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DER KREISKY

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Jetzt muss ich Ihnen was erzählen, und zwar über den Bruno Kreisky.

Oder vielleicht sollte ich sagen: Über meine Großmutter und den Bruno Kreisky. Wobei sich meine Großmutter sicher wundern würde, in einer Geschichte mit dem Kreisky vorzukommen, in einem Atemzug quasi. Aber so ist es nun einmal gewesen.

Außerdem – schauen Sie, Geschichten über den Kreisky gibt es wie Sand am Donaustrand. Sammlungen von Kreisky-Aussprüchen und Kreisky-Zitaten und Kreisky-Anekdoten sind nicht nur zu Regierungs- und Lebzeiten herausgekommen, nein, bis heute können Sie solche Sammlungen in jeder Buchhandlung kaufen. Und Sie können sicher sein, dass in jedem Buch, das sich, ob ernst oder heiter, mit der österreichischen Nachkriegsgeschichte befasst, ein großes Kapitel dem Kreisky gewidmet ist.

Der Kreisky ist ja bis heute der populärste Bundeskanzler von Österreich. Sogar die jungen Leut’, die geboren sind, wie der Kreisky längst nicht mehr Bundeskanzler gewesen ist, verbinden etwas mit ihm. Einer von ihnen hat einmal zu mir gesagt: „Sie haben Glück, Sie haben noch den Kreisky erlebt.“

Obwohl der Kreisky ein Sozialist gewesen ist, und zwar ein richtiger, hat man ihn im Spaß mit Titeln ganz und gar monarchischen Zuschnitts bezeichnet: Er war Bruno der Sonnenkönig, der Sonnenkaiser und der Bundeskaiser. Nicht nur wegen seiner langen Regierungszeit67, sondern auch, weil er mit einer absoluten Mehrheit für die SPÖ68 regiert hat, haben viele wirklich so ein bisserl das Gefühl einer wiedererstandenen Monarchie gehabt.

Wie das so ist: An großen Persönlichkeiten scheiden sich die Geister. Den Kreisky hat man gemocht oder nicht.

Jetzt kommt meine Großmutter ins Spiel: Sie hat den Kreisky nicht gemocht. Wen meine Großmutter gemocht hat, das ist der Kaiser gewesen, der richtige, der Franz Joseph. Der Vater meiner Großmutter ist Hofschneider gewesen, er hat zwar nicht für den Kaiser selbst gearbeitet, aber für Hofbedienstete und einmal für den Grafen von Paar. Das verbindet. Für meine Großmutter hätte Österreich mit Fug und Recht immer noch ein Kaiserreich sein müssen, einfach, weil es ihrer Auffassung nach so richtig und gottgewollt gewesen wäre. Es hat ihr in der Seele wehgetan, dass ein Roter wie der Bruno Kreisky die Geschicke Österreichs lenkt. Ihrer Meinung nach hätte dazu einzig und allein der Otto von Habsburg das Recht gehabt, und nicht nur das Recht, sondern, auch das als einziger, die Befähigung. Meine Mutter und ich hingegen, wir haben den Kreisky gemocht, und gleichzeitig haben wir, weil wir den Kreisky so gemocht haben, die Großmutter verstanden, weil für uns der Kreisky halt ein bisserl das gewesen ist, was für sie der Kaiser gewesen ist.

Eines Jahres, 1978 ist es gewesen, ist knapp vor Weihnachten ein Karpfen in die Familie gekommen.

Mein Großvater ist schon lange gestorben gewesen, aber ein Freund von ihm, den wir Onkel Paul genannt haben, obwohl er kein Verwandter gewesen ist, hat mit meiner Großmutter lose Kontakt gehalten. Der Onkel Paul ist ein leidenschaftlicher Angler gewesen. Ein paar Tage vor Weihnachten hat er, ob es ganz legal war, will ich nicht weiter überlegen, einen kapitalen Karpfen aus der Alten Donau gezogen und ihn, lebend, meiner Großmutter geschenkt. Wahrscheinlich hat der Onkel Hans, der zu Weihnachten immer zu seinen Verwandten nach Kufstein gefahren ist, nicht gewusst, was sonst er mit dem Karpfen anfangen soll. Deshalb hat er ihn in einem großen mit Wasser gefüllten Kübel meiner Großmutter gebracht.

Der Karpfen ist groß gewesen und fleischig und, ganz nach Karpfenart, von gutmütigem Aussehen. Der Karpfen hat bei uns in der Badewanne eine neue Heimstatt gefunden, zumindest für drei Tage, denn am 24. Dezember sollte ihm die Stunde schlagen. Da sollte er sein Ende als Weihnachtsmahl finden.

Kaum schwimmt der Karpfen in der Badewanne, tauft ihn meine Großmutter Bruno, „nach dem Kreisky“, sagt sie, eindeutig habe der Karpfen die gleichen Augen. „Und der Bruno“, sagt meine Großmutter mit Blick auf die Badewanner, in der Bruno jetzt gemächlich seine Runden zieht, „macht mir wenigstens eine Freunde, nämlich als Weihnachtsessen.“ Meine Mutter sagt: „Ich töte den Karpfen jedenfalls nicht.“ „Das mach’ ich schon“, sagt meine Großmutter.

Bruno schaut drein, als habe er jedes Wort verstanden.

Der 24. Dezember bricht an. Ich gehe mit gemischten Gefühlen ins Badezimmer. Ich wasche mich und putze mir die Zähne und bemühe mich, ja keinen Blick in die Badewanne zu werfen. Natürlich gelingt es nicht, umso weniger, je mehr ich es vermeiden will. Der Todeskandidat schwimmt seine Kreise, die aufgrund der Form der Wanne, um es mathematisch korrekt zu sagen, eher Ellipsen sind. Zu meiner Mutter sage ich: „Wollt ihr wirklich den Bruno töten und essen?“ „Dazu ist er da“, sagt meine Mutter. Sie klingt nicht überzeugt.

Ein paar Minuten später folgt eine Auseinandersetzung zwischen meiner Mutter und meiner Großmutter über die Zubereitung. Meine Mutter ist für backen oder braten, meine Großmutter für Karpfen blau, also gekocht. Sagt meine Mutter: „Aber du weißt schon, dass gekochter Karpfen so schlammig schmecken kann, dass er ungenießbar ist. Das Tier dafür umzubringen, dass man es dann wegschmeißt, ist eine Sauerei.“

Zu den hervorstechendsten Eigenschaften meiner Großmutter gehört eine Sturheit in vielen Dingen und in allen des Essens. Erstaunlicherweise gibt sie schnell nach. Wahrscheinlich kann sie gekochtem Karpfen nicht wirklich etwas abgewinnen. Meine Mutter übernimmt es, das Mischgemüse und die Erdäpfeln als Beilage zuzubereiten. Sagt meine Großmutter: „Gebratenen Karpfen hab’ ich aber nie gemacht. Wir haben ihn immer nur gekocht.“ „Ich hab überhaupt noch keinen Karpfen gemacht“, sagt meine Mutter, „weil ich Karpfen nicht mag.“ „Ich mag auch keinen Karpfen“, sage ich, ohne je Karpfen gegessen zu haben, aber mir geht es nicht um kulinarische Genüsse, sondern um die Rettung eines Karpfenlebens. Sagt meine Großmutter: „Der Bruno wird dir schon schmecken.“ Ich kenne meine Großmutter in- und auswendig. Deshalb höre ich den Zweifel in ihrer Stimme.

Die nächste Szene habe ich noch immer so vor Augen, als wäre es gestern gewesen: Meine Großmutter sitzt im Speisezimmer, den Kopf über einem Kochbuch in beide Hände gestützt, die Brille ist ihr schon fast bis zur Nasenspitze gerutscht, und liest nach, wie man Karpfen brät. Dieweil gehe ich ins Badezimmer, um mich von Bruno zu verabschieden. Das ist zur rechten Zeit geschehen, denn schon weiß meine Großmutter nach dem Blick in das alte, vergilbte und zerschlissene Kochbuch mit den vielen eingelegten Zetteln, wie man Karpfen brät.

Brunos letzte Minuten nahen.

Sagt meine Mutter zu meiner Großmutter: „Und wie willst du ihn töten?“ Sagt meine Großmutter: „Du hältst ihn, und ich schlage ihn mit dem Schnitzelhammer auf dem Kopf.“ „Ich halte ihn bestimmt nicht, damit du ihn totschlagen kannst“, sagt meine Mutter und fährt fort, Wurzeln und Gemüse klein zu schneiden. Meine Großmutter sagt, dann werde sie es allein machen, sie werde den Karpfen unter dem linken Arm einklemmen und mit der rechten Hand den Schnitzelhammer führen.

Das scheitert vorerst scheitert daran, dass Bruno, trotz der beengenden Wanne, ein Meister des Entschlüpfens ist. Da kommt meine Großmutter auf die Idee, das Wasser abzulassen und Bruno verenden zu lassen, aber nur einen Moment lang, dann verwirft sie den Gedanken wieder wegen seiner Grausamkeit. Also müht sich meine Großmutter weiter, Bruno zu fangen. Schließlich gelingt es ihr. Sie trägt Bruno in die Küche. Meine Mutter geht hinaus und zu mir in den Salon. Sie weiß, was in mir vorgeht und sagt: „Das ist nur ein Fisch. Der versteht nicht, was vorgeht.“ „Aber ich verstehe es“, sage ich, „und mir tut Bruno leid.“ Ich würge am Kloß in meinem Hals. „Jedes Weihnachten werde ich an Bruno denken. Ich mag Weihnachten nicht mehr.“

Auf einmal ruft meine Großmutter aus der Küche: „Kommt’s und helft’s mir.“ Meine Mutter und ich eilen in die Küche. Meine Großmutter hat Bruno, ganz nach Plan, unter dem linken Arm eingeklemmt, in der rechten hat sie den Schnitzelhammer. Bruno macht große Augen. „I kaun des net“, sagt meine Großmutter und verfällt plötzlich in für sie ungewöhnlichen Dialekt, „höft’s ma, des Viech in die Badwann z bringan.“

Das ist noch keine endgültige Begnadigung. Meine Großmutter überlegt vorerst nämlich andere Karpfentötungsmethoden. Der Wasserentzug wird wieder ins Spiel gebracht und so schnell verworfen wie beim ersten Mal. Den alten elektrischen Rasierapparat vom Großvater herauszukramen, anzustecken und ins Wasser zu werfen, wäre eine Möglichkeit, aber davon rät meine Mutter ab: Das, sagt sie, gäbe einen kapitalen Kurzschluss, und am 24. Dezember einen Elektriker zu finden, der den Schaden repariert, ist unmöglich – was bedeuten würde, bis 27. Dezember abends im Dunkeln zu sitzen, wenn nicht gar über das Neue Jahr hinaus, denn wer weiß, wann ein Elektriker zu dieser Zeit hat. „Außerdem“, sagt meine Mutter, „kann sowieso keiner von uns den Bruno umbringen und dann essen.“

Meine Großmutter schaut meine Mutter aus protestfunkelnden Augen an.

„Du doch auch nicht, gib’s zu …“, sagt meine Mutter.

Jetzt resigniert meine Großmutter. „Na ja“, sagt sie, „der Kaiser hat ja auch zu Weihnachten jemandem das Leben geschenkt. Ist es bei uns halt ein Karpfen.“

Kaum ist es dunkel, hole ich den großen Kübel, in dem uns Onkel Paul den Bruno gebracht hat, aus dem Keller. Ich fülle ihn mit Wasser, meine Mutter und ich schaffen es, Bruno hineinzubekommen. Dann eilen wir zur Alten Donau, zu Fuß, aber das ist nicht weit, und draußen hängt eine trockene Kälte, die man nicht spürt. Niemand ist auf der Straße. An der Alten Donau entlassen wir Bruno in seine nasse Freiheit. „Viel Glück für die nächsten Wahlen“, ruft ihm meine Mutter nach.

Zu Hause gibt es als Weihnachtsessen das Mischgemüse, das meine Großmutter mittlerweile in reichlich Butterschmalz geschmort hat, und Knödel hat sie auch gezaubert, gekocht, in Scheiben geschnitten und in Butterschmalz angebraten. „Geht’s dem Bruno gut?“, fragt sie. „Ja“, sagt meine Mutter. „Ist schon recht so“, sagt meine Großmutter.

Für mich ist das Mischgemüse mit gebratenem Knödel das beste Weihnachtsessen aller Zeiten gewesen. „Der Kreisky gwinnt eh nimmer“, sagt meine Großmutter, „soll’s wenigstens dem Bruno gut gehn.“

Am 6. Mai des darauffolgenden Jahrs hat der Bruno, diesmal aber nicht der Karpfen, sondern der Kreisky, noch einmal die absolute Mehrheit geschafft.

Letzten Endes hat aber meine Großmutter, sogar sie, dann doch noch ihren Frieden mit dem Kreisky gemacht. Das ist so gekommen: Zita Maria delle Grazie von Bourbon-Parma, kurz Zita, ist die Frau von Kaiser Karl, dem letzten Kaiser Österreichs, gewesen. 1918 hat er auf den Thron verzichtet. Zita indessen hat die Erklärung nicht unterschrieben. Den Habsburgergesetzen zufolge, die von der nunmehrigen Republik Österreich erlassen worden sind, haben der Kaiser und seine Frau Aufenthaltsverbot in Österreich gehabt.

Zita hat ihren Mann um Jahrzehnte überlebt. Obwohl sie Italienerin von Geburt gewesen ist, hat sie immer Österreich als ihre Heimat angesehen. Ihr größter Wunsch ist es gewesen, vor ihrem Tod noch einmal heimzukehren und einer Messe im Stephansdom beiwohnen zu können. Allerdings ist sie immer noch nicht bereit gewesen, die Verzichtserklärung zu unterschreiben. Der Kreisky hat es unmenschlich gefunden, einer alten Frau ihren letzten Wunsch zu verweigern. Deshalb hat er seinen Beamten den Auftrag gegeben, ein paar juristische Schlupflöcher zu finden, um Zita, deren Haltung er insgeheim sowieso bewundert hat, die Einreise zu ermöglichen.

Im Jahr ihres 90. Geburtstags, 1982, hat die Zita unbehelligt von irgendwelchen Gesetzen und Gesetzeshütern nach Wien reisen können. Am 13. November ist es gewesen, da hat Franz Kardinal König in ihrer Gegenwart die Dankesmesse im Stephansdom zelebriert und ihr Haupt gesegnet, wie es früher bei Kaiserinnen üblich war.

Dass der Bruno Kreisky das ermöglicht hat, hat ihm meine Großmutter hoch angerechnet. Im Jahr darauf ist sie erstmals wählen gegangen, ganz gegen ihre Überzeugung, dass Wahlen nur etwas für Männer sind, und sie hat den Bruno Kreisky gewählt. Der hat zwar nicht mehr die absolute Mehrheit bekommen und seine Ära selbst beendet, aber meine Großmutter, die immer nur für den Kaiser gewesen ist, hat jetzt auch den Bruno Kreisky gemocht, obwohl sie als Monarchistin, ihn den Sozi, eigentlich nicht hätte mögen können.

Bruno von der Alten Donau wird dazu weise, wie es Karpfenart ist, mit seinem Karpfenhaupt genickt und gemeint haben, alles sei genau so, wie es sein soll.

Apropos Adel: Also die Reichsgräfin Triangi und der Baron Karl – ich sage Ihnen ...

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