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3. Eine rätselhafte Botschaft

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Durch die Gassen des griechischen Bergdorfs Zagora, das sich oben im Pilion an die Gebirgshänge anschmiegt, krochen dumpfige Nebelschwaden.

Kalja erwachte und fühlte, dass ihr Bettlaken von kaltem Schweiß nass war. ›Schon wieder, was ist das nur‹, dachte sie erschrocken und erhob sich. ›Irgendetwas brüte ich aus, möglicherweise eine Grippe, Vater muss mir Tabletten geben.‹ Sie zog das Laken ab, streifte das ebenfalls feuchte Nachthemd über ihren Kopf, packte das Bündel zusammen, lief nach unten ins Bad und stopfte alles in die Waschmaschine.

Sie stellte sich unter die Dusche und drehte das warme Wasser auf. Beim Einseifen strich sie sich mit den Händen über ihren schlanken Körper und dachte an Titos, ihren Freund. Sie blickte an sich herunter. ›Glücklicherweise mag er schlanke Frauen‹, überlegte sie, ›Aber bin ich nicht ein bisschen zu mager?‹ Es kam ihr vor, als hätte sie abgenommen. Sie erfühlte die Rippen unter ihrer Brust, betrachtete ihren flachen Bauch, die schlanken Beine. ›Am besten, ich frag ihn bei Gelegenheit‹, nahm sie sich vor, ›Notfalls muss ich mehr essen‹. Seit Tagen hatte sie keinen Appetit mehr. ›Hängt mit der Grippe zusammen. Hat man da nicht Fieber?‹ Sie fühlte ihre Stirn, heiß kam sie ihr nicht vor. ›Vielleicht bemerkt man das selbst nicht.‹ Als sie ihre Zähne putzte, schmerzte ihr Zahnfleisch.

In der Küche sah Kalja gerührt, dass ihr Bruder für sie Frühstück gemacht hatte. Sie setzte sich an den Tisch, trank gehorsam den Orangensaft und kaute lustlos auf einem Brötchen mit Aprikosenmarmelade herum. ›Wie schön wäre es, wenn Lena bei mir am Tisch säße‹, dachte sie und betrachtete missmutig die Regentropfen, die an die Fensterscheibe trommelten. Sie stützte den Kopf in die Hände und weinte ein bisschen. »Hab dich nicht so«, schalt sie sich. »Lena ist erst seit zwei Tagen weg und du heulst jetzt schon herum. Gönne ihr die Sonne Afrikas, in vier Wochen ist sie wieder da.« Sie wischte die Tränen ab. ›Dass ich solo hier sitze, ist nebenbei bemerkt, ausschließlich meine Schuld! Lena wollte mit aller Gewalt, dass ich mitkomme, aber wie hätte ich Titos jetzt, da seine Mutter im Krankenhaus liegt, verlassen können?‹

Das war freilich nicht der einzige Grund gewesen, sie wusste es. Seit Wochen fühlte sie sich schon derart matt und antriebslos, dass sie Mühe hatte, es zu verbergen. Aber daran hatte sie Übung. Siebzehn Jahre hatte sie die gutaufgelegte Kalja gemimt, die ihre Behinderung perfekt wegzustecken wusste. Wer ahnte schon, wie sich das anfühlt, abgeschottet von allen Geräuschen der Welt zu leben? Zuzusehen, mit welcher Selbstverständlichkeit Menschen miteinander sprechen, singen und lachen? Sie war ohne Gehör geboren, also taubstumm, wie manche Leute gedankenlos sagten. Als sie im Bauch ihrer Mutter lag, hatte eine Virusinfektion die Sinneszellen in ihrem Innenohr zerstört. In den ersten Lebensjahren hatte sie in ihren Träumen noch Stimmen und Musik gehört, doch mit der Zeit geschah das immer sporadischer. Eines Tages war es in ihrem Inneren totenstill geworden.

Der Vibrationsalarm meldete sich, jemand hatte an der Haustür geklingelt.

Als sie die Tür öffnete, stand Yannis davor, eine Kiste mit Obst und Gemüse in den Händen. Ups, das hatte sie vergessen, er brachte jeden Samstag den Vitaminvorrat für die Woche vorbei.

Yannis, der attraktive Yannis mit seinen schwarzen Locken und dem betörenden Lächeln! Auf den waren alle Frauen scharf, egal was für ein Alter sie haben mochten. Auch sie hatte sich einst um seine Gunst bemüht. Zu ihrem Kummer hatte er sie als jugendliches Nichts behandelt, zu der man nett war, wie zu einer Schwester.

Stets hatte sich Kalja gewundert, dass er sich für keine Frau zu interessieren schien. Sie hatte ihn schon für schwul gehalten, aber vor zwei Jahren hatte Lena entdeckt, dass er es mit ihrer Tante Atridi trieb. Schlecht war ihr geworden, als ihre Freundin ihr im Vertrauen berichtete, was für ein Schweinkram zwischen den beiden ablief.

Überraschend hatte er sich in Lena verliebt. Als die ihn beim Hapkido-Training auf den Rücken gelegt und ihm ihr Knie brutal in den Bauch gedrückt hatte, war ihr erhitztes Gesicht dem seinen übermäßig nahegekommen. Intensiv hatte Lena ihm in die Augen geblickt und augenblicklich war sie mit geöffneten Lippen zu einem nicht enden wollenden Kuss auf ihn herabgesunken. Seitdem waren er und Lena zusammen.

»Bist du dir unumstößlich sicher, dass Yannis nebenbei nicht noch deine Tante bumst?«, hatte Kalja ihre Freundin gefragt.

»Nö, ich habe ihn nicht gefragt.«

»Warum?«

»Er darf nichts über mein Stigma wissen, also genehmige ich ihm ebenfalls eventuelle Geheimnisse«, hatte Lena sie abgefertigt. »Darüber hinaus, ich vermiss nichts, er ist ein wunderbarer Liebhaber. Das genügt mir.«

»Wenn Titos fremdginge, dem würde ich die Augen auskratzen, und der Schlampe gleich mit«, war Kaljas Antwort gewesen.

Fluchend drängte Yannis sich in den Flur und stellte die schwere Kiste ab. »Sauwetter, blödes«, schimpfte er in passenden Gebärden. Er kannte Kalja seit Kindesbeinen, die Gebärdensprache war ihm geläufig. »Erst finde ich vor Nebel kaum den Weg zu euch und jetzt regnet es noch wie aus Kübeln!« Er schüttelte sich die Regentropfen aus den Haaren.

»Setz dich zu mir in die Küche, ich frühstücke.« Die Muskulatur ihrer Hände verkrampfte sich leicht bei ihren Gebärden. »Trink einen warmen Tee.«

Kalja lief ins Bad, holte ein Handtuch und rubbelte ihm die Haare trocken. ›Alle Mädchen würden mich jetzt beneiden‹, dachte sie. ›Je erwachsener Yannis wird, desto anziehender erscheint der Bursche.‹ »Damit du dich nicht erkältest«, zeigte sie und deutete auf sich. »So wie ich!«

»Du bist nicht auf der Höhe! Geh bei dem Mistwetter nicht aus dem Haus und kuriere dich aus.« Er schaute sie an, sein Blick wirkte besorgt.

»Vor Minuten habe ich an Lena gedacht«, lenkte sie von sich ab. »In Südafrika schwitzt sie sich jetzt zu Tode.«

»Sie hat mir gesimst, aus Johannesburg«, zeigte er. »Du wirst es nicht glauben, das Wetter ist dort ähnlich mies wie hier.«

Zaudernd nippte er am Tee, Kalja fürchtete schon, er würde aufstehen, um sich zu verabschieden. Sie brauchte jetzt eine Prise Aufmunterung. Erleichtert registrierte sie, wie er nach einem Brötchen griff und es dick mit Aprikosenmarmelade bestrich. Irgendetwas schien er noch auf dem Herzen zu haben.

»Ist was? Du schaust so bedröppelt aus der Wäsche?«

»Nicht ohne Grund! Heute Morgen kam eine erstaunliche Frau in unseren Laden«, begann er, »Gute Figur. Trug zu einer samtgrünen Bluse einen hyazinthblauen Rock. Das rotleuchtende Haar fiel ihr bis zur Höhe der Hüften herunter. Hatte mandelförmige Augen mit fein geschwungenen Brauen, samtweiche Lippen, ein jugendliches Gesicht. Die Haut ohne jeden Makel.« Fragend blickte Yannis sein Gegenüber an. Waren seine Kenntnisse in der Gebärdensprache geeignet genug gewesen, die kniffligen Beschreibungen rüberzubringen?

Kalja nickte. Ein bisschen bemitleidete sie ihre Freundin, sich auf einen Partner eingelassen zu haben, der ein weibliches Wesen mit solchen Worten beschreiben konnte. Sie bezweifelte, ob ihr Freund nach einer kurzen Begegnung mit einer Frau, sich über die Farbe ihrer Kleider hätte auslassen können. Geschweige von mandelförmigen Augen, samtweichen Lippen oder fein geschwungenen Brauen zu reden. »War eine sandfarbene Katze in ihrer Begleitung?«, fragte sie. »Diese Höhe etwa?« Sie deutete eine Länge von sechzig Zentimeter an.

»Genau«, wunderte sich Yannis. »Kennst du die Frau etwa?«

»Klar doch. Sie heißt Selina. Lena und ich sind ihr vor drei Jahren in Volos begegnet«, zeigte sie. »Sie ist eine Romni. Lena hat mich weggeschickt und ist zu ihr in den Wohnwagen gestiegen. Was die Beiden dort gesprochen haben, hat sie mir nie erzählt.« Sie legte ihre Hände in den Schoß und senkte den Blick. Schlagartig fühlte sie sich, müde, obwohl es erst auf Mittag zuging.

Yannis schien ihre Erschöpfung zu ahnen. Er warf ihr einen erschrockenen Blick zu. Sanft legte er eine Hand auf ihren Arm. »Kalja, du solltest dich ins Bett legen«, bedeutete er ihr. »Soll ich nicht besser deinen Vater anrufen?«

»Nein, was denkst du! Heute am Freitag hat er viele Patienten.« Man sah, wie sie sich einen Ruck gab. »Was wollte Selina von dir? Obst kaufen?«

»Das auch« winkte er ungeduldig ab. »Stell dir vor, sie hat mir eine Botschaft für Lena gegeben!«

Mit erstaunten Augen blickte Kalja ihn an. »Wieso kam sie zu dir? Sie kennt dich überhaupt nicht!«

»Eben. Aber das hab ich mich erst gefragt, als sie schon weg war.«

»Was hat sie gesagt?«

»Überkandideltes Zeug. ’Schick den Zettel sofort deiner Freundin, für zwei Menschen bedeutet er Leben.’ Was soll das?« Er kratzte sich am Kopf, kramte in seinen Taschen herum und zog einen zerknitterten Zettel heraus. »Kannst du dir einen Reim darauf machen? Für mich steht da nur wirres Zeug!«

GEFÄHRTINNEN!

DIE SPHINX WIRD IMMER BÖSARTIGER,

JE LÄNGER IHR WARTET!

DURCHTRENNT DIE NABELSCHNUR

MIT DEM SCHWARZEN MESSER AUS EBENHOLZ!

ACHTET AUF DAS PORTAL!

RUFT MICH, WENN IHR MICH BRAUCHT!

»Ich weiß nicht«, überlegte Kalja, »Lena hat hie und da ein Hang zum Übersinnlichen. Am besten schreibst du auf die Rückseite, was Selina dir gesagt hat.« Sie schob den Zettel zurück. »Mit dem nächsten Brief schicke ich den Wisch an Lena, sie wird wissen, was das bedeutet.«

»Okay, tu das. Ich mach mich wieder auf den Weg. Muss noch eine Lieferung in Zagora zustellen.« Er umarmte sie und fühlte, dass sie heiß war. »Du hast Fieber, leg dich ins Bett. Versprich mir das!«, drängte er.

Sie nickte, strich ihm über das noch feuchte Haar und schob ihn hinaus in den trüben Novembertag. Mühselig schleppte sie sich die Treppe empor und legte sich auf ihr Bett.

Unbeachtet blieb Selinas Botschaft auf dem Küchentisch liegen.

Der Bund der Katzenfrauen

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