Читать книгу Das flüchtige Spiel. Wege und Umwege einer Frau - Emmy Ball-Hennings - Страница 5

VORWORT

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Schon vor vielen Jahren trug ich mich mit dem Plan, ein schriftliches Bekenntnis meines Lebens abzulegen. Ich machte sehr viele Aufzeichnungen, die ich immer wieder verwarf. Warum? Was ich vorbrachte, kam mir zwar zum Teil recht unterhaltsam, aber nicht genügend aufrichtig, nicht ehrlich genug vor. So neigte ich zum Beispiel dazu, die wichtigsten Fehler meines Wesens zu beschönigen, zu umschreiben oder ganz zu verschweigen. Dadurch wurde das Lebensbild unklar und unbegreiflich.

Das Aufrichtigseinkönnen scheint mir nicht nur eine Sache des guten Willens zu sein. Es gehören Unerschrockenheit und Mut dazu und noch manche Eigenschaften, die ich mir erst erobern mußte. Meiner Niederschrift geht ein Kampf voraus, den ich zum leichteren Verständnis des Folgenden nicht unerwähnt lassen möchte. Wer vor einer Beichte steht, gleichviel vor wem er sie ablegt, hat zunächst eine dem Menschen angeborene Scham in sich zu überwinden, was einer Frau vielleicht noch schwerer fallen mag als dem Manne. Unwillkürlich scheut sich der Mensch, Abgründe aufzudecken, um die Tiefen seiner Seele zu zeigen, und nur die übernatürliche Scham, die wir wohl selten so stark empfinden, als wir es möchten, vermag Herz und Zunge zu lösen. Wir befinden uns in einer Zeit, in der das Schicksal von Millionen und aber Millionen kaum im allgemeinen, geschweige denn im einzelnen Beachtung finden kann. Der Einzelne hat sich der Masse einzuordnen. Wie viele Tausende gehen sterben, bevor sie zum Leben erwacht sind! Wie viele Tausende leiden Hunger und suchen Herberge, deren tragisches Geschick unbekannt bleiben wird! Wer vermag noch an einen Einzelnen zu denken, da nur noch die Masse lebt und stirbt?

Muß da nicht notgedrungen die schwache Stimme des Einzelnen verhallen? Ist es nicht gewagt und unnötig, ein kleines, einmaliges Leben zu zeigen, das bald versinken wird? Wie oft habe ich diese Frage bedacht. Wenn ich aber hier «Ich» sage, meine ich vielleicht «Irgendwen», der irgendwo unbeachtet dieselbe Frage aufwirft und nicht zur Antwort gelangt. Das Leben jedes Einzelnen ist ja einmal einzigartig und unwiderruflich, wie es kein Menschenantlitz gibt, das einem andern völlig gleichen kann. So einzigartig erscheint mir jeder Mensch für sich, und gerade um allen dienbar zu sein, darf er seine Gesichtszüge, seine Weltanschauung nicht so sehr verwischen und verallgemeinern lassen, daß sein Leben unkenntlich und unscheinbar wird.

Ich halte mein Leben keineswegs für ein besonders interessantes oder besonders wertvolles. Vielmehr bin ich davon überzeugt, daß es unendlich viele Schicksale gibt, die aufzurufen viel wichtiger und notwendiger sein dürfte als das meine. Aber ich glaube an einen neuen, kommenden Individualismus, da sich der Einzelne klarer zur Gesellschaft bekennt, als es heute der Fall ist.

Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei. Ich will ihm eine Gesellschaft geben, die mit ihm sei. Dies war einmal die wohlmeinende Überlegung, der Plan des Schöpfers.

Einmal jedoch war und bleibt der Mensch allein und muß sich zunächst bemühen, sich selbst zu erkennen, bevor er seine Umgebung begreift, die Gesellschaft, die mit ihm sein will. Nur aus diesem Grunde trieb es mich von jeher zu sagen, wer ich bin, weil ich über das Private, über das Persönliche hinaus, irgendwie eine Ähnlichkeit mit Vielen erhoffe. Sollte ich mich in diesem Punkte irren, möge man mir verzeihen. Schaden kann ich nur mir selbst, doch darauf kommt es mir jetzt nicht an. Keinen Ruf möchte ich haben, weder einen guten noch einen schlechten. Einmal liegt uns weder an dem einen noch an dem andern. Einmal möchte unser Leben nichts anderes sein als ein kleiner Beweis der göttlichen Liebe, und würde diese nicht aus dem Menschen hervorleuchten, wäre alles vergeblich. Im Rückblick auf die Vergangenheit, die zugleich Gegenwart und Zukunft erhellt, bewundert der Mensch immer wieder die göttliche Vorsehung, die so unbegreiflich und anbetungswert ist und auch das flüchtige Spiel des Lebens auf geheimnisvolle Weise dem Ewigen dienbar macht.

Das flüchtige Spiel. Wege und Umwege einer Frau

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