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Kapitel 2

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Während wir unsere Pläne schmieden, zeigt das Leben uns den Mittelfinger

Es dämmerte und auf den Dächern der Autos, die auf dem Krankenhausparkplatz standen, spiegelte sich das rote Licht des Sonnenuntergangs. Diana Clarkson stand am Fenster ihres Krankenzimmers und betrachtete traurig das gewaltige Farbenspiel am Abendhimmel.

Sie fühlte sich leer und unendlich erschöpft. Nichts schien mehr einen Sinn zu haben. Die Tränen waren ihr ausgegangen, denn die letzten zwei Tage hatte sie nichts anderes getan als zu weinen. Immer und immer wieder fragte sie sich, wie er später einmal ausgesehen hätte? Was aus ihm geworden wäre? Aus ihrem Sohn. Den sie verloren hatte. Dem ein Leben verwehrt worden war, das sie ihm so gern geschenkt hätte. Einen Sohn, den sie zu Anfang nicht wirklich gewollt hatte.

Der Schmerz in Dianas Brust engte sie ein, wurde immer mächtiger und mächtiger, erdrückte sie schier mit unfassbarer Last, bis sie glaubte zu ersticken. Nur mit größter Anstrengung gelang es der jungen Frau sich zu beruhigen und tief durchzuatmen.

Sie hatte ihre Sachen gerade eben gepackt. Die Ärzte hatten ihr erlaubt nach Hause zu gehen, eigentlich erst morgen früh, aber sie hielt es an diesem Ort nicht mehr länger aus. Alles in diesem Raum erinnerte sie an die Fehlgeburt, an ihren Verlust, ihr Versagen. Als vor drei Tagen die leichten Blutungen bei ihr eingesetzt hatten, war sie alarmiert gewesen. Gleich nach der Arbeit wollte sie zu ihrem Frauenarzt gehen, aber dazu kam es nicht mehr. Noch während sie die Tische im Restaurant bediente, hatten die Unterleibsschmerzen angefangen, die so stark wurden, dass ihr das Tablett aus den Händen gefallen war und sie sich schreiend auf dem Boden gekrümmt hatte. Lou, ihr Chef, fuhr sie dann sogleich in die Klinik, wo sie unter Schmerzen und Tränen eine Fehlgeburt hatte. Quaid, ihren Freund, hatte Lou nicht erreicht, er kam erst am Tag darauf zu ihr ins Hospital.

Um sich nicht vom Lernen ablenken zu lassen, hatte Quaid wie gewöhnlich sein Handy und das Telefon abgestellt. Über seinen Lernsachen war er schließlich eingeschlafen. Erst am nächsten Morgen, als er alleine in der Wohnung erwacht war, hatte er voller Sorge bei Lou angerufen, der ihm schonend beibringen musste, dass er sein ungeborenes Kind verloren habe. Bestürzt und beladen mit Schuldgefühlen war Quaid bei ihr eingetroffen. Gemeinsam hatten sie um ihren Sohn getrauert, doch Quaid, der mittendrin in seinen letzten Prüfungen von seinem Zahnarztstudium stand, durfte sich nicht völlig gehen lassen. Sie bewunderte ihn für seine Stärke und Selbstdisziplin, die er an den Tag legte. Deprimiert, aber zuversichtlich und ihr Mut zusprechend, hatte er sich von ihr verabschiedet, um seine kommende Prüfung zu bestehen.

Diana wusste, dass Quaid am folgenden Tag eine weitere Prüfung bevorstand, weswegen er hatte lernen müssen und sie wieder nicht besuchen konnte. Als die Ärzte nun grünes Licht gaben, wollte sie nicht mehr länger warten, denn nur bei Quaid Zuhause würde sie Trost finden.

Sachte klopfte es an die Tür und im nächsten Moment kam die blonde Krankenschwester herein, welche Diana die letzten Tage betreut hatte. Freundlich lächelte sie Diana zu.

„Mrs. Clarkson, der Doktor kommt gleich. Er bringt Ihnen Medikamente und händigt Ihnen den Bericht für den Frauenarzt aus.“

Verhalten nickte Diana und ihre blauen Augen glänzten feucht.

Christina, die Krankenschwester, hatte schon viele Patientinnen betreut, die ihr Kind verloren hatten, aber dieser brachte sie besonders viel Empathie entgegen. Zum einen, weil die Frau laut den Unterlagen vierundzwanzig war, genauso alt war wie sie selbst und zum anderen, weil ihr Freund, dieser Quaid, schon wieder nicht da war. Nicht mal in der Nacht der Fehlgeburt war er aufgetaucht, erst gestern hatte sie ihn zu Gesicht bekommen und heute glänzte der Typ abermals durch Abwesenheit.

Der Doktor betrat das Zimmer und während er mit Diana sprach, zog Christina die Wäsche vom Bett ab.

„Mrs. Clarkson, leider muss ich Ihnen mitteilen, dass die Untersuchungen ergaben, dass die Fehlgeburt durch eine Infektion ausgelöst wurde. Sie müssen Antibiotika einnehmen.“

Er reichte Diana eine Medikamentenschachtel, die diese überrascht entgegen nahm.

„Was für eine Infektion? Ich dachte durch den Stress mit den zwei Jobs, dass …“

Der Arzt unterbrach sie sanft. „Stress kann, muss aber nicht unbedingt eine Fehlgeburt auslösen. In Ihrem Fall … wurde sie eher durch die Chlamydien ausgelöst. Eine bakterielle Erkrankung.“

Diana war schockiert. Nichts davon hatte sie gespürt, bis die Blutungen einsetzten. „Wie ist das möglich? Wo hab ich mir diese Infektion eingefangen?“

„Die Bakterien übertragen sich per Schmierinfektion, also beim Toilettengang, oder, und das passiert am häufigsten, per Geschlechtsverkehr. Ihr Partner sollte sich ebenfalls untersuchen lassen. Zu Beginn Ihrer Schwangerschaft wurde ein Test durchgeführt, der negativ war, daher können sie davon ausgehen, dass Sie sich innerhalb der letzten zwei bis sechs Wochen angesteckt haben. Wenn Ihr Körper sich genügend erholt hat, können sie wieder probieren schwanger zu werden.“

Diana war erleichtert, so furchtbar es auch klang, aber das hieß, dass sie nicht wirklich die Schuld an der Fehlgeburt trug, dass sich nicht versagt hatte, oder unfähig war Mutter zu werden, sondern nur, dass sie unsägliches Pech gehabt hatte. Das Pech sich ein Infekt einzufangen, vermutlich im Restaurant, wo sie bediente. Sie hatte zwei Arbeitsstellen, denen sie nachgehen musste, um genügend Geld für Quaid und sich zu verdienen. Zu Beginn, als sie erfahren hatte, dass sie schwanger war, war sie nicht glücklich darüber gewesen. Fürchterliche Angst hatte sie gehabt. Zwei Jobs, ein Freund, der studierte, und dann noch ein Kind waren ihr wie ein riesiger Berg vorgekommen, den sie nicht glaubte bezwingen zu können. Erst als sie es Quaid gebeichtet hatte, dieser fröhlich lachte und von ihrer gemeinsamen Zukunft zu dritt schwärmte, konnte sie sich über das Leben freuen, das in ihr heranwuchs. Umso schuldiger hatte sie sich nach der Fehlgeburt gefühlt. Doch nun wusste sie, dass diese Bakterien ihr den Sohn genommen haben, den sie mit jedem Tag mehr geliebt hatte.

Christina hatte alles mitangehört und war zutiefst betroffen. Die arme Frau. Eine Fehlgeburt in der zwanzigsten Woche, zwei Arbeitsplätze, ein Freund, der nie bei ihr war und dann noch Chlamydien.

Der Doktor verabschiedete sich und Christina wollte etwas tun, was sie bisher noch nie getan hatte. „Sie werden von Ihrem Freund abgeholt?“ Ein leichtes Kopfschütteln war Dianas Antwort, was Christina befürchtet hatte. „Ich habe gleich Schluss, dann fahr ich Sie nach Hause.“

Verschämt blickte Diana zu Boden. „Nein das brauchen Sie nicht. Ich fahre mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause, das ist nicht weiter schlimm.“

„Wie lange sind Sie dann unterwegs? Eine, eineinhalb Stunden? Es geht doch viel schneller, wenn ich Sie fahre. Ich mach das gern, wirklich.“ Christinas grüne Augen waren so offen und freundlich, dass Diana schließlich zustimmte.

„Vielen Dank nochmal Christina, das war wirklich wahnsinnig nett von dir. Auf wiedersehen.“

„Kein Ding. War schön dich kennenzulernen, Diana. Ich wünsche dir für die Zukunft alles Gute. Bye“, sagte die Krankenschwester mit einem breiten Lächeln.

Diana warf die Autotür zu und beobachtete wie Christinas Wagen im Londoner Abendverkehr unterging. Die Heimfahrt war tatsächlich um einiges schneller gegangen als mit dem Bus und der U-Bahn, trotz des immensen Verkehrs. Sie nahm ihre Reisetasche auf und ging zu der alten renovierungsbedürftigen Villa, in der sie ihre kleine Mietwohnung hatten. Ihr Zuhause lag in einer belebten Straße, die durch das alte Villenviertel führte, in dem bereits einige Häuser luxus-saniert waren. Geschäfte, Firmen, angesagte Cafés und Bars hatten sich hier mittlerweile eingenistet. Sicherlich würde man demnächst ihre Villa renovieren, was ihre Miete steigen lassen würde, die sie dann nicht mehr würden zahlen können. Trotz der schlechten Nachrichten über ihre Infektion, freute sie sich darauf Quaid zu sehen. Leise, um ihn zu überraschen, schloss sie die Wohnungstür auf. Diana staunte. Der schmale Flur war mit brennenden Teelichtern gesäumt, was wundervoll romantisch wirkte.

Woher hatte Quaid erfahren, dass sie heute Abend nach Hause kam?

Still, auf Zehenspitzen folgte sie den flackernden Lichtern ins Wohnzimmer. Dort auf dem Tisch brannten ebenfalls Kerzen und eine teure Flasche Sekt mit zwei Gläsern stand bereit. Diana war sprachlos. Quaid war für gewöhnlich immer sparsam, fast schon geizig. Über seine liebevolle Geste musste Diana vor Rührung schmerzhaft lächeln - bis sie das Stöhnen vernahm …

Ein unverkennbar weibliches Raunen erklang darauf, was aus ihrem Schlafzimmer herrührte. Dianas Herz wollte nicht mehr schlagen und sie spürte einen Brechreiz in sich aufsteigen, der sie wanken ließ. Sie wusste, dass sie es tun musste, aber am liebsten wäre sie einfach wieder gegangen. Sie sagte sich, dass es besser wäre, wenn sie es mit eigenen Augen sehen würde, denn sonst würde sie es später nicht mehr wahrhaben wollen.

Sie folgte dem Stöhnen zu ihrem Schlafzimmer. Die Tür war einen Spalt geöffnet und gedämpftes Licht schimmerte heraus. Sachte tippte sie die Tür an, die ohne ein Geräusch zur Seite schwang und Diana somit den Blick aufs Bett freimachte.

Da saß Quaid, nackt in ihrem gemeinsamen Bett, lehnte mit dem Rücken an der Wand und auf seinem Schoß bewegte sich, auf eindeutige Art und Weise, eine unbekleidete Frau. Versunken in ihren Liebesakt, hatte Quaid die Lider niedergeschlagen und befummelte unter tiefem Geröchel die Brüste der fremden Frau. Die Fenster waren verdunkelt und die Kerzen, die Quaid auch hier angezündet hatte, warfen die Schatten ihrer Körper an die Wand.

Diana war wie zu Eis erstarrt und wollte ihren Augen nicht trauen. Bestimmt hatte sie nur Halluzinationen. Das konnte einfach nicht sein, das durfte nicht sein. Ihr war, als würde ihr verwundetes Herz von einer scharfen Klinge durchbohrt werden. Stich für Stich spürte sie die Pein. Und dann hörte sie im Geiste den Arzt aus dem Krankenhaus sagen, in einem Echo widerhallend, das wie ein Ping-Pong-Ball in ihrem Kopf hin und her prallte: ‚…übertragen durch Geschlechtsverkehr… innerhalb der letzten Wochen angesteckt…‘

Wo war die Luft auf einmal hin? Sie bekam keine Luft mehr.

Ein gequältes Aufatmen, das Diana entwich, ließ Quaids Augen öffnen. Erst ein zweiter Blick auf seine schockierte Freundin machte ihm klar, dass er nicht träumte. Und dann sagte er tatsächlich das, was keine Frau in so einem Moment hören will und Diana die Flucht ergreifen ließ.

„Diana?! Es ist nicht so, wie es aussieht…“

Tränen flossen auf einmal wieder über ihre Wangen, obwohl Diana gedacht hatte, dass da keine mehr in ihren Augen wären. Blind vor Schmerz und Wut rannte die junge Frau hinaus. Hinaus aus der Wohnung, hinaus aus dem Haus auf die Straße. Rannte und rannte, bis sie ihrem Impuls folgend in eine volle Bar stürmte, um sich in der Menschenmenge zu verstecken.

Natürlich würde er ihr nachlaufen und sie suchen, aber sie wollte von ihm nicht gefunden werden. Und in dieser Bar, ein paar Häuser weiter, wo nur reiche Snobs verkehrten, würde er sie nicht vermuten.

Noch immer hatte Diana ihre Reisetasche in der Hand und schubste unabsichtlich einen großen, schlanken Mann. Dieser hatte ein Smartphone in der Hand, was er daraufhin fast fallen ließ und nach mehrmaligem Auffangen wieder fest in den Griff bekam. Eine dunkle Schönheit saß am Tisch vor ihm, mit der er sich gerade unterhalten hatte.

„Oh, entschuldigen Sie, das war keine Absicht", stammelte Diana verstört und suchte mit wirrem Blick ein freies Plätzchen, wo sie sich niederlassen konnte.

Die hübsche Frau musterte Diana besorgt. „Nichts passiert. Geht es Ihnen gut?“

„Ja, ja, alles bestens, danke“, wiegelte Diana nervös ab und ging weiter, wobei sie andauernd zur Eingangstür zurückblickte. Weiter hinten in der Kneipe, in einem verborgenen Winkel wurde sie fündig und setzte sich an einen leeren Tisch. Verzagt legte sie ihren Kopf in die zittrigen Hände, um sich zu sammeln. Einige Minuten versuchte Diana Ordnung in ihre Gedanken zu bringen, aber alles was ihr Gehirn fabrizierte, war dieses Bild, wie Quaid eine andere Frau in ihrem Bett liebte.

„Was kann ich Ihnen zu trinken bringen?“

Unschlüssig schaute Diana zu dem jungen Mann auf, den sie zuvor angerempelt hatte, der offenbar die Bedienung war.

Gott sei Dank hatte sie ihre Geldbörse dabei und brauchte sich darum nicht auch noch Sorgen machen. Da ihr Leben jetzt vollends den Bach runtergegangen war, nahm sie keine Rücksicht mehr. Weder auf ihren Körper, der wegen den letzten Strapazen und den Medikamenten eh schon hinüber war, noch auf das wenige Geld, das sie besaß.

„Bringen Sie mir einen Doppelten von irgendwas, das im Hals brennt.“

Nickend entfernte sich der Kellner und Diana rieb sich in einer verzweifelten Geste übers Gesicht.

Ein Gutes hatte die Trennung von Quaid, das Geld, das sie verdiente, würde von nun an nur noch ihr gehören. Die letzten vergangenen sechs Jahre hatte er nämlich auf ihre Kosten gelebt, sie ausgesaugt bis auf den letzten Tropfen. Sie hatte tagsüber bedient und abends zusätzlich noch in einer Wäscherei geschuftet, um die Kohle zusammen zu bringen, die sie brauchten. Quaid hatte studiert, er musste ja angeblich so viel lernen, dass er keine Zeit zum Arbeiten hatte. Ab und zu, wenn es ihr zu viel geworden war und sie sich beschwert hatte, jobbte er für eine kurze Zeit. Seltsamerweise gab es aber immer Probleme und er konnte nicht mehr weiterarbeiten. Entweder entließen die Arbeitgeber Quaid, sie bezahlten ihn nicht oder er bekam körperliche Beschwerden von dem jeweiligen Job, oder, oder, oder … Die Liste der Gründe, weswegen er nicht arbeiten gehen konnte, wurde endlos.

Diana war jedoch gern arbeiten gegangen, weil sie Quaid liebte. Schon immer. Und der Gedanke daran, dass jeder Arbeitstag, der verging, Quaids Prüfungen und sie ihrer Zukunft als Zahnarztgattin näher bringen würde, ließ sie durchhalten. Nach alldem, was Diana für Quaid aufgegeben und mit ihm durchgestanden hatte, war dies das logische und ersehnte Ziel von ihr gewesen. Sie hatte Quaid auf dem College kennengelernt und gemeinsam beschlossen sie, dass er studieren sollte, während sie arbeitete. Wenn er sein Studium beendet hätte, könnte sie dann endlich Mode-Design studieren, was ihr langersehnter Wunschtraum war.

Nie im Leben wäre sie darauf gekommen, dass Quaid sie betrügen würde. Doch er hatte es getan und nicht mal ihre Schwangerschaft hatte ihn davon abgehalten. Dass er sie nicht liebte, oder nicht mehr, stand nach diesem Verhalten außer Frage.

Dianas heile Welt hatte sich aufgeräufelt, wie ein gestrickter Schal, von dem jetzt nur noch ein gekräuselter Faden übrig geblieben war. Sie hatte gedacht, dass solche Männer wie ihr Vater, der ihre Mutter geschlagen hatte, eine Ausnahme wären. Diana hatte geglaubt, dass ihr Vater nur gewalttätig geworden war, wegen seiner Alkoholsucht, oder seiner Verbitterung, die daher rührte, dass er kein Profisportler werden konnte. Ihr Vater hatte in seiner Jugend Fußball gespielt und stand kurz vor einem Vertrag mit einem bekannten englischen Fußballclub, als der Traum durch eine irreparable Knieverletzung ausgeträumt war. Ihre Mutter, die damals bereits mit ihm zusammen gewesen war, liebte ihn über alles und versuchte ihm über die Enttäuschung seines Lebens hinwegzuhelfen. Doch sie scheiterte. Aus der Enttäuschung ihres Vaters wurde Wut und Zorn auf alles und jeden. Er fing an zu trinken und wenn er nach Hause kam, vermochte nicht mal mehr seine liebende Frau ihn zu beruhigen. Zu Beginn stieß er sie nur von sich, doch aus einem Stoß wurde beim nächsten Mal ein Schlag und irgendwann, als ihm die Schläge keine Genugtuung mehr verschafften, verwendete er seine Fäuste.

Diana, die von ihrer Mutter zum Schutz im Kinderzimmer eingeschlossen worden war, versteckte sich im Schrank und musste dennoch jeden einzelnen Schlag mitanhören. Das Flehen ihrer Mutter, das Rumpeln, wenn sie zu Boden stürzte, das Klatschen der auftreffenden Schläge, das Wimmern, alles war an ihre Ohren gedrungen. Am meisten Angst hatte Diane immer die darauffolgende Stille gemacht, weil sie befürchtete, ihr Vater hätte ihre Mutter zu Tode geprügelt. Erst wenn sie ihren Vater laut schnarchen gehört hatte, war sie zu Bett gegangen, hatte sich tief unter der Bettdecke vergraben und gehofft, dass ihre Mutter am nächsten Morgen die Tür wieder aufschließen würde.

Als Diana sechzehn Jahre alt war, blieb eines Morgens die Tür zu und sie musste zum Fenster hinausklettern. Was dann folgte, war ein Alptraum. Ihre Mutter, die mit dem Krankenwagen ins Hospital gefahren wurde, erlag den schweren Verletzungen, während ihr Vater in Untersuchungshaft saß. Diana kam für zwei Jahre ins Jugendheim. Zu dieser Zeit lernte sie Quaid kennen. Er kam aus ähnlichen Verhältnissen und ahnte wie es ihr ging. Ganz anders als ihr Vater war er liebevoll und gutmütig. Sofort, nach dem sie das College erfolgreich absolviert hatte, war sie mit Quaid zusammen gezogen und arbeiten gegangen, um den Unterhalt für sie beide zu finanzieren.

Und nun, nach all den entbehrungsreichen und harten Jahren, nach all dem, was ihr widerfahren war, brachte er es fertig, ihr das anzutun. War das normal? Waren alle Männer wie ihr Vater und wie Quaid, so grenzenlos egoistisch?

Diana stürzte den Alkohol, der mittlerweile vor ihr stand, in einem Zug hinunter und bestellte sich gleich nochmal dasselbe. Sie schwor sich, nie wieder einem Mann zu vertrauen und Quaid schon gar nicht, denn er war schuld am Tod ihres Sohnes. Hätte er sie nicht betrogen, hätte er sich nicht infiziert, sie nicht angesteckt und ihr Kind würde noch leben. Ohne einen Funken Hoffnung, ohne jegliche Zuversicht auf eine bessere Welt, Ort oder Zeit bestellte Diana sich ihren nächsten Drink, der nicht ihr letzter war.


Schicksalsnetz - Ein romantischer Episodenroman

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