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Kapitel 3

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Es ist nicht leicht der zu sein, der man ist

Marie Thomas hatte einen anstrengenden Tag hinter sich, als sie beschloss auf einen kalten Smoothie in die Bar in ihrer Straße zu gehen. Sie war Eventmanagerin bei einer kleinen Agentur und liebte ihren Job, der jeden Tag aufs Neue eine Herausforderung für sie darstellte, aber genau das war ihr Ding.

Ein herrlicher Sommerabend lag noch vor ihr und sie hatte keine Lust ihn alleine in ihrer Wohnung zu verbringen. Es war nicht das erste Mal, dass sie in diese Bar ging, denn ihr gefiel der Einrichtungsstil, der an einen irischen Pub erinnerte. Praktischerweise lag sie gerade mal fünf Minuten Fußweg von ihrer Wohnung entfernt, was ein weiterer Pluspunkt war.

Man kannte sie hier nur als Marie und das war gut so. Gott behüte, dass jemand ihren Nachnamen erfuhr, sonst käme einmal mehr heraus, wessen Schwester sie war. Ihr Bruder war nämlich der Star Thomas May, der mit bürgerlichem Namen Jeff Thomas hieß. Zwar hatten ihre Eltern von Anfang an und später er selbst immer darauf geachtet, dass sein richtiger Name nicht in der Presse erschien, aber dennoch kam es vor, dass manche Leute herausfanden, wer ihr Bruder war. Sie hatte aufgegeben nach den Ursachen oder Wegen zu suchen, warum und wie dies immer wieder geschah. Schon mehrmals hatte sie überlegt, den Mädchennamen ihrer Mutter anzunehmen, aber ob der Aufwand sich lohnen würde, bezweifelte sie. Zugegebenermaßen wurde die Last, die Schwester eines Teenie-Schwarms zu sein, im Alter geringer. Als junges Mädchen hatte sie sehr darunter gelitten, denn alle wollten mit ihr befreundet sein, bloß um an ihrem Bruder heranzukommen. Zu Beginn von Jeffs Karriere hatte sie die Aufmerksamkeit genossen, denn die Mädchen aus ihrer Klasse kannten ja ihren Bruder, der auf einmal im Fernsehen auftrat und so toll singen konnte. Dass Jeff nicht hässlich war, machte alles noch schlimmer für sie. Irgendwann jedoch hatte sie es satt, denn wenn sie eine vermeintliche Freundin zum Spielen einlud, bekam sie immer die gleiche Gegenfrage zu hören: ‚Ist dein Bruder auch da? ‘. Oft verneinte Marie, obwohl Jeff Zuhause war, was bei den meisten Mädchen eine spontane Erinnerung an einen Termin auslöste, den sie zuvor vergessen hatten.

Marie hatte schließlich aufgegeben nach Freundschaften in ihrer unmittelbaren Umgebung zu suchen. Aber selbst wenn sie hoffte andernorts welche zu finden, kam es auf dasselbe hinaus. Hatte sie jemand auf einer Freizeit kennengelernt und erzählte demjenigen dann nach einiger Zeit, wer ihr Bruder war oder kam derjenige zu ihr nach Hause, egal ob männlich oder weiblich, war es nur noch um ein Thema gegangen. Jeff hinten, Jeff vorne. Jeff, Jeff, Jeff … Es war schrecklich gewesen! Doch dann hatte Marie in der sechsten Klasse eine deutsche Brieffreundin zugeteilt bekommen und sie war klug genug, den Fehler nicht nochmal zu begehen. Zum Glück besuchte Karen sie nie in England, weshalb diese bis heute nicht wusste, dass Thomas May ihr Bruder war. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn sie es Karen sagen würde, die als junges Mädchen ein absolut durchgeknallter Fan von ihm war. Mit zweiundzwanzig hatte sich das jetzt natürlich erledigt, aber trotzdem würde Marie es Karen erst sagen, wenn es nicht anders ging.

Abgesehen davon hatte Jeff ihr gedroht, dass er dieses Theater nicht ein weiteres Mal mit machen würde. Zu lebendig war ihm noch die Erinnerung im Gedächtnis, von einem hysterisch schreienden Mädchen durchs Haus gejagt zu werden, so dass er sich im Klo hatte einschließen müssen. Erst nachdem das Mädchen von ihren Eltern abgeholt worden war, hatte Jeff sich herausgetraut. Zu Maries Vergnügen sah er wie ein zerrupftes Huhn aus, da die Irre versucht hatte ihm die Kleider vom Leib zu reißen.

Im Nachhinein, fand Marie besonders den Versuch eines schwulen Fans witzig, der Jeff in der Dusche aufgelauert hatte. Sie musste immer noch lachen, wenn sie an die empörten Schreie ihres Bruders dachte. Freilich hatte sie das damals überhaupt nicht lustig gefunden, dass der Typ sie nur wegen Jeff angemacht hatte. Sie war zu dem Zeitpunkt noch zu unerfahren gewesen, um zu raffen, dass der Junge sich jedes Mal fast übergab, wenn er sie küssen sollte.

Heute würde ihr so was nicht mehr widerfahren, sie war überaus wählerisch in Hinblick auf Männer geworden. Diejenigen, die ihr zu aufdringlich und zu schnell bei der Sache waren, nahm sie grundsätzlich nicht ernst. Denn da konnte sie förmlich riechen, dass die Sache einen Haken hatte. Als Jeffs Schwester war sie entweder eine Trophäe oder das Sprungbrett für einen Karrierestart, denn durch ihren Bruder hatte sie Verbindungen ins Showbiz. Nein danke, das alles hatte sie schon gehabt, erlebt, mitgemacht und abgehakt. Umso mehr genoss sie es in dieser Bar nur Marie zu sein, in Ruhe an einem Tisch zu sitzen, ihren Smoothie zu schlürfen und den neuen Kellner zu beobachten.

Der Typ war heiß, er gefiel ihr. Er hatte ein sexy Lächeln, mit dem er sie einige Male bedacht hatte. Heimlich warf er ihr schüchterne Blicke zu, die ein Prickeln in ihrem Magen auslösten. Vielleicht war nicht der Smoothie der Grund warum sie hierher kam, sondern der Kerl. Sie sah ihn jetzt das dritte Mal, er bediente nicht jeden Abend, das hatte sie mittlerweile herausgefunden. Kacke, sie hatte den Kerl ja schon längst im Visier, wenn sie das wusste, sie hatte sich selbst hinters Licht geführt. Unfassbar. So verklemmt wie der süße Typ war, würde er nie den ersten Schritt wagen, was hieß, dass sie das übernehmen musste.

Marie hob die Hand um die Aufmerksamkeit des Kellners zu erregen, was in der überfüllten Bar nicht leicht war. Mit einem Schwindel-bereitendem Schmunzeln kam der braunhaarige Mann an ihren Tisch.

„Noch was zu trinken?“

„Also … Sie arbeiten zwar noch nicht allzu lange hier, aber können Sie mir was Besonderes empfehlen?“ Marie versuchte, den hübschen Kellner mit einer angedeuteten Doppeldeutigkeit aus der Reserve zu locken. Sein langer Blick brachte Marie zum Glühen. Was dachte er nur, wenn er sie auf diese Weise anschaute?

Kurz um sich blickend, beugte sich der junge Mann verschwörerisch zu ihr hinab und ließ den Augenkontakt dabei nicht abbrechen. „Hier gibt es nichts Besonderes, aber in der Stadtmitte gibt es einen Club, der die besten und ausgefallensten Drinks anbietet.“

Marie überlegte. War das jetzt ein Versuch ihr ein Date anzubieten oder als was sollte sie das werten? Sie biss sich auf die Unterlippe, was der Kellner sofort bemerkte, denn seine Mundwinkel zuckten.

Mit einer koketten Geste warf Marie ihre langen Locken über die Schulter. Mann, war der Kerl süß. Sie würde sein Spiel mitspielen, denn sonst würde er wohl nie zu Potte kommen.

„Wirklich? Von dem Club habe ich noch nie etwas gehört.“

Gekonnt setzte Marie ihren Augenaufschlag ein, denn was er konnte, konnte sie auch, was auch prompt den erwarteten Erfolg zeigte.

„Nun, ich … wir können ja mal zusammen …? Wenn Sie wollen?“

Na, endlich hatte er angebissen. Mit einem unschuldigen Schnütchen meinte Marie locker: „Klar, wieso nicht?“

Anscheinend freute der Kellner sich über ihre Zusage, denn er strahlte wie ein kleiner Junge, der sein Geburtstagsgeschenk einen Tag früher auspacken durfte.

„Okay, ähm, ich gebe dir meine Nummer oder würdest du mir … deine geben?“

Marie grinste, soviel Schüchternheit, war ihr schon lange nicht mehr in die Quere gekommen. „Wie wäre beides? Du tippst deine Nummer in mein Handy und ich gebe dir meine.“

„Okay.“

Der Kellner zog sein Telefon aus der Hosentasche und tauschte es gegen Maries. Beide tippten ihre Nummer in das Handy des anderen, während eine zierliche Brünette in die Bar stürmte und Maries Eroberung anrempelte. Fast wäre dem Kellner das Mobiltelefon aus den Händen gerutscht und zu Boden gefallen, nur aufgrund seiner schnellen Reaktion konnte er es, nach mehreren Fehlversuchen, sicher auffangen.

Die brünette Frau entschuldigte sich höflich, obwohl man ihr ansah, dass sie voller Panik war. Totenbleich und mit schreckensweiten Augen sah sie immer wieder zur Tür, als würde sie jemand verfolgen.

„Nichts passiert. Geht es Ihnen gut?“, fragte Marie.

„Ja, ja, alles bestens danke“, erwiderte die Frau hastig, was noch deutlicher machte, dass gar nichts bestens war. Schnell ging sie weiter und verzog sich in das hinterste Eckchen der Bar.

Marie und der Kellner schauten sich fragend an, was sie beide augenblicklich zum Schmunzeln brachte. Sie gaben sich ihre Handys zurück und jeder las den Namen des anderen.

„Marie. Ein schöner Name, nett dich kennenzulernen.“

„Ja, Robert, das Gleiche wollte ich auch zu dir sagen.“

Peinliche Stille trat ein, die Robert als erster durchbrach. „Okay … darf ich dir noch etwas zu trinken bringen?“

„Oh nein, ich zahl jetzt lieber, es wird sonst doch noch zu spät. Ich muss morgen früh raus.“

„Schade, vielleicht sehen oder hören wir uns ja morgen noch?“

Marie konnte nur nicken, zu sehr verwirrte sie sein sanftes Lächeln. Nachdem sie gezahlt hatte, verließ sie grinsend wie ein Honigkuchenpferd die Bar. Es war ein schöner Sommerabend, sie hatte es gewusst.

Glücklich mit sich und dem Rest der Welt schlenderte Marie die Straße entlang, als plötzlich jemand ihren Namen rief.

„Marie? Marie Thomas?“

Erschrocken schaute Marie sich um und bemerkte eine junge Frau am Bordstein stehen. Kastanienrote Wellen flossen ihre Schultern hinab und sie trug einen engen Rock, der ihre schlanken Beine unverschämt gut zur Geltung brachte. Mit dem dunklen Blazer, der hellen Bluse und den hohen Schuhen schien die junge Frau aus einem Modekatalog entsprungen zu sein.

„Ja?!“, antwortete Marie verwirrt, denn das Gesicht kam ihr bekannt vor, aber sie wusste nicht woher.

Die rothaarige Frau lächelte. „Oh, du erinnerst dich vielleicht nicht mehr an mich. Ich bin Jenny Fennwick. Wir waren mal gemeinsam auf einer Jugendfreizeit von der Kirche.“

„Ach ja, tatsächlich“, sprach Marie zögernd und näherte sich ihr.

„Und wie geht es dir?“, fragte Jenny freundlich.

Marie nickte. „Gut, danke. Du wohnst hier in der Gegend?“

Demnächst würde diese Jenny die übliche Frage über Jeff stellen, wie immer, insgeheim wartete Marie schon darauf.

„Nein, ich bin beruflich unterwegs. Sag mal … geht es hier immer so zu? Gerade wollte ich in ein Taxi einsteigen, als so ein Idiot in Jogginghosen es mir vor der Nase weggeschnappt hat. So was Dummes.“

Marie staunte mit gerunzelter Stirn. „Naja, hier ist immer viel los, wenn du ein Taxi willst, musst du echt die Ellbogen ausfahren.“

„Mist! Hoffentlich kommt bald eins, ich bin sowieso schon spät dran.“ Unruhig fuhr sich Jenny durch die Haare.

„Hey, da hinten steht eins, wenn du Glück hast, ist es noch frei.“ Marie zeigte auf ein Taxi, das ein paar Meter die Straße aufwärts, zwischen den parkenden Autos, stand.

Jennys Mine erhellte sich. „Oh, danke. Dann gehe ich gleich los. War schön dich mal wiederzusehen. Tschüss.“ Eilig stöckelte Jenny davon.

Schicksalsnetz - Ein romantischer Episodenroman

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