Читать книгу David Alaba - Felix Haselsteiner - Страница 9
ОглавлениеKAPITEL 4
In der Austria-Jugend
Der ORF hat die Geschichte vom jungen David und dem kaputten Auto dramatisch inszeniert. Für eine kleine Serie mit kurzen Filmen über die Spieler der österreichischen Nationalmannschaft bei der EM 2016 hat der Sender sogar zwei Schauspieler engagiert, die den elfjährigen David Alaba und seinen Vater George darstellen. Gehetzt springen sie durchs Bild, verzweifelt steht der Schauspieler-David auf der Straße, dazu erzählt der echte Alaba aus dem Off, was passiert ist.
Am Tag der Aufnahmeprüfung für die Frank-Stronach-Akademie des FK Austria Wien in Hollabrunn, etwa 35 Autominuten von Aspern entfernt, sind David und George Alaba im Stress. Etwas verspätet steigen die beiden ins Auto. Als Papa Alaba den Schlüssel umdreht, passiert nichts. Immer wieder probiert er es, doch der Ford Escort will nicht anspringen. Recht schnell wird beiden klar: Das wird nichts, die Zeit für einen Pannenservice haben sie nicht mehr. Ein Glück, dass auch die Familie Strapajevic nach Hollabrunn fährt, weil Sohn Andreas ebenfalls an die Akademie möchte. Am Prater treffen sich die zwei Familien und bilden eine Fahrgemeinschaft. Ein paar Minuten nach den anderen läuft David Alaba auf den Trainingsplatz in Hollabrunn und wird von den Trainern mit ein paar flockigen Sprüchen empfangen. Alaba spielt, wie immer, hervorragend und ist einer von 20 jungen Fußballern, die den neuen Jahrgang bilden werden.
Die Geschichte, dass er es wegen einer Autopanne fast nicht an die Akademie geschafft hätte, klingt dramatisch – ist aber nicht ganz wahr. „Es war immer klar, dass David an der Akademie aufgenommen wird“, erzählt Ralf Muhr, der damalige sportliche Leiter der kurz als FSA abgekürzten Fußballschule. Das Screening an diesem Tag im Sommer 2006 war für die Talente der Austria nur ein finaler Termin, die Besten eines jeden Jahrgangs hatten ihren Platz bereits fix. Und David Alaba zählte immer zu den Besten, seitdem er im September 2002 zur U11 der Violetten gestoßen war. Bereits seinem ersten Trainer Helmuth Bogdanovic fiel er im Training auf, gemeinsam mit Christoph Knasmüllner lächelt Alaba vom Teamfoto des U11-Jahrgangs. Jahre später würden beide gemeinsam zum FC Bayern wechseln, doch in den Jugendjahren zählten erst mal andere Dinge. Fußball war wichtig, doch gleichzeitig verbrachten die Zehnjährigen ihre Zeit auch mit „Räuber und Gendarm“ und anderen Spielen. Mit einigen seiner Kameraden färbte sich Alaba die Haare violett, weil Paul Scharner, Mittelfeldspieler bei den Profis in der Bundesliga, das auch gemacht hatte. Bei seinem ersten Länderspiel 2009 sollte Alaba neben eben jenem Scharner auf dem Feld stehen, aber das ist eine andere Geschichte.
„David war ein wenig ‚Everybody’s darling‘“, meint Muhr beim Gespräch im Juli 2017. Der heute 47-Jährige war zwischen 2001 und 2008 sportlich verantwortlich für die Jugendschmiede der Austria und gleichzeitig Leiter der Frank-Stronach-Akademie. Die Akademie, die der österreichisch-kanadische Milliardär Stronach im Jahr 2000 gründete, wurde von der Austria als Schirmverein betrieben. Die Magna, Stronachs Unternehmen, war Aktionär und Sponsor des Wiener Traditionsvereins, ihr gehörte auch das Gelände, auf dem die Akademie stand. Stronachs große Vision war, dass in Hollabrunn die besten Fußballer Österreichs ausgebildet würden, die dann mit der Austria die Champions League und mit der Nationalmannschaft den WM-Titel gewinnen sollten.
Das Konzept, so größenwahnsinnig es im ersten Moment klingt, ging zumindest teilweise auf. Die FSA war großartig ausgestattet: Auf einem Campus-Gelände außerhalb der Stadt standen den Talenten ein Stadion, drei Trainingsplätze, zwei Sporthallen, ein Jugendhaus und eine private Fachschule zur Verfügung. Daneben gab es alle Annehmlichkeiten: Fitnessstudios, einen Regenerationsbereich mit Sauna, Schwimmbad, Whirlpool und allem Drumherum. Es fehlte den jungen Fußballern an nichts. Ausgebildet wurden sie von den besten Jugendtrainern Österreichs, dazu kümmerten sich Jugendwarte, Physiotherapeuten, Sportwissenschaftler und sogar ein Mentalcoach um den Nachwuchs.
Die Akademie entwickelte sich über die Jahre zum Vorzeigemodell, viele andere Mannschaften wie Mattersburg oder Salzburg orientierten sich am Konzept der Austria. Ralf Muhr und sein Team legten in gewisser Weise zwischen 2001 und 2008 den Grundstein dafür, dass die Nationalmannschaft 2016 zur Europameisterschaft fuhr. Zlatko Junuzović, Julian Baumgartlinger, Rubin Okotie, Heinz Lindner, Aleksandar Dragović, Markus Suttner, David Alaba – die Liste der FSAAbsolventen, die heute als Profis erfolgreich sind, ist lang. Der große Vorteil der Akademie und des Standorts Hollabrunn: Trainer, Spieler und Betreuer bildeten eine große Einheit. „Man konnte nicht zwischen dem Training schnell auf einen Kaffee in die Stadt fahren. Dass wir alle gemeinsam gewohnt und gearbeitet haben, hat uns zusammengeschweißt“, meint Muhr.
Als Alaba mit 14 Jahren nach Hollabrunn zog, veränderten sich auch seine Leistungen. Der Jahrgang, in dem er während seiner ersten Jahre bei der Austria spielte, war einer der besten, den die Trainer dort jemals gesehen haben. Alaba stach nicht wirklich hervor, er hatte, wie seine Mitspieler auch, ein unheimlich hohes Niveau. Egal ob als U12, U14 oder dann als U15 in der Akademie: Die Wiener räumten alles ab, was es an Jugendtiteln zu holen gab. „Man hat dann aber irgendwann bemerkt, dass es noch einen Unterschied zwischen ihm und dem Rest gibt“, erzählt Muhr. Während seine Mitspieler in erster Linie mit sich selbst beschäftigt waren, kümmerte Alaba sich auch um sie. Neben dem Platz, aber vor allem beim Fußballspielen. Bei der U17 unter Trainer Hermann Gager kommandierte er die ganze Mannschaft über das Spielfeld. „Dreh dich“, rief er demjenigen zu, dem er gerade den Ball zugespielt hatte, „hast Platz, hast Zeit“. „Dabei war er im normalen Umgang mit uns Trainern ein eher zurückhaltender Typ“, berichtet Muhr, für den Alaba immer schon zwei Gesichter hatte.
Da war der akribische, fokussierte Fußballer, der trotz seiner Jugend eine enorme Reife auf dem Platz zeigte. Der seine Mitspieler anleitete, auch wenn er jünger war als sie. Dass es eine Vielzahl von Jugendfotos gibt, ist kein Zufall: Bei so gut wie jeder Übung war Alaba der Beste – egal ob beim Passen oder im Fitnessraum. Und dann war da der Bub mit dem Wiener Schmäh, der mit seinem besten Freund Aleksandar Dragović auch mal nachts die ein oder andere Session auf der Playstation im Jugendheim absolvierte, sich ansonsten aber nie irgendwelche Verfehlungen leistete.
Selbst beim gemeinsamen Frühstück, mit dem jeder Tag in Hollabrunn begann, war David Alaba einer von den Braven. Die meisten Nachwuchsspieler wollten in der Früh nichts essen – weil das aber gerade für junge Sportler wichtig ist, hängten die Jugendwarte Listen aus. Nur wer sich dort eintrug, durfte trainieren. Der Name Alaba stand immer auf der Liste. Nach dem Frühstück ging es für die U-Mannschaften auf den Platz zum Vormittagstraining. Im Vergleich zu vielen anderen Jugendakademien stand an der FSA der Fußball komplett im Fokus: zweimal am Tag Training mit ausführlicher Vor- und Nachbereitung, Analyse und Schwerpunktsetzung, dafür nur einmal am Tag ein paar Stunden Schulunterricht. „David hat die Schule schon sehr nebenher betrieben“, sagt auch Muhr. Zur Mittleren Reife hat es trotzdem gereicht, die Pflicht hat er erfüllt.
Im Januar 2007 folgte für David Alaba der erste wichtige Schritt raus aus dem Jugendbereich. Von der U15 wechselte er in die U17, übersprang somit eine Stufe und spielte auch hier sofort wieder eine herausragende Rolle. Im Sommer fuhr Alaba als größtes Talent der Akademie trotzdem noch einmal mit der U15 zu einem Turnier. Denn das Event in Manchester war nicht irgendein Jugendturnier, es war das größte und vermutlich prestigeträchtigste der Welt. Beim Nike Manchester United Premier Cup trafen die 20 besten Jugendteams weltweit aufeinander. Die Austria schnitt hervorragend ab und wurde am Ende Sechster. Das Turnier fand am Trainingsgelände von United statt, auch Sir Alex Ferguson und Gary Neville kamen zum Zuschauen vorbei – genauso wie etliche Scouts, die sich den Namen Alaba notierten. England, so viel stand schon damals fest, war Alabas großes Ziel, allen voran sein Lieblingsverein Arsenal.
Doch Alaba wusste, dass er in Wien fürs Erste am besten aufgehoben war. Mittlerweile war man sich bei der Austria bewusst, was für ein großes Talent man da in der U17 hatte – und dass der Kerl so schnell wie möglich nach oben musste. Ab Herbst 2007 spielte Alaba bei der U19, mit der er bereits meistens trainiert hatte. Seine Trainer waren nun Herbert Gager und Manfred Schmid. Letzterer arbeitet mittlerweile als Co-Trainer von Peter Stöger in der Bundesliga. Bereits nach ein paar Spielen mit den A-Junioren wollten viele im Verein den 15-Jährigen noch eine Stufe höher schicken, in die zweite Mannschaft. „Ich habe das allerdings ein bisschen gebremst“, erzählt Thomas Janeschitz, damals Trainer der Austria II, die in der zweiten Liga spielte, also nur eine Stufe unterhalb der Profis. Janeschitz führt aus, warum er noch ein wenig abwartete: „Ich wollte darauf achten, dass ihm klar ist, dass die zweite Liga in Österreich für ihn nichts Besonderes sein darf, dass er nicht aufhören darf zu arbeiten und dass er noch viel, viel mehr erreichen wird.“
Also spielte Alaba weiterhin für die U19, trainierte aber bereits mit der zweiten und vereinzelt sogar mit der ersten Mannschaft. Egal wo er hinkam, seine Mitspieler waren begeistert. Selbst Jocelyn Blanchard, der damals 35-jährige Kapitän der Profis, der Ende der 1990er Jahre bei Juventus Turin mit Zidane und Deschamps in einer Mannschaft gestanden hatte, meinte nach einem Training, dass er noch nie zuvor so einen talentierten Spieler gesehen habe. Dass Alaba in jeder Mannschaft der Jüngste war, gereichte ihm nicht zum Nachteil. „Dadurch war das Lob, das er bekommen hat, immer noch ein Stückchen größer“, meint auch Janeschitz, bis Ende 2017 Co-Trainer von Marcel Koller beim Nationalteam.
Doch Alaba war nicht alleine, sein Kumpel Aleksandar Dragović ging fast jeden Karriereschritt mit ihm gemeinsam. Auch als Akademieleiter Muhr Alaba im Januar 2008 vor einem Jugendturnier in Deutschland zu sich rief, saß Kumpel Drago neben ihm. Muhr hatte gute Nachrichten für die beiden: Sie durften mit der ersten Mannschaft ins Wintertrainingslager fliegen. Alaba und Dragović waren begeistert – und spielten ein großartiges Jugendturnier. „Die haben überhaupt nicht zurückgesteckt oder gesagt: Wir dürfen uns jetzt nicht verletzen“, erzählt Muhr begeistert.
Im Trainingslager in Marbella war Alaba wie gewohnt der Musterprofi: In der Früh war der 15-Jährige als Erster auf dem Platz, half beim Aufbauen der Übungen, trug Bälle durch die Gegend. Es mag das klassische Vorurteil sein, dass die Jugendspieler für die einfachen Aufgaben herhalten müssen, doch für Muhr ist das keine Selbstverständlichkeit: „Ich habe schon genug Spieler erlebt, die sehr schnell nach oben gekommen sind und sich für so etwas dann zu schade waren.“ Alaba jedoch arbeitete fleißig und trainierte gut, Trainer Zellhofer gab der Jugendabteilung ein positives Feedback: Der Junge sei wirklich für höhere Aufgaben geschaffen.
Dreimal noch spielte er für die U-Mannschaft. Mitte April saß Alaba dann zum ersten Mal auf der Bank der ersten Mannschaft, die noch einen Spieler für den Kader gegen Altach brauchte. Zum Einsatz kam er da noch nicht. Doch die Erfahrung einer Auswärtsfahrt mit den Profis nahm ihm niemand mehr. Am 18. April folgte das nächste Highlight: Zum ersten Mal durfte Alaba in der zweiten Liga ran, sogar über 90 Minuten. Das Debüt im Profifußball lief genauso gut wie die nächsten vier Spiele, die er in der zweithöchsten Spielklasse Österreichs bestritt. Während er in der Jugend meistens als Mittelfeldspieler, häufig sogar als offensiver Linksaußen aufgelaufen war, gab er nun den Linksverteidiger. „Hervorragend“ habe Alaba gespielt, meint auch Janeschitz, der im Nachhinein alles richtig gemacht hat, indem er noch ein wenig abwartete.
Den Verantwortlichen bei der Austria war da längst bewusst, dass sie handeln mussten. Der Ausbildungsvertrag, den Alaba hatte, würde ihn nicht mehr lange halten. Also trafen sich Austria-Manager Thomas Parits und Jugendleiter Muhr am Pfingstsonntag 2008 mit Alaba und seinem Vater George, um über die Optionen zu sprechen. Das Angebot der Austria: ein Profivertrag, Training bei der ersten Mannschaft, Einsätze in der Bundesliga. Doch die Alabas erzählten freundlich, dass sie am nächsten Tag nach München fliegen würden, um sich dort mit den Verantwortlichen des FC Bayern zu treffen. „Nach dem Meeting habe ich zum Parits rübergeschaut und gemeint: ‚Das wird eng für uns‘“, berichtet Muhr. Selbst ein Spezialangebot der Austria konnte die Alabas nicht von einem Wechsel abbringen. „Wir haben gesagt, dass er bei uns die Schule abbrechen und eine Lehre zum Automechaniker machen könne“, erzählt der Jugendleiter und muss schmunzeln.
In einer Sache sind sie sich bei Austria Wien alle einig: Alaba wäre so oder so seinen Weg gegangen. Die Kombination aus Disziplin und Talent hätte ihn eher früher als später zu einem der jüngsten Bundesligaspieler in Österreich gemacht. Spätestens dann wäre ein Wechsel ins Ausland unvermeidlich gewesen – für die österreichische Bundesliga war Alaba bereits mit 16 Jahren zu gut. Zum damaligen Zeitpunkt zum FC Bayern zu gehen, war risikoreicher, aber im Nachhinein die richtige Entscheidung. Denn in München ging es für Alaba weiter steil nach oben: 21 Monate nach seinem letzten Spiel für die Amateure der Austria sollte er in der Champions League debütieren.
Doch all das wäre ohne die Ausbildung in Wien nicht möglich gewesen. Die Alabas, seit jeher Austria-Fans, haben ihren Sohn mit Unterstützung des SV Aspern an einer der fortschrittlichsten Fußballakademien Europas untergebracht. Alaba hat von hervorragenden Trainern gelernt, er hatte das Glück, in einem ausgezeichneten Jahrgang zu spielen. Die Freundschaften, die er in Hollabrunn knüpfte, halten bis heute. Aleksandar Dragović ist der bekannteste seiner Freunde, doch auch Alexander Aschauer oder Daniel Meindorfer sind seit der U11 eng mit Alaba verbunden.
Die Austria ist die erste echte Heimat von David Alaba, noch heute verweist er immer wieder stolz darauf, wo er herkommt. Bei der Meisterfeier der Wiener Veilchen 2013 schickte er eine Videobotschaft. Die am Rathausplatz versammelten Fans jubelten laut auf, als der Film auf der Leinwand eingespielt wurde. Immer wieder schaut Alaba bei seinen alten Weggefährten vorbei, im Sommer hält er sich an der neuen Austria-Akademie im Stadtteil Favoriten fit. 2017 war Alaba Schirmherr beim Coca-Cola-Cup, der auf dem Gelände der Austria stattfand. Nach dem Turnier saß er gemeinsam mit seiner Familie bei Ralf Muhr im Büro: „Ich hab ihm dann vorgeschlagen, dass in ein paar Jahren so ein Karriereende gemeinsam mit Drago bei der Austria doch ganz nett wäre.“ Alabas Antwort: „Na klar, wo soll ich denn sonst aufhören?“