Читать книгу Milans Weg - Franziska Thiele - Страница 11

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Am Abend hielt sich Milan wieder an Hans. Insgesamt waren ca. 20 zu Betreuende und sieben Betreuer da. Die Aufgabenverteilung wurde immer gewechselt. Das letzte Mal war Milan mit kochen, das vorletzte Mal mit dem Decken und weiteren Vorbereitungen beschäftigt. Diesmal was er im Spültrupp. Milan war aus zwei Gründen bereits nach der Aufgabenstellung von betrübter und genervter Laune. Zum einen hatte er nichts zu tun, als da zu sitzen und ab zu warten, bis endlich das Essen fertig war. Zum andere musste er bis zum Schluss bleiben, wiederum warten, bis alle anderen aufgegessen haben und das Geschirr gespült werden wollte. Milan verstand, dass so ein gemeinsames Essen, vom Kochen bis zum Spülen, nicht nur die Gemeinschaft stärken soll, sondern an alltägliche Tätigkeiten heranführen. Essen in eine Notwendigkeit, egal wie wer denkt und was er von seinem Leben hält. Ein, zwei Essgestörte gab es hier, die aus einer geschlossenen Klinik hierher kamen und für welche diese alltägliche Normalität des Essens zur alltäglichen Qual wurde. Jeder der hier aufgenommenen, so erzählte ihm die Frau, deren Namen er bereits vergessen hatte, bei der Einführung: Jeder, der hier ist, hat zumindest seine Krankheit erkannt, ist sich ihr bewusst und weiß auch worauf er achten muss. Nicht jeder nicht Medikamente und es gibt unterschiedlichsten Krankheitsbilder. Milan hatte sich am Vormittag wieder in seine Schleife hinein gedacht, hätten ihm die Psychologen gesagt. Auch wenn Milan Probleme damit hatte, dies soweit zuzugeben, war er sich dessen, dass diese Gedanken, die ihn von so vielen anderen Menschen in der Gesellschaft trennten trennten, immerhin bewusst und versuchte sie durch die Projektion auf Frank besser zu verarbeiten. Er zweifelte nicht an seiner Vorstellung über das Netz, das System, in dem die Menschen hängen und sich wie Marionetten bewegten, und er wusste, er zweifelte nicht an der Vorstellung, dass ein jeder Mensch seit er denken kann bewusst zu Glaubenssätzen und einer Moral getrieben wurde, die er sich soweit einverleibt hatte, bis er diese als seine akzeptierte und durch sie hindurch die Welt verzerrt wahr nahm. Und, und dies war neu, seit dem er draußen aus der Klinik, in der alles, was er gesagt hatte, auf das Krankheitsbild bezogen hatte, er hatte dieses Gespür, dass es vielleicht doch andere gab, die ähnlich dachten. Paulette erschien vor seinem inneren Auge. Er schob sie weg, nahm sie leicht am Arm und brachte sie aus der Bildfläche, um den Jetzt wieder Einhalt zu gewähren. Er hatte es bei Hans in den wenigen Sätzen heraus gehört, dass auch er ähnliche Gedanken hatte. Doch nun stand Hans in der Küche. Milan setzte sich auf eine der langen Bänke. Für das gemeinsame Essen wurden immer zwei lange Bänke um einen ausgezogenen Tisch gestellt, damit alle Platz hatten und sich nicht an getrennten Tischen setzten mussten. Es saßen bereits vier weitere, wohl alles Spüler, hier. Zwei unterhielten sich, der Rest sah Löcher in die Decken und schien genauso fehl am Platz, genauso willkürlich abgesetzt in diesem Raum wie Milan. Dies beruhigte ihn. Da war ein Mann, der vielleicht Mitte vierzig und in seinen Gedanken versunken. Er hieß Manuel, dass hatte sich Milan vom letzten Mal gemerkt. Dann war da eine Frau namens Natascha, die ebenfalls sehr still saß, dabei aber mit feurigen Augen auf den Tisch sah, als wolle sie ihn durch ihren Blick zerteilen. Normalerweise war Milan nicht der erste der sprach, eher derjenige, der selbst in seinen Gedanken hing. Doch traf ihn dieses den Tisch so lächerlich anstarrende Mädchen auf eine belustigende Weise, die ihm sagte, dass wir doch nur alle in unseren Selbst gefangen sind und manchmal aufgerüttelt werden müssen: „Gleich geht er in Flammen auf!“, sagte Milan zu dem Mädchen gewandt, leise genug, um sie nicht vor den anderen bloß zu stellen. „Das hatte ich vor“, lächelte das Mädchen traurig und sich jetzt erst bewusst machend, was um sie herum war. Sie sah auf und ihre vom langen offen halten mit Flüssigkeiten gefüllten Augen trafen die Milans und blieben an ihnen hängen. Die Gründe dafür, warum das Mädchen den Tisch gerne in Brand gesetzt hätte, den hatte sich Milan trotz seiner selbst erklärten Weitsichtigkeit nicht vorstellen können, aber sah er in den Augen des Mädchens eine Verzweiflung, die alles darüber sagte, wie stark ihr Wunsch nach dem brennenden Tisch und wie sinnlos ihr die Welt nun, da ihre Augen die Flammen wohl nicht auf ihn befördern konnten, erschien. Ohne zu wissen, was es für sie bedeutete munterte Milan sie auf: „Aber wenn du gerne Feuer sehen würdest, kann ich dir mal draußen ein kleines Lagerfeuer machen.“ Und ein Zucken durchfuhr den zerbrechlichen Körper der Frau, die gleichzeitig mit dem lachenden Seufzer eine Träne kullern ließ. So wenig verstand ihr Gegenüber und genau das tat ihr gerade sehr gut. Milan freute sich über das glucksende kurze gurgeln, das zum Glanz gewordene Glühen der Augen, das, so schnell es kam, auch ebenso schnell wieder erstarb, sichtlich aus dem Inneren heraus unterdrückt und getötet wurde. Ein Geschöpf, dass fähig ist zum lachen, zum lächeln immerhin und das so deformiert wurde im Inneren, dass es die nicht mehr zulassen konnte. Es gab ihm einen Stich ins Herz und da Milan nicht wusste, wo er nun ansetzten sollte, begann er von Mallorca zu erzählen, weil es dort auch Lagerfeuer am Strand gab und er versuchte zu erzählen, wie es dort aussah, wie man ein Feuer vorbereitete und es dann entfachte. Schon lange nicht mehr hatte Milan so viel erzählt, vor allem nicht so viel, dass nichts mit seinem Gefühl der Beengung in der Gesellschaft und in der Inneren Meinungsbildung zu tun hatte, sondern ganz triviales. Immer wieder, während er seine Worte bedacht zu Sätzen formte, suchten seine schwarzen Augen die der Frau auf, nahmen ihren Blick mit, denn Milan spürte, dass sie jetzt besser zuhören sollte, als ihren eigenen zu trüben Gedanken ausgesetzte werden zu müssen, er spürte das, was er an sich selbst oft vergaß, diese Notwendigkeit zur Weitsicht, dazu, sich von seinen Gedanken erst mal zu lösen, und wenn er merkte, dass die Frau wieder ihre Augen sinken ließ, stoppte Milan seinen Satz, bis sie wieder zu ihm sah und nahm ihren Blick auf, führte ihn wieder in die Höhe, bis sie ihm wieder Gehör schenkte. Schließlich war das Essen fertig und Milan noch immer am erzählen. Es gab Gulasch, dazu Kartoffelbrei, Bohnengemüse und Brot. Milan aß noch immer kein Fleisch und am liebsten nicht-feste Speisen mit dem Löffel. Daher aß er gerne für sich alleine. Er versuchte, möglichst abwechslungsreich einzukaufen und zu kochen. Denn die Zeit, die er mit kochen verbrachte, lenkte ihn automatisch von seinen oft festgefahrenen Gedanken ab. Er kochte gut und viel, von Rotkohl aus der Tiefkühltruhe bis zu selbst geschnittenen Zucchini mit Tomate und Ei. Er ließ alles länger kochen, damit es weicher wurde. Genauso mit den Kartoffeln und dem Reis. Die Brötchen tunkte er in sein Essen, damit sie aufweichten. Am Tisch nahm sich Milan von dem Gemüse, dem Kartoffelbrei und dem Brot. Vegetarisch zu leben, war keine Seltenheit mehr, nur mit dem Löffel zu essen schon eher. Aber bei Kartoffelbrei ebenfalls kein Problem. Milan aß und wusste nicht, ob er weiter erzählen sollt und durfte oder nicht. Dass das Mädchen sehr zerbrechlich war, hatte er erkannt und er wollte sie nicht gleich durch eine Unbedarftheit wieder in die alte Lage versetzten. Schließlich hatte er schweigend gegessen und gewartet, bis alle soweit waren. Das Mädchen hatte sehr langsam und jeden Bissen genau analysieren gegessen und war nun auch endlich fertig, sodass abgespült werden konnte. Während diesmal die anderen sitzen blieben, sammelte der Spültrupp das Geschirr ein und brachte es in die Küche. Trotz einer großen Geschirrspülmaschine musste an diesem Abend immer mit der Hand gespült werden – die Betreuten sollten sich daran gewöhnen. „Wie heißt du eigentlich“, fragte Milan, als sie schon fast mit dem spülen fertig waren.“Lydia, und du?“ Milan. Lydia sah ihn mit ihren blauen Augen, die immer etwas feucht aussahen in seiner schwarzen. Milan mochte Kinder nicht, die ständig heulten, auch Erwachsene, die wegen jeder Kleinigkeit am flennen waren, störten ihn, denn zu sehr bezogen sie alles auf sich und machten sich zum Mittelpunkt, einem gläsernen. Als alles gespült war, verabschiedete sich Lydia schnell – auch sie scheint sich nicht ganz wohl unter den Menschen zu fühlen. Er wusste nichts von der Anstrengung, die es Lydia kostete, an diesem gemeinsamen Abend teilzunehmen. Milan setzte sich noch zu Hans und trank einen Kaffee, denn Alkohol wurde nicht ausgeschenkt. Hans redete fast genauso wenig wie Lydia, seine Worte waren fest, seine Sätze kurz. Milan wollte nicht noch einmal die Rolle des Gesprächs führenden übernehmen und so blieben Hans und Milan noch einige Zeit schweigend hier sitzen. Schließlich sagte Hans: „Jede Zeit, die man es schafft still und trotzdem nicht im eigenen Kreislaufs des Leidens zu verbringen, ist eine sehr wertvolle Zeit“. Milan sah ein, zwei neue Ritzer an Hans Armgelenk und dachte über seine Worte nach. Sie hätten auch in einem Buche über Buddhismus, Selbstfindung oder das Auflösen der Inneren Dogmen stehen können, doch hätten sie nie so wahr geklungen wie von Hans. Milan spulte sie noch einmal in seinem Gedächtnis ab, um sie mit nach Hause ins Bett nehmen zu können: Jede Zeit, die man es schafft still und trotzdem nicht im eigenen Kreislaufs des Leidens zu verbringen, ist eine sehr wertvolle Zeit. Mit diesen reichen Worten ging er in sein Apartment und ließ sich aufs Bett fallen.

Er fand sich in einer Dusche wieder. Der Duschvorhang war dunkel, die gesamte Kabine war dunkel. Es regnete in der Duschkabine. Milan stand angezogen darin. Er sah, wie das Wasser gegen den Vorhang spritzte und er sah hinauf zu dem Duschkopf, der wie eh und je da hing, unberührt, trocken. Das Wasser, es regnete einfach auf ihn herab. Dann verschwamm es, er konnte nicht mehr die Quelle des Wassers löschen, hatte keinen Einfluss mehr auf das auf seinen Körper prassende Nass – und sein Körper, seine Haut, sie löste sich langsam. Dann kam Anna, jetzt sah er es sicher, Anna und weitere Menschen in weißem Kittel. Dr. Harris war auch dabei. Anna sagte, dass Milan da jetzt raus müsse, bevor sein Körper in das Wasser überginge und Dr. Harris forderte ihn ebenfalls mit starken Worte auf, die Dusche zu verlassen. „Sie lösen sich langsam darin auf, Milan“, sagte Dr. Harris. Und Milan, dessen Stimme bald zum Klang des Wassers wurde, antwortete: „Aber Dr. Harris, ich bin doch Wasser. Ich bestehe doch zu 75 Prozent aus Wasser, das weiß ich. Ich kann mich also gar nicht auflösen, ich bin schon Wasser.“ Schreie, Gezerre, Dunkelheit. Hände, Nägel , Haut. Dunkelheit.“Es muss sein, wie verlassen Sie. Sie sind von jetzt an auf sich alleine gestellt.“ Dunkelheit. Milan versuchte aufzustehen, aber es ging nicht. Er war nicht gefesselt, nicht nicht hinter ein Gitter gesperrt, er konnte nur nicht die Zone des Bettes verlassen. Es war ganz dunkel und Milan ertastete sich, während er Knie auf dem Bett saß den Raum. Er konnte in der Dunkelheit nicht ausmachen, ob dort eine Wand war oder ob seine Sinne ihm einen Streich spielten. Gefesselt sind wir, gefesselt in den Dimensionen unserer Sinne. Unser Verstand, er hat gelernt sich ihnen zu unterwerfen, wurde gezwungen, sich ihnen zu unterwerfen, obgleich die Energie nicht fest ist, ihr ist es möglich, die Sinne, unsere kleine Dimension zu verlassen – wenn wir es zulassen. Milan schrie, doch keiner hörte ihn. Man hatte ihn alleine in dem Bett zurückgelassen. Mit Mauern um ihn herum, die er sich womöglich nur selbst dorthin projiziert. Kälte, Dunkelheit, Angst, das ist das tiefste, alles führt auf die Angst zurück – die meisten Ängste sind geschürt, wurde uns antrainiert, um unsere Dimension so klein zu halten, um unseren Sinnen einen Stopp zu geben, denn jedes Mal, wenn unsere Sinne sich weigern, einem Eindruck weiter zu verfolgen, nachzusinnen, den wir zunächst als unwirklich, weil für nicht möglich erklärt und diesen Eindruck dann einer Täuschung zuschreiben, ohne zu bemerken, dass nichts und alles Täuschungen sind, da unsere Sinne nie ein perfektes Bild geben können, immer nur auf ihre Fähigkeiten reduziert uns einen kleinen Ausschnitt dessen, was von dem Sonnenlicht reflektiert, von unserem Trommelfell weitergeleitet, von unserem Tastsinn erfühlt und unserer Nase aufgenommen wird, und wir daher nur von unseren eigenen Sinnen, die für andere Wesen nichts als Täuschungen darstellen, weil sie so reduziert sind, und sobald diese sich nicht mehr weiter trauen, verweigern etwas aufzunehmen, dann steht die Angst als Stoppschild davor. Doch die Angst war so groß, dass Milan nicht aus seinem Bett kam, gab es Wände oder nicht, das spielte keine Rolle. Und er fror, denn es zog der Winter in seinem Bett ein und ein eisiger Wind zog über seine dünne Haut, bis sich die Härchen aufstellten. Er tastete und schrie, tastete und fror, tastete und schrie. Endlich wachte er auf, Schweiß überzog seine zitternden Glieder. Stürmisch schlug er seine Augen auf, es war hell. Er tastete in die Leere des Raumes, zuerst vorsichtig, dann krabbelte er auf dem Bett entlang, um jedes Eck, jede Linie über dem Bett im Raum nachzufolgen: Erleichterung. Nur die Bettdecke lag auf dem Boden. Er zog sie zu sich und deckte sich zu. Seine Augen trauten sich nicht mehr zu schließen. Es war die Szene , die er in der psychischen Anstalt auf Mallorca erlebt hatte. Er stand unter der Dusche und fühlte, wie ihm seine Haut und sein Körper entglitten und dem Wasser folgen wollte. War es schön, war es beängstigend? War es Einbildung, was es Realität? In seinen Gedanken mischten sich Erinnerung und Traum. Nur die Angst, sie hielt ihn auf, dachte Milan, die anerzogenen Angst vor allem, dass unseren Sinnen, unseren nach außen gerichteten Sinnen nicht sofort erst mal zu widersprechen scheint. Wir haben verlernt, auch unsere Energie, das was in uns ist uns uns umgibt, dass was wir nur noch als Intuition, als Gespür wage zu bezeichnen uns trauen, anzunehmen, obwohl es über die Sinne hinaus geht, viel elementarer als unsere auf Ort, Zeit und zweifelhafte Physiologie beschränkten Sinne, geht. Die Angst, sie erdrückt unser Gespür für diese Seins-Energie. Milan starrte zur Decke , die im weißen Licht der Morgensonne zurück starrte. Es war halb acht, der Himmel blau und sie Sonne strahlte gerade hinaus. Sieben Minuten nur ist das reflektierte Licht, das frisch aus der Sonne kommt, alt, dachte Milan. Eines der wenigen Dinge, die ihm aus dem Unterricht geblieben sind. Auch hier ist ihm vor allem die Angst geblieben, Angst, nicht nicht Tagträume verfallen zu dürfen, Angst, etwas dran genommen zu werden, Angst vor den leeren Zeilen in den Geschichtsbüchern. Milan erinnerte sich an einen Tag im Sommer, als er aufgerufen wurde und ein zu lernenden Ablauf der Geschichte wiedergeben sollte. Milan erzählte etwas, das nicht mit den Worten im Buch übereinstimmte und wurde getadelt. Im Buche stünden auch nur Erinnerungen von Menschen, gab Milan kleinlaut und gefrustet, wie ein kleiner Junge, der die Welt nicht mehr verstand, zurück. Es müssten tausenden Berichte nebeneinander liegen oder, wenn nicht, zumindest da stehen, dass dies geschriebene hier ein Eindruck von Millionen war. Und warum sollte er genau diesem Eindruck die Wahrheit verleihen? Milan hatte Geschichte nie verstanden, denn wer konnte schon sagen, was war und falsch war, wirklich oder unwirklich, wenn jeder etwas anderes wahrgenommen hatte und dann noch mit seiner Vorstellungswelt und den Glaubenssätzen abgeglichen, bis es in sein Weltbild passte? Die Decke verdunkelte sich nun und starrte weiter Milan an. Eine Wolke schob sich vor die Sonne, eine Wolke, die wie aus dem Nichts auf dem blauen Himmel auftauchte.

Milans Weg

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