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An Bord des Öltankers Hammond-1, Erebus Point, Antarktis
Nachdem Marcus seinen Sohn umarmt hatte, schaute er auf und sah den Schiffsarbeiter, der als dessen Gefängniswächter fungiert hatte, aus dem angrenzenden Bereich der Ladefläche zurückkehren. Der Mann starrte sie in Erwartung eines Streitgesprächs an, das ihn unterhalten würde, während er den Rest seiner Schicht an dem schäbigen, kleinen Schreibtisch absaß. Marcus zeigte zur Einfahrt und in den Raum hinüber, wo die Kiste stand.
»Lass uns in meine Koje gehen, dort haben wir ein wenig Ruhe und sind unter uns.« Er warf dem Aufpasser einen finsteren Blick zu, bevor er das Gefängnis mit Alex verließ und zu der Stelle zurückkehrte, an dem die Fracht abgestellt worden war. Dort wimmelte es nun vor Arbeitern, die gerade einen gewaltigen, ausgewachsenen Dinosaurier auf eine eigens dazu angefertigte Plattform mit Rollen wuchteten, auf den man ihn in seiner ganzen gefrorenen Pracht legen konnte.
Alex blieb stehen, sobald ihm dieser unwirkliche Anblick ins Auge fiel. »Ich kann immer noch nicht fassen, dass es ein …«
»Tyrannosaurus Rex ist? Glaub’s ruhig.«
Die beiden beobachteten das Schauspiel noch eine Weile, bis Marcus seinen Sohn weiter winkte. Xander stand etwas abseits und zeigte zu dem improvisierten, groß angelegten Labor, und ein Besatzungsmitglied schob einen Karren, der mit elektronischen Geräten beladen war, in diese Richtung.
Xander schaute zu Marcus hinüber, als er ihn kommen sah, und bedachte ihn mit einem abfälligen Blick, bevor er sich wieder abwandte. Marcus bekam unweigerlich mit, wie ein paar Männer über einen Schwerverletzten auf dem Arbeitsdeck sprachen.
»Dad, wir sollten Abstand von diesem Ding halten.« Alex klang ernsthaft nervös, nicht so, als ob er versuchen würde, Theater zu spielen, und um Aufmerksamkeit zu heischen.
»Beruhige dich. Er ist bemerkenswert gut erhalten, dank der Minustemperaturen des Süßwassersees – aber definitiv mausetot; ein Kadaver seit Jahrmillionen.«
Alex kratzte sich an der Stirn. »Und warum beschleicht mich dann das Gefühl, dass wir in einem Horrorfilm stecken, und einfach niemand nimmt mich ernst?«
Ein Arbeiter packte den Schwanz des Tiers mit ungeschützter Hand und bemühte sich, ihn wieder auf die Plattform zu ziehen, nachdem er hinuntergerutscht war. Wie sich herausstellte, war er zu schwer und zu steif für eine Person, also kam ihm ein Zweiter zur Hilfe, und gemeinsam stemmten sie den widerspenstigen Fortsatz wieder zurück auf die Ablage.
Marcus legte seinem Sohn eine Hand auf die Schulter. »Alex. Wir müssen unser Gespräch zu Ende führen. Komm in meine Koje.« Er zeigte zum gegenüberliegenden Teil des Laderaums, der ungefähr so groß wie ein Football-Feld war, denn dort befand sich sein abgetrenntes Quartier. »Jetzt gleich!«
Alex trottete auf die Koje seines Vaters zu. Als sie dort ankamen, forderte Marcus ihn auf, hinter eine Trennwand zu treten und auf einer Pritsche militärischer Art Platz zu nehmen, die ihm als Bett diente. Zum Arbeiten hatte man ihm einen Klapptisch mit einem einzelnen Stuhl zur Verfügung gestellt, und außerdem standen dort ein Transistorradio sowie ein paar Bücher über die Antarktis neben diversen Fachbänden zur Flora und Fauna.
»Nett haben sie es dir hier eingerichtet«, scherzte Alex, während er sich auf der Pritsche langmachte, die Hände hinter dem Kopf verschränkte und hinauf zur Decke schaute.
»Bitte setz dich hin.«
Alex grunzte, weil es ihm Mühe bereitete, sich aufrecht hinzusetzen. »Ach, komm schon, Dad.«
»Alex.« Marcus wollte seine nächsten Worte eigentlich in Ruhe abwägen, konnte sich aber dann doch nicht zügeln. »Halt den Mund hör mir einmal in deinem Leben zu!«
Der Junge war leicht erstaunt angesichts dieses harten Tonfalls. Aber er blieb still.
»Dieses Mal hast du dich wirklich in Teufels Küche gebracht, wahrscheinlich sehr viel tiefer in die Bredouille, als du es selbst denkst.« Als er sah, dass Alex etwas erwidern wollte, hob er beide Arme hoch und streckte die Hände mit den Innenflächen nach vorne aus.
»Sag nichts, hör mir einfach nur zu. Glaub bloß nicht eine Sekunde lang, dass du, nur weil du vorerst nicht mehr in dem Käfig steckst, keinen Ärger mehr am Hals hast.«
»Habe ich den immer noch? Danke dafür, dass du mich herausgeholt hast, Dad. Tut mir leid, dass es dich so teuer zu stehen gekommen ist. Ich weiß, du hast einen coolen Job, mit Dinosauriern arbeiten und so, auch weil du das ja liebst …«
Marcus schüttelte entschieden den Kopf. »Nein, du begreifst es immer noch nicht, Alex! Sieh dich um. Auf diesem Schiff …« Er streckte einen Arm nach den verrosteten Metallwänden aus, die hoch über ihnen bis zur Decke aufragten und an der Lampenkästen mit Leuchtstoffröhren hingen, die dafür sorgten, dass es hell im Raum war.
»Das dort draußen ist die Antarktis, Alex, eine der unwirtlichsten Gegenden auf dem ganzen Planeten. Wir sind weit von der Zivilisation entfernt. Mein Punkt ist folgender: Von hier aus kannst du absolut nirgendwohin gehen. Du bist gänzlich der Gnade von DeKirks Leuten ausgeliefert. Ich konnte sie dazu bewegen, dich vorerst aus der Gefangenschaft zu entlassen, aber sie wissen, dass es im Grunde genommen keinen Ort gibt, an den du dich zurückziehen könntest! Gut möglich, dass sie es sich jeden Moment wieder anders überlegen und meinen, die Russen müssten ihnen einen Gefallen tun, denn dann wirst du ausgeliefert. Du trägst Schuld daran, dass Menschen umgekommen sind, Alex, verstehst du das? Wir hängen nun von den Entscheidungen dieses Haufens ab, und nachdem ich für sie gearbeitet habe, kann ich dir sagen: Das ist keine angenehme Situation.«
Alex stützte seinen Kopf in die Hände. »Ich weiß, dass ich Mist gebaut habe, doch du musst zugeben, dass die Zustände hier ziemlich ungeheuerlich sind. Ich meine, wer wusste denn …«
»Allein schon herzukommen, war eine unsäglich dumme Idee, ganz zu schweigen von dem, was ihr danach abgezogen habt. Die Frage lautet jetzt: Welche Konsequenzen ziehst du daraus?«
»Na ja, ich hatte lediglich vor, mich ruhig zu verhalten, bis sie uns in Chile absetzen, schätze ich, und dann …«
»Nein, Alex, ich meine für dein Leben. Was unternimmst du, um zu verhindern, dass so etwas wieder passiert? Das hier mag nämlich die Antarktis sein, aber wenn du einen solchen Bock zu Hause in den Staaten schießt, werde ich nichts tun können, um dich herauszuboxen, Sohn. Kapierst du das? Du fandest es doch schon schrecklich, ein paar Stunden lang dort drüben zu hocken. Kannst du dir vorstellen, wie es ist, für den Rest deines Lebens in den Knast zu wandern?« Er brauste auf. »Denn du bist auf dem besten Weg, dort zu enden, verdammt!«
Alex schaute zu Boden. Marcus machte weiter, als er sah, dass er seinen Sohn endlich aufgerüttelt hatte.
»Gibt es noch andere Interessen, in die du deine Energie stecken willst, abgesehen von Aktivismus? Denn niemand wird dich dafür bezahlen, dass du versehentlich andere Menschen tötest und Eigentum zerstörst. Mir ist egal, wie edel deine Motive sind; ich kann nachvollziehen, welche Beweggründe du hast, wirklich. Du glaubst nicht, wie oft ich bei meiner Arbeit draußen bei einer Ausgrabung an irgendeinem abgeschiedenen, schönen Ort gewesen bin und allen möglichen Müll gefunden habe, den achtlose Camper einfach dort zurückgelassen hatten, oder schlimmer noch: Industrieabfälle, abgeladen von Konzernen, die sich nicht bemüßigt sahen, sie anständig zu entsorgen. Das widert mich genauso an, doch deshalb jage ich weder ihre Wohnmobile in die Luft, noch vergifte ich ihr Essen. Ich tue einfach meine Pflicht in der Hoffnung, dass die Menschen, je mehr ich ihnen über die atemberaubende Geschichte des Lebens auf unserem Planeten vermitteln kann, umso größeren Respekt vor der Umwelt bekommen.«
Alex rieb sich die Augen und schaute zu seinem Vater auf. Marcus war sich sicher, etwas bemerkt zu haben, das er noch nie zuvor an ihm gesehen hatte: War das Hochachtung?
»Äh … Ich kann fliegen.« Marcus fragte sich: Hat er irgendwelche Drogen genommen? »Was?« »Ich habe Flugstunden genommen – im Sommer vor drei Jahren. Das habe ich dir nie erzählt, doch Mom wusste davon; sie hat dafür bezahlt.« »Hat sie? Na großartig. Schätze, jetzt kann ich mir denken, warum sie mir das vorenthalten hat. Wieder mal Sommerferien mit Unsinn verbracht, während der Rest der Welt gearbeitet hat.« Nun atmete Alex tief ein, als halte er mit einem Zug kalter Luft eine Antwort zurück, die er eventuell bereuen würde. »Okay, ich werde nicht mit dir streiten, aber was ich damit sagen will, ist, dass ich schließlich damit fertig geworden bin. Ich habe sogar genügend eigenes Geld gespart, um am Ende auch die Prüfung ablegen zu können. Mein Flugschein für Propellermaschinen von der Zivilluftfahrtbehörde war vor zwei Wochen in der Post.« Marcus studierte den Gesichtsausdruck seines Sohnes intensiv. »Das ist toll, Alex. Herzlichen Glückwunsch, aber ehrlich gesagt erkenne ich nicht so ganz, wie dir das in deiner momentanen Lage helfen könnte.« Nun hielt der Junge seine Hände hoch. »Dad, ich kann Pilot werden! Öko-Touren mit Urlaubern in Kleinflugzeugen machen. Mein Lehrer meinte, er würde mich jemandem vorstellen, der Zulassungen für Wasserflugzeuge macht, dann wäre ich in der Lage, zu …« »Alex! Also wirklich …« Er unterbrach sich selbst, als sie hörten, wie der schwere Anker des Schiffs per Winde eingeholt wurde. »Was?« »Ich finde einfach …« Wieder biss sich Marcus auf die Zunge. Im Moment ist nicht der richtige Zeitpunkt, um darüber zu sprechen, realistisch zu sein, sagte er sich. Mit einem vereisten Dinosaurier auf einem Öltanker in der Antarktis festzusitzen, nachdem man aus der lukrativsten Anstellung geworfen worden war, die ein Paläontologe je zu finden hoffen durfte, hatte auch nichts Realistisches an sich, aber trotzdem: Hier war er. Lass es bleiben. »Vergiss es, wir diskutieren weiter darüber, wenn wir nach Hause kommen.« Alex zog seine Schultern hoch. »Na gut. Aber es würde Mom stolz machen, findest du nicht?« Marcus sah seinen Sohn erneut an. Seine Ehefrau war ein weiteres missliches Thema zwischen ihnen beiden. »Deine Mutter möchte nichts weiter von dir, als dass du dich hin und wieder bei ihr meldest, Alex. Sie wird an Krebs sterben, und du hast dich, seit über einem Jahr nicht mehr bei ihr blickenlassen.« »Ich dachte, der Tumor würde zurückgehen.« »Ging er auch und dann war sie eine Zeit lang sogar ganz krebsfrei. Aber vor ungefähr einem halben Jahr begann er wieder zu wachsen.« »Ich habe ihr doch eine E-Mail geschickt!« Das bedachte Marcus mit einem weisen Nicken. »Du meinst, du hättest deine Pflicht und Schuldigkeit getan, wenn du deiner sterbenden Mutter zum Muttertag eine Mail schickst, verstehe ich das richtig?« »Oh, jetzt hör aber auf!« Alex erhob sich ruckartig von der Pritsche. »Wirklich, Sohn des Jahres – das bist du.« »Und du der Mustergatte, oder wie? Aus diesem Grund kann ich mich nie mit dir unterhalten!« Mit diesen Worten lief er um die Trennwand herum und dann hinaus in den Hauptbereich des Laderaums. »Wo willst du jetzt hin?« Marcus bekam keine Antwort mehr. »Ich bin stolz darauf, dass du den Flugschein bekommen hast!«, rief er ihm hinterher, ohne zu wissen, ob Alex ihn überhaupt noch hörte. Er stand vom Stuhl auf und verließ seine Koje. Den Jungen sah er zwar nicht, doch die Crew hatte die letzten Spuren des Durcheinanders nach dem Öffnen der Kiste beseitigt und fuhr gerade den Stapler weg. Im Laborbereich auf der anderen Seite des Raumes stand nun eine ganze Traube Personen. So weit konnte Alex unmöglich in so kurzer Zeit gelaufen sein. Als Marcus geradeaus durch den Laderaum und dann ein wenig nach links schaute, entdeckte er ihn kurz vor der Treppe, die auf das Achterdeck führte. Er machte sich auf, um ihm zu folgen, blieb aber gleich darauf wieder stehen. Lass ihn laufen; er braucht ein wenig Abstand. Da Marcus das Gefühl hatte, sein Anliegen sei mehr oder weniger deutlich angekommen, gewann schließlich seine wachsende Neugier auf den Dinosaurier die Oberhand. Er begann gerade, zum Labor hinüberzugehen, als er plötzlich spürte, wie die Motoren des Tankers den Rumpf unter seinen Füßen zum Vibrieren brachten. Sie waren wieder unterwegs!