Читать книгу Mit schwarzen Flügeln - Daimon Legion - Страница 10
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ОглавлениеAlles, was die Augen sahen, war schwarz. Kein Ton, den die Ohren hörten, und kein Gefühl in den Gliedern, um sie zu bewegen. Die Seele schien gefangen im Körper eines Toten. Ohne Zeitgefühl eine scheinbare Ewigkeit lang.
Mehr nicht.
Nur diese Wunde brannte, als fräße sich eine Säure ihren Weg langsam und ätzend durch das Fleisch.
Gedanken flackerten in einer nicht greifbaren Schnelle auf und waren ebenso schnell aus dem Kopf wieder verschwunden.
... Da war etwas. Eine warme Hand, die seine Haut berührte. Eine sanfte Stimme, ein liebes Wort.
Ein weit entferntes Flüstern, was ihn zurückführte. Zurück ins Leben.
Allmählich begann alles klarer zu werden. Eine sanfte Brise wehte über seine Haut, doch obwohl er davongekommen war, fühlte er den Tod so nah an der Seite wachen. Wie lange hatte er in der dunklen Zwischenwelt geschlafen?
Zögerlich öffnete er seine Augen und machte sich schon auf das Schlimmste gefasst. Aber er blickte nur an eine grau betonierte Zimmerdecke. In selber kahler Verfassung war der ganze Raum. Ausnahme war das harte Metallgestellbett, auf dem er unter verwaschenen Laken ruhte. Das kleine, offen stehende Doppelfenster, vor dem Stofffetzen als Gardine im Luftzug wehten, erhellte das Umfeld bloß spärlich und nahm dieser Zelle nichts an Schwermut.
Dennoch hörte er draußen Kinder, die im Tageslicht fröhlich tobten.
Deacon hatte keine Ahnung, wo er sich befand, wie er hierherkam und was das für Leute waren, die ihn offensichtlich gerettet hatten. Stark geschwächt konnte er nur daliegen und warten, dass ihn jemand aufklärte.
Schon bald hörte er Schritte, die näher kamen, und die einfache Holztür, die in den Raum führte, öffnete sich. Herein kam ein Mann, den er noch nie gesehen hatte. Größer als er und sportlich gebaut, mit dunkelbraunem Haar, dem ein paar Strähnen mit Perlen geflochten worden waren. Die braune Haut schien er von Natur aus zu haben und nicht von der Sonne. Zwar trug der Unbekannte normal wirkende Kleidung – eine kurze Hose und ein ärmelloses Hemd – doch er merkte sofort, dass der Kerl zur untersten Schicht gehörte.
Das konnte man riechen.
„Hey, du bist endlich wach!“, begrüßte ihn der Mann im neutralen Ton. „Hat ja gedauert.“
Verwirrt sah Deacon ihn an. „Was?“
„Nun, du hast zwei Tage geschlafen. Dachten schon, du gehst übern Jordan oder so.“
Zwei Tage? Verflucht!
Er versuchte sich im Bett aufzusetzen, doch spürte sofort die Stichwunde in seinem Bauch brennen. Im Krampf fasste er auf den verschlissenen Verband, dem man um ihn gewickelt hatte, und stöhnte auf. Funken tanzten in den Augen und ihm wurde heiß und kalt, während ein innerer Pfeifton ihn kurzzeitig taub machte.
Sofort sprang der Fremde stützend an seine Seite und rief: „Vorsicht, Kleiner! Du solltest dich nicht bewegen! Du hast ’ne Menge Blut verloren und deine Verletzung heilt schlecht aus! Leg dich wieder hin und bleib unten!“
Umsichtig wurde er von diesem Mann zurück auf die dünne Matratze gedrückt und Deacon war ihm äußerst dankbar für seine Fürsorge. Ein Schwindelanfall ließ ihn in Schweiß ausbrechen und er konnte kaum noch sehen, wo oben und unten war. Das Zimmer begann sich mehr und mehr im Kreis zu drehen und sein Magen reagierte mit einer unerträglichen Übelkeit. Er würgte und schmeckte Blut auf der Zunge.
Sein Pfleger schnippte mit den Fingern ein paar Mal vor seinen Augen und gab ihm so einen Punkt vor, sich zu konzentrieren und aus dieser Wirbelspirale auszutreten. Langsam wurde es wieder. Die Symptome schwanden und er atmete schwer, aber ruhiger.
„Geht’s besser? Mach mir hier keine Panik, Junge. Ich nehm’s dir übel, wenn du abkratzt. Soll ja nicht alles umsonst gewesen sein, klar?“ Dann legte er ihm die große Hand auf die blasse Stirn und fluchte: „Mist. Dein Fieber ist immer noch verdammt hoch. Das ist echt gefährlich. Du bleibst im Bett, verstanden? Keine Anstrengung, bis du wieder gesund bist!“
Nichts da. Deacon biss die Zähne gegen den Schmerz zusammen und beugte sich abermals hoch. Als das Bettlaken von ihm abglitt, stutzte er verlegen. Man hatte ihm alles abgenommen und ausgezogen, um die Wunde im Bauch, wie auch die anderen Kratzer von seinem Sturz, zu behandeln. So nackt und offen bloßgestellt, lief er rot an vor Scham.
Der Mann wurde schlecht gelaunt und verpasste ihm eine leichte Kopfnuss, dass sein Schädel dröhnte wie ein vom Schläger getroffener Gong.
„Hör mal! Entweder legst du dich schnell hin oder du stirbst! Ob nun durch die Wunde, oder weil ich dich erwürgt habe! Hast du das kapiert?“
Deacon nickte still. Gegen diesen Typen kam er in seiner jetzigen Verfassung nicht an.
Seine sitzende Position nutzte er, um seinen Körper zu begutachten. Mit den alten Bandagen war er großzügig eingedeckt worden und bei dem Loch im Leib war das ziemlich nötig. Noch immer spürte er leidvoll, wie die Verletzung schwer verheilte und aufriss, wenn er sich zu sehr beanspruchte. Gebrochen schien aber nichts. Bis auf einige heftige Prellungen war er heil geblieben und die Schnitte und blaugrünen Blutergüsse unter der Haut waren nur halb so schlimm.
Da konnte er wirklich von Glück reden.
„Wer bist du?“, fragte er schließlich seinen Retter.
„Nenn mich Ted“, stellte der sich vor. „Und falls du wissen willst, wo du bist: bei mir zu Hause, in einer Armensiedlung im Außenbezirk der Stadt. Meine Schwester hat dich im Müll gefunden und wir haben unser Bestmögliches getan, um dich wieder hinzukriegen. Obwohl wir dich gar nicht kennen.“
„Oh“, meinte er dazu leise und neigte leicht den Kopf, „mein Name ist Deacon.“
Ted ergriff seine Hand und schüttelte sie. „Hi. Cool, dass du deinen Namen kennst. Hätte ja sein können, dass du nicht mehr weißt, wer du bist.
Und, von wo aus wurdest du an diesen Strand gespült, Deac?“
Von wo? Ja ...
„Von überall her“, redete er sich schüchtern raus.
Sein neuer Freund wollte das nicht ganz glauben. Misstrauisch verschränkte er die Arme und bohrte weiter, um mehr zu erfahren: „Im Schlaf hast du manchmal in ’ner ziemlich komischen Sprache gesprochen, die noch nie wer gehört hat. Und hier gibt es viele Nationen, Mann.“
Aber es gab Sprachen, die auf der Erde nicht gesprochen wurden. Die Sprache der Engel gehörte dazu. Deacon schämte sich für diesen unkontrollierten Fehltritt.
Als er sah, dass sein Gast nicht antworten würde, zuckte Ted die Schultern. „Na, wie auch immer.
Erzähl mir lieber mal, wie du dir so was eingefangen hast“, und er wies auf den Verband. „Warst du in ’ner Straßengang Mitglied, wo der Ausstieg tödlich ist, oder was?“
„Nein, ich ... bin allein unterwegs.“
„Hey, Kleiner, ich bin nicht blöd. Das sind nicht die ersten Narben, die du davonträgst! Also raus mit der Sprache, ich werd dich deswegen nicht gleich davonjagen.“
Du würdest es nicht glauben, wenn ich es dir sage, dachte sich der schwarze Engel und überlegte, welche Lüge er diesem Kerl erzählen konnte. Dummerweise schien sein Verstand gelitten zu haben, denn es wollte ihm absolut keine Ausrede einfallen.
„Ähm“, begann er schwerfällig, da hörte er eine andere Stimme rufen.
„Ted!“, rief eine Frau. „Ted, ist er aufgewacht?“
Der Gerufene antwortete leiser: „Ja, ist er. Komm rein.“
Was nun durch die Tür in das Zimmer trat, ließ Deacon den Atem stocken. Ihm war aufgrund der Ähnlichkeit zu Ted klar, dass es sich hierbei um seine erwähnte Schwester handelte, jedoch hätte er nicht mit so einer Frau gerechnet.
Es war nicht, weil sie besonders aussah, denn das tat sie keineswegs. Sie war sogar ein recht gewöhnliches Mädchen. Ohne Glanz und Glamour, Make-up, Marke oder was sonst einem Menschen bei Schönheit ins Auge fiel. Da Engel von Haus aus mit Anmut und Pracht zu tun hatten, waren sie immun gegen optische Reize.
Obgleich sie wahre Erhabenheit spürten. Und diese hier erschien ihm wie das Licht des Himmels selbst. Deacon war grenzenlos von ihrer Reinheit berauscht. Es grenzte schon an dummes Gaffen. Er kam erst zurück in die Wirklichkeit, als Ted ihm eine weitere Kopfnuss verpasste und meinte: „Wenn du meine Schwester weiter besabberst, klatscht es, aber keinen Beifall!“
Was du nicht sagst, dachte Deacon, wandte jedoch den Blick ab. „Entschuldigung“, murmelte er betroffen und zog verlegen seine Zudecke etwas höher.
Lustigerweise bekam Ted von seiner Schwester einen Klaps verpasst und sie schimpfte: „Du sollst andere nicht immer gleich hauen! Vor allem niemanden, der eh schon verletzt ist!“
Ihr Bruder grummelte etwas in sich hinein, während sie Deacon die Hand reichte. „Hallo, ich bin Nadja. Schön, dass du wieder da bist.“
Zögerlich nahm er ihre Begrüßung entgegen. „Wie ich höre, habe ich das dir zu verdanken. Ich stehe in deiner Schuld. Ich bin Deacon.“
„Ein hübscher Name“, grinste sie.
Ted mischte mit rein: „Tja, und mehr verrät er ja nicht, eh? Bist schon ’n seltsamer Vogel ... Wer weiß, was du ausgefressen hast.“
Darüber lachte Nadja nur hohl. „Zumindest erkennt er eine Lady, wenn sie vor ihm steht.“
Ihr Bruder neckte sie kurz spielerisch, bevor er zu Deacon sagte: „Nun, Kleiner, du weißt erst mal das Wichtigste. Wir haben uns einander vorgestellt, jetzt solltest du dich weiter ausruhen und wir lassen dich schlafen. Ich werde dir noch etwas zu Essen bringen, damit du zu Kräften kommst. Wir haben nicht viel zu bieten, doch es ist besser als nichts. Mehr Tage Fastenkur hast du echt nicht nötig.“
Somit wollten die Geschwister den Raum verlassen, da fiel es Deacon ein zu fragen: „Wo habt ihr meine Sachen?“
Ted legte eine Hand auf die Schulter seiner kleinen Schwester. „Nadja hat die Risse gestopft. Das kann sie sehr gut und deine Klamotten waren ziemlich hinüber. Die kann ich dir aber später bringen. Nicht, dass du vorhast, uns voreilig zu verlassen, Wanderer.“
Deacon neigte demütig den Kopf. „Ich danke euch zutiefst für eure Freundlichkeit einem Fremden gegenüber.“
Nadja lächelte. „Das ist selbstverständlich.“
Auch Ted grinste, wenn zugleich etwas schräger. „Dank uns nicht zu früh. Wenn du wieder stehen kannst, ohne umzufallen, will dich noch die Älteste unserer Siedlung kennenlernen. Erwarte aber nicht, dass sie dich mit offenen Armen empfängt. Für sie warst du schon abgeschrieben und bist jetzt nicht mehr als ein nichtsnutziger Fresser.“
Das klang sehr nett. Die Großherzigkeit dieser jungen Menschen traf wohl nicht auf alle zu, die sie kannten.
„Jetzt schlaf dich aus, Deac.“
„Das werde ich. Danke.“
Mit einem zustimmenden Nicken fiel die Tür hinter den Menschen ins Schloss.
Matt legte Deacon sich wieder lang in die Kissen und zog das Laken bis über die Schultern. Er war wirklich noch müde und ausgelaugt. Vielleicht hätte er gar nicht länger den Geschwistern Rede und Antwort stehen können. Gähnend schloss er die Augen und lauschte den Geräuschen, die vom Fenster her zu ihm hinübergeweht kamen.
Ein Hund bellte. Kinderlachen. Das Geräusch eines Hammers, der wahrscheinlich einen Nagel ins Holz trieb. Stimmengewirr. Der pfeifende Wind, der durch die Hausritzen drang.
Er war jetzt mitten unter diesen Leuten, die seinen Namen kannten. Die Anonymität war vorbei. Ein Engel unter vielen kleinen Lichtern verschollen. Der Morgenstern tobte bestimmt schon, keine Nachricht von seinem General zu haben. Sicher wussten seine Kameraden nicht, wo er war. Auch die Weiße Garde nicht. Virel glaubte wohl, er sei tot. Somit war er nicht existent, wie alle hier vor Ort. Wie dieses seltsam anmutende Mädchen ...
Er drehte sich zur Seite. Die Wunde pochte.
Im nächsten Moment war Deacon eingeschlafen.
Ted stellte einen Teller mit ein paar Scheiben Brot, einen Apfel, eine Schüssel heißer Grießsuppe und eine Tasse voller Wasser auf den Boden neben das Metallbett. Kurz schaute er auf den Rücken, welchen ihn der friedliche Schläfer zugewandt hatte. Hässliche rote Narben zogen sich lang über die Schulterblätter. Dazwischen war die Haut rau, als hätte ihn eine Ladung Schrot getroffen.
’ n hartes Leben.
Dass der Kerl etwas verbarg, war ihm so klar wie das Amen in der Kirche. Doch wollte er geduldig sein und warten. Vielleicht erzählte der Junge ja eines Tages seine wahre Geschichte.
Wer weiß, was dabei herauskommt.