Читать книгу GSC - Frederic John H. MacLawrence - Страница 8
ОглавлениеScenic Drive
„Danke!“, sagte ich. „Das ist dir jetzt bestimmt nicht leicht gefallen, alles noch einmal an deinem geistigen Auge vorbei ziehen zu lassen, was gestern Abend passiert ist.“
Ich wollte sie wieder von ihrem schrecklichen Erlebnis ablenken und begann deshalb ein wenig von mir zu erzählen.
„Nun zu mir. Also ich heiße, wie ebenfalls schon erwähnt, Steiner, Michael Steiner. Ich komme aus einem kleinen Städtchen in Bayern, im Süden Deutschlands. Ich bin 28 Jahre alt und nicht verheiratet. Ich war nach dem Abitur beim Militär. Ich habe dort u.a. Maschinenbau studiert. Ich bin aber nicht in meinem erlernten Beruf tätig.
Ich arbeite für meinen Onkel Dominik. Onkel Nick, wie ich ihn nenne, hat ein bedeutendes Sicherheits-Unternehmen. Wir machen Geldtransporte, Sicherheits-Überprüfungen, Personenschutz und betreiben auch ein kleines Detektiv-Büro. Ich bin Onkel Nicks rechte Hand und in dieser Funktion manchmal auch so eine Art „Mädchen für alles“.
Ich bin hier in den USA, in San Francisco, um ein junges Mädchen zu suchen. Sie hat in Los Angeles studiert. Vor etwa sechs Wochen ist der Kontakt zu ihren Eltern abgerissen, und ihr Vater macht sich nun große Sorgen um sie.“
Ich erzählte ihr noch ein paar Einzelheiten, unter anderem auch, daß ich gestern Abend, als ich ihr geholfen hatte, gerade von den MacGregors kam und daß ich glaubte, eine recht gute Spur gefunden zu haben.
„Ich bekomme aber erst heute Abend wieder neue Anweisungen, ob ich die Spur verfolgen soll oder nicht. Bis dahin hat mir Onkel Nick freigegeben. Ich würde deshalb vorschlagen, wir machen mit meinem Wagen eine kleine Stadtrundfahrt. Am Empfang unten haben sie mir bei meiner Ankunft einen Stadtplan in die Hand gedrückt, auf dem ein sogenannter „Scenic Drive“, d. h. so eine Art „Romantische Straße mit Aussicht“ eingezeichnet ist. Wenn du nichts dagegen hast, würde ich vorschlagen, daß wir gleich losfahren.“
Denise war begeistert von meiner Idee, wollte aber vorher noch kurz ins Badezimmer. Währenddessen verstaute ich die Glock 17 zusammen mit einem Ersatz-Magazin wieder in der blauen British Airways-Tasche. Das Kampfmesser schob ich in meine rechte Hosentasche. Den Revolver von Smith & Wesson hinterlegte ich im Tresor meiner Suite.
Wir fuhren mit dem Aufzug in die Lobby und ließen uns vom Car-Valet meinen Lincoln bringen.
Denise lotste mich anhand der Karte durch den Verkehr, bis wir schon bald auf den Scenic Drive stießen, dessen Verlauf fortwährend durch blau-weiße Schilder mit einer stilisierten Möwe gekennzeichnet ist. Wir kamen durch Fishermen’s Wharf, passierten die Golden Gate Bridge, fuhren durch Presidio und erreichten schließlich auch wieder die Golden Gate National Recreation Area. Zum Glück kamen wir nicht am gestrigen Kampfplatz vorbei, sondern durchquerten den Park auf einer anderen Route.
Sea Cliff, das Nobelviertel, das ich nun schon zweimal besucht hatte, beeindruckte Denise sehr. Es war auch wirklich einer der saubersten und gepflegtesten Orte, die ich bisher in den USA gesehen hatte. Danach ging es ein gutes Stück am pazifischen Ozean entlang. Auf die Fahrbahn war teilweise Sand hereingeweht. Am Strand sah man nur wenige Menschen beim Baden. Das Wetter war heute auch nicht allzu freundlich. Es war bewölkt und es blies ein kräftiger, kühler Wind vom Pazifik herein.
Wir fuhren am San Francisco-Zoo vorbei, umrundeten den Lake Merced nahezu vollständig und fuhren dann auf dem Sunset Boulevard etliche Meilen schnurgeradeaus, bis wir den Golden Gate Park wieder erreichten. Der Scenic Drive führte uns nun meilenweit kreuz und quer durch dieses wundervolle Naherholungsgebiet für die Einwohner von San Francisco.
Wir kamen an einen kleinen See. Am gegenüberliegenden Ufer erhob sich eine kleine Anhöhe, die herrlich bunt aussah. Sie war übersät mit den farbenprächtigsten Blumen. Dieses Blütenmeer wurde nur durchbrochen von mächtigen Bäumen und freistehenden Felsen. Ziemlich genau im Zentrum dieses wundervollen Anblicks stürzte ein breiter, jedoch nicht allzu hoher Wasserfall in die Tiefe. Ich hielt den Lincoln an, und wir bewunderten beide dieses Naturschauspiel.
„Laß uns aussteigen!“, schlug ich Denise vor. „Ich will ein paar Fotos machen. Das sieht doch echt toll aus.“
Als wir neben meinem Wagen standen und ich gerade an meiner Spiegelreflex-Kamera das Objektiv wechselte, hörten wir plötzlich Musik.
Die Melodie war sehr schön und sie kam mir irgendwie bekannt vor. Aber ich konnte sie nicht einordnen. Das ist allerdings bei mir nichts Besonderes. Ich höre zwar für mein Leben gern Musik, bin dabei aber so unmusikalisch wie wohl kaum ein zweiter Mensch auf dieser Welt. Auf dem Gymnasium hatten wir in der Oberstufe die Möglichkeit, zwischen Musik und Kunsterziehung zu wählen. Da ich auch nicht besonders gut zeichnen oder malen kann, war es für mich klar, daß ich mein Abitur in Musik ablegen würde. Der Musikunterricht ging damals immer über zwei Schulstunden, d. h. neunzig Minuten. In der Regel hörten wir die ersten sechzig Minuten lang irgendein Musikstück, über das dann in der nächsten halben Stunde gesprochen wurde.
Die erste Stunde genoß ich wie selten irgendeine Schulstunde. Ich konnte mich bei diesen Melodien aus allen möglichen Musikrichtungen herrlich erholen. Die Musik tat mir richtig gut. Die daran anschließende halbe Stunde hingegen, in der über das soeben Gehörte diskutiert wurde, bewies mir jedes Mal auf’s Neue, daß ich ein musikalischer Kunstbanause in Reinkultur war. Meine Klassenkameraden, besonders die Mädchen unter ihnen, versetzten mich regelmäßig in ungläubiges Erstaunen. Sie behaupteten zum Beispiel, daß ein bestimmtes Motiv sich ständig wiederholt habe, in Variationen wieder vorgekommen sei, und so weiter und so fort. Es war einfach unfaßbar, was ein musikalischer Mensch so heraushören konnte. Ich stand diesem Phänomen absolut fassungslos gegenüber.
Daß ich hier unter einer anscheinend relativ seltenen Fehlleistung meines Gehörs litt, war mir in der ersten Klasse des Gymnasiums äußerst schmerzhaft klar geworden. Damals hatten wir ein sogenanntes „melodisches Diktat“ schreiben müssen. Unser Musiklehrer spielte zu diesem Zweck eine Reihe von Noten auf seinem Klavier, und wir Schüler mußten das Gespielte im Heft niederschreiben. Aufgrund meines Hörfehlers war ich hier jedoch immer total überfordert. Daran hat sich nichts geändert. Auch heute noch kann ich nicht unterscheiden, ob ein Ton tiefer ist als der vorhergehende oder höher, sofern die beiden Töne nicht mindestens fünf Töne oder gar eine Oktave auseinander liegen.
Das wäre ja an und für sich nicht weiter tragisch gewesen, wenn dieses melodische Diktat nicht benotet worden wäre. Damals, als Zehnjähriger, habe ich die einzigen beiden „Sechser“ in meiner gesamten schulischen Laufbahn kassiert. Verstärkt wurden meine Probleme hier noch dadurch, daß mein Musiklehrer mir einfach nicht abnehmen konnte oder wollte, daß ich das wirklich nicht hörte. Er unterstellte mir zeitlebens, daß ich mich über ihn lustig machen wollte.
„Ich kenne diese Melodie!“, stellte ich fest und sah Denise an. „Aber ich weiß nicht, woher!“
„Das ist aus Hair!“
Selbstverständlich kannte Denise auch noch den Titel des Songs.
„Das kommt von da links drüben.“
Denise deutete auf das linke Seeufer vor uns und setzte sich auch schon dorthin in Bewegung. Ich folgte ihr wie ein wohlerzogener Dienstbote.
Kaum hundert Meter weiter erreichten wir die Quelle der musikalischen Darbietung. Eine massive Holzbühne, teilweise auf Stelzen in den See hinausgebaut, diente einer Reihe von jungen Leuten als Übungsfläche. Sie probten in der Tat das Musical „Hair“.
Ich ging zu einem kleinen Plakatständer am Straßenrand und fand hier des Rätsels Lösung. Wir erlebten soeben die Probe zu einem Theater- und Musical-Projekt der Universität von San Francisco unter dem Motto des Songs von Scott McKenzie: „If you are going to San Francisco, be sure to wear some flowers in your hair!“
Ich winkte Denise zu mir her und ließ sie ebenfalls das Plakat lesen.
„Dieser Song „San Francisco“ von Scott McKenzie ist noch heute eines meiner Lieblingslieder“, kam ich ins Schwärmen.
„Ja, er ist nicht schlecht“, gab Denise zu. „Als Oldie ist er in Ordnung. Aber die modernen Songs der heutigen Gruppen haben doch entschieden mehr Drive.“
Denise gab mir vorsichtig zu verstehen, daß sie meinen prähistorischen Musikgeschmack nicht teilte.
„Aber wenn du willst, können wir gern noch ein bißchen bleiben, zuhören und zuschauen.“
Ich wollte, und deshalb suchte ich nach einem geeigneten Plätzchen für uns beide. Ich fand eine besonders schöne Stelle unter einer mächtigen alten Eiche. Wir setzten uns, mit dem Rücken an den breiten Stamm gelehnt, auf die Wiese und genossen den Augenblick.
„Was hast du jetzt denn eigentlich vor?“, wollte ich von Denise wissen. „Es kann sein, daß ich schon morgen früh abreisen muß. Entweder verfolge ich meine Spur nach Lake Tahoe am gleichnamigen See in Nevada weiter, oder ich muß vielleicht sogar schon wieder zurück nach Deutschland, falls der Auftrag abgeblasen wird.“
„Ich weiß nicht so recht“, antwortete Denise. „Ich würde mich sehr freuen, wenn ich noch ein bißchen bei dir bleiben könnte. Ich fühle mich sehr wohl in deiner Gegenwart und in deiner Nähe.“ Bei diesen Worten rückte sie ein wenig weg von mir, drehte mir den Rücken zu und legte sich dann zurück. Ihr Kopf mit den wunderschönen schwarzen Haaren lag nun in meinem Schoß. Sie hatte die Augen geschlossen und hielt meine Hand fest.
„Ich würde gerne bei dir bleiben“, wiederholte sie sich. „Ich würde auch gerne mit dir zu diesem Lake Tahoe fahren. Ich würde auch gerne mit dir irgendwo anders hinfahren. Hauptsache, du bist bei mir und läßt mich nicht allein.“
Also, wenn das keine Liebeserklärung war. Ich war für einen Augenblick richtig sprachlos. Die Französinnen gingen ja vielleicht ran. Ich hatte zwar schon den Eindruck gewonnen, daß ich Denise ganz gut gefiel, aber diese Liebeserklärung raubte mir, der ich sonst bestimmt nicht auf den Mund gefallen war, doch beinahe die Sprache.
„Ich würde mich ebenfalls freuen, wenn wir noch einige Zeit zusammenbleiben könnten.“ Ich drückte ihre Hand und streichelte sanft über ihre prächtigen Haare.
Wir lauschten den Studenten bei ihren Proben. Einige von ihnen hatten hervorragende Stimmen, jedenfalls für mich und meine Ohren.
Wir sprachen über alles Mögliche, erzählten uns gegenseitig, was wir gern hatten und was wir nicht leiden konnten. Wir unterhielten uns wirklich gut, und die Zeit verstrich wie im Flug. Wir hatten so bestimmt über eine Stunde verbracht, der Musik gelauscht und miteinander geredet, als die Studenten ihre Proben beendeten und ihre Sachen zusammenpackten. Auch für uns war es jetzt an der Zeit, wieder aufzubrechen, wenn wir den Rundkurs mit der stilisierten Möwe heute noch vollenden wollten. Wir gingen zurück zum Wagen und verließen auf dem Scenic Drive den Golden Gate Park.
Einige Meilen weiter erreichten wir mit Twin Peaks einen herrlichen Aussichtspunkt. Von hier aus lag einem ganz San Francisco zu Füßen. Die Sicht war unbeschreiblich. Nur der Wind konnte einem leicht auf die Nerven gehen. Vom Pazifik herein blies eine richtige steife Brise. Ich war durstig und leistete mir eine Büchse Diet Coke von einem der fliegenden Händler. Natürlich herrschte hier Touristen-Nepp in Reinkultur. Drei Dollar knöpfte mir der kleine Gangster für eine lausige 0,33 Liter Dose ab. Ich beruhigte mich mit dem Gedanken an mein dehnbares Spesenkonto.
Es war Hochsommer, aber der Wind blies kalt. Denise fror jämmerlich in ihrem dünnen Kleidchen. Wir blieben deshalb nicht allzu lange und folgten dem Scenic Drive die Hügel hinunter, Richtung Downtown.
Eine knappe halbe Stunde später gab ich bereits dem Boy vom Car Valet meinen Autoschlüssel und ging mit Denise zusammen auf meine Suite. Die Räumlichkeiten waren vom Room-Service schon wieder bestens in Ordnung gebracht worden. Faxe oder sonst irgendwelche Nachrichten waren noch nicht vorhanden. Denise klapperte zwar jetzt nicht mehr direkt mit den Zähnen, hatte aber immer noch eiskalte Hände und Füße. Ich schlug ihr vor, ein heißes Bad zu nehmen.
„Ja, ich glaube, das ist eine gute Idee“, gab Denise zitternd von sich.
„Willst du wieder ein Schaumbad?“, fragte ich, während ich den massiven Wasserhahn an der Wand aufdrehte und sich die große Doppelbadewanne mit Wasser zu füllen begann.
„Ja, nimm zwei große Verschlußkappen!“
Denise hatte sich bereits ihres neuen Strickkleides entledigt und stieg gerade aus ihrem seidenen Unterhöschen.
„Willst du dich nicht auch aufwärmen?“ Sie kam ins Badezimmer, vollkommen nackt. „Die Badewanne ist groß genug für uns beide.“
Wenn sie recht hatte, hatte sie recht. Das mußte ich ihr lassen. Mir war allerdings nicht kalt, ganz im Gegenteil. Denise bot einen phantastischen Anblick, so ganz ohne alles, in Natur pur. Ich spürte überdeutlich, daß mich ihr Anblick nicht kalt ließ.
„Meinetwegen, warum eigentlich nicht.“ Meine Stimme war heiser und etwas belegt. „Hüpf ruhig schon mal in die Wanne.“
Ich ging ins Schlafzimmer zurück, zog mich aus und warf meine Klamotten auf das Doppelbett.
Als ich das Badezimmer betrat, saß sie schon in der Doppelbadewanne. Vorsichtig ließ ich mich neben Denise in das warme Wasser gleiten. Zum Glück brauchte mein Mädchen nicht viel Platz, denn ich füllte die Wanne doch ganz gut aus. Ich ergriff Denise an ihren Oberarmen und hob sie zu mir herüber, so daß sie zwischen meinen gespreizten Beinen bequem Platz fand. Sie saß jetzt mit dem Rücken zu mir zwischen meinen Beinen. Ich hatte meine Arme um ihren Leib geschlungen. Die für ihre zierliche Figur erstaunlich vollen, wohlgeformten Brüste ruhten auf meinen Unterarmen. Wir saßen so geraume Zeit und unterhielten uns erneut, bevor wir anfingen, uns zu waschen. Wir seiften uns gegenseitig ein, duschten uns ab und frottierten einander wieder trocken. Die Zeit war wie im Flug vergangen. Wir zogen uns an und gingen zum Abendessen ins Restaurant hinunter.
Ich bestellte mir ein Filet Mignon und als Beilage eine Baked Potato. Denise wollte den Fisch versuchen und wählte eine Dorade. Meine Fleischportion war von der üblichen Größe, sie hing beidseitig über den Teller hinaus. Dafür fiel die Beilage umso mickriger aus. Eine einzige, maximal mittelgroße Kartoffel in der Folie mit einem Löffel Sour Cream oben drauf. Die Fleischportionen und die Beilagen standen bei den Amis einfach in keinem Verhältnis.
Die Dorade, für die sich Denise entschieden hatte, sah recht lecker aus, sogar für einen Fischgegner wie mich. Ich mache mir nicht viel aus Fisch. Das traditionelle Fischfilet am Karfreitag deckt meinen gesamten Jahresbedarf. Vielleicht ab und zu noch einmal etwas geräucherten Lachs oder ein geräuchertes Forellenfilet, aber das ist dann auch schon wirklich das höchste der Gefühle. Ich ziehe Wurst, Fleisch und Käse jederzeit einem Fisch vor. Die Dorade von Denise roch jedoch überhaupt nicht nach Fisch, was mir schon einmal recht gut gefiel. Sie schien auch sehr festfleischig zu sein. Ich probierte ein kleines Stück und war echt überrascht. Diese Dorade schmeckte überhaupt nicht nach Fisch. Wenn ich es nicht besser gewußt hätte, hätte ich sie eher für irgendein exotisches Geflügel gehalten. Nachdem wir uns ausgiebig gestärkt hatten, fuhren Denise und ich wieder mit dem Aufzug in den 18. Stock und zogen uns in meine Suite zurück.
Im Fax-Gerät hing eine kurze Nachricht: „BITTE UMGEHEND RÜCKRUF!“ Die Nachricht war von Tante Alex, die ich gleich darauf auch schon am Hörer hatte.
„Michael, wir haben das Placet vom Auftraggeber, von Dr. Heinrich. Du sollst die Spur nach Lake Tahoe verfolgen, und zwar umgehend. Ich habe dir deshalb schon einmal ein Zimmer im Hatuma Resort in Lake Tahoe reserviert. Es war keine Suite frei. Vielleicht haben sie aber auch gar keine. Auf jeden Fall mußt du dort mit einem Doppelzimmer vorlieb nehmen. Ich hoffe, daß es nicht allzu schlimm wird, denn das Hatuma Resort ist schließlich auch ein Fünf-Sterne-Hotel. Deine Ankunft ist für morgen Abend avisiert. Versuche so bis gegen 16.00 Uhr Ortszeit dort zu sein. Wenn du später kommen solltest, mußt du anrufen, damit dein Doppelzimmer nicht irgendwie anderweitig vergeben wird. Die Reservierungsbestätigung lasse ich dir noch per Fax zukommen.“
Tante Alex machte eine kleine Pause, bevor sie fortfuhr.
„Soweit zum geschäftlichen. Nun zum mehr oder weniger privaten. Was ist mit dem Mädchen, Denise heißt sie doch, glaube ich? Ist es euch gelungen, ihre Sachen zu holen, oder hat es irgendwelchen Ärger gegeben?“
„Das mit ihren Sachen hat prima geklappt. Sie hat alles bekommen, und es hat uns niemand belästigt. Ich war aber auch schon gerüstet, da wir zuvor noch am Schließfach waren“, beantwortete ich die Fragen meiner Tante.
„Das ist erfreulich, das höre ich gern, wenn einmal etwas ohne Ärger abgeht. Aber was ist jetzt mit Denise? Will sie in San Francisco bleiben, oder will sie wieder nach Hause fliegen? Oder wie habt ihr euch das gedacht?“
„Äh, ich, äh wir hatten eigentlich gedacht, äh, gehofft, ein paar Tage zusammen verbringen zu können“, stotterte ich vor mich hin wie ein pubertierender Pennäler.
„Ach so ist das! Aus dieser Ecke pfeift der Wind!“, lachte Tante Alex. „Ihr habt Gefallen aneinander gefunden. Das ging aber schnell.“
„Nun ja, äh wir verstehen uns recht gut und äh ...“, versuchte ich zu erklären.
„Aber das ist doch vollkommen in Ordnung, mein Junge“, unterbrach mich Tante Alex. „Ich wollte dich doch nur ein bißchen auf den Arm nehmen. Du kennst mich doch“, beschwichtigte sie mich. „Ich sehe eigentlich nicht unbedingt ein Problem, wenn Denise dich nach Lake Tahoe begleiten möchte. Falls es aber irgendwie gefährlich werden sollte, weißt du selbst sowieso am besten, was zu tun ist. Vielleicht wäre es sogar von Vorteil, wenn du in Begleitung eines jungen Mädchens wie Denise bist. Ein Mädchen in ihrem Alter wird voraussichtlich oftmals leichter eine Antwort oder auch eine Auskunft über Brigitte erhalten, als du in deiner Eigenschaft als Privat-Detektiv. Du, das ist wahrscheinlich gar keine schlechte Idee, wenn Denise nichts dagegen hat. Aber das kann ich gleich selbst mit ihr besprechen. Ich hab ja schon so lange kein Französisch mehr gesprochen. Sei so nett, hol‘ sie doch gleich einmal an den Apparat!“
Tante Alex überfuhr mich wieder einmal nach allen Regeln der Kunst, aber das war ja nichts Neues.
„Meine Chefin, Tante Alex, möchte mit dir sprechen.“ Ich streckte Denise den Hörer entgegen. Sie hatte von unserer Unterhaltung natürlich wieder kein einziges Wort verstanden und wollte den Hörer nicht nehmen.
„Ich spreche nicht Deutsch“, flüsterte sie mir abwehrend zu.
„Kein Problem!“ Ich drückte ihr den Hörer in die Hand.
„Bon soir, Madame!“, begann Denise stockend. Dann wurden ihre Augen größer, denn ein Schwall französischer Worte quoll aus dem Hörer, und Denise redete erleichtert ebenfalls in ihrer Muttersprache drauflos. Jetzt verstand natürlich ich kein einziges Wort mehr. Ich kann zwar ein paar Brocken Französisch, aber nicht in diesem Tempo, das die beiden Ladies hier vorlegten. Ich lauschte angestrengt, verstand aber nur Bahnhof und Bratkartoffeln. Die beiden redeten anscheinend auch über mich, denn ich hörte des Öfteren meinen Namen heraus. Nachdem ich keine Chance hatte, dem Gespräch auch nur in Ansätzen zu folgen, konzentrierte ich mich auf das Mienenspiel meiner Französin. Es wurde eindeutig über mich geredet, aber anscheinend eher positiv als negativ. Die beiden Frauen schienen sich auf Anhieb sehr gut zu verstehen. Das war mir nur recht. Denn wenn die beiden sich gut verstanden, würde das für mich vieles erleichtern, falls es da so etwas wie eine Zukunft für Denise und mich geben sollte. Die beiden redeten fast zehn Minuten miteinander, bevor Denise sich verabschiedete und mir den Hörer wieder in die Hand drückte.
„Michael, ich glaube, da hast du ein wirklich nettes Mädchen kennengelernt. Ich habe den Eindruck, sie hat sich schwer in dich, ihren Retter, verliebt. Auf jeden Fall war sie Feuer und Flamme von der Idee, dich nach Lake Tahoe zu begleiten. Ich werde deinem Onkel davon berichten. Ich gehe aber davon aus, daß er einverstanden ist. Mach dir also deshalb keine Gedanken, das geht schon in Ordnung. Ich wünsche euch beiden jetzt eine gute Nacht und für morgen eine gute Fahrt. Wenn du im Hatuma Resort in Lake Tahoe angekommen bist, laß von dir hören. Also viel Spaß heute Abend und bis morgen Früh“, verabschiedete sich meine Tante.
Sie schien sich ihren Teil zu denken. Kunststück, sie war ja nicht dumm und kannte mich schließlich schon seit vielen Jahren.
„Deine Tante Alex scheint eine großartige Frau zu sein“, stellte Denise fest.
„Ja, ich mag sie sehr gern, wir verstehen uns prima“, gab ich zu. In diesem Moment begann das Fax-Gerät zu arbeiten. Die Reservierungsbestätigung für ein „Double Deluxe“ im Hatuma Resort traf ein.
„Über was habt ihr denn alles gesprochen?“, wollte ich, neugierig wie ich nun einmal war, von Denise wissen.
„Ach, über alles mögliche, über dich, deinen Auftrag, über mich, meine Familie und auch über Limoges. Deine Tante hat dort anscheinend schon seit vielen Jahren eine Freundin.“
Das stimmte, das entsprach den Tatsachen. Daran hatte ich noch gar nicht gedacht. Bernadette, eine Freundin aus Tantchens Schultagen, war aus Limoges.
„Deine Tante Alexandra spricht übrigens ein perfektes Französisch, das muß ihr der Neid lassen“, unterbrach Denise meine Gedanken.
„Also, wir zwei werden morgen nach Lake Tahoe fahren“, wechselte ich das Thema. „Das heißt, daß wir den Wecker stellen sollten, damit wir nicht verschlafen. Schließlich müssen wir noch packen, das Zimmer räumen und die Rechnung zahlen. Die Route, die wir nehmen müssen, schaue ich mir nachher noch kurz an. Lake Tahoe ist zum Glück für US-amerikanische Verhältnisse nicht allzu weit weg.“
„Dann wird es wohl das beste sein, wenn wir möglichst bald ins Bett gehen“, schlug Denise vor.
Wir zogen uns aus, putzten die Zähne und hüpften ins Bett. Bald schon war Denise neben mir eingeschlafen. Sie hatte sich ganz eng neben mich gekuschelt und mißbrauchte meinen rechten Oberarm als Kopfkissen.
Ich wollte noch ein wenig den heutigen Tag Revue passieren lassen, kam aber nicht weit, bevor auch mir die Augen zufielen.