Читать книгу Julia - Gunter Preuß - Страница 9
7.
ОглавлениеZu Hause duschte sich Julia abwechselnd heiß und kalt.
Es klingelte. Sie zog sich Mutters Bademantel über und lief zur Tür. Es war Frau Saube aus der Erdgeschosswohnung. Sie hielt einen Bogen Papier in der Hand und fragte: »Julia, ist dein Vater da? Oder deine Mutter?«
»Niemand zu Hause«, sagte Julia. Sie war enttäuscht, dass Frau Saube geklingelt hatte. Sie hätte nicht sagen können, wen sie erwartete. Vielleicht Liebscher, der ihr sagen würde, dass Rohnke seine Entscheidung zurückgezogen hat. »Heute Abend«, sagte Julia noch, »kommen Sie heute Abend noch mal, Frau Saube.« Julia stellte die Dusche ab.
»Dunnerlüttchen!« fluchte sie und ärgerte sich, dass sie wie Herr Rohnke schimpfte. Dieses Dunnerlüttchen würde sie sich schnell wieder abgewöhnen. Eigentlich klang es auch albern. Da war Vaters Himmelkreuzdonnerwetter doch stärker.
Julia probierte ihre Sachen durch: Jeans und Pulli, zwei Kleider, Wildlederrock und Mutters rote Bluse. In allen Sachen fand sie sich doof und hässlich. Schließlich zog sie die alten, an den Knien zerfetzten Jeans und ihren ersten und, wie sie sich vorgenommen hatte, letzten selbstgestrickten Pullover an.
Julia drehte sich vor dem Spiegel. In den Pullover hätte Mutter noch mit hineingepasst. Sie zog ihn weit vom Körper ab und schnitt Grimassen.
Sie stellte sich als Clown vor. Mit tapsigen Bewegungen lief sie durch ihr Zimmer. Dann drückte sie sich ihr Mathebuch als Geige zwischen Kinn und Schulter, nahm das Lineal als Bogen und fiedelte drauflos. Es wurde ein sehr trauriges Lied, was sie spielte. Sie musste die Tränen zurückhalten.
»Du bist ja reif für den Friedrichstadtpalast. Wirklich, eine komische Nummer bist du, Julia.«
Julia sah erschreckt auf. Sie hatte ihre Mutter nicht kommen hören.
»Hast du dich hereingeschlichen?«, fragte sie ärgerlich. Sie warf das Buch und das Lineal auf ihr Bett.
Die Mutter zog sich ihre Uniformjacke aus und setzte sich aufs Bett. »Komm einen Moment zu mir, mein kleiner Clown«, sagte sie. »Was gibt es Neues?«
Julia setzte sich zu ihrer Mutter. Sie schmiegte sich an sie. War froh, dass sie jemanden gefunden hatte, an den sie sich anlehnen konnte.
»Frau Saube war da«, sagte Julia. »Wollte euch sprechen. Sie hatte irgendein Papier in der Hand. Vielleicht eine Spendenliste.«
Julia wollte nicht gleich von ihren Sorgen mit Herrn Rohnke erzählen. Dazu brauchte sie erst einen Anlauf. Aber heraus musste es.
»So, Frau Saube«, sagte die Mutter. Sie drückte ihre Tochter fester an sich. »Julia, du - ich hatte fast einen Unfall ... «
»Was!« Julia sah sich ihre Mutter genauer an. »Du bist ja ganz blass, Mutsch!«
Julia sprang auf, lief in die Küche und kam mit einem Glas Wasser wieder.
»Danke, Kind.« Die Mutter trank einen Schluck. Dann erzählte sie: »Ich weiß nicht, wie das passieren konnte. In der Kurve zum Hauptbahnhof ... Plötzlich stand da ein Mann auf den Schienen …Ich glaube, ich habe die Augen zugemacht, als ich bremste …«
»Ja und? Ist was passiert?«
»Nein, nein. Es ist nichts passiert. Aber es hätte etwas passieren können. So knapp war es noch nie. Dieser Schreck, verstehst du ... «
»Aber du hattest doch keine Schuld ...?«
Julias Mutter rieb sich die Stirn mit einem Eisstift ein.
»Schuld? Ich weiß nicht. Mir geht die ganze Zeit der Streit mit Vater durch den Kopf. Du weißt doch - wegen mehr gemeinsamer Freizeit. Aber ich sehe keine Lösung ... «
Die beiden saßen eng beisammen, schwiegen eine Weile. Dann sagte Julia: »Bei uns gab es auch ein Unglück. Da konnte niemand mehr bremsen. Halt dich fest, Mutsch: Herr Rohnke will von uns weg! Er übernimmt eine zwölfte Klasse!«
Die Mutter begriff nicht: »Herr Rohnke ... «
Es klingelte stürmisch. Julia öffnete. Es war Vater. Er war in blendender Laune. Er stellte sich in Boxerstellung vor Julia. »He, Tochter, wer hat denn da den Schlüssel wieder nicht abgezogen? Ist mein Schneewittchen schon zu Hause?«
Der Vater lief an Julia vorbei in die Stube. Julia hängte seine Jacke vom Haken auf einen Bügel. Na, das konnte ja heiter werden. Wenn Vater zu Mutter Schneewittchen sagte, dann hatte er ein Glas zu viel getrunken.
»Niemand zu Haus! Es ist noch niemand zu Haus!« hörte sie ihn aus der Stube singen.
Julia ging in ihr Zimmer zurück. Ihre Mutter war vom Bett aufgestanden. Sie ordnete ihre Sachen, kämmte sich die Haare.
»Bitte, Julia«, sagte sie, »erzähle Vater nichts von der Sache am Hauptbahnhof. Du weißt, er würde mich sowieso lieber als Sekretärin vor einer Schreibmaschine sitzen sehen. Fahrerin ist ihm für eine Frau zu gefährlich.«
»Er hat einen kleinen Affen«, sagte Julia.
»Was soll denn das nun wieder heißen?«
»Na, er hat einen sitzen, einen gehoben oder so.«
Julias Mutter schüttelte den Kopf. »Kann man das nicht einfacher sagen? Eine Ausdrucksweise hast du manchmal.«
Julia folgte der Mutter in die Stube. Es ärgerte sie, dass die Mutter ihr Problem mit Herrn Rohnke schon wieder vergessen hatte. Julia wollte darüber sprechen. Vielleicht hatten die Eltern eine Idee, wie Herr Rohnke zu halten wäre. Nun hatte Vater Alkohol getrunken, da war kaum vernünftig mit ihm zu reden. Es kam selten vor, dass er trank, obwohl er Bierbrauer war. Aber zu besonderen Anlässen kam es ihm auf ein Glas mehr nicht an. Dann war er nur noch zu Späßen und Neckereien aufgelegt. Zu besonderen Anlässen? Julia lachte bitter. Die gab es heute. Mutters Fast-Unfall und der Unfall in der 8b.
Der Vater hob Mutter hoch zur Begrüßung und küsste sie.
»Weißt du das Allerneuste!«, rief er. »Hör mir zu, meine kleine Frau: Ich werde meinen Meister machen! Marek, der Werkleiter, fragte mich heute! Ich habe zugesagt, mein Kleines. Na, ist das nichts?!«
Er hatte seine Frau wieder abgesetzt und wartete auf den Beifall der beiden. Julia und ihre Mutter nickten nur schwach.
»Freut ihr euch denn gar nicht?« Julias Vater sah betroffen auf sie herunter.
»Natürlich freuen wir uns«, sagte Julias Mutter.
»Doch, doch«, bestätigte Julia.
Der Vater setzte sich, zog aus seiner Tasche zwei Schachteln Pralinen. »Für meine Naschkatzen«, sagte er. »Freut ihr euch auch wirklich? Das ist doch ein Angebot: Meisterschule. Oder nicht? Nun sagt doch endlich was, Leute!«
Die Mutter setzte sich in einen der Drehsessel und drehte nach links und rechts wie sonst Julia.
»Setz dich endlich, Julia«, sagte sie etwas gereizt. »Sie hat Sorgen, Horst. Nun rede schon, Julia!«
»Sorgen!« Dem Vater entglitt seine gute Laune. »Wie du wieder aussiehst, Tochter. Wie ein Zirkusclown. Hast du keinen anderen Pullover? Der ist doch nur noch als Bohnertuch gut.«
Julia war stehen geblieben. »Aber ich mag ihn«, entgegnete sie trotzig. »Er ist mein schönster Pullover.«
Julia hatte sich das Gespräch mit den Eltern ganz anders vorgestellt. Nicht so überstürzt. Sie merkte es Vater doch an: Er war gar nicht in der Stimmung, um über ihre Probleme zu reden.
»Mädchen, muss man bei dir in letzter Zeit um jedes Wort betteln!«, fuhr der Vater hoch. »Nun mach doch den Mund auf, Tochter!«
Julia war durch diesen heftigen Ton beleidigt. So sprach der Vater sehr selten zu ihr. Sie wollte gehen. Die Mutter hielt sie am Arm fest. »Du bleibst«, sagte sie. »Bist doch aus dem Trotzalter heraus. Setz dich bitte.«
Julia setzte sich in den anderen Sessel Nach einer Weile, in der nur Vaters Räuspern und das Ticken der Uhr zu hören waren, begann sie endlich zu erzählen.
Als sie geendet hatte, ging Julias Vater zu der selbstgebastelten fahrbaren Hausbar, nahm eine Flasche Korn und ein Glas heraus.
Er setzte sich wieder und sagte: »Na, auf den Schreck muss ich mir einen genehmigen. Rohnke soll weg von euch? So plötzlich? Schließlich ist das achte Schuljahr ein entscheidendes Jahr. Ich werde ... «
»Hat es geklingelt?«, fragte Julias Mutter.
Julia hatte nichts gehört.
Sie sah an der Wohnungstür nach. Frau Saube stand davor. Sie fragte: »Sind deine Eltern jetzt zu Hause, Julia?«
»Wer ist es denn?« rief der Vater ungeduldig.
Julia führte Frau Saube in die Stube. Der Vater bot Frau Saube einen Stuhl an. Julia war wütend über die Störung. Sie hatte nun nicht erfahren, was der Vater unternehmen wollte.
»Trinken Sie ein Gläschen mit, Frau Saube?« erkundigte sich der Vater.
Frau Saube wehrte ab. Ihr dickes, runzliges Gesicht sah sehr rot aus. Sie hielt den Bogen Papier in den Händen, als wäre er sehr heiß.
»Was haben Sie denn da?«, fragte die Mutter. »Wollen Sie eine Spende?«
»Nein, nein. Es ist … Es geht um die Brauerei.«
Frau Saube stand auf, lief zum Fenster, deutete auf die zwei Schornsteine der Brauerei. »Sie verstänkern die ganze Gegend. Alle Leute aus unserem Wohnviertel schimpfen. Man kann ja überhaupt kein Fenster öffnen. Eine Zeitlang sieht man sich das ja mit an. Aber das ist doch kein Dauerzustand. Wir sind ja ohnehin nicht mit frischer Waldluft gesegnet ... «
Julias Mutter sah zu ihrem Mann. Sie sagte zögernd: »Ja, und ...? Uns gefällt dieser Zustand auch nicht. Aber mein Mann kann da auch nichts ändern. Er ist nicht die Betriebsleitung.«
»Unsinn!«, sagte Julias Vater. Er schenkte sich erneut ein. »Betriebsleitung oder nicht, das ist hier völlig egal. Wir brauchen ein neues Kesselhaus. Das ist alles fix und fertig projektiert. Jetzt fehlt uns noch die Baugenehmigung und das Geld. Der Zustand ist doch nicht von Dauer. In einem Jahr kann das schon ganz anders aussehen. Mit der Ölheizung und den neuen Filtern ist das eine ganz andere Sache. Aber sollen wir bis dahin die Produktion einstellen?«
Frau Saubes Stimme klang jetzt angriffslustig. »Wir können doch nicht Tag für Tag und Nacht für Nacht den Schmutz einatmen.«
»Himmelkreuzdonnerwetter! Es lässt sich eben nicht alles sofort regeln! Soweit sind wir nun mal noch nicht! Haben Sie denn einen Vorschlag, wie das Problem zu lösen ist?«
»Das ist wohl mehr Ihre Angelegenheit«, sagte Frau Saube kühl. »Ich habe mit meiner Arbeit, dem Haushalt und den Enkelkindern wirklich genug Sorgen.«
Julia hatte gehen wollen. Aber das Gespräch war interessant geworden. Sie hätte jetzt auch nicht zu entscheiden gewusst, wem sie recht geben könnte. In der Schule störte sie der Rauch auch. Oft mussten sie die Fenster geschlossen halten. Dann war es wieder unerträglich heiß und stickig in den Klassenzimmern.
Frau Saube legte den Bogen Papier auf den Tisch. Sie sagte: »Wir, die Hausbewohner, haben eine Unterschriftenliste angefertigt, mit der wir eine umgehende Veränderung dieses unhaltbaren Zustandes fordern. Andere Häuser haben ähnliche Listen aufgestellt.«
Sie hielt Julias Vater ihren Kugelschreiber hin. »Wenn Sie bitte unterschreiben wollen?«
Der Vater saß, den Kopf in den Händen, über den Bogen Papier gebeugt. Er las den Wortlaut und die Unterschriften immer wieder durch.
Er sagte: »Ich kann mich doch nicht gegen meinen Betrieb wenden. Ich kenne doch unsere Schwierigkeiten. Wie die Leute sich das vorstellen: baldigste Veränderung! Das ist auch unser Wunsch. Den meisten Dreck müssen wir doch schlucken, wir, die dort arbeiten.«
Er schob den Bogen Papier Frau Saube zu und sagte entschieden: »Nein. Ich kann das nicht unterschreiben! Das hieße meinem Betrieb eine unverdiente Ohrfeige geben!«
»Es ist natürlich leichter, uns, den Hausbewohnern, diese Ohrfeige zu geben!«, sagte Frau Saube. »Das hier ist doch nun wahrhaftig nicht zu viel verlangt - eine Forderung um schnelle Veränderung dieses Zustandes zu unterschreiben!«
»Sie müssen den Wortlaut schon vollständig nennen«, berichtigte Julias Vater Frau Saube. »Eine Forderung und danach gleich eine Drohung: ... denn ansonsten sehen wir uns gezwungen, bei zuständiger Stelle Beschwerde einzuleiten! Beschweren Sie sich doch! Der Staat wird nun mal nicht vom lieben Gott regiert, sondern von Menschen, die das Menschenmögliche tun können - aber nicht mehr!«
Frau Saube war aufgestanden. Sie war noch röter im Gesicht, noch zittriger waren ihre Hände. Hastig griff sie nach der Unterschriftenliste und sagte: »Julia, bring mich bitte hinaus.«
»Einen Moment noch, Frau Saube!«
Julias Mutter nahm ihr den Bogen Papier aus den Händen. Sie las das Geschriebene, sah dann ihren Mann an und sagte: »Du, Horst, ich weiß doch, dass dich der Rauch genauso stört wie alle anderen auch. Das kannst du doch unterschreiben. Vielleicht lässt sich dadurch manches schneller regeln.«
»Als ob wir nicht schon alles versucht hätten! Unterschreib du doch, wenn du es für richtig hälst!«
Julia war überrascht. Die Mutter unterschrieb tatsächlich. Was war nur in sie gefahren? Sie fiel doch damit Vater in den Rücken!
Julia brachte Frau Saube nach draußen. Dann saßen Julia und ihre Mutter in den Sesseln. Der Vater hockte auf der Liege, rauchte und trank.
Julia aß vor Aufregung die von Vater mitgebrachten Pralinen.
Sie konnte das Schweigen kaum ertragen. Draußen war es dunkel geworden. Regen schlug an die Fensterscheiben. Ein Auto hupte.
Endlich sagte der Vater: »Und ich dachte, wir machen uns einen gemütlichen Abend. Und was ist? Nichts als Theater. Ein verdammtes Trauerspiel. Die eigene Frau bohrt mir die Klinge in den Rücken!«
So ernst es ihr war; aber Julia musste doch lachen. Der Alkohol ließ Vater wie auf einer Theaterbühne sprechen.
Die Mutter setzte sich zu ihrem Mann. Sie sagte: »So darfst du das nicht sehen, Horst. Du trinkst jetzt nichts mehr. Wir sprechen morgen darüber.«
Julia dachte: Und was ist mit mir? Sie stand mit ihrem Problem nach wie vor allein. Das war aber auch ein verflixter Tag heute!
Die Mutter stellte die Flasche Schnaps in die Bar zurück. Der Vater sagte: »Da kann ich ja die drei bestellten Zirkuskarten für Sonnabend zurückgeben, wenn hier jeder nur noch macht was er will ... «
»Du schläfst dich jetzt am besten erst einmal aus«, ordnete die Mutter an. »Jetzt wirst du nämlich ungerecht, mein Alter.«
Julia ging in ihr Zimmer. Sie packte die Hausaufgaben aus. Schaltete das Radio an. Kurbelte, bis sie eine leise, beruhigende Melodie fand. Sie rechnete unlustig. Musste oft neu beginnen. Dann trieb ihre Unruhe sie noch einmal aus dem Haus.
Sie lief durch den Regen, atmete mit offenem Mund, ließ sich den Regen den Nacken hinunterlaufen. Plötzlich stand sie vor den Einfamilienhäusern zwischen den Neubauten in der Berggartenstraße. Sie ging zu dem Haus Nummer 9, klingelte an der Tür mit dem Namensschild: LIEBSCHER. Aber niemand öffnete.
Julia war froh, als sie wieder aus dem Grundstück war. Sie rannte durch den Regen nach Hause zurück.