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3. Kapitel.
ОглавлениеDer Baron war mit seinen Damen auf einem Spaziergang nach einem schönen Plätzchen im Segendorfer Buchenwald begriffen. Sie mussten einen zu beiden Seiten dicht mit Buschwerk bewachsenen Hohlweg entlang gehen, und da, an einer Biegung, sahen sie plötzlich eine Gruppe von Menschen vor sich, die lebhaft über einen Gegenstand sich unterhielten, der offenbar zwischen ihnen an der Erde lag. Die hohe Gestalt des Inspektors ragte zwischen den andern empor.
„Wahrscheinlich hat der Vogt wieder einen seiner epileptischen Anfälle,“ sagte der Baron, „vielleicht kehren die Damen lieber um.“
„Ach nein, Grosspapa, ich habe den Vogt schon öfters in diesem Zustand gesehen, und der arme Mann tut mir schrecklich leid. Wir können ihm doch vielleicht etwas nützen.“
„Es sind ja Menschen genug zu seiner Hilfe da — aber wie du willst.“ Der alte Herr trat zu der Gruppe, die Damen hielten sich etwas zurück. Der Vogt lag auf dem Boden lang ausgestreckt und rührte sich nicht. Seine Frau kniete neben ihm, rieb ihm die Schläfen und jammerte. „Nun ist er wieder drei Tage lang krank — o je, das Elend! — Ach Herr Baron, sehen Sie, da hat er wieder seine Krämpfe, und man hofft doch von einem Mal zum andern, dass es aufhören wird. — O Gott! o Gott!“
„Ist’s wieder ganz plötzlich gekommen?“ fragte der alte Herr teilnahmsvoll.
„Freilich, wie immer.“
„Na,“ meinte ein Knecht, „ein bisschen taumelig war er heut den ganzen Tag schon, ich dachte gleich, dass er wieder seinen Anfall kriegen würde.“
Der Inspektor hatte, ohne zu sprechen, dabeigestanden und nur den am Boden Liegenden scharf beobachtet. Jetzt fragte er: „Wie oft hat er diese Anfälle?“
„Na, so etwa alle sechs bis acht Wochen“, berichtete in ihrem weinerlichen Ton die Frau.
„Und dann ist er immer ein paar Tage krank und arbeitsunfähig?“
„Er ist nicht gerade krank, aber immer nicht recht bei sich.“
„Das will ich gern glauben, weil er dann immer betrunken ist“, meinte trocken der Inspektor. „Herr Baron, der Mann ist ein Quartalssäufer.“
„I so eine — — so eine Verleumdung! Glauben Sie ihm nicht, Herr Baron!“ keifte die Frau.
„Ruhig!“ befahl der Inspektor hart und streng. „Nehmt den Mann auf und bringt ihn in sein Bett, er ist sinnlos betrunken“, gebot er den dabeistehenden Knechten, und die taten, wie ihnen befohlen, mit heimlichem Grinsen. Sie hatten natürlich längst ebenfalls den Grund der Krankheit des Vogts geahnt, nur der alte Herr in seiner Gutmütigkeit liess sich ein X für ein U machen.
Der stand jetzt völlig verblüfft und sah seinen Inspektor misstrauisch zweifelnd an. „Irren Sie sich da auch nicht, Herr Müller?“
„Ich irre mich nicht, Herr Baron. Epilepsie tritt denn doch anders in die Erscheinung. Er ist ein Säufer und muss natürlich entlassen werden.“
„Er hat schon meinem Bruder lange Jahre gedient.“
„Ihr Herr Bruder ist, wie ich hörte, selten daheim gewesen und hat die Komödie nicht durchschauen können. Der Mann mag auch früher leistungsfähiger gewesen sein, jetzt aber sind seine Kräfte von seiner Leidenschaft zerrüttet, er ist flau in der Arbeit. Ich würde ihn sowieso in seiner Stellung nicht belassen haben. Wenn Sie es wünschen, schicken wir ihn als Scharwerker aufs Vorwerk, da kommt es nicht darauf an, wenn er alle sechs bis acht Wochen einmal drei Tage ausspannt.“
„Das ist Ihre Angelegenheit,“ sagte der Baron steif, „ich habe dabei keine Stimme.“
Er setzte mit den Damen den Spaziergang fort; aber kaum waren sie ausser Hörweite, als Mite ganz empört losbrach: „Aber Grosspapa, wer ist denn eigentlich der Herr hier auf Segendorf? Willst du denn wirklich unter allen Umständen den alten Mann von seinem Posten jagen, ihm eine solche Schande antun lassen?“
„Aber Kind, wenn er doch ein Säufer ist“, sagte der alte Herr kleinlaut.
„Ich glaub’s nicht — nimmermehr! Die andern haben ihn doch so lange Jahre schon vor Augen, und keiner hat etwas davon an ihm bemerkt, und dieser Herr Müller blickt ihn kaum an und will das feststellen können? Grosspapa, das ist ein Gewaltmensch! Sieh dir nur sein Gesicht an mit dem festen Kinn und dem harten Mund, der wird uns noch alle tyrannisieren, wenn du es ihm nicht beizeiten wehrst.“
„Du siehst ja Gespenster“, verwies sie der Baron scharf, da er sich selber unsicher und verlegen, ja beschämt fühlte. Er hatte nach dem vorigen Anfall des Vogts in seiner Gutmütigkeit noch eigenhändig nach einem Mittel gegen Epilepsie geschrieben, das marktschreierisch in der Zeitung angekündigt war, weil die Frau behauptet hatte, alle Ärzte ringsum schon vergebens aufgesucht zu haben, und durchaus nicht zu bewegen war, einen neuen Versuch zu machen. Natürlich, wenn ihr Mann ein Trinker war, musste sie die kritischen Augen eines Arztes fürchten. „Ich kann und werde ihm nicht befehlen, was er mit dem Vogt tun soll“, fügte er etwas ruhiger hinzu. „Das schlägt in sein Gebiet, und darein mische ich mich so wenig, wie er sich in meine Angelegenheiten mischt.“
„Er hat sicher recht, der Vogt ist wirklich ein Trinker“, fiel Frau von Siebenstein ein. „Mir ist selber schon der Verdacht aufgestiegen bei seinen sonderbaren Krampfzuständen, und soll man Milde ihm gegenüber walten lassen, nur weil der Mann schon so viele Jahre das Vertrauen seiner Herrschaft schmählich missbraucht hat?“
„Das ist doch merkwürdig, Tante Siebenstein, du hältst immer die Stange dieses Inspektors“, rief Mite beleidigt. „Er beträgt sich doch zu dir nicht verbindlicher als zu uns, woher kommt nur deine Vorliebe für ihn?“
Frau von Siebenstein lächelte: „Ich habe keine Vorliebe für ihn, ich sehe ihn nur nicht mit vorurteilsvollen Augen an, und die Art, wie er seine Pflicht tut, zwingt mir Achtung ab.“
„Oh, wenn er bezahlt wird, muss er doch dafür auch etwas leisten!“ meinte Mite, die als einziges, verwöhntes Kind zuzeiten etwas vorlaut war.
Der Grosspapa drohte ihr dann gewöhnlich gutmütig lachend, heute runzelte er die Stirn: „Schäme dich, Mite!“
Das hatte noch gefehlt, dass sie sich um diesen Inspektor ausschimpfen lassen musste! Ihr ganzes Inneres lehnte sich auf gegen diesen Mann mit seinen groben Bauernmanieren. Oh, sie würde ihm gewiss nie ein gutes Wort gönnen. Sie war gewöhnt, von den jungen Herren Huldigungen und Ritterdienste zu empfangen, die Offiziere in Grosspapas Regiment hatten gewetteifert, sich beliebt bei ihr zu machen, und dieser obskure Inspektor erlaubte sich, sie völlig zu übersehen? — Welch ein eingebildeter Kerl das sein musste!
Am andern Tag schon wieder eine neue Aufregung dieses Inspektors wegen. Der alte Löb Baruch kam mit grossem Geschrei zum alten Herrn Baron, um ihm zu klagen, dass der Herr von Müller ihm nicht die Ernte verkaufen wollte. Er hätte nun zehn Jahre lang zur Zufriedenheit des Herrn Barons die Ernte von Segendorf gekauft, und der alte Herr Baron habe ihm ja auch bereits halb und halb den Abschluss des Geschäfts auch für dieses Jahr versprochen, nun wollte der neue Herr Wirtschaftsbeamte, der nicht wissen konnte, was für ein Geschäftsfreund des Hauses er sei, eine Änderung einführen. Der Herr Baron würde das doch nun und nimmermehr leiden.
Dem alten Herrn wurde es stets schwer, eine Bitte abzuschlagen, obendrein ärgerte er sich über diese neue eigenmächtige Massnahme des Inspektors. Es war doch fast, als ob der grundsätzlich alles Alte ausrotten wollte! Aber er hatte ihm nun einmal sein Wort gegeben, ihn frei schalten zu lassen, so zuckte er die Schultern: „Ich kann Ihnen nicht helfen, Herr Baruch, das ist Sache des Herrn Müller.“
„Wie heisst! Sache des Herrn Müller? Wenn der Herr Baron befehlen, hat der Herr Müller zu gehorchen.“
Dem alten Herrn stieg das Blut zu Kopf. Ja, im Grunde sollte es so sein, er war der Herr, der andere der Untergebene, aber nun hatte er einmal in unbegreiflicher Schwäche das Heft aus der Hand gegeben. „Ich werde mit Herrn Müller reden“, versprach er.
„Wenn’s der Herr Baron einem alten Freunde zuliebe doch gleich tun wollten“, bettelte Löb. „Der Herr Inspektor ist ein sehr schneidiger Herr, sehr rasch und energisch, ein bisschen jung noch für seinen Posten, der schliesst in nächster Stunde vielleicht schon mit einem Konkurrenten ab.“
Da wusste sich der alte Herr nicht länger zu helfen, er liess den Inspektor zu sich bitten. Mite sass mit Frau von Siebenstein auf der Terrasse, die Türe nach dem Zimmer, in dem die Unterredung stattfand, war offen, und sie hörten jedes Wort.
Hans Georg Müller erschien sogleich. „Ich werde von der Ernte nicht eher etwas verkaufen, als bis ich einen Überblick habe, was die Wirtschaft davon selber verbrauchen wird“, erklärte er ruhig und bestimmt.
„Was für e Sach’!“ ereiferte sich Löb; „sie liegt in der Scheune und frisst Zinsen. Der verstorbene Herr Baron hat sie stets noch auf dem Halm zu Geld gemacht.“
„Und nachher zu teurem Preis das Getreide von Ihnen zurückkaufen müssen.“
„Wie heisst teurer Preis! — ich hab’s ihm gelassen zum billigsten Marktpreis.“
„Es hat gar keinen Zweck, darüber weiter zu verhandeln! Den Gutsbetrieb so weiter fortsetzen, wie es bisher geschehen ist, hiesse, den Bankrott erklären, und solange ich hier zu bestimmen habe, geschieht es nicht.“ Es klang eisern.
„Nu, neue Besen kehren gut! — halten zu Gnaden, Herr von Müller. Sie werden auch noch werden ruhiger. Ihr Herr Vorgänger ...“
„Bitte, lassen Sie den Herrn aus dem Spiel! Ich wünsche nicht, mit ihm in einem Atem genannt zu werden“, rief der Inspektor und, seine Stimme zu heller Entrüstung steigernd, fuhr er fort: „Sie haben Ihren Schnitt bei der Geschichte gemacht, alle beide.“
„Wie heisst Schnitt gemacht? Soll mich gleich der Blitz erschlagen ...“
„Herr Baruch,“ unterbrach ihn Müller schneidend, „ich habe die Segendorfer Wirtschaftsbücher der letzten zehn Jahre genau geprüft — soll ich Ihnen Ihren Profit vorrechnen? Ich glaube nicht, dass danach der Herr Baron noch wünschen wird, mit Ihnen weiter in Geschäftsverbindung zu bleiben.“
„Nu, ich hab’ verdient meine Perzente, selbstverständlich! Verdienen muss der Geschäftsmann, von Luft und Sonne kann auch der Löb Baruch nicht leben, und die Herren Barone von Segendorf sind auch viel zu noble Herren, als dass sie eine Gefälligkeit ohne Vergütung vom alten Löb annehmen würden.“
„Sie sollen verdienen, aber nicht wuchern!“ Das kam hart und heftig aus dem Munde des Inspektors. „Wir haben dieses Jahr eine schlechte Ernte, aber ich setze meinen Kopf zum Pfand, dass sie ein Drittel mehr Ertrag liefert, als von den anderen, nachweislich guten Erntejahren in den Büchern verzeichnet steht. Wo ist dies fehlende Drittel geblieben?“
Er herrschte den Händler an, dass der vor Schreck nicht gleich zu antworten vermochte. Da mischte sich der Baron ein. „Ich sehe, Herr Müller ist im Recht, wenn er das Geschäft mit Ihnen ablehnt. Die alten Geschichten noch weiter aufzurühren, ist unnütz, aber ich wünsche nicht, dass Sie sich ferner auf Gut Segendorf blicken lassen.“
Löb wollte sich dagegen wehren, bitten, jammern, aber des alten Herrn Zorn war einmal erregt. Er öffnete kurzerhand die Türe: „Bitte!“, und der Händler musste verschwinden.
Einen Augenblick herrschte Schweigen im Zimmer, dann sagte des Inspektors Stimme, wieder vollkommen beherrscht: „Es tut mir aufrichtig leid, Herr Baron, dass ich mit meiner Art der Verwaltung Ihres Gutes so oft Ihr Missfallen erregen muss. Sie bereuen vielleicht längst, mich angenommen zu haben. Das würde mir sonst genügen, mich freiwillig zurückzuziehen — wenn ich es jetzt und hier nicht tue, so geschieht es, weil ich einsehe, dass mein Weggang die schwerste Schädigung, vielleicht den Ruin des Gutes bedeuten würde, und — weil ich meine Ehre dareinsetze, das, was ich mir einmal vorgenommen habe, auch zu einem anständigen Ende zu führen.“
Die lauschende Mite konnte sich nicht helfen, sie musste ihrer Empörung über diesen anmassenden Menschen durch ein nervöses Auflachen Luft machen. „Hören Sie nur, Tante Siebenstein, sein Weggang würde den Ruin des Gutes bedeuten! Dieser Mensch platzt eines Tages noch vor Selbstüberhebung. Was wird Grossvater dazu sagen? Wenn er ihn doch nur einmal in seine Schranken weisen möchte.“
Der alte Herr räusperte sich: „Hm! — Meine persönliche Empfindung kommt hier nicht in Betracht, sondern nur das Geschäftliche, und da muss ich Ihnen antworten, Herr Müller, es ist nicht richtig, was Sie sagen, Ihre Verwaltungsart hat durchaus nicht mein Missfallen erregt, sondern mich lediglich befremdet, weil sie mir etwas zu radikal erscheint, und ich hegte die Befürchtung, dass Sie sich begnügen würden, einzureissen, um dann eines Tages zu gehen und mir das Wiederaufbauen zu überlassen. Da Sie mir aber jetzt gesagt haben, dass Sie Ihr Werk zu einem anständigen Ende führen werden, so glaube ich Ihnen unbedingt und bin beruhigt. Ich gestehe Ihnen auch unumwunden zu, dass ich meine, Sie sind auf dem rechten Weg, wie ja jetzt wieder die Angelegenheit mit dem betrügerischen Agenten bewiesen hat. Dass ich zunächst nicht besonders beglückt darüber sein kann, so viele Schäden in der alten Verwaltung aufgedeckt zu sehen, ist wohl verständlich, es birgt zu viele Beschämung für mich — was ich meinerseits aber nicht verstehe, ist: Wie kommen gerade Sie dazu, sich dieser Herkulesarbeit hier, na, sagen wir geradeheraus, dem Ausmisten eines solchen Augiasstalles zu widmen? Ich habe den Eindruck, als ob Sie das nicht nötig hätten.“
Mite ballte ihre kleine Faust. Das fehlte noch, um ihn vollends eingebildet zu Machen. „Ich verstehe Grosspapa nicht“, schalt sie in heller Empörung.
Einen Augenblick zögerte der Inspektor mit der Antwort, dann sagte er: „Nehmen Sie an, Herr Baron, es sei eine Art Kraftprobe für mich. Ich möchte mir selber einmal beweisen, was ich zu leisten imstande bin. Gut Segendorf wieder in die Höhe zu bringen, ist eine Art Examensarbeit für mich.“
„Nun, dann kann ich Ihnen nur vollen Erfolg wünschen — nicht um meines pekuniären Vorteils willen, aber es wäre eine Beschämung und Demütigung für mich, schliesslich vielleicht sehen zu müssen, dass Sie Ihre Kraft und Fähigkeiten nutzlos vergeudet haben.“
„Nutzlos für mich in keinem Fall, Herr Baron, ich lerne hier in dem halben Jahr mehr, als ich früher in einem geregelten und gesicherten Betrieb in zehn Jahren gelernt habe; aber hoffentlich auch nicht nutzlos für Sie. Heute kann ich noch keine Versprechungen machen.“
Mite warf sich ganz verzweifelt in ihren Stuhl zurück: „Grossvater hat all seinen Schneid eingebüsst, seitdem wir auf Segendorf sind! — Weisst du, Tante, was ich wünsche? — Der Herr Inspektor kommt mir einmal in den Weg, dann soll er sehen, dass ich mich nicht seiner angemassten Überlegenheit beuge.“
„Aber, Mite, siehst du denn wirklich nicht ein, was der Mann für uns leistet?“
„Das ist einfach seine Pflicht, Tante, nachdem er die Stellung bei uns angenommen hat. Er hat kein Recht, sich darauf so viel zugute zu tun. Grosspapa war doch wahrlich in einer höheren Stellung als er und hat seinen Vorgesetzten Subordination leisten müssen.“
„Ich glaube, Mite, du stehst im Begriff, eine grosse Unklugheit zu begehen“, sagte Frau von Siebenstein. „Aber es nützt nichts, ein Kind vor dem Feuer zu warnen, es muss sich erst einmal selber die Finger verbrannt haben, ehe es lernt, es zu scheuen.“
Mite warf das Köpfchen in den Nacken: „Vor dem Verbrennen fürchte ich mich gar nicht, und scheuen, den Herrn von Müller, wie Löb Baruch sagt — ich? — Tante, das glaubst du doch selber nicht.“
Frau von Siebenstein lächelte still vor sich hin, ohne zu antworten. Dumme, kleine Mite.