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Die Pressestelle hatte die Handtasche mit einigen Fotos in allen wichtigen sozialen Medien präsentiert und gefragt, wer jemanden mit einer solchen Tasche kenne, vorzugsweise jemanden, der in letzter Zeit nicht mehr gesehen wurde, im Idealfall sogar eine Frau? Mittleren Alters?

Nun konnte man nur noch abwarten. Aus dem Obduktionsbericht hatten sie nichts mehr herausholen können – aber eine einigermaßen gut, aber unauffällig gekleidete Frau mit einer sauteuren Handtasche (und in diesem Alter) hatte doch wohl nichts mit einem Mord im Milieu zu tun?

Eher hatte jemand seine nervende Ehefrau umgebracht, vielleicht eine Frau, die sich scheiden lassen wollte und entweder selbst das Familienvermögen besaß oder von ihrem Mann Unterhalt zu fordern hatte, den dieser nicht zahlen wollte.

Wenn ein solches Ehepaar allerdings keine Kinder oder andere Verwandte hatte, konnte man sich als Ehemann natürlich totstellen. Sofern die lästige – und jetzt tote – Gemahlin nicht am Arbeitsplatz vermisst wurde.

 Naja, überraschender Urlaub? Irgendwo gewonnen, sofort anzutreten?

 Gemahlin reist dringend zur sterbenskranken Mutter?

 Untröstlicher Mann, da Gemahlin mit Liebhaber durchgebrannt?

Das klang alles so nach Dr. Crippen… warum hatte man immer nur solche Klischees im Kopf?

Ab und an klingelte eins der Telefone, aber es war immer das Gleiche: Maggie und Patrick hörten sich geduldig an, was die Anrufer zu sagen hatten, machten sich Notizen und verdrehten die Augen, bevor sie sich höflich verabschiedeten und auflegten.

„Lauter Spinner“, schimpfte Patrick schließlich.

Maggie kicherte. „Ich hatte einen Wahrsager, der uns helfen will. Den Namen hab ich, aber…“

Anne winkte ab.

„Mir hat ein - der Stimme nach - uralter Kerl gesagt, die Leiche ist seine Großmutter und eine Hexe, der man das Handwerk legen musste. Und dann war so ein Aasgeier von der Presse dran.“

„Aber Patrick! Pressefreiheit respektieren!“

„Der war von HOT.“

„Ach so, dann“, nickte Anne besänftigt.

Maggie hatte noch einen Mann, der seine Frau als vermisst gemeldet hatte. Das fanden Anne und Patrick doch immerhin interessant, bis Maggie fortfuhr: „Und dann kam seine Frau an den Apparat und sagte, ihr Mann sei leider dement.“

„Machst du das eigentlich mit Absicht?“ Patrick war empört; Maggie lächelte nur und angelte nach der Brezentüte, die aber schon leer war, was Patrick wiederum sehr freute. Anne schüttelte nachsichtig den Kopf. „Also haben wir gar nichts. Stimmt schon, so ein Aufruf lockt hauptsächlich Spinner an.“

Patricks Telefon schrillte los und er angelte nach dem Hörer. Dann hörte er kurz zu, hob die Augenbrauen, notierte sich etwas und bedankte sich.

„Was?“, fragte Anne ungeduldig. „Ein Schamane oder was?“

„Eine Frau, deren Mutter eigentlich auf einer teuren Studienreise ist, aber genauso eine Tasche besitzt. Hat sie von der liebenden Tochter zum Geburtstag gekriegt. Zum Sechzigsten, da greift man ja doch etwas tiefer in die Tasche.“

„Klang es plausibel?“

„Ziemlich. Fahren wir hin?“

„Komm. Maggie macht den Bürodienst. Und Katrin sucht ja immer noch, ob´s da private Überwachungskameras gibt.“

Sie fuhren nach Birkenried, was Patrick schon einmal für einen guten Fingerzeig hielt, als er merkte, wohin das Navi sie lotste. Dann aber mussten sie doch durch die ganze Megabaustelle hindurch, vorbei an einem weiteren Einkaufszentrum, das vorläufig nur aus Betonplatten im Halbkreis zu bestehen schien, dann einem leeren Platz, der verblüffenderweise aber überdacht war - Busbahnhof, vermutete Anne - und einem fast fertigen Ensemble aus mehreren pastellbunten Häuschen, das sie beide für einen Kindergarten hielten. Schließlich landeten sie in einer Straße, in der relativ kleine Doppelhaushälften standen: Brechtstraße.

Sie haben ihr Ziel erreicht, nölte das Navi und sie parkten vor Nummer fünf.

Der Bürgersteig war noch zementverschmiert, der Garten noch sehr kahl, aber immerhin schien man dort Rasen zu planen und nicht bloß eine Steinwüste. Anne nickte dem Garten anerkennend zu und drückte auf den Klingelknopf.

Fast unmittelbar danach wurde die Tür aufgerissen und sie wurden in eine noch etwas unfertige Wohnung geführt – mit Kisten vollgestelltes Parkett, zwei Sofas, von denen eins in einer halb aufgerissenen Plastikhülle steckte, aufgestapelte Stühle. Alles recht nett, Holz, Leder, schlichte Formen.

Die Frau, die sie hereingebeten und aufs Sofa genötigt hatte, schluckte. „Dann ist etwas dran? Oh Gott!“

„Frau Möhl?“, fragte Anne.

„Oh, ja, entschuldigen Sie – ich bin schon ganz konfus! Marianne Möhl, ich hatte Sie ja angerufen. Darf ich Ihnen etwas anbieten?“

Anne und Patrick lehnten brav ab. „Erzählen Sie bitte noch etwas genauer, wie das mit Ihrer Mutter war?“

„Mama – also meine Mutter – macht gern so richtige Bildungsreisen, sie interessiert sich sehr für Geschichte. Meistens bucht sie bei Historia Reisen. Und jetzt sollte sie eigentlich in Griechenland sein, auf den Spuren der mykenischen Kultur. Oh Gott, vielleicht ist das alles meine Schuld?“

Anne sah verdutzt auf. „Wieso das denn?“

Frau Möhl schluckte. „Ich unterrichte Geschichte. Geschichte und Englisch, am Albertinum in Mönchberg. Und seitdem ich Geschichte studiert habe, hat sich Mama auch dafür begeistert. Zunächst hat sie nur Bücher und Dokumentationen gekauft, dann wollte sie die Schauplätze auch selbst sehen. Seitdem verreist sie mindestens dreimal pro Jahr – und warum schließlich auch nicht?“

Das klang verteidigend, aber Anne und Patrick verstanden nicht recht, warum: Niemand missgönnte der Mutter doch diese Reisen, oder?

„Wann wollte Ihre Mutter denn abreisen?“

„Moment mal – heute ist Donnerstag…am vorletzten Samstag, genau. Am Zweiundzwanzigsten. Drei Wochen durch die Peloponnes. Ich liebe ja Geschichte, aber mir wäre das zu stressig… Mama ist sehr gut zu Fuß und ihr ist kein Tempel und kein Museum zu viel.“

Sie seufzte.

„Sie haben vor allem diese Handtasche erkannt?“, wollte Patrick wissen.

„Ja, ein teures Ding, aber sie hatte es sich zum sechzigsten Geburtstag gewünscht. Diese Sachen von Porter´s sind der letzte Schrei. Mama weiß so etwas.“ Sie grinste leicht verlegen. „Ich benutze einen ganz gewöhnlichen Shopper als Schultasche, da geht wenigstens was rein.“ Sie schluckte wieder. „Mama hat seitdem diese Tasche offenbar täglich bei sich gehabt. Sie hat sich so darüber gefreut. Aber ist ihr denn nun wirklich etwas zugestoßen?“

„Wir haben zumindest eine Frau im entsprechenden Alter und mit einer Handtasche von Porter´s tot aufgefunden. Wissen Sie, was sie bei der Abreise getragen hat?“

Frau Möhl schüttelte den Kopf. „Das kann doch gar nicht sein – sie müsste irgendwo in Griechenland stecken, in der Argolis oder so. Nach Olympia sollte es auch gehen... Entschuldigung, sie hatte so ein typisches Reisekostüm, sandfarben. Manchmal hat sie gewitzelt, dass sie dazu eigentlich einen Tropenhelm tragen müsste…“

Ihr traten Tränen in die Augen.

„Leider passt das auch zu unseren Erkenntnissen, Frau Möhl. Wie hat – äh – heißt denn Ihre Mutter?“

„Sigrid Peters.“ Sie gab das Geburtsdatum an und fuhr dann fort: „Sie wohnt in Mönchberg, in der Franziskanerstraße. Nummer siebzehn. Warum wir hierher gezogen sind, versteht sie nicht, sie findet Neubausiedlungen gesichtslos – aber uns taugt es hier. Also, wenn hier alles erst einmal fertig ist. Ich sollte heute auch mal etwas vorankommen, wenn ich schon einen freien Tag habe…“

„Sie machen Teilzeit?“

„Nein, aber ich hätte nur zwei Stunden gehabt, und die sechste ist im Schullandheim und die neunte auf einer Exkursion. Die Ausstellung in der Stadthalle, Neue Sachlichkeit. Das machen die gerade in Geschichte. Ich hab die nur in Englisch… warum komme ich denn dauernd vom Thema ab? Mama ist tot…“

„Das kommt häufiger vor“, versuchte Anne zu trösten. „Es dauert etwas, bis man so eine Nachricht verarbeiten kann. Und ich fürchte, Sie müssten Ihre Mutter – wenn sie es denn ist – auch noch identifizieren.“

„Vielleicht ist sie es doch nicht… hätten die von dem Reiseveranstalter dann eigentlich nicht nachfragen müssen? Sie hat die Reise dann doch wohl gar nicht angetreten? Äh – wo hat man sie denn – gefunden?“

„Hier in Birkenried, in einem abgestellten Wohnwagen.“

„Was? Nein, wie sollte sie denn… keiner von uns kennt jemanden, der einen Wohnwagen hat, da bin ich ganz sicher!“

„Weiß man das denn immer so genau? Kennen Sie alle Bekannten Ihrer Mutter?“

Frau Möhl war entrüstet. „Aber sicher doch! So viele sind es gar nicht. Sie hat da einen Verehrer, der sie ernsthaft heiraten will – wollte. Oh Gott, der Arme: Meinen Sie, ich muss es ihm mitteilen?“

„Sie sagen uns nachher die Namen, dann sprechen wir mit den Bekannten Ihrer Mutter“, beruhigte Anne.

„Dann ist es gut. Also, das ist ein Professor. Emeritiert natürlich, der ist kürzlich siebzig geworden. Dr. Emmerich Cusano. Ein Kunsthistoriker. Ich glaube, er hat Mama auch auf die Idee mit Griechenland gebracht.“

„Vielleicht hat er sie auch begleitet? Dagegen hätten Sie nichts gehabt?“

„Ich bitte Sie, meine Mama ist schon länger volljährig und bestimmt keine Jungfrau mehr.“ Sie grinste. „Ich bin ja der lebende Beweis. Nein, ich hab mich gefreut, dass Mama einen so netten Freund hat. Aber mitfahren konnte er nicht, er hatte mehrere Vorträge zu halten.“ Sie grinste wieder. „Kann nicht so recht loslassen, denke ich.“

„Und Freundinnen?“, fragte Patrick.

„Aber ja, das ist so eine ganze Clique, die treffen sich so alle zwei Wochen, mal zum Wellness, mal zum Shoppen, mal im Café oder in einer Ausstellung. Oder sie fahren nach Eulenburg und machen sich im Yachtklub einen schönen Tag. Sie sind ja alle nicht berufstätig und ganz gut versorgt.“

„Pensioniert?“

„Ja. Entweder selbst oder der Ehemann. Arm sind die alle nicht. Mama hat von Papa auch eine tolle Pension und außerdem eigenes Geld, und die anderen sind auch ganz wohlsituiert.“

„Haben Sie eigentlich Geschwister?“, fragte Patrick, was Frau Möhl zu überraschen schien. Anne aber nickte billigend.

„Was? Aber nein, ich bin die einzige. Leider, ich hätte eigentlich gerne Geschwister… ach, ich vergesse immer wieder… aber ich kann es auch nicht glauben, nicht Mama! Bestimmt stellt sich das Ganze als Verwechslung heraus. Ich meine, Sie haben doch eigentlich nichts als die Porter´s-Tasche, oder? Und dieses Safari-Kostüm. Das sind doch keine Einzelstücke! Und wie hätte Mama überhaupt nach Birkenried kommen sollen – ohne uns zu besuchen? Sie haben gesagt, ein Wohnwagen? Hier bei uns stehen gar keine, aber ziemlich am Ortsanfang, bei der Rabenbrücke, da sind ganz viele – war es dort?“

Anne und Patrick nickten mitfühlend.

„Oh. Aber was hätte Mama dort zu tun gehabt? Da gibt es nicht einmal Läden – und ich wüsste nicht, dass sie dort jemanden kennt.“

„Vielleicht einen Arzt?“, schlug Patrick vor.

„Sie war eigentlich immer sehr gesund. Für Griechenland brauchte sie auch keine extra Impfungen, das hat sie mir etwa eine Woche, bevor sie reisen wollte, noch auseinandergesetzt. Und ihre Ärzte sitzen alle in Mönchberg. Mama fährt nicht gerne Auto und liebt kurze Wege. Nein, sie hatte hier wirklich nichts zu tun. Und sie fand Birkenried ja auch nicht interessant!“

Dem war wenig hinzuzufügen, fand Patrick.

„Feinde hatte Ihre Mutter wohl auch nicht?“ Annes Frage klang auch schon recht resigniert.

Frau Möhl schüttelte heftig den Kopf. „Nein. Mama ist sehr verträglich. Schauen Sie, auch Nick hat sie gern – und viele Männer kommen ja nicht so gut mit ihren Schwiegermüttern aus, nicht wahr?“

„Nick ist Ihr Mann?“

„Ja. Also, er heißt Dominik. Und er arbeitet bei Valex, als Chemiker.“

Anne nickte. „Valex gehört zu XP, nicht wahr?“

„Ja. Nick ist dort sehr zufrieden. Na, und mir geht´s am Albertinum auch gut, lauter nette Kollegen… Wenn sich bloß das mit Mama als Irrtum herausstellen könnte…“ Sie schluckte und Wasser trat ihr in die Augen. „Und ich muss sie identifizieren…“

„Ich fürchte, ja. Aber vielleicht können wir das ein wenig harmloser gestalten, denn die – äh – Leiche ist schon nicht mehr so gut erhalten.“

„Oh Gott…“ Frau Möhl hielt sich unwillkürlich eine Hand vor den Mund. „Sie meinen…?“

„Leider. Sagen Sie, Frau Möhl, hatte Ihre Mutter irgendwelche unveränderliche Kennzeichen, so etwas wie Muttermale oder Narben?“

„Hm..., sie hatte seit einigen Jahren so eine merkwürdige Pigmentstörung, deshalb hatte sie an der Wade eine ziemlich große weiße Stelle. Die Haare hat sie sich ja getönt, aber die Haut… und dann müsste sie eine Narbe am Unterbauch haben, weil ich per Kaiserschnitt geboren wurde. Aber gesehen habe ich diese Narbe nie. Sie hat aber noch eine, am Unterarm. Da wurde mal irgendwas vom Knochen entfernt.“

„Links oder rechts?“

Längeres Herumprobieren, Armausstrecken und Nachdenken förderten auch ein Ergebnis zutage: „Rechts. Ja, stimmt, als sie den Verband hatte, war sie ganz hilflos. Mit der linken Hand kann sie fast gar nichts machen. Also, es ist der rechte Arm.“

Patrick bedankte sich höflich.

Anne räusperte sich. „Vielleicht können wir die Identifizierung auf eine geeignete Körperstelle beschränken, dann wäre die Belastung nicht so groß. Wir werden jetzt erst einmal auswerten, was Sie uns erzählt haben, und dann melden wir uns wieder. Auch, damit Sie ein Protokoll dieses Gesprächs unterzeichnen können. Und wenn sich unser Verdacht bestätigen sollte, müssten wir auch mit Ihrem Mann sprechen.“

„Ja, natürlich“, murmelte Frau Möhl, ohne aufzusehen. „Aber vielleicht ist es ja doch nicht Mama. Oh bitte…!“


Draußen sahen sich Anne und Patrick an. „Es passt wie gemalt. Ich glaube nicht, dass wir uns geirrt haben“, meinte Patrick. „Die arme Frau…“

„Ja, sicher – aber die Peters sollte doch auf dieser Reise sein! Stell dir vor, wir machen alle Pferde scheu und dann taucht die Mutter in einigen Tagen braungebrannt wieder auf und wundert sich über den Aufstand. Wir fahren ins Präsidium und überprüfen das alles, angefangen bei dem Reiseveranstalter.“

Im Büro befand sich niemand; Anne schickte die Überschrift „Wohnwagen“ und alle bisherigen Erkenntnisse – mit rotem Rahmen, da noch ungesichert, an die Tafel, während Patrick die Homepage von historia-reisen.de suchte und dann schließlich dort anrief.

Offenbar gab man sich am anderen Ende eher zickig. „Ja, ich kenne die Datenschutzgrundverordnung auch, herzlichen Dank. Sie sitzen in der Katharinenstraße, sehe ich – dann komme ich jetzt bei Ihnen vorbei. Nein, jetzt sofort. Dann essen Sie eben ein paar Minuten später.“ Er legte energisch auf.

„Puh, was für eine Gewitterziege!“

„Fahr hin und gib die Staatsmacht. Oder soll ich mitkommen? Mit dem Kram hier bin ich durch.“

Patrick überlegte: Taktik oder Ich-bin-schon-ein-großer-Bub?

Taktik. „Besser wär´s wohl…“

In der Katharinenstraße entdeckten sie den Reiseveranstalter vornehm im Vorderhaus, in der Beletage. „Ist das nicht Zweckentfremdung?“, überlegte Anne missmutig. „Wenn die uns dumm kommen, forsche ich da mal nach, dann kriegen die vielleicht wenigstens deshalb Ärger. Gibt doch eh so wenige Wohnungen, gerade hier!“

Auch das Firmenschild im ersten Stock machte einen durchaus noblen Eindruck, aber ob man daraus auf gut gehende Geschäfte schließen konnte, blieb noch abzuwarten.

Die Inhaberin, eine Frau Erika Mahler, entpuppte sich als die Frau, die Patrick am Telefon angemault hatte. Auch jetzt berief sie sich sofort auf den Datenschatz.

Anne zückte ihren Ausweis und spielte die Trumpfkarte aus: „Es handelt sich um einen Mordfall!“

„Ja, gut, aber deswegen haben unsere Kunden doch trotzdem Anspruch auf ihre Privatsphäre!“

„Es kann gut sein, dass diese spezielle Kundin tot ist, dann dürfte ihr das egal sein“, mischte Patrick sich ein.

„Und außerdem wollen wir nur wissen, für welche Reise genau Frau Peters sich angemeldet hat und ob sie diese Reise auch angetreten hat.“

Beleidigter Seufzer, aber immerhin zog Frau Mahler, ihre Tastatur näher zu sich heran. „Wenn´s sein muss…“

„Ja, es muss leider sein“, Anne zwang sich ein Lächeln ab.

„Also… unter Peters hab ich hier… Kairo, zwölfter November bis vierter Dezember – ach nein, das war 2016. Andalusien… 2017, ach, hier: Griechenland, Auf den Spuren Agamemnons, 22. September bis 16. Oktober. Heute haben wir den zweiten…“ Sie sah auf: „Und jetzt erst beklagt sich die Familie?“

Anne unterdrückte ihre Gereiztheit. „Sie dachten doch, Frau Peters sei auf dieser Reise! Hätten wir nicht eine verdächtige Leiche gefunden, würde sich immer noch keiner Gedanken machen. Also Auf den Spuren Agamemnons, schon klar. Ist sie auch wirklich dabei? Hat sie die Reise wenigstens angetreten?“

„Das steht hier nicht. Gezahlt hat sie aber, dann wird sie ja wohl unterwegs sein.“

„Sie sind die Chefin dieses Ladens?“

„Natürlich, warum?“

„Dann sollten Sie aber wissen, ob auch alle gebuchten Teilnehmer wirklich unterwegs sind. Und wenn nicht, dann stellen Sie das jetzt bitte fest. Notfalls rufen Sie den Reiseleiter an.“

„Wenn´s sein muss. Ich informiere Sie, wenn ich etwas erfahre.“

„Ich sagte jetzt.“ Anne wurde allmählich wirklich zornig.

Unlustiger Laut, aber die Dame griff zum Telefon. Anne und Patrick traten zwei Schritte zurück und Patrick murmelte: „Die Klitsche macht´s aber nicht mehr lang!“ Anne nickte gedankenvoll.

Offenbar hatte Frau Mahler tatsächlich jemanden erreicht, denn jetzt rief sie gut vernehmlich: „Was! Das ist doch… Saublöd….“ Dann hörte sie kurz zu und regte sich erneut auf: „Das darf doch nicht wahr sein! Such dir eine Alternative!“

Schließlich legte sie auf und sah die Kripobeamten verzweifelt an. „Das muss man sich mal vorstellen! Die Gräber von Agamemnon und seiner Frau sind gesperrt, schon seit zwei Monaten!“

„Tragisch“, kommentierte Patrick mit leicht zitternder Stimme. „Und das haben die vorher auch nicht angekündigt, was?“

„Wie denn? Wo denn?“

„Hat die Argolis denn keine Webseite? Eine Tourismus-Region?“, fragte Anne, während Patrick sein Smartphone zückte und nachsah.

Frau Mahler ärgerte sich stumm, bis Patrick rief: „Da hab ich´s ja! Auf Griechisch, gut, das würde mich jetzt auch überfordern, aber ich hab ja auch kein Reisebüro, gell? Auf Englisch, Französisch – und ach was! Auf Deutsch gibt´s das auch. Gräber müssen leider renoviert werden und die Archäologen suchen nach weiteren Erkenntnissen. Kann noch bis Ende 2018 dauern. Und da hat keiner nachgeschaut?“

„Na, hoffen Sie mal, dass sich die Reisenden nicht beschweren“, schloss Anne das ab. „Was ist jetzt mit Sigrid Peters?“

„Ach so, die ist nicht dabei.“

„Und niemand hat nachgefragt?“

„Bei wem denn? Nach Angehörigen fragen wir doch nicht, wenn eine erwachsene Frau eine Reise bucht. Der Hannes hat mal bei ihr angerufen, aber da ist keiner hingegangen.“

„Festnetz oder Handy?“

„Festnetz natürlich.“

„Wieso natürlich? Wenn sie zum Beispiel schon auf dem Weg zum Flughafen war oder im Krankenhaus, da wäre das Handy ja wohl nützlicher gewesen, meinen Sie nicht? Wann ist der Flug denn gegangen?“

„Neun Uhr fünfzig. Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“ Frau Mahler war eindeutig beleidigt.

„Im Moment nicht, vielen Dank.“ Anne und Patrick versuchten sich in süßem Lächeln, was Patrick erheblich besser gelang.

Tot im Wohnwagen

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