Читать книгу Urlaub oder Leben - Franz L. Huber - Страница 5

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Hypochonder, ich!


Das ist nun etwa drei Monate her. Ich lebe. Noch. Eigentlich Zeit genug, um wieder zu einem geregelten Leben zu finden. Nicht für mich. Allenfalls Zeit genug für meine Angst, sich wieder einzunisten bis in den kleinsten Körperwinkel, sich zu manifestieren, sich Ausdruck zu geben, in Form eines Infekts. Und je näher der Zeitpunkt unseres Urlaubes rückt, kann ich Tina gegenüber immer schlechter verbergen, dass mein persönliches Wunschurlaubsziel mit unserem derzeitigen Wohnort eigentlich ziemlich identisch ist.

Egal, diesmal, das hat mir Tinas Fledermausblick unmissverständlich klar gemacht, komm ich nicht drum herum. Ich muss in Urlaub!

Wie sich das für Normaldenkende wohl anhört:

„Was, verreisen müssen Sie? Sie Ärmster!“

„Nicht wahr?“

„Wo werden Sie denn gezwungen, sich zwangs-zu-erholen?“

„In der Toscana, in Punt’Ala.“

„Oh Gott, ist das nicht dieses elysische Fleckchen Erde am Saume des Mittelmeers, umrahmt vom wunderbaren toskanischen Archipel, mit den weltberühmten weißen Samtsandstränden, die von türkis-klarem, flauschig warmem Meerwasser umspült werden?

„Ja.“

„Dessen mediterrane, unvergleichlich herrliche Flora jedem einmal da Gewesenen eine ungefähre Vorstellung vom Paradies verleiht?“

„Ja.“

„Ist ja nicht auszuhalten, direkt unmenschlich.“

„Nicht wahr?!“


Das ist es tatsächlich. Für mich. Tina spürt das natürlich. Je näher der Tag der Abreise rückt, desto häufiger fragt sie: „Was hast du denn, Schatz?“ Manchmal auch das bohrendere „Du hast doch was, Schatz!“

Wenn das bis dahin relativ geduldige „Schatz“ durch eine bedrohlich klingende Sprechpause ersetzt wird, weiß ich, dass ich aufpassen muss, nicht doch noch einzuknicken und zuzugeben: „Ja weißt du, echt witzig, dass du fragst - ich habe da tatsächlich seit ein paar Wochen irgendwie so ... Bauchschmerzen.“

Müßig zu erwähnen, dass da selbst dem Geduldigsten der Kragen eng wird. Also beschließe ich, mich erwachsen zu geben. Diesmal wird der Urlaub nicht ins Wasser fallen. Nicht meinetwegen. Kurzzeitig kommt mir der Gedanke, es könnte ja auch mal das Auto streiken. Aber „nein!“, ruft das Restmännchen in mir, diesmal wirst du deine Lieben in den Urlaub führen. Und du wirst nicht krank sein! Und wenn doch, wird es dir zumindest keiner ansehen. Deine Schmerzen, die so sicher auftreten werden, wie die Zeugen Jehovas in der Fußgängerzone, wirst du mit einem Lächeln überdecken. Du wirst die personifizierte Entspannung sein und deiner Frau ein ständiger Quell der Freude. Jawoll. Genauso werde ich es machen. Und vorher gehe ich zur Sicherheit noch rasch zum Arzt.


*


Ist ja klar, dass heute Feiertag ist. Mit Arztbesuch ist also erst mal nichts. Super. Das Ziehen und Kneifen macht sich wieder bemerkbar. Wo war doch gleich der Blinddarm? Ich sehe mich schon in Italien in einem schmierigen Provinzkrankenhaus liegen und die Ärzte sorgenvoll ihre Köpfe schütteln.

„Warume ‘ate dise deutsche Mann sich nicht lasse operiere in Deutschelande? Spinnte der?“ In meinen Träumen sprechen Italiener immer so.

Ich erinnere mich an einen jungen Typen, der vor zig Jahren mal mit mir ein Krankenzimmer teilte. Er litt an einer Blinddarmentzündung und durfte den ganzen Tag lang nichts anderes machen als auf dem Bett liegen und Diät essen.

Rumliegen würde meine geliebte Frau heute bestimmt auf die Palme bringen. Immerhin wirft sie mir vor, ich würde mich immer vor dem Kofferpacken drücken. Ha! Typische Frauenübertreibung. Wir waren ja in den letzten Jahren überhaupt nicht im Urlaub! Aber ich will Tina lieber nicht zu spitzfindig kommen. Möglicherweise ziehe ich da den Kürzeren.

Ich nehm’ mir also vor, die Koffer zu packen. Aber wie kriege ich Tina bloß dazu, sie ins Auto zu tragen? Mit so einem Blinddarm ist schließlich nicht zu spaßen! Lieber nicht zu sehr reizen. Trifft allerdings auch für Ehefrauen zu.

Eins nach dem anderen, sage ich mir. Zuerst die dringlicheren Probleme. Also erstmal eine Diät, dann wird sich mein kleiner Wurmfortsatz schon wieder beruhigen. Am besten Zwieback, da ist mal so richtig gar nichts drin, kann also auch den Appendix nicht weiter ergrimmen. „Hast malad Appendix, isst du erst mal gar nix“, sagte schon meine Großmutter.

Im Internet las ich einen User-Tipp, auf keinen Fall saure Sachen zu sich zu nehmen; also keine Apfelsaftschorle, kein Obst, keinen Salat (zumindest keinen angemachten), alles gestrichen. Kein Problem soweit, das kriege ich hin. Hauptsache, Tina kriegt davon nichts mit. Sonst wäre sie wohl total angefressen. Und das hätte dann mit Diät ja auch nichts mehr zu tun.


Am Tag vor unserer Abreise stehle ich mich aus dem Haus mit der schlauen Ausrede, ich müsse das Auto noch reisefertig machen lassen. In ihrer unglaublich geduldigen Großmütigkeit, mit der mir Tina in solchen Augenblicken zu begegnen pflegt, lässt sie mich ziehen; wissend, dass unser Auto genau aus diesem Grund erst letzte Woche in der Werkstatt war. Mein schlechtes Gewissen regt sich, als ich in ihren Augen lese: „Geh nur Liebling, aber mit dem Auto hat das rein gar nichts zu tun.“

Der sporadisch auftretende Schmerz in meinem Unterbauch ermuntert mich, mein Vorhaben trotzdem durchzuziehen; ich brauche Gewissheit. Man muss keine allzu große Fantasie haben, um sich die Szene einmal vorzustellen: Drei Tage packen, einen Tag anreisen und am nächsten Tag schon wieder abreisen, weil man sich wegen einer Blinddarmoperation eben nicht in ein italienisches Provinzkrankenhaus legt. Weil in solchen Dingen, Italien Entwicklungsland!

Ich brauche also dringend eine Entscheidungsgrundlage und so konsultiere ich in aller Frühe meinen Hausarzt Dr. Mertzheimer. Doch ausgerechnet heute lässt er sich von einer gewissen Frau Dr. Olbert vertreten. Der Name sagt mir was.

Meine vorzüglichen Beziehungen zu der stets freundlichen und gut gelaunten Sprechstundenhilfe Christa ermöglichen mir ein unbemerktes Betreten des Sprechzimmers, vorbei an all den schon länger wartenden, betagten Damen, die, der Gedanke tröstet mich ein wenig ob meines uncharmanten Überholmanövers, schließlich eh nichts anderes zu tun haben: Ob sie nun zum Fenster hinausschauen oder den neuesten Klatsch im Wartezimmer aufschnappen – da ist Letzteres doch viel ereignisreicher.


Als Frau Dr. Olbert das Sprechzimmer betritt, spült sich wieder der Gedanke hoch: „Die kennst du doch.“

Ihr scheint es ähnlich zu gehen. Schließlich wird sie als Urlaubsvertretung nicht jeden Patienten mit einem Lächeln begrüßen, als hätten sie schon mal einen Chianti miteinander gekippt.

Professionell und routiniert geht sie zu Werke, fragt, was jeder fragen würde, tastet, wo jeder tasten würde. Zumindest jeder, der sich, wie ich, aus ureigenstem Interesse an der Materie so einiges an medizinischem Fachwissen drauf geschafft hat. Jemand, der sich neben Familie und Künstlerdasein auch noch in solch komplexe Themengebiete, wie das der Humanmedizin, stürzt und einem intellektuell Verdurstenden gleich, hippokratische Erkenntnisse der vergangenen zweieinhalb Jahrtausende in sich aufsaugt. Hypochonder wie ich eben.

Ich will ihr gerade meine Diagnose mitteilen, als sie fragt:

„Na, wie geht es denn eigentlich Ihrem Schwindel, Herr Leppmann?“

„Die Olbert!“, fährt es mir einem elektrischen Schlag gleich durch die Synapsen. Sie hatte mich als Stationsärztin in der hiesigen Klinik mal wegen eines wirklich ätzenden Drehschwindels behandelt. Nach und nach gesellen sich weitere Erinnerungsfragmente dazu und mit ihnen das vergraben geglaubte Gefühl, das sie mich damals schon für einen Simulanten gehalten hat. Mist, nicht mal dem eigenen Verdrängungsmechanismus kann man mehr trauen. Ich werfe eine verbale Nebelgranate und erzähle von unserem bevorstehenden Urlaub.

„Soso“, entgegnet sie allwissend.

Was soll das denn nun wieder? Geht das bitte auch etwas genauer? Zum Beispiel: „Soso, nach Italien fahren Sie dieses Jahr. Da beneide ich Sie aber, Herr Leppmann.“ Oder sie könnte die interessierte Gesprächspartnerin geben: „Soso, den alten Brenner fahren Sie? Sie sind ja ein richtiger Experte, Herr Leppmann.“ Ich könnte herrlich erwidern: „Ja wissen Sie, ich möchte den Kindern etwas mitgeben für ihr Leben. Der alte Brennerpass, die Natur, Sie verstehen.“ Im Nu hätten wir eine tolle Konversation, die etwas von dem schalen Beigeschmack unseres ersten Aufeinandertreffens nehmen würde. Ich hätte das Gefühl, dass mir schließlich tatsächlich schwindelig war und sie, dass das Bett damals nicht fehlbelegt war. Stattdessen legt sie mit ihrem chirurgisch präzisen Verbalskalpell die Wunde des Vergessens wieder frei.

„Soso, da sind Sie wegen der langen Fahrt wohl etwas nervös, was?“

Ha, von wegen Chianti-Lächeln. Die hat mich doch gleich von Beginn an in die Simulantenschublade geschmunzelt. Der Leppmann? Ablage-S, zack zu!

Trotzdem drückt und tastet sie weiter an meinem Bauch herum, als wolle sie wenigstens noch die zehn Euro Praxisgebühr wieder hereinmassieren. Doch ausgerechnet jetzt lässt mich mein Schmerz im Stich. So ganz ohne Symptome erscheint mir das Durchgewalke aber irgendwie überflüssig. Ein letztes Mal spüre ich tief in meinen Eingeweiden dem Hauch eines Schmerzes nach – aber der will sich nicht einstellen. Dafür stellt plötzlich die Olbert die Behandlung ein und noch bevor ich meine Ohren in Deckung bringen kann, schlägt die nächste Demütigung wie ein Schrapnell auf meinem Selbstwertgefühl ein.

„Sie haben Blähungen, Herr Leppmann.“

Ich versuche erst gar keinen kollegialen Widerspruch. Denn ihre falsche Chianti-Maske sagt: „Wegen deiner Schwindelei musste ich dich schon einmal auf der Station aufnehmen, deine ‚Blinddarmentzündung’ entlüftest du gefälligst anderswo!“


Soso, denke ich mir, als ich die Praxis wieder verlasse, Blähungen also. Darauf würde ich gern einen lassen. Wenn ich nur könnte. Kann ich aber nicht. Ich weiß nicht, ob diese Zwiebackdiät das Richtige ist.

Auf jeden Fall werde ich Tina nichts von alledem erzählen. Sie ist immer so schnell beunruhigt. Und wenn sie das erst einmal ist, dauert es nicht lange, bis ich es auch bin. Außerdem finde ich es ganz schön, so ganz für mich ein Held zu sein. Keine Schmerzen zeigen, keine Probleme nach außen dringen lassen, ein ganzer Kerl sein. Nur ich allein weiß, wie es um mich steht. Wie ein Soldat stehe ich einsam auf Höhe drei-eins-neun mitten im Kreuzfeuer gegnerischer Sorgensalven und halte die Flagge der Tapferkeit stolz in die Höhe.


Auf dem Weg nach Hause komme ich mir aber doch ein wenig missverstanden vor. Vielleicht kann man das Gefühl mit dem von George W. Bush vergleichen, der wohl wie kein anderer US-Präsident vor ihm seine ganze Amtszeit lang mit Missverständnissen zu kämpfen hatte. Ich kann mir gut vorstellen, dass auch er schon oft Bauchschmerzen hatte, über die er mit seinen Liebsten nicht reden durfte:

„George, Liebster, hast du was?“ Die Firstlady schaut bekümmert drein.

„Nein Liebste, es ist nichts, wirklich.“ Der Präsident übt, gravitätisch durch das Oval Office zu schreiten, als das Telefon klingelt. Es ist Mike Mullen, sein höchster General.

„Sir, wir brauchen eine Entscheidung.“

„Von mir?“

„Ja.“

„Ok.“

„Können Sie das bitte wiederholen?“

„Was?“

„Ok.“

„Ok?“

„Ja.“

„Ok.“

„Danke, Sir. Möge Gott uns beistehen.“

Mullen hängt ein, bevor der Präsident ihn fragen kann, worum es denn eigentlich ging, und lässt ihn vor den Augen der Welt ein weiteres Mal als Depp des Jahres dastehen. An sich nichts Ungewöhnliches, für George W. - wenn sich nicht die Auswirkungen seiner Entscheidungen stets zu gewaltigen mondialen Blähungen auswachsen würden. Ist das nicht ungerecht?


Zum Glück stellen sich während der Fahrt nach Hause die Schmerzen wieder ein. Fast wäre ich der Chianti-Schwester auf den Leim gegangen. Wie sollte ich auch Blähungen haben? Vor lauter Zwiebackdiät habe ich mittlerweile nämlich eine ausgemachte Verstopfung. Seit bald zwei Tagen mühe ich mich auf dem Topf ab, drück mir bald die Innereien aus dem Leib. Ohne Erfolg. Das Einzige was ich bekommen habe sind schmerzende Hämorrhoiden. Aber dagegen gibt es wenigstens Zäpfchen, sage ich mir. Gegen akute Blinddarmentzündung - nur Operation. Also weiter Diät. Ich muss allerdings vorsichtig sein, damit Tina keinen Verdacht schöpft. Die ganze Fahrt Zwieback futternd einen auf Spontan-Veganer zu machen, provoziert gefährliche Fragen. Meine Frau ist zwar einiges von mir gewöhnt, aber dass Zwieback plötzlich zu meinem erklärten Lieblingslebensmittel wird, glaubt selbst sie nicht.


Nachdem die Kinder endlich im Bett sind, fallen wir auf die Couch und versuchen, uns vor dem Fernseher möglichst schnell müde zu sehen. Immerhin hat Tina einen ehrgeizigen Reiseplan: Wecken um zwei, die Kinder um drei und anschließend Abfahrt. Mein Magen hängt da schon auf halb acht und in meinem Darm ist es bereits fünf vor zwölf. Trotzdem zieh ich das jetzt durch. Heldenhaft. Ich muss nur vorsichtig sein. Zuversicht ausstrahlend hamstere ich zwei, drei kleine Zwiebacke in meinen Backentaschen und kaue, wenn Tina nicht herschaut oder im Fernsehen alle Minute einer umgebracht wird. So schaffe ich in einer halben Stunde die ganze Packung. Es ist die letzte; die restlichen bunkern bereits im Auto. Ich gehe zu Bett.

Mein Bauch hat mittlerweile etwa den gleichen Härtegrad wie unsere Gesundheitsmatratze und meine Bauchschmerzen nagen an meinem Schlaf.

Immerhin habe ich dann aber doch drei Stunden geschlafen. Das sollte für genügend Energie bis zum Brenner reichen. Vielleicht nicht ganz.


*


Seit etwa einer Stunde sind wir nun unterwegs und Tina ist einigermaßen erstaunt darüber, dass ich noch gar nichts zu Essen verlangt habe. Ohne eine kleine Brotzeit schaffe ich es normalerweise nämlich nicht einmal bis zur Stadtgrenze, selbst, wenn wir lediglich zum Einkaufen fahren. Ich beeindrucke sie mit meinem Wissen um den menschlichen Verdauungstrakt, der erst um fünf Uhr morgens seine Tätigkeit aufnehmen würde. Ich hätte also noch mindestens eine Stunde lang keinen Hunger. Mein Magen knurrt böse, als würde er genau verstehen, was für einen Mist ich grade verzapfe.

Ich habe entsetzlichen Kohldampf.

Ein paar Minuten später macht Tina neben mir Geräusche, als würde sie Zwieback essen. Aber sie schläft nur. Wie so oft, macht sie dabei diese kleinen Schnarchgeräusche. Normalerweise unerotisch. Heute praktisch. Ich hole die Zwiebackpackung aus dem Staufach der Tür und mache sie leise auf. Jedes Mal wenn Tina einatmet, sprich schnarcht, beiße ich in einen Zwieback. Das funktioniert ganz gut. Ich rechne mir aus, dass sie bis Mailand schlafen muss, damit ich satt werde. Aber ich werde wohl hungern müssen - sie wacht bereits am Brenner auf und verlangt umgehend nach einer Pause. War wohl ein anstrengender Traum.

„Lassen Sie ihr Herz in Österreich!“, las ich vorhin im Vorbeifahren auf einem Schild. Gute Idee. Ich hab zwar mein Herz schon vergeben, aber etwas anderes könnte ich denen schon dalassen. Also, nächste Ausfahrt raus.


*


Hab’s gelassen, mit dem Dalassen. Ob’s an den vier Tüten Zwieback liegt, die sich in meinem Darm in Serpentinen stauen, wie wir vorhin am Zirlerberg? Nicht mal ein kleines Lüftchen konnte ich hier lassen. Mein Bauch fühlt sich mittlerweile an, wie eine Wäschetrommel vor den Weihnachtsfeiertagen und ich spüre förmlich, dass sich meine übrigen Organe bereits panisch nach einem Notausgang umsehen. Tina schaut mich prüfend an, doch ich strahle weiter Zuversicht aus.

„Du hast doch was, Schatz?“

Mist, die liest in mir doch wie in einem Buch. Jetzt nur nichts anmerken lassen. „Nee, passt schon. Aber diese Toiletten …“ Klingt ja nicht mal in meinen Ohren überzeugend, aber sie ist wohl zu müde, um nachzuhaken. Trotzdem möchte sie die nächste Etappe fahren. Prima, mit offener Hose fahr ich nämlich nicht so gern.


Nach zehn anstrengenden Stunden Fahrt kommen wir endlich in Punta Ala an. Ohne die wunderschöne Natur um uns herum auch nur eines Blickes zu würdigen, weihe ich gleich mal die Toilette unseres Ferienhäuschens ein. Geht aber ganz schnell, weil nämlich auch da nichts geht. Tina schaut mich ein wenig befremdlich an. Ich glaube mein Verhalten wird ihr langsam suspekt. Kann ich verstehen. Geht mir genauso. Ich beschließe, noch einen Tag zu warten, ehe ich zu härteren Mitteln greife. Ach was, ich mach’s gleich!

In unserem gut bestückten Reisemedizinkoffer finde ich ein paar Dinge, die ich zunächst ausprobieren kann. Diese sind in eskalierender Reihenfolge: Nux Vomica Globuli (3 x stündlich im akuten Stadium, dann 5 x täglich), Sab-Simplex-Tropfen (lösen Luftblasen im Verdauungstrakt auf, Erwachsene nehmen zu oder nach jeder Mahlzeit 30-45 Tropfen) und wenn alles nichts hilft, Glycilax-Zäpfchen (sind eigentlich für Kinder bestimmt, die im Fall der Fälle 1 Zäpfchen bekommen; eine Erwachsenendosis ist nicht angegeben). Die Globuli helfen den Kindern eigentlich immer. Mir leider nicht. Parallel nehme ich gleich mal die Sab-Simplex-Tropfen. Die sind super. Kann man praktisch nichts falsch machen. Auch nicht überdosieren, die Wirkung ist rein physikalisch. Steht so in der Gebrauchsanweisung. Also rein mit dem Zeug. Vorsichtshalber nehme ich die dreifache Menge.

Schon bald stellt sich ein erster Effekt ein. Ich muss rülpsen und furzen wie ein sibirischer Ölarbeiter. Klasse, dann kann das mit dem großen Geschäft ja nur noch eine Frage der Zeit sein. Ich freue mich, denn die Zäpfchen hätte ich mir nicht gerne zu Gemüte geführt (wo sie ja auch nicht hingehört hätten).

Beflügelt durch die spontanen Erleichterungen, biete ich Tina an, den nötigen Großeinkauf in der nächsten Stadt ganz alleine zu erledigen. Schließlich will der Kühlschrank unseres Feriendomizils gefüllt werden. Sie schaut mich mit einem dieser Und-wir-dürfen-wirklich-schon-an-den-Strand?-Blicke glücklich an. Ich nicke generös. „Geht nur.“

Urlaub oder Leben

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