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1. Kapitel

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Ein Kribbeln in ihrer Brust, läuft über den Nacken, Rücken, den ganzen Körper. Jenny fixiert den kleinen Bildschirm vor sich, fummelt an ihren Fingernägeln rum, atmet durch, drückt aufs Wiedergabe-Feld:

«Lea, halt dich fest. Siehst du den Brief hier? Post von unserer neuen Republik! Wahlbescheinigung, Passwörter zur Bürgerplattform, massig Papierkram. Ich bin mit dabei, kann’s kaum fassen! Und dies nur, weil die vor mir den Psychotest vermasselt hat. Haben mich nachgezogen, wann passiert denn so was? Dabei, die drei Sitzungen bei der Seelenklempnerin ein Klacks. Die andere wohl einen Knall, keine Ahnung, egal. Vor dir steht Bürgervertreterin Wendling, Mitglied des Bürgerforums, dem ersten ausgelosten Parlament Graatlands. Die kleine, unbedeutende Jenny aus Sinterlingen, unserem alten, versifften Industriekaff. Kannst du dir das vorstellen?»

Konzentriert prüft Jenny die Aufnahme, ihren Auftritt. Die gute Bluse, der Kragen diesmal nicht verdreht, die elende Strähne gezähmt. Sich zurechtgemacht, so gut es ging, was im Schrank so rumliegt halt. Überlegt, ob der Nasenring raus müsse, ihr dann doch zu brav, ließ ihn stecken. An der Schulter die Tätowierung ja bereits verdeckt.

Mamma, der versackte jüngere Bruder außer Haus, seit gut ´ner Stunde. Zocken, Bier. Und bei Mamma weiß man nie recht, was sie so treibt. Kaffeeklatsch, Affäre, Abendschicht. Erfährst du, wenn’s nötig ist. Das Sofa im Hintergrund ordentlich. Jenny in der kleinen Wohnung lange nach dem geeigneten Ort gesucht. Die Chipstüten, Flaschen weggestellt, das verblasste Filmposter unverfänglich, passt. Der Abendverkehr vor dem Fenster mittlerweile ruhig, das Geschrei der Nachbarskinder verstummt. Die Hitze erträglich, von draußen sanftes Licht. Fürs Gestöhne vom oberen Stock, die quietschende Matratze noch zu früh.

Ihre letzten Videos wohl aus der Lehrzeit. Schnappschüsse von Freundinnen, alberne Schnipsel, irre Momente, gehörte quasi dazu. Verwackelte Jugendsünden, peinlich, raus an die Öffentlichkeit ging das zum Glück nie. Hier, an der Stelle verzieht sie den Mund, die Augen zu lange geschlossen. Jenny spult zurück, seufzt auf. Wirkt unnatürlich, steif, inszeniert. All die überdrehten Modepüppchen mit ihren hippen Videoblogs, die jahrelang verspottet, deren Kommentarleisten mit doofen Sprüchen gefüllt. Kaum vor der Kamera, sie eitler als gedacht, erwischt sich beim Pickel zählen.

«Haben mir ein Mobiltelefon geschenkt, brauche man als Vertreterin einer digitalen Republik. Prächtig, mein alter Knochen ja kurz vor dem Zusammenbruch. Nicht so schick wie die Geräte früher aus Übersee. Bisschen klobig, etwas träge. Aber höchster Sicherheitsstandard, das Beste, was in unserem Land produziert. Schreiben die jedenfalls.»

Neben ihr der Brief der Forumsdienste, kam gestern rein. Solle die Einträge auf der Plattform ergänzen, möglichst bald von sich hören lassen. Damit die Bürger auch ein Bild von ihr kriegen: Herkunft, Ziele, Motivation. Anregungen und Hilfe gäbe es auf der Online-Tour. Das Netzwerk nächsten Monat landesweit zugänglich. Ein leeres Profil mache sich da nicht besonders.

«Erinnerst du dich noch an die große Aktion? Klar, hast mich ja mitgeschleppt. Das Ereignis des Jahrhunderts, wolltest unbedingt hin. Das jetzt schon fast vier Jahre her. Verdammt. Mussten uns fortschleichen, dein Vater hätte es nie erlaubt, obwohl du schon volljährig damals. Abertausende Menschen und wir mittendrin. An dem Tag geschworen, uns fürs Parlament zu melden, sobald die Revolution durch. Du darauf bestanden, auf dem Heimweg, schon längst dunkel, ohne mich gingest du nicht in die Politik. Hand aufs Herz, Finger in die Luft, haben uns tief in die Augen geschaut, danach ewig gedrückt. Und nach all den Jahren fällt das Los auf mich. Dabei du es doch dein großer Wunsch! Mein Gewissen, es plagt mich schon, Lea, kannst mir glauben. Aber was soll ich machen, du bist ja nicht da.»

Die anderen Bürgervertreter in ihren Videos, was erzählen die so? Kann sie deren Beiträge schon sehen? Ihr ja um Wochen voraus, sie die Nachzüglerin. Hat sich ohne zu überlegen in die Aufnahme gestürzt. Hätte sich auf der Plattform umschauen können, als Inspiration, zum Vergleich. Kennt vom ganzen Netzwerk gerade ihr eigenes leeres Profil, noch keine Unterstützer, ihre Beliebtheit auf Null. Mindestens bei ihrer Fraktion könnte sie sich melden, sich ihnen anschließen, wäre wohl klug. Müsste das schleunigst nachholen, sobald die Aufnahme im Kasten ist.

«Bin bei der digitalen Gemeinschaft, wo denn sonst. Die nächsten drei Monate geht’s nach Spalenberg, Sommeruni nennen die das. Kannst du dir das vorstellen, Malergesellin Jenny an der Universität? Politik, Wirtschaft, Recht, und und und. Hoffentlich pack ich das, macht mein Hirn bei der Hitze nicht schlapp. Lag die letzte Brutsaison nur faul im Schatten rum. Gibt unterschiedliche Stufen, zum Glück, Extrakurse für Schulverweigerer wie mich. Im Herbst geht’s dann richtig los, brauch bloß noch ´ne Wohnung in Lehenstädt. Mamma gemeint, sie freue sich für mich, soll 'nen Teil vom Taggeld mitbringen, wenn ich zu Besuch. Dass dann bloß das Bahnnetz nicht wieder zusammenbricht.»

Auf dem Bildschirm ein schelmisches Grinsen. Jenny mit ihrer Visage für wenige Sätze vollauf zufrieden. Attraktiv, unabhängig, schlau. Wieso kriegt sie das nicht über die paar Minuten so hin? Unglaublich, wie der Blick der Kamera einen verzerrt. Jenny kratzt sich am Kopf. Immerhin wirkt es weder arrogant oder allzu naiv. Und die Vorfreude, die drückt durch. Ist das Wichtigste, nicht?

«Scheiße Lea, ich bin so was von aufgeregt, werde den Häuptling Dado treffen, die Schaltzentrale wiedersehen, all die Leute hinter der Bewegung. Werden Graatland wieder auf die Beine stellen, gemeinsam! Vermisse dich, Lea, wünschte du wärst hier.»

Bereits der fünfte Anlauf, passt schon, irgendwie. Kann ihre Einträge als Bürgervertreterin nicht mehr überarbeiten, löschen, müssten fix, überprüfbar sein, für die Ewigkeit. Ein leichtes Zittern, Schweißperlen auf der Stirn. Abgabestress, mochte den schon in der Schule nicht. Besser wird’s eh nicht. Jenny tippt auf den Sendeknopf, lädt das Video hoch. Mal schauen was damit geschieht.

Dados Vermächtnis

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