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5 Ausblick: Grenzziehungen zwischen Sprechen und Handeln
ОглавлениеNoch etwas fällt auf, wenn man vormoderne Sprechaktanalysen mit modernen vergleicht: Die Grenzen zwischen Sprechen und Handeln wurden offenbar zu verschiedenen Zeiten ganz unterschiedlich gezogen. Insgesamt findet man in den vormodernen Analysen ein ausgesprochen intrikates Verhältnis von Sprechen und Handeln (für Thomas von Aquin vgl. Nissing 2006). Dazu sei hier noch ein Eintrag aus dem Zedler zum Verbieten herangezogen, in dem es heißt:
Verbieten […] heißt eigentlich so viel, als einem etwas untersagen, oder nicht verstatten wollen, welches ihm sonst gar wohl frey gestanden, und er auch ausserdem ohne Bedencken tun mögen. Und zwar geschieht solches auf zweyerley Art, mit Worten, oder mit der That. Jenes heisset insgemein ein Verbot, dieses aber eine Gewalt, welche entweder mit der blossen Hand, oder auch wohl mit Gewehr und Waffen, u. s. w. geschiehet. Eigentlich ist ein Verbieten ein Wehren von demjenigen, welcher das Recht hat, einen andern, darzu zu verbinden, etwas zu thun oder nicht zu thun. Wehren aber heisset, einem andern seinen Willen, daß er etwas nicht thun solle, dergestalt zu erkennen zu geben, daß man seiner Willkühr nicht gesetzt seyn lässet, ob er dasselbige unterlassen wolle oder nicht. (Zedler 1746, Bd. 47, Sp. 161f.)
Verbieten wird hier als Handlung eingeführt, die sich sprachlich wie nichtsprachlich vollziehen kann. In beiden Fällen jedoch ist es kommunikatives, bedeutungsvolles Handeln in dem Sinne, dass es einen Willen zu erkennen gibt.1 Ähnliches lässt sich für Beleidigungen zeigen, womit in den frühneuzeitlichen Quellen nicht nur die sprachliche Beleidigung – die sogenannte Verbal-Injurie –, sondern jede Tat bezeichnet ist, durch welche man einem vermittelst der Unterlassung einer ihm schuldigen Pflicht, sein gebührendes Recht versaget (Zedler 1733, Bd. 3, Sp. 1013; vgl. hierzu auch Meier 2015). Und Konversation umfasste weit über das Gespräch hinaus überhaupt alle Formen geselligen Umgangs (vgl. Linke 1996, S. 133). Dass Sprechen überhaupt Handeln ist, wie es geradezu ein Axiom der gegenwärtigen, pragmatisch orientierten Linguistik ist, ist wohl kaum standardmäßiges frühneuzeitliches Gelehrtenwissen gewesen. Aber umgekehrt sind zahlreiche Typen von Handlungen Reflexionsgegenstand gewesen, die sich sprachlich ausprägen können, aber nicht müssen, und deren Einbettung in gesellschaftliche Machtzusammenhänge im Übrigen immer mitgedacht wird.
Demgegenüber sind die moderne Sprechakttheorie und auch die durch sie inspirierten diskurstheoretischen Ansätze etwa bei Habermas (1971) von einer konsequenten Versprachlichung des Sozialen gekennzeichnet (vgl. Deppermann/Feilke/Linke 2016, S. 13f.). Soziales Handeln wird konsequent von der Sprache her gedacht, und selbst Institutionen und die von ihnen ausgehende Macht bzw. Machteinschränkung werden im sprechakttheoretischen Framework als sprachlich konstituiert vorgestellt (vgl. Leezenberg 2013, S. 295). In neueren Diskussionen um die Theorie der Praktiken, die sich üblicherweise von der als zu intentionalistisch kritisierten Sprechakttheorie distanziert, wird dies längst moniert. Statt „bewussten, zweckrationalen Akteursintentionen“ gilt die „Einsozialisierung in kontextgebundene Gepflogenheiten“ (Deppermann/Feilke/Linke 2016, S. 8) als Grundlage für gelungene Realisierungen von Praktiken. Gegen ein allzu abstraktes Verständnis von sprachlichem Handeln (vgl. Deppermann 2015, S. 328) und gewissermaßen für eine Re-Sozialisierung von Sprache wird darauf hingearbeitet, Sprache wieder zu erden, ihren leiblichen Vollzug, aber auch ihre Prägung durch außersprachliche und dispositive (vgl. Spieß 2012) Faktoren grundlegend zu berücksichtigen. Es wäre auch hier ganz sicher übertrieben zu sagen, dass die untersuchten historischen Quellen hierfür ein Vorbild sein können. Denn aller Detailliertheit zum Trotz sind sie als theoretische Reflexionen zu weit entfernt von Zeugnissen konkreter kommunikativer Praxis, die Gegenstand empirischer Analysen werden könnte. Dennoch können sie in ihrer Andersartigkeit vor Augen führen, welche historisch situierten Wissensbestände die heutige, tendenziell versprachlichte Sicht auf das Soziale grundieren. Und das dürfte dann auch zur Dekonstruktion dieser Sicht einen Beitrag leisten.