. Bei älteren Menschen ist der Graue Star sehr verbreitet, dass er als Teil des normalen Alterungsprozesses angesehen wird. Als sie in einer Taxe saß, um zum Augenarzt fahren, wurde sie von einem Herzinfarkt überrascht. Sofort kam sie in die Klinik, aber die geplante Herzschrittmacher- OP konnte nicht mehr erfolgen. Sie verstarb im Krankenhaus. Gleich nach der Benachrichtigung fuhr unsere Tochter Ulrike zu ihrem Vater. Am 19. Dezember erfolgte die Beisetzung, an der auch ich teilnahm. Es war ein kleiner Kreis, der von der Verstorbenen Abschied nahm.

Im Oktober 2004 waren wir von der Nachricht erschrocken, dass Bernds Cousine aus Hamburg von einem Lastkraftwagen auf der Autobahn überrollt wurde. Sie machte auf mich immer einen lebensfrohen Eindruck, obwohl sie seit längerer Zeit Witwe war. Ihr Sohn war eines der vielen Patenkinder von Bernd. Wir bedauerten sehr, dass es uns nicht möglich war, an der Beerdigung teilzunehmen, weil wir mit dem Auto im Stau standen und dadurch unseren Zug nach Hamburg verpassten.

Einen weiteren Schock bekamen wir, als wir im Mai 2005 einen Abschiedsbrief eines Bekannten aus unserer Gegend lasen. Er hatte seinen Selbstmord gründlich geplant, indem er sich im Keller seines Landhauses erschoss und gleichzeitig erhängte. Für seine Frau Doris, die eine zweite Ehe mit ihm eingegangen war, muss das Auffinden von ihm ein Trauma ausgelöst haben. In seinem Brief begründete er seinen Schritt damit, dass ihn unerträgliche Schmerzen erwartet hätten und dass er deshalb so sein Ende wählte. Die Entscheidung dazu, sei ihm nicht schwer gefallen, denn ihn erwartete vielleicht eine bessere Welt.

Der Verstorbene war 77 Jahre alt geworden und blickte auf ein erfülltes Leben, trotz durchgemachter Kinderlähmung, zurück. Er schrieb in seinem Abschiedsbrief, dass sein Leben geprägt war von toller persönlicher Freiheit (er hatte sich erst im reifen Alter für eine Heirat entschieden), interessanter Arbeit in der Praxis und Theorie als Finanzexperte und Landwirt, interessanten Reisen in viele Länder, seinen Hobbys Jagd und Reiten und einem Familieleben, dass nach einigen Tiefen durch eine fröhliche Stief-Enkelschar mehr als ausgeglichen war.

Die Endlichkeit dieses Lebens habe er durch die Toten 1944 bei der Flack, durch die von Panzern in Mecklenburg im Mai 1945 niedergewalzten Flüchtlingstrecks und durch den Tod vieler Freunde erfahren.

Er äußerte in seinem Abschiedsbrief: „Der Weg unserer Gesundheit läuft von dem hilflosen Windelkind über einen mehr oder minder holprigen Weg zum hilflosen Fleischklotz im Greisenalter. Welchen Anspruch darf man an das Leben stellen?“ Er war an einem Scheideweg angekommen, an dem er aus seiner Sicht sich für einen würdigen Abgang aus dem Leben entschieden hatte. Er stellte sich die Frage: Wieweit darf ein stark eingeschränktes Leben noch künstlich erhalten werden? Für ihn gab es keinen späteren Zeitpunkt für seine Entscheidung zum Freitod. Sein labiles Rückrat ließ ihn für die nächsten Jahre einen Gang in die totale Hilflosigkeit erwarten. Bereits für kurze Zeit erlebte er diese totale Abhängigkeit. Seine Frau hatte ihn in aufopferungsvoller Weise gepflegt. Aber solch eine Lebensqualität war für ihn und seine Umgebung nicht erstrebenswert.

Es erstaunte mich sein Glaubensbekenntnis: Er schrieb, dass er im festen Glauben an die göttliche Schöpfung gelebt habe. Er teilte allen ihm Nahestehenden mit: „Je mehr man sich mit Astro-, Nanophysik, Biologie etc. beschäftigt hat, desto größer wird die Erkenntnis unseres geringen Wissensniveaus und desto demütiger wird die Selbsteinschätzung. Die Physiker rechnen schon mit 27 Dimensionen, während wir noch bei der 4. Dimension mit unserer Vorstellungsgabe hängen bleiben. Wir wissen fast nichts über die Schöpfung und was wir wissen, besteht aus unbewiesenen Theorien. So z.B.: Wieso soll mit dem Tod alles zu Ende sein?“

Er dankte allen, die sein Leben lebenswert gemacht hatten, besonders aber seiner Frau Doris, die seit 30 Jahren das Zusammenleben interessant und abwechslungsreich gestaltete und die ihm in schweren Jahren bedingungslos zur Seite stand. Er lobte Doris als wunderbare Hausfrau und für die Geduld bei der Pflege, die sie trotz eigener Schmerzen aufbrachte. Als Bitte äußerte er, dass wir ihr aufbauend und mit Fröhlichkeit begegnen und ihr beim Aufbau eines neuen Lebens helfen sollten. Man respektierte seinen letzten Wunsch und es fand keine Trauerfeier statt. Bei der Urnenbeisetzung auf dem eigenen Grundstück nahmen wir teil.

Doris besaß eine Wohnung in Berlin. Diese gab sie nun auf, zog sich aber nicht in das jetzt einsame Haus zurück, obwohl oder weil ihr Sohn mit Schwiegertochter und 5 Enkelkindern im Nachbarhaus wohnten. Sie fand eine sehr schöne große Wohnung im Zentrum unserer Stadt und so hatte sie als Witwe einen Neuanfang. Wir besuchten Doris einige Male und tauschten dann viele Erfahrungen über die Pflege ihrer Mutter in einem Heim, über unsere Kinder und Enkelkinder aus. Gern gingen wir auch gemeinsam ins Kino und werteten den Film oft anschließend bei einem Glas in einer Kneipe aus. Doris war sehr belesen und nahm bereits über mehrere Jahre an einem Literaturzirkel teil. Auch Bernds erste Frau war Teilnehmerin dieses Zirkels und so erfuhren wir interessante Neuigkeiten.

In Jahresabständen ertrugen wir Trauernachrichten. Dieses Mal ganz unverhofft. Der Sohn von Doris besaß in unserer Straße auch eine Vierzimmerwohnung, die aber sein leiblicher Vater Harald bewohnte. Er hatte auch Landwirtschaft betrieben. Mit dem ersten Ehemann von Doris verband uns eine enge Freundschaft. Wir gingen oft gemeinsam Mittagessen. Meist fuhr Harald mit seinem Wagen vor und sagte dann immer scherzhaft, der Wagen sei jetzt angespannt und die Herrschaften könnten einsteigen. Wir aßen oft in einem Italienischen Restaurant und wenn wir bestellt hatten, warteten wir auf seinen Spruch, na - dann können wir ja jetzt erst einmal etwas über unsere Krankheiten austauschen. Seine Gegenwart war sehr angenehm, auch wenn wir verreisten nahm er unsere Post entgegen und goss unsere Topf- und Grünpflanzen. Schmunzelnd hatte er uns einmal davon berichtet, dass er in unserer Wohnung schon einmal Kunstblumen mit Wasser versorgt hätte.

Am 17.3.2006 auf dem Weg zu unserer Wohnung traf ich den gemeinsamen Sohn von Doris und Harald. Er erzählte mir unter Tränen, dass sein Vater verstorben sei. Harald war bei einer Bekannten gewesen und wollte ihr beim Tisch decken helfen, setzte sich in einen Sessel und es trat ein plötzlicher Herzstillstand ein. Harald litt jahrelang unter Multiple Sklerose und erhielt deshalb häufig Cortison. Trotzdem traf uns die Kenntnis von seinem Tod sehr. Er war ein liebenswerter, heiterer Mensch, der seine Krankheit im Griff hatte. Acht Tage später fand für den Verstorbenen auf dem Gut seines Sohnes eine Trauerfeier statt. Viele Nahestehende waren gekommen, um den Leidtragenden ihr Beileid auszusprechen. Später erfolgte wieder die Bestattung auf dem eigenem Friedhof.

Der Tod hatte viele Gesichter. Eigentlich war Haralds Ausscheiden aus dem Leben beneidenswert. Die Angehörigen waren zwar erschrocken, aber ein Leidensweg blieb Harald erspart.

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