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WIEN UND DIE WIENER
(QUASI EIN PROLOG)

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Das ist aber schön, dass ich Sie hier treffe. Wie, als hätten wir uns verabredet, würde ich sagen, wenn wir uns nicht verabredet hätten. Aber wir haben uns verabredet, Sie und ich, und jetzt treffen wir einander, und es ist mir eine Riesenfreud’.

Sie haben eh noch nicht lange gewartet, hoffe ich? Wissen S’, die Tram1 hat eine Störung gehabt, deshalb habe ich mich um die paar Minuten verspätet.

Was gibt’s Schöneres in Wien, als dass wir uns hier treffen, grad in dem Kaffeehaus und grad heut’. Wollen Sie lieber draußen sitzen? Ich richte mich ganz nach Ihnen.

Herr Ober!

Wobei, wissen Sie, ich sitze lieber drinnen. So herrlich kann die Sonne nicht scheinen, und so schön kann die Amsel nicht zwitschern: Kaffeehaus ist für mich der Samtbezug auf den Bänken, und wenn die Marmortischplatte da und dort ein bisserl ausgeschlagen ist, gehört das dazu. Was hätten wir denn draußen? – Blechtische und Blechsessel. Na ja, und die Sonne halt. Aber Sonne und Kaffeehaus, das verträgt sich irgendwie nicht.

Den Schatten von ein paar Bäumen hätten wir natürlich auch, wollen Sie sagen, der würde grad recht zur Sonne passen? – Jo, eh2. Wissen Sie, wenn ich im Schatten von einem Baum sitzen will, dann geh’ ich zu einem Heurigen. Sie können übrigens gerne mitkommen.

In einem Kaffeehaus brauche ich, ich hab’s schon gesagt, eine Sitzbank mit Samtbezug, ein bisserl abgewetzt und durchgesessen, bitteschön, oder einen Holzsessel mit einer Sitzfläche ohne Polsterung, übrigens nach Möglichkeit rund, die Sitzfläche, und wenn der Sessel beim Niedersetzen knarrt und so tut, als würde er unter meinem Gewicht zusammenbrechen, dann ist das grad recht, weil er ja nur so tut als ob, der Sessel, in Wahrheit ist es ihm ganz wurscht, ob die Person, die sich auf ihn setzt, fünfzig, hundert oder hundertfünfzig Kilo hat. Das Knarren ist sozusagen seine Unmutsäußerung. Grantig ist er, der Sessel, und Grant ist eine charakteristische Äußerung des Wiener Gemüts. Darum gehört der knarrende Sessel zu einem Wiener Kaffeehaus dazu. Grantig ist er, weil er was zu tun bekommen hat, der Sessel, er muss einen Gast tragen, manchmal muss er auch einen Gast ertragen, und das mit einem Körperteil … Seien Sie ehrlich: Wären Sie gerne ein Sessel? Ich nicht.

Was nehmen Sie? Den Kaiserschmarrn könnt’ ich empfehlen, wie immer.

So, Herr Ober, wir nehmen zweimal den Kaiserschmarrn, bitte, dazu einen großen Braunen und für mich einen Einspänner – oder, nein: bringen Sie mir doch bitte einfach eine Melange.

Und jetzt verraten Sie mir, bitte, wie Sie auf die Idee kommen, ich soll Ihnen was erzählen über Wiener mit einem Pecker3 und Wiener Originale? Das läuft ja sowieso oft aufs Gleiche hinaus. Über solche Leute kann ich Ihnen schon allerhand erzählen, so ist das nicht. Ich frage mich nur, über wen allen ich Ihnen was erzählen soll in einem vernünftigen Rahmen, so, dass wir nicht hier übernachten müssen. Ich hätte zwar nichts dagegen, aber beim Herrn Ober bin ich mir weniger sicher. Wenn ich anfange mit dem Thema, hör’ ich nämlich lang nicht mehr auf.

Wissen Sie, wo das Wort „Spinner“ herkommt? Ich hab’s nachgeschaut, extra für Sie, als Sie mir angekündigt haben, Sie möchten, so wie Sie sich vornehm ausgedrückt haben, von mir etwas über die Wiener mit einem Spleen erfahren. Spinner kommt wirklich vom Spinnen, also einen Faden spinnen, aber gemeint ist ein falscher gedanklicher Faden. Für mich geht die Bedeutung noch weiter: Für mich sind die Spinner die Menschen, die sich in eine eigene Welt so einspinnen, dass sie sozusagen in der Mitte des Knäuels ihrer Ideen sitzen. Da sind alle dabei, die Spinner, die Eigenbrötler, die Käuze, die Narren, die Orginale, die mit einem Pecker, also kurz: die Wiener.

Wissen sie, ich mag diese Leute, die mit einem Pecker, die Spinnerten und die Sonderlinge, ich mag sie sehr, und wenn ich von ihnen erzähle, geht’s quer durch den Gemüsegarten. Da sind Kaiser dabei und Leute, denen man auf der Gasse begegnet. Manche sieht man täglich, ohne zu wissen, wie sie heißen. Sieht man sie ein paar Tage nicht, fragt man sich, was los ist mit ihnen, weil es doch eine liebe gewohnheit ist, ihnen zu begegnen, sie gehören zu einem guten Tag wie der Kaffee, der Sonnenaufgang und der Sonnenuntergang, und zwar in dieser Reihenfolge, bitte, und man atmet auf, wenn man sie ein paar Tage später wieder trifft. Wie das halt ist in einem Grätzel4. Sogar aus meiner eigenen Familie muss ich Ihnen was erzählen, denn wenn die Tante Gusti keinen Pecker gehabt hat, dann hat niemand jemals einen Pecker gehabt, und niemand wird jemals einen Pecker haben. Von der Tante der Lektorin meines Vertrauens muss ich Ihnen auch was erzählen, Ihnen darf ich es weitersagen, das hat mir die Lektorin meines Vertrauens erlaubt. Wir sind ja unter uns.

Grad in Wien ist es überhaupt keine Schande, einen Pecker zu haben oder ein Sonderling zu sein oder ein Original. Sie müssen nämlich wissen: In Wien ist nur einer normal, der einen Pecker hat. Ein Wiener, der keinen Pecker hat, hat einen Pecker, oder er ist kein Wiener.

Wien ist ja immer voll mit Menschen gewesen, die so ein bisserl, wie soll ich sagen: etwas Außergewöhnliches an sich gehabt haben. Ich glaube sogar, Wien zieht diese Menschen an, so, wie der Nordpol die Magnetnadel von einem Kompass. Anders kann ich mir das nicht erklären.

Das hat schon in den ganz alten Zeiten angefangen mit den Spinnern, damals, bei den Römern, als Wien noch Vindobona geheißen hat. Der Kaiser Marc Aurel5 zum Beispiel: Statt, dass er zu Hause bleibt, Orgien feiert und im Circus ein paar Tierhetzen, Gladiatorenkämpfen und Seeschlachten zuschaut und was sonst noch für einen gestandenen Alt-Römer eine Hetz6 gewesen ist, zieht er nach Oberpannonien, wo es wirklich kalt ist und windig ist, und wo weit und breit keine frische Barbe zu bekommen ist und keine ordentliche Fischlake7, und schreibt eines der klügsten Bücher über Gelassenheit, das je verfasst worden ist. Kann gut sein, dass er damit auf Vindobona reagiert hat. Er hat das Buch quasi zu seiner eigenen Beruhigung geschrieben, davon bin ich überzeugt. Jeder, der unter Nervosität leidet und mit dem modernen Leben nicht zurechtkommt, sollte sich diese „Selbstbetrachtungen“ zu Gemüte führen. Danach schaut die Welt wieder anders aus, und zwar besser. Ein römischer Kaiser, der zu Bescheidenheit und Gelassenheit rät – das nenne ich einen Spinner! Aber vielleicht war er es, der den Wienern ihre Lebensweise in die Wiege gelegt hat:

Wenn der Herrgott net will, nutzt es gar nix,

sei net bös’, net nervös, denk, es war nix.

Renn’ nur nicht gleich verzweifelt und kopflos herum,

denn der Herrgott weiß immer, warum.

Das ist der Refrain aus einem Wienerlied, das der Hans Moser8 gesungen hat. Wenn der Marc Aurel nicht Kaiser geworden wäre, wäre er vielleicht der erste Wienerlied-Dichter geworden. Das Zeug dazu hätte er gehabt, das Verständnis für die Wiener Seele, meine ich.

Manche Wiener sind nur einen Moment lang spinnert. Das blitzt eine Sekunde lang auf, und schon hat man das Gefühl, das Gegenüber, just wegen seiner Spinnerei, schon eine halbe Ewigkeit zu kennen. Sie wissen schon, was ich meine. Diesen wunderbaren Wiener Spinnern verleiehe ich allen den Adelstitel. Ja, ich kann das, obwohl ich kein Kaiser bin, und obwohl der Adel in Österreich bei Strafe abgeschafft ist. Ja, wirklich, wenn einer unrechtmäßig einen Adelstitel führt, kann das mit einer Geldbuße in der Höhe von 14 Cent geahndet werden. Stellen Sie sich vor, was da auf die Jahrln zusammenkommen kann. 50 Jahre einen Adelstitel führen, kostet glatt 210 Euro. Eigentlich hätt’ ich Lust, mir das zu leisten. Sie auch?

Aber der Adelstitel, den ich verleihe, das ist kein echter, also kein strafbarer, sondern der Volksadelstitel. Der ist kein „von“, kein „Freiher“, kein „Edler“, kein „Graf“ oder sonst was, das ist der bestimmte Artikel vor dem Namen. Dann wird aus Bruno Kreisky „der Bruno Kreisky“ oder „der Kreisky“ und aus Kaiser Ferdinand I. wird der Kaiser Ferdinand, wenn man ihn nicht gleich „der Nandl“ nennt. So ist das mit dem Volksadelstitel, und den verleihe ich gerne – aber nur an die Würdigen, also an die Sonderlinge und die mit einem Pecker.

Apropos Kaiser und Kreisky: Also die früheren Zeiten – ich sage Ihnen …

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