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2 Der literarische Markt im 19. Jahrhundert

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Die bürgerlichen Moderne, die seit Ende des 18. und im Lauf des 19. Jahrhunderts allmählich die traditionale Feudal- und Adelsgesellschaft verdrängte, ist charakterisiert durch „die frühe Industrialisierung, die Aufklärungsphilosophie und die Verwissenschaftlichung, die Entstehung von überregionalen Warenmärkten und kapitalistischen Produktionsstrukturen, die allmähliche Verrechtlichung und Demokratisierung, die Urbanisierung und die Ausbildung des Bürgertums als kulturell tonangebende Klasse“ (Reckwitz 2017: 41f.).

Beginnend um 1830, vor allem aber nach der Mitte des 19. Jahrhunderts entfaltete sich eine Unterhaltungsindustrie, die nicht nur den Printbereich, sondern auch andere Medien und Formen der Massenkultur umfasste. Dazu gehörten Bilderbogen, Bildpostkarten, Fotografie, Sammelbilder, Zirkus etc. (siehe Maase 1970 und Faulstich 2004), gegen Ende des Jahrhunderts Schallplatte und Film. Diese Geschichte des Taschenbuchs konzentriert sich auf den literarischen Markt und die entsprechenden Printprodukte, berücksichtigt also nicht andere Medien als Träger literarischer Unterhaltung und der Information.

Die Entstehung des Taschenbuchs im 19. Jahrhundert setzt einen literarischen Markt voraus, wie er in der zweiten Hälfte des vorangegangenen Jahrhunderts im Zeitalter der Aufklärung entstanden war. Im Rahmen des von Jürgen Habermas beschriebenen Strukturwandels der Öffentlichkeit (Habermas 1990) entstand auf der Produzentenseite der freie Schriftsteller, differenzierten sich Verlage mehr und mehr aus, stieg der Alphabetisierungsgrad in der Bevölkerung, wandelte sich in der ersten Leserevolution die intensive zur extensiven Lektüre: An die Stelle einer mehrfachen Lektüre ein und desselben Lesestoffs trat die Lektüre vieler Lesestoffe (Engelsing 1969). Das führte zu einer erheblichen Ausweitung der Buchproduktion.

Im Anschluss an die Schrift von Friedrich Perthes Der deutsche Buchhandel als Bedingung eines Daseyns einer deutschen Literatur aus dem Jahr 1816 charakterisiert Werner Faulstich diese Entwicklung: „Im 18. Jahrhundert entdeckte das Kapital den Buchmarkt als einen Bereich, den die enorm ansteigende bürgerliche Nachfrage nach Lesestoffen und das wachsende Potenzial an schreibwilligen Autoren als eine lohnende Investition erscheinen ließ, und dieses Engagement beförderte naturgemäß die rasche Marktexpansion und Marktdifferenzierung.“ (Faulstich 2002: 191)

Diesen „spekulativen“ Buchhandel, der auf dem „Markt“ das „Kulturgut“ Buch zur „Ware“ machte, hatte schon Immanuel Kant in seinem zweiten Brief An Herrn Friedrich Nicolai, den Verleger im Jahr 1798 bissig charakterisiert. Er spricht dort von der „Buchmacherei“, einer „Industrie“, die „fabrikmäßig“ betrieben werde (siehe Wittmann 1982a: 361ff. und Fallbacher 1992: 8).

Nach wie vor unübertroffen in der Darstellung der vielfältigen Faktoren der Entwicklung des literarischen Markts ist Kiesel/München 1977. Zusammenfassend Faulstich 2002: 177–224 und Bödeker 2005.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts beschleunigte sich die Entwicklung des literarischen Markts deutlich, sodass man seit der Mitte des Jahrhunderts von einer Unterhaltungsindustrie sprechen kann. Zugleich ist festzuhalten, dass bereits in dieser Phase „die gesamtgesellschaftliche, die kulturelle, die literarische Bedeutung des Mediums Buch […] im Verhältnis zu allen anderen Medien der Epoche, speziell den neu entstehenden elektronischen Medien“ zurückging, obwohl „die traditionellen Strukturen des etablierten Systems Buch weiter institutionalisiert“ wurden (Faulstich 2004: 195). Außerdem wurden die Teilbereiche zunehmend kommerzialisiert.

In der Regel wird für diesen Zeitraum der Begriff der (literarischen) „Unterhaltungsindustrie“ verwendet (zum Beispiel Jäger 1988: 163). Kosch/Nagl machen eine interessante Unterscheidung und sprechen für den Lieferungsroman der Zeit von einer „Unterhaltungsmanufaktur“ (1993: 67). Zum Begriff der „Unterhaltung“ siehe resümierend Faulstich 2006 sowie Hügel 2003 und Hügel 2007. Unterhaltung ist keine anthropologische Konstante, sondern historisch zu verorten: „Unterhaltung setzt die Existenz von Massenmedien voraus, die dominant der Unterhaltung dienen. Solche Medien gibt es in Deutschland erst seit der Mitte des 19. Jahrhunderts mit den Familienzeitschriften.“ (Hügel 2007: 41, siehe auch 68)

„Kulturindustrie“ (Horkheimer/Adorno 1990 sowie Adorno 1967; zur Kritik zusammenfassend Glasenapp 2006 und Niederauer/Schweppenhäuser 2018) und „Bewusstseinsindustrie“ (Enzensberger 1971) bezeichnen Aggregatzustände des kulturellen und damit literarischen Markts im 20. Jahrhundert.

Zentrale Entwicklungen sind

 die Ausweitung des Lesepublikums,

 die Ausdifferenzierung und Ausweitung der Printmedien,

 die Ausdifferenzierung und Ausweitung der Vertriebswege

 sowie die technische Entwicklung der Buchproduktion.

Zu diesen Entwicklungen im 19. Jahrhundert siehe Wittmann 1982b, Estermann/Jäger 2001 und Faulstich 2004.

All das vollzieht sich unter Rahmenbedingungen, die hier nur schlagwortartig zusammengefasst werden können:

 die politische Entwicklung von der nachnapoleonischen Zeit und der 1848er Revolution bis zur Reichsgründung und zum Kaiserreich,

 die ökonomische Entwicklung mit den Stichworten industrielle Revolution und Entwicklung des Hochkapitalismus,

 die soziale Entwicklung mit der Ablösung der ständischen Gesellschaftsordnung durch eine nach Schichten/Klassen strukturierte Gesellschaft,

 die juristische Entwicklung mit den in unserem Zusammenhang wichtigen Eckpunkten wie Gewerbefreiheit und Neuregelungen des Urheberrechts.

Das Taschenbuch

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