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Seuchen und Globalisierung

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In den Medien wurde die Covid-19-Pandemie wiederholt mit der Spanischen Grippe verglichen. Zwischen 1918 und 1920 wütete sie in mehreren Wellen, wobei weltweit etwa 500 Millionen Menschen infiziert waren. Sie forderte 27–50 Millionen Opfer; besonders betroffen waren 20–40jährige Menschen.

Doch auch in der Antike und im Mittelalter waren schwere, manchmal sogar über ganze Kontinente hinweg grassierende Seuchen geläufige Erscheinungen. Zu nennen wären hier etwa die berühmte »Pest«, welche in Athen zu Beginn des Peloponnesischen Kriegs (430–426 v. Chr.) wütete, oder die »Antoninische Pest«, welche das Römische Reich von 165–190 n. Chr. heimsuchte. Welcher Erreger das Sterben in Athen verursacht hat, lässt sich bis heute nicht mit Sicherheit sagen; möglicherweise handelte es sich um Typhus. Jedenfalls aber raffte die Seuche ein Viertel der Bevölkerung Athens dahin – unter anderem den berühmten Staatsmann Perikles. Bei der Antoninischen Pest dürfte es sich wohl um eine Art von Pocken gehandelt haben, welcher 7–10 Millionen Menschen zum Opfer fielen – rund 5–10 % der Gesamtbevölkerung des Römischen Reiches.

Einen hohen Blutzoll forderte auch die Justinianische Beulenpest, welche sich seit 541 n. Chr. von Ägypten aus über den ganzen Mittelmeerraum ausbreitete. In den folgenden zwei Jahrhunderten brach sie wiederholt sporadisch aus, wobei ihr über ein Viertel der 25 Millionen zählenden Bevölkerung des byzantinischen Reichs zum Opfer fiel.

Am bekanntesten ist heute jedoch zweifellos die als »Schwarzer Tod« bekannte spätmittelalterliche Pestepidemie, welche aus Zentralasien eingeschleppt worden war. In der Zeit von 1346 bis 1353 fielen ihr etwa 25 Millionen Menschen zum Opfer – also rund ein Drittel der Bevölkerung Europas. Der »Schwarze Tod« flackerte auch in den Folgejahren immer wieder lokal auf. Um 1400 waren von der Seuche etwa vor allem Kinder und Jugendliche betroffen, 1665/1666 wütete sie in Südengland und zwischen 1708–1714 in Nord- und Osteuropa.

Schließlich muss an die Pockenepidemie erinnert werden, welche von den europäischen Eroberern nach Amerika eingeschleppt wurde und sich seit 1518 unter den Ureinwohnern verbreitete, von denen etwa ein Viertel der Krankheit zum Opfer fielen, während die Europäer bereits weitgehend resistent waren.

Vor diesem Hintergrund scheint die gegenwärtige Pandemie dann doch glücklicherweise eher eingeschränkten Ausmaßes, vergleicht man die bislang weltweit 15,8 Millionen Infizierten und »nur« ca. 640 000 Toten mit den grausigen Zahlen der Vormoderne, wobei zudem überwiegend ältere Menschen mit Vorerkrankungen anfällig scheinen und nicht, wie bei früheren Seuchen, Angehörigen aller Altersklassen (Stand 26. Juli 2020, WHO World Health Organization online 2020). Freilich, auch unsere technischen Mittel bei der Bekämpfung von Krankheiten sind ausgefeilter als je zuvor; doch selbst in Staaten mit nur rudimentärem Gesundheitssystem scheint ein Massensterben, wie man es bei anderen Seuchen in der Geschichte kannte, auszubleiben. Allerdings bleibt unser Wissen über die langfristigen Folgen der Erkrankung oder eine mögliche »zweite Welle« doch noch sehr ungenügend.

Aber nicht der nackte Vergleich der Zahlen soll im Zentrum unserer Überlegungen stehen, sondern vielmehr die formalen und psychologischen Aspekte der durch die Pandemie ausgelösten Kontingenzerfahrung, die zu allen Zeiten und Orten recht ähnlich auszufallen scheint. Dies gilt umso mehr, als Medien und Politik der quantitativ doch recht begrenzten Pandemie eine solche Bedeutung eingeräumt haben, dass die Reaktion vieler Menschen jenseits ihrer tatsächlichen realen Bedrohung extrem ausfallen können.

Als Voraussetzung für die Pandemie wurde in den Medien angesichts des Ursprungs der Covid-19-Seuche im chinesischen Wuhan häufig die Globalisierung angeführt: Die gewaltig angestiegene internationale Mobilität liefere die denkbar günstigsten Voraussetzungen für die Verbreitung viraler Erkrankungen. Dieses Narrativ ist von Globalisierungsgegnern bereitwillig aufgegriffen worden, um die Bedeutung von Grenzen und weitgehend in sich abgeschlossenen Lebens- und Wirtschaftsräumen zu betonen. Eine solche Verquickung von Globalisierung und Krankheitsanfälligkeit ist in jüngerer Zeit auch in der Forschung zur römischen Geschichte hergestellt worden, hat man doch einen unbestrittenen Zusammenhang zwischen der raschen Ausbreitung und sporadischen Wiederkehr der Antoninischen und Justininanischen Pest sowie der gut ausgebauten Verkehrsinfrastruktur des Römischen Reichs nachgewiesen.

Nun ist zweifellos richtig, dass die Erleichterung und Beschleunigung der internationalen Mobilität wichtige Gründe dafür sind, dass aus lokalen Krankheitsherden innerhalb kürzester Zeit Epidemien oder gar Pandemien werden können. In früheren Zeiten waren hierfür Wochen und Monate notwendig, wie etwa die schrittweise Ausbreitung des »Schwarzen Todes« von Zentralasien bis hin zu den Britischen Inseln zeigt. Doch demonstriert gerade dieses Beispiel auch, dass selbst in Zeiten räumlich noch weitgehend autarker Subsistenzwirtschaft, also einer aufs nackte Überleben ausgerichteter Wirtschaftsform, und begrenzter interkontinentaler Kontakte das Risiko für globale Seuchen mitnichten ausgeschlossen war. Denn es reichte offensichtlich eine einzige, punktuelle Kontaktaufnahme zwischen zwei ansonsten voneinander weitgehend getrennten Räumen, um eine vollständige Durchseuchung zu übertragen.

Als besonders fatal konnte sich eine geringe Durchseuchung des Zielgebiets erweisen. Dies wird am Beispiel der Pockenepidemien in Amerika ersichtlich, wo die Ureinwohner bis zur europäischen Eroberung noch nie mit jener Krankheit konfrontiert worden waren und einen historisch einmalig hohen Blutzoll für die »Verschmelzung zweier Welten« entrichten mussten. Ähnlich verhält es sich mit der Antoninischen Pest, als durch den Kontakt römischer Legionäre mit dem parthischen Reich unbekannte Krankheitserreger in das römische Imperium gelangten, oder auch der Justinianischen Pest, bei der Erreger aus Indien oder dem subsaharischen Bereich über Ägypten eingeschleppt wurden. Bei allen diesen Beispielen fanden Erreger ideale Voraussetzungen in einem neuen, bis dato noch nicht oder kaum durchseuchten Habitat.

Nun treten die tatsächlichen medizinischen oder infrastrukturellen Fragen für viele unmittelbar von Seuchen betroffenen Menschen hinter subjektiven Erklärungsmodellen zurück. Zwar ist die Bemühung, zu einer objektiven Beschreibung und Analyse des jeweiligen biologischen Phänomens zu gelangen, von unbestrittener Bedeutung. Doch genauso gilt es, den psychologischen Aspekt nicht zu vernachlässigen: Bis heute tritt die rein abstrakte Frage nach dem »Wie?« einer tödlichen Gefahr vielfach hinter der persönlichen Frage »Warum?« zurück. Die Antwort auf diese Frage bedient insofern ganz andere historische Verständnisebenen. Sie führt nicht in den wissenschaftlichen, sondern vielmehr philosophischen, ja moralischen Bereich. Dies zeigt etwa die Tendenz, Ursachen für Seuchen nicht in schwer vorauszubestimmenden medizinischen Phänomenen zu suchen, sondern etwa in der sittlichen Fehlerhaftigkeit – d. h., der »Schuld« – des Menschen selbst. Die Reflexion über die Schuld kann dabei zwei Gestalten annehmen, die beide so alt sind wie die Menschheit selbst.

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