Читать книгу JURASSIC DEAD - David Sakmyster - Страница 6
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»Letzte Chance«, schrie Tony. »Mir nach!«
Als ausgewiesener Draufgänger wusste Alex, dass dies nichts Gutes verhieß, doch sie hatten keine andere Wahl. Sein Nachtsichtgerät zeigte ihm die Russen als grün-schwarze Kleckse an, und ihnen voraus ging ein eisiger Hauch des Schreckens, der ihn auf der Stelle erstarren ließ. Er spürte die Wirkung der Schwerkraft – den Zug der Schwärze dort unten – und glaubte plötzlich, Flüsterstimmen in seinem Kopf zu hören, die ihn lockten, in die Tiefe vorzustoßen und sie zu erkunden …
Vielleicht hörte Tony sie auch, denn einen Moment später, gerade als sich das Getrappel und Scharren der vielen Stiefel mit einer Art unmenschlichem, fast reptilienhaften Zischen vereinte und von den glatten Eiswänden in der Grube widerhallte, nabelte er sich buchstäblich ab.
»Warte …«, rief Alex, als er erst die Schwingung an seinem Gurtzeug und schließlich einen Ruck spürte, doch dann … war Tony fort. Ein Knall wie ein Peitschenhieb ertönte, dann sauste er hinunter, mit eingezogenem Kopf wie ein Zirkusartist, der aus einer Kanone geschossen wird. Er verwandelte sich in einen kullernden Fleck und raste zwischen den heraufkommenden Soldaten hindurch, die sich umdrehten und ihn festhalten wollen, aber nur ins Leere griffen.
»Tony!« Alex kämpfte mit seinem Gleichgewicht, als er in der Luft hing und mit dem Armen ruderte, um sich anzupassen, nun da er plötzlich leichter war, nachdem sich sein Partner ausgeklinkt hatte. Er fasste sich an den Gürtel und nestelte daran herum …
Wo ist …
Da! Das Messer! Der Verschluss war jedoch zugefroren. Er zog und ruckelte daran. Oh Gott, ich habe keine Zeit mehr …
Sie hatten ihn schon fast erreicht, und mit einem kurzen Blick, den er sofort bereute, schaute er in ihre Augen: glühend und fremdartig, aggressiv und mehr als nur hungrig – richtiggehend ausgehungert. So sahen Raubtiere aus, die wochenlang in Käfigen eingesperrt worden waren und dann ein blutiges Stück Fleisch zugeworfen bekamen. Es bedurfte also keiner weiteren Anreize, um Alex’ Muskeln wieder zu lockern, abgesehen von Tonys Stöhnen und Schreien, als würde er beim Rollen gegen etwas stoßen. Alex konnte sich nicht vorstellen, was gerade mit seinem Freund passierte. Ihm blieb nichts weiter übrig, als den gleichen Weg zu nehmen, denn gleich würden sie sich auf ihn stürzen. Er schaffte es, die Klinge springenzulassen, drehte sich dann um und wetzte damit hektisch über die Leine – doch sie ging nicht entzwei, sondern riss nur halb. »Shit!« Er schrie auf, ging in die Knie und schlug erneut auf das Seil ein, während er in die Höhe schnellte. Gerade noch rechtzeitig schoss er nach hinten und schnellte durch eine Menge von Leibern. Arme wurden ausgestreckt und Hände griffen nach ihm, fanden an seiner Gore-Tex-Jacke aber keinen Halt. Er befand sich im freien Fall, wobei er zur Seite gerissen wurde, und er wusste nicht, wie lange es dauern würde, bis er wieder auf den Hang traf, dann aber schlug er erschütternd heftig gegen die Eisfläche und prellte seine Schulter. Sofort rollte er sich wieder ab und stieg abermals in die Luft auf. Die Kamera ging zu Bruch, fiel aber nicht ab und verdrehte sich an seinem Hals. Das Visier des Sichtgerätes bekam Risse, sodass er nur noch wirre rotierende Dunkelheit mit grünen Flecken sah, in der vereinzelt heller Wände aufblitzten, und von dort, wo er glaubte, hergekommen zu sein, flatterte nun eine Vielzahl von Umrissen wie kleine Fledermäuse hinter ihm her. Verdammt, dachte er. Sie hatten die Verfolgung aufgenommen. Was zur Hölle sind sie? Er bekam nicht viel Zeit, um weiter darüber nachzudenken, denn eine Sekunde später schlug er auf den Rücken auf und rutschte anschließend wie ein olympischer Bobfahrer mit den Füßen voran. Als er an seinen Stiefeln vorbeischaute, erkannte er zunächst gar nichts, aber dann erschienen winzige, flackernde Lichtpunkte, die nur kleine Leuchtfackeln sein konnten. Während er sich dem Ufer des Sees immer mehr näherte, spürte er, dass das Gefälle leicht abflachte, da sein Körper mit den Unebenheiten auf- und niederging. Er drückte seine Hacken in den Boden, soweit er meinte, es tun zu können, ohne sich zu überschlagen, und streckte dann seinen rechten Arm aus, in dessen Hand er immer noch das Messer hielt; wundersamerweise hatte er sich bis jetzt nicht selbst damit gestochen. Nun rammte er die Klinge fest ins Eis, woraufhin er sich umdrehte und das Heft festhielt. Der Griff entglitt ihm beinahe, doch er hielt sich fest und zog so eine lange Furche durch den komprimierten Schnee und das Eis, während seine Rutschpartie immer langsamer wurde. Als er zurückschaute, sah er die Fackeln schwelen und die Umgebung in schwaches, aber dennoch schmerzhaftes Licht getaucht. Ihm fielen neben gestapelten Lattenkisten auch Maschinen auf, kleinere Kräne sowie ein Generator, und nicht weit vom Ufer entfernt schwamm etwas, das wie ein Zweipersonentauchboot aussah. Zuletzt wagte er einen Blick zurück nach oben, und zwischen den Eisscherben, die seinen Absturz nachzeichneten, sah er seine schlimmste Befürchtung bewahrheitet: Seine Verfolger hatten nicht von ihm abgelassen. Sie schlossen auf, und zwar schnell. Sobald er konnte, ließ Alex das Messer los und stieß sich mit seinen nunmehr zerrissenen Handschuhen ab. Als er in die Höhe schoss, ruderte er zurück, um zum Stehen zu kommen. Kurz hatte er Angst, er könne stolpern und rückwärts in den See stürzen, doch kurz bevor er ins Taumeln geriet, packte eine nasse Hand seine Schulter. »Lauf«, rief Tony und klang dabei, als seien seine Lungenflügel mit Eiswasser gefüllt. Er schob Alex überraschend kraftvoll und grob nach links, wo das Boot lag und eine der Fackeln brannte. Alex schwankte und schlingerte, ehe er auf einer Eisschicht ausrutschte, dann riss er sich das Nachtsichtgerät von seinem Kopf und wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht. Hier unten war es viel wärmer, fast tropisch. In seiner Jacke bekam er keine Luft mehr. Er schaute zurück. Tony wurde vom roten Licht einer erlöschenden Fackel am Ufer des formlosen, weiten Sees umrahmt. Er streckte seine Arme weit von sich, während er sich dem Tunnel zuwandte, der zur Oberfläche führte. Die Russen stürzten aus dem Schatten hervor. Als sich Alex’ Augen an die Lichtverhältnisse gewöhnt hatten, bemerkte er etwas in Tonys rechter Hand. Sein Freund drehte sich um und zeigte sein Gesicht, das im unsteten Schein fast geschuppt aussah. Das Fleisch an seinen Wangen war gelb und spröde, die Augen standen schräg, beinahe wie bei Echsen, und die Pupillen vermittelten nur noch einen winzigen Eindruck von Menschlichkeit – eine Spur, die aufleuchtete, als würde Tony ihm zuzwinkern, kurz bevor die Horde Russen ihn umschwärmte – kurz bevor er … … den Zündknopf drückte.