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An Bord des Öltankers Hammond-1, Erebus Point, Antarktis

Der Allzweckschrank im Frachtraum des Tankers zählte nicht zu den bequemsten Verstecken, die sich Veronica Winters je zur Observierung ausgesucht hatte, das stand fest. Er war eng, stank nach Öl und Rattenurin und steckte voller rostiger Ersatzteile, doch was ihm in puncto Komfort abging, machte er dadurch wieder wett, dass man darin mit hoher Wahrscheinlichkeit unbemerkt bleiben würde, was es ihr ermöglichte, zu beobachten, was in diesem Teil des Raumes geschah. Ihr Smartphone, das über den bordeigenen Satellitendienst vernetzt war, würde ihr sofort Bescheid geben, wenn jemand die »Schiffsärztin« anrief. Bis dies passierte, wollte sie so viel wie möglich über diesen Widerling Xander herausfinden. Du solltest derjenige sein, der in der Zelle sitzt, du Dreckschwein, dachte sie, während sie durch den Spalt der leicht angelehnten Schranktür hinausschaute.

Außerdem musste sie etwas mehr über dieses Ding in Erfahrung bringen, was auch immer es war, das man gerade in der Kiste an Bord gehievt hatte. Deswegen wurde zweifelsfrei eine Menge Aufwand betrieben, doch für sie kam es erst an zweiter Stelle nach dem Ziel, Xander das Handwerk zu legen. Sie hörte mit an, wie er dem Paläontologen nahelegte, ihn nie zu kontaktieren, wenn er auf Jobsuche ein Arbeitszeugnis bräuchte, woraufhin Xander aus dem Gefängnisbereich in den eigentlichen Frachtraum ging, wo die Kiste stand. Von dort hörte sie aufgeregte Rufe, als sei etwas ins Rollen geraten. So wie es klang, würde es Dyson wohl eine Weile auf Trab halten.

Als sie aus dem Schrank spähte, beobachtete sie, wie ihm der Wächter etwas nachrief und Xander »Folgen Sie mir« entgegnete, ehe auch dieser Mann das Gefängnis verließ.

Veronica stieß den Schrank gerade weit genug auf, um sich durch den Spalt zwängen zu können, wobei sie betete, dass die Scharniere nicht quietschten, und tat es schließlich, während der Vater dem Sohn sagte, dass sie ein ernstes Gespräch führen müssten.

Sie schlich rechtsherum, also fort von dem Aufruhr um die Kiste, und bewegte sich auf Zehenspitzen an der erneuten Vereinigung der Ramirez-Männer vorbei und tiefer in den Laderaum hinein. Als mutmaßliche Bordärztin war von ihr verlangt worden, sich gut auf dem Tanker auszukennen, da sie im Falle eines medizinischen Notfalls rasch in jeden Abschnitt gelangen sollte. Zu diesem Zweck hatte sie die schematischen und technischen Pläne des Schiffs verinnerlicht, die ihr vom Captain in die Hand gedrückt worden waren. Sich zuvor mit der Umgebung vertraut gemacht zu haben zahlte sich nun aus, denn während Xander abgelenkt war, konnte sie seine Koje durchsuchen und so ergründen, warum zum Geier er überhaupt hier war.

Sie wusste, dass diese nur für ihn allein zugänglich war – ein seltener Luxus auf hoher See – und, dass sie nicht unter Deck lag, sondern auf einer der Ebenen des Brückenturms. Veronica kam durch den langen Schiffsbauch dorthin, der sich der Länge nach fast durch den gesamten Rumpf zog, wodurch sie sich noch ein wenig weiter außer Sicht bewegen konnte.

Sie stahl sich an in der Regel leeren, Höhlen gleichenden Kammern vorbei, die schlecht beleuchtet waren und ungeöffneten Frachtcontainern Platz boten – solchen, die gelegentlich über Bord gingen und ihren kostbaren Inhalt verloren; seien es Nike-Schuhe oder Plasma-Fernseher. Veronica bezweifelte jedoch, dass diese hier, nur einfache Gebrauchsgüter enthielten, weil sie DeKirk gut genug kannte. Doch darum ging es ihr im Augenblick gar nicht.

Sie blieb in Bewegung, hielt sich im Schatten und geduckt zwischen den Ladebehältern, wenn sie in der Nähe die Stimmen von Besatzungsmitgliedern hörte. Größtenteils kam sie ohne erhebliche Mühe voran, und nach kurzer Zeit erreichte sie eine Wendeltreppe, die nach oben führte. Sie ging hinauf und bemühte sich um eine seriöse Ausstrahlung, sobald sie auf das Außendeck kam. So als sei sie in Ausübung ihrer Pflicht irgendwohin unterwegs, müsse sich beeilen und habe überhaupt keine Zeit zum Schwatzen.

Sie wusste von einem Korridor, der zu den Quartieren für besondere Passagiere führte, womit jene gemeint waren, die abgesehen von der Kajüte des Captains die behaglichsten Unterkünfte auf dem Tanker darstellen … privat und nicht mit dreistöckigen Etagenbetten zugestellt. Veronica ging weitere Treppenläufe hinauf, überquerte danach eine Reihe von Laufstegen aus Gitterrosten und zog schließlich eine Tür auf, die in einen kurzen Flur mit im jeweils gleichen Abstand gesetzten Türen zu beiden Seiten führte.

Das waren die Gästequartiere. Da sie sich im Vorfeld die Raumaufteilung angesehen hatte, war ihr klar, dass Xander in einer dieser Kojen schlief, genauer gesagt in Nummer 412. Sie fand die Türnummer ungefähr in der Mitte des Gangs auf der rechten Seite und versuchte, den Knauf umzudrehen.

Verschlossen! Als Leibärztin für das Bordpersonal verfügte sie über Schlüssel zu gewissen Bereichen, doch die Privatkojen gehörten nicht dazu. Jahrelange Arbeit als CIA-Agentin hatte jedoch durchaus ihre Vorteile, und so kam es, dass Veronica, nachdem sie sich zu beiden Seiten auf dem Flur umgesehen hatte, einen Dietrich aus dem Arztkoffer nahm, den sie stets bei sich trug.

Innerhalb von zehn Sekunden hatte sie die Verrieglung überlistet, die Tür geöffnet und sich hineingeschlichen. Dann drückte sie sie vorsichtig hinter sich zu.

Xanders Quartier bestand aus einer Schlafkoje von zehn Quadratfuß mit einem dazugehörigen Bad, das sie als Erstes inspizierte. Im Hauptraum standen ein Einzelbett, ein einfacher Schreibtisch und eine Kommode. So wie es aussah, reiste der Mann mit leichtem Gepäck und kam für wenig mehr her als zum Schlafen, aber selbst das vermutlich nicht allzu lange. Veronica blickte in die Schubladen der Kommode – völlig leer. Dann sah sie einen Seesack am Fuß des Bettes und kramte darin herum, aber dieser enthielt nur Kleidung, und die Taschen waren ebenfalls leer. Der Schreibtisch verfügte über eine einzelne, niedrige Schublade; sie ging hinüber und zog sie auf.

Darin lag zugeklappt ein weißes MacBook Air.

Ein Lächeln stahl sich in ihr Gesicht, als sie das Gerät auf den Tisch legte und öffnete, um es einzuschalten. Sofort musste sie ein Passwort eingeben, womit sie gerechnet hatte, doch da sie bei der CIA einige grundlegende Hacker-Tricks gelernt hatte, startete sie das System im Sicherheitsmodus neu und wies sich dann Administratorrechte zu, umging so die Passwortabfrage völlig und gewann Zugang in die Stammverzeichnisse.

Biochemiker, dachte sie mit einem herablassenden Grinsen.

Binnen weniger Augenblicke hatte sie Xanders Programme und Dateien vor sich. Es handelte sich um die üblichen Office-Leistungsanwendungen, aber er benutzte teilweise auch Spezialsoftware. Sie runzelte die Stirn, während sie ein paar Namen las: Matlab, Stata, ChemPro, GenTrack und SequenceGuru …

Wozu ist dieses Zeug nur gut? Sie klickte willkürlich ein Icon an.

Der Titel eines der Fenster lautete Genmutation, und darunter befanden sich zwei Datenspalten mit Werten wie Tac-1, Pep-4 und dergleichen.

Veronica hatte an Bord das Gerücht gehört, dass man Dinosaurier aus dem Untergrundsee berge, ging aber davon aus, dass es nur langweilige Knochen waren. Wieso würde Xander oder überhaupt irgendjemand mit Genen arbeiten, wenn sie keine kompletten Urzeitechsen hätten? Wunschdenken? Oder war es ihnen gelungen, sie aus Knochen zu klonen, die noch Mark enthielten?

Plötzlich vibrierte ihr Smartphone, also zog sie es aus der Tasche. Auf dem Touchscreen las sie eine Nachricht, die mit einem roten Ausrufezeichen versehen war: DRINGEND: SCHIFFSÄRZTIN SOFORT AN DECK, VERLETZUNG IN CREW MIT SCHWEREM ARBEITSGERÄT!

Dies war der erste ernste Ruf, den sie seit dem Antritt ihrer Reise an Bord in Südamerika erhalten hatte – genau in dem Moment, als sie allmählich glaubte, Bordärzte hätten es leicht … Mist! Wer hätte gedacht, dass diese Hochseepfuscher wirklich arbeiten müssen? Ihre Identität beruhte auf der Tatsache, dass während der wenigen Tage, die sie hier auf dem Meer verbrachte, statistisch gesehen nichts geschehen würde, was bedeutete, sie bräuchte bloß ein paar Rezepte auf der Krankenstation auszustellen. Soviel dazu.

Beim hastigen Überfliegen der anderen Fenster auf dem Schirm stieß sie auf eine Auflistung von Mikrofotos, die das Innenleben verschiedener Mikroben zeigten – nichts, was Veronica irgendeinen Aufschluss geben würde –, und etwas, das wie eine Röntgenaufnahme aussah, deren Überschrift Querschnitt Kleinhirn nach Injektion lautete, sowie einen von Fachwörtern durchzogenen Text im Blockformat in enger Schriftart, gespickt mit Ausdrücken wie als Kampfstoff verwendet, mesozoische Viruslast, reptilischer Wirt, artübergreifende Ansteckung … Da ihr bewusst wurde, dass sie keine Zeit hatte, sich all das zu merken, machte sie mit ihrem Handy einen Schnappschuss des Bildschirms. Hastig beendete Veronica das Programm und fuhr Xanders MacBook wieder hinunter. Sie legte es in die Schublade und trat zurück, um sich den gesamten Raum anzuschauen und dabei sicherzustellen, dass alles genauso aussah wie vor ihrem Eintritt. Tat es. Dann lauschte sie noch einen Moment lang mit einem Ohr an der Tür, damit sie sichergehen konnte, dass in diesem Moment niemand durch den Flur kam. Die Luft ist rein. Nachdem sie die Tür geöffnet und durch einen Spalt hinausgetreten war, schloss sie sie leise hinter sich. Noch einmal drehte sie am Knauf für den Fall, dass der Riegel nicht ins Schloss gefallen war, ehe sie über den Flur ging, wobei sie auf ihr Handy starrte, wie eine beschäftigte Ärztin, die gerade einen Notruf erhalten hatte.

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