Читать книгу Öffne dein Herz - Hanna Berghoff - Страница 7
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Оглавление»Wo kommst du denn auf einmal her?« Zenzi Brandl blickte etwas erstaunt auf ihre Cousine, die gerade den Gastraum betreten hatte.
»Ach, ich hatte Feierabend, und da dachte ich, ich trinke ein Gläschen Wein bei dir.« Jana lächelte sie ganz unschuldig an.
»Jetzt erst Feierabend?« Schnell warf Zenzi einen Blick auf die alte hölzerne Bauernuhr, die hier in der Gaststube in der Ecke stand. »Das ist aber spät. Hat dich der Junior wieder aufgehalten?« Sie unterdrückte ein Schmunzeln.
Jana rollte die Augen. »Ich habe nichts mit dem Junior. Wie oft soll ich dir das noch sagen?« Sie seufzte. »Und jedem anderen hier.«
»Er hätte aber gern was mit dir«, zog Zenzi sie weiter mit vergnügtem Blick auf, während sie ein paar der Holztische, die nicht bereits von Gästen besetzt waren, mit einer Bürste scheuerte.
»Das stimmt.« Jana setzte sich an den Tisch, der der Theke am nächsten war. Er strahlte frisch gescheuert, also war Zenzi hier schon fertig. Außerdem war es sowieso Janas Lieblingsplatz, denn von hier aus konnte sie den ganzen Gastraum überblicken. Der Tisch lag fast genau gegenüber der Eingangstür.
»Dein üblicher Silvaner?«, fragte Zenzi, während sie die Bürste auf dem Tisch liegenließ, den sie gerade bearbeitete, und zur Theke hinüberging.
Jana nickte. »Was sonst?«
»Letztens hast du ein Bier getrunken. Also muss ich ja wohl fragen.« Mit einem gutmütigen Lächeln begab Zenzi sich hinter die Theke. »Also wenn es . . . angeblich nicht der Junior war, der dich aufgehalten hat, warum kommst du dann erst jetzt von der Arbeit?« Sie nahm eine Weißweinflasche aus dem Kühlschrank. »Du solltest dich von Lehners nicht so ausnutzen lassen. Darin waren sie schon immer gut, die Großkopferten.«
»Das angeblich habe ich nicht gehört«, gab Jana nicht sehr amüsiert zurück. »Warum wollt ihr nur immer alle, dass ich den Junior heirate? Der hat jeden Tag eine andere. Das wäre doch kein Ehemann.« Sie schüttelte den Kopf. »Nur weil sie die angesehenste Familie im Dorf sind?«
»Und die reichste«, ergänzte Zenzi, während sie mit einem gutgefüllten Glas Silvaner auf Janas Tisch zukam. »Das hat schon seine Vorteile.«
»Welche?«, fragte Jana und folgte Zenzi mit ihrem Blick, bis sie das Glas vor sie hinstellte. »So schlecht ist mein Gehalt auch wieder nicht. Ich komme gut damit aus.«
»Weil du immer noch bei deiner Mutter wohnst«, hielt Zenzi dagegen. »Was wäre, wenn du Miete bezahlen müsstest und auch sonst alle Ausgaben?«
Innerlich musste Jana zugeben, dass Zenzi recht hatte. Lehners waren nicht gerade berühmt dafür, dass sie üppige Gehälter zahlten. Deshalb waren sie ja so reich. Und auch, weil sie immer schon die größten Grundbesitzer im ganzen Umkreis gewesen waren. Sie kassierten überall.
»Ich war nach Feierabend noch auf dem abgebrannten Bauernhof«, wechselte sie schnell das Thema. »Deshalb bin ich so spät.«
»Ach so. Babetts Hof.« Zenzi legte leicht den Kopf schief. »Kommt ihr gerade recht, dass er jetzt abgebrannt ist, nicht wahr?«
Fragend hob Jana die Brauen. »Wie meinst du das?« Sie zuckte die Schultern. »Ich kenne sie nicht so gut. Auf dem Hof war ich heute das erste Mal.«
»Na, du weißt doch. Diese Geschichte mit ihrer Schwester«, erklärte Zenzi. »Sie will nicht verkaufen, und der Hof gehört ihnen zusammen.«
»Ach ja.« Jana erinnerte sich und nickte. »Die Schwester lebt in München, war das nicht so?«
»Genau. Lebt da in Saus und Braus.« Zenzi grinste. »Babetts Worte. Und Babett will schon lange hier weg. Aber ohne die Einwilligung ihrer Schwester kann sie den Hof nicht verkaufen. Und die will sie ihr nicht geben. Verstehen sich nicht so gut, die beiden.«
»War das immer schon so?« Fast als würde sie ein Ritual vollführen, auf das sie sich schon lange gefreut hatte, nahm Jana einen Schluck von ihrem Silvaner und genoss das elegant-süße Bouquet mit dem nur leicht säuerlichen Einschlag. »Ihr seid doch zusammen zur Schule gegangen.« Sie schmunzelte leicht. »Davon weiß ich ja nichts. Du warst in dem Jahr mit der Schule fertig, als ich erst angefangen habe.«
»Ja, ja, du Küken . . .« Fast etwas mütterlich lächelnd schlug Zenzi spielerisch mit dem Tuch nach ihr, das sie immer noch in der Hand hielt, weil sie damit die Kondenstropfen vom Glas gewischt hatte. »Erinner mich nur immer wieder daran, wie alt ich schon bin.«
»Du bist doch nicht alt«, widersprach Jana, grinste aber leicht. »Immerhin bist du noch unter vierzig.«
»Pass bloß auf, du!« Diesmal hätte der Lappen fast getroffen, wenn Jana nicht ausgewichen wäre.
»Nun sag schon«, kam Jana lachend wieder auf das Thema zurück, das sie für dieses kleine Zwischenspiel verlassen hatten. »Was ist da los mit dem Bauernhof?« Sie sah plötzlich wieder Melanie vor sich, wie sie in den verbrannten Resten herumgestochert hatte. Für einen Moment interessierte sie der Hof und Babetts Geschichte nicht mehr so sehr.
Zenzi zuckte die Schultern. »Babett war schon immer . . . etwas Besonderes. In ihren eigenen Augen jedenfalls.« Sie rollte die Augen. »Schon zu Schulzeiten hat sie immer geprahlt. Dass sie kein Bauerntrampel wäre wie wir.« Sie schüttelte den Kopf. »Dass sie in die Stadt gehen würde, sobald sie mit der Schule fertig ist. Niemals würde sie hier auf dem Dorf alt werden und versauern.«
»Aber dann hat sie trotzdem den Hof übernommen?« Das wunderte Jana sehr, und sie hob erstaunt die Augenbrauen, während sie ihre Cousine ansah.
»Sie musste.« Zenzi ging zu dem Tisch mit der Bürste zurück, den sie verlassen hatte, um Jana ihren Wein zu bringen. »Sie war nämlich nicht besonders gut in der Schule. Im Gegensatz zu ihrer Schwester. Deshalb haben ihre Eltern alles Geld zusammengekratzt. Haben damit Elies das Abitur und dann das Studium bezahlt. Da blieb für Babett nur noch der Hof.«
»Da war sie wohl sehr sauer.« Obwohl Jana Babett nur vom Sehen und ein paar Worten beim Einkaufen kannte, konnte sie sich das sehr gut vorstellen. Schon immer hatte diese eigentlich sehr gutaussehende blonde Frau diesen verbitterten Zug um den Mund gehabt. Desto mehr, je älter sie wurde.
»Oh ja!«, bestätigte Zenzi mit einem heftigen Nicken, während sie den Tisch zu Ende schrubbte. »Das kannst du wohl laut sagen. Babett hasst Elies. Noch mehr, seit ihre Eltern bei einem Unfall gestorben sind. Und Babett den Hof nicht allein geerbt hat, sondern zusammen mit ihrer Schwester.«
»Ist das nicht auch ungerecht?«, fragte Jana. »Schließlich hat die Schwester die Ausbildung bekommen.«
»Schon wahr.« Dem stimmte Zenzi mit einem nachdenklichen Gesichtsausdruck zu. »Aber Elies war immer die Vernünftigere. Vielleicht wollten die Eltern, dass die Schwestern sich wieder versöhnen.« Sie zuckte die Schultern. »Wenn sie dann gemeinsam die Verantwortung für den Hof tragen. Dass Elies Babett unterstützen kann.« Kopfschüttelnd hielt sie inne, fuhr dann aber fort: »Oder bremsen, wenn Babett mal wieder . . .«, sie seufzte, »total abdreht.«
»Total abdreht?« Interessiert lehnte Jana sich im Wirtshausstuhl zurück.
Zenzi ging mit Bürste, Eimer und Tuch zum nächsten Tisch. »Sie hatte so ihre Momente«, erklärte sie etwas unbestimmt. »Schon in der Schule. Und ich glaube, das ist nicht besser geworden, seit sie erwachsen ist.« Bedauernd, aber durchaus auch mit etwas schadenfroh zuckenden Mundwinkeln fügte sie hinzu: »Das ist wohl so, wenn man sich für was Besseres hält. Und dann mit der Forke im Stall stehen muss.«
»He! Zenzerl! Hast uns scho’ ganz vergessen?« Einer der Gäste vom Stammtisch, der vor dem großen Kachelofen stand und immer für die Honoratioren des Dorfes reserviert wurde, hob auffordernd seinen Maßkrug an, sodass man sehen konnte, dass er leer war.
»Komm glei’.« Zenzi nickte ihm zu. »Momenterl.«
»Basst scho’«, kam es gutmütig brummend vom Stammtisch zurück, und der Bierkrug wurde wieder auf den Tisch gestellt.
»Möchtest du noch was?«, fragte Zenzi Jana, die in der Zwischenzeit nur vor sich hingeschaut hatte, ohne auf das Drumherum zu achten. »Hast du Hunger?«
Jana schüttelte den Kopf. »Die Mutter hat sicher noch was auf dem Ofen warmgehalten. Ich gehe ja gleich.«
»Scho’ recht.« Freundlich lächelnd wandte Zenzi sich von ihr ab und ging hinter den Tresen, um die Maßkrüge zu zapfen, die am Stammtisch verlangt wurden.
So alleingelassen versank Jana wieder in ihren Gedanken. Diese Babett . . . Jana war nur deshalb auf den Hof gefahren, weil Nicky ihr von Babett erzählt hatte. Über alle Maßen begeistert. Sie war tatsächlich der Meinung, sie hätte einen Engel kennengelernt. Was Zenzi eben hier erzählt hatte, klang aber nicht ganz so.
Nicky war immer begeistert. Immer wieder. Während Jana sich in dieser Beziehung sehr zurückhaltend verhielt, ging Nicky sehr offen mit ihren Gefühlen um. Sie konnte gar nicht anders. Sie war einfach so. Auch wenn alle über sie lachten, hielt sie das nicht davon ab.
Manchmal hätte Jana sich gewünscht, sie wäre so offen gewesen. Aber obwohl sie zu allen Menschen nett und freundlich war – sogar dann, wenn sie es gar nicht verdient hatten –, hielt sie ihr Innerstes doch verschlossen. Dass Nicky sich ständig in eine neue Frau verliebte, fand sie manchmal lustig, manchmal auch anstrengend. In letzter Zeit jedoch eher besorgniserregend. Besonders seit ihrem Gespräch heute Mittag.
So wie Zenzi mit Babett zusammen zur Schule gegangen war, war Jana mit Nicky zusammen zur Schule gegangen. Das bedeutete, Babett war erheblich älter als Nicky. Das war bisher eigentlich nicht Nickys Vorliebe gewesen. Ihre Kurzzeitfreundinnen waren genauso jung wie sie, oft sogar noch jünger, weil Nicky selbst auch nicht gerade wie zweiundzwanzig wirkte. Da hätte man manchmal noch mindestens fünf Jahre abziehen können, wenn man sie so erlebte. Wenn nicht mehr.
Babett hatte Nicky jedoch anscheinend regelrecht vom Hocker gehauen, trotz des Altersunterschieds. Im Gegensatz zu sonst war Babett wohl auch die treibende Kraft gewesen, dass sie sich näher kennengelernt hatten. Genauso wie Jana hatte auch Nicky Babett vorher nur vom Sehen gekannt. Vor allem gerade auch der Altersunterschied hatte dafür gesorgt, dass sie nicht in denselben Kreisen verkehrten. Weil sie nicht dieselben Interessen hatten. Hatte sich das auf einmal geändert?
Die ganze Geschichte, die Nicky Jana beim Mittagessen erzählt hatte, klang sehr seltsam. Babett hatte in der Drogerie eingekauft, in der Nicky arbeitete, und deutliches Interesse an ihr gezeigt. Bei Nicky musste man sich nicht fragen, ob sie auf Frauen stand, jeder wusste es. Das war sonst auf den Dörfern hier nicht so üblich, aber mit der Zeit hatten die Leute es akzeptiert. Sich irgendwie daran gewöhnt, ohne sich noch daran zu stören.
Oder sie hielten es nur für eine ›Phase‹, weil Nicky noch so jung war und in ihrer jugendlichen Begeisterung immer wieder übers Ziel hinausschoss. Begeisterung für alles, nicht nur für Frauen. Sie wurde als verrücktes Huhn betrachtet, und da ließ selbst die altertümliche Dorfmoral einmal fünfe gerade sein.
Es gab sogar Leute, die Jana dafür bedauerten, dass sie mit Nicky befreundet war und so oft ihre Zeit mit ihr verbringen musste, weil Nicky manchmal wie eine Klette an ihr hing. Die meisten waren jedoch wohl froh, dass sie sich nicht mit Nicky abgeben mussten, und überließen diese Aufgabe gern Jana. Nicky war der Hofnarr und Jana so etwas wie ihre Gouvernante.
Dass Jana auch auf Frauen stehen könnte, war bisher noch niemandem in den Sinn gekommen, denn sie ging nicht damit hausieren wie Nicky. Wenn Lehner-Junior hinter ihr her war, empfand sie das manchmal zwar nicht als sehr angenehm, auf der anderen Seite jedoch als eine gute Fassade, hinter der sie sich verstecken konnte.
Denn im Gegensatz zu Nicky hatte sie nicht den Vorteil, dass man sie als Hofnarr betrachtete, dem man alles durchgehen ließ. Viele junge Männer im Dorf wären wahrscheinlich sehr enttäuscht gewesen, wenn sie erfahren hätten, dass Jana nicht für sie zur Verfügung stand, und man wusste nie, was das auf einem Dorf bewirken konnte.
So war der Junior ihre Tarnung. Solange der einflussreichste Junggeselle im Dorf scheinbar fast so etwas wie mit ihr liiert war, ließen die anderen sie in Ruhe.
Nur dass er sich mit dem fast wohl nicht mehr sehr lange zufriedengeben würde. Und auch nicht mit dem scheinbar. Obwohl viele im Dorf Jana dafür bewunderten, wie standhaft sie war und ihr das auch immer wieder sagten, lag manchmal zugleich so etwas wie Erstaunen in dieser Bewunderung. Sogar Unverständnis.
Denn Janas Zurückhaltung war heutzutage doch schon eine große Ausnahme. Früher hatte man immer vorausgesetzt, dass es keinen Sex vor der Ehe geben durfte. Dass die Frau als Jungfrau in die Ehe gehen musste. Doch in der Hinsicht hatte auch auf dem Land mittlerweile die moderne Zeit Einzug gehalten.
Und außerdem war es sowieso nie so gewesen. Sonst hätte es die vielen Sechs-, Fünf- oder sogar Dreimonatskinder wohl kaum gegeben, die schon immer gang und gäbe gewesen waren. Gerade für einen Bauern, der einen Hof zu vererben hatte, war es wichtig, dass seine Frau ihm diesen Erben schenken konnte. Also versicherte er sich da oft bereits im Voraus, dass sie fruchtbar war.
Da hatte immer schon ein breiter Graben zwischen moralischem Anspruch und der Praxis gelegen. Nur hatte das niemand zugeben wollen. Und wenn eine Frau schwanger wurde, die dann nicht das Glück hatte, vom Kindesvater auch geheiratet zu werden, hatte sie den Schwarzen Peter. Deshalb hatte es früher schon aus dem Grund mehr Jungfrauen gegeben als heute, wenn auch nicht so viele, wie behauptet wurde.
Doch obwohl viele im Dorf Jana vielleicht tatsächlich noch für eine Jungfrau hielten, weil sie dem Junior so widerstand, entsprach das auch bei ihr schon lange nicht mehr den Tatsachen. Wenn auch nicht so, wie die meisten es wahrscheinlich erwartet hätten.
Als attraktives Mädchen, das sie nun einmal gewesen war, waren schon in der Schulzeit immer viele Verehrer um Jana herumgeschwirrt. Für die sie sich nicht interessiert hatte. Was das Vorrecht eines schönen Mädchens war. Sie hatte die Wahl.
Dann jedoch im letzten Schuljahr war Ritva gekommen. Ritvas Mutter war Finnin, und deshalb war Ritva so blond, wie man nur sein konnte. Die Haare hingen ihr golden strahlend bis auf den Rücken hinunter. Ihr Vater war irgendeine Art Ingenieur, der für eine gewisse Zeit hier beim Brückenbau zu tun gehabt hatte. Von vornherein war klargewesen, dass Ritva nicht bleiben würde. Nur so lange, bis die Brücke fertig war, die ihr Vater mitbaute.
Vielleicht hatte auch das zu Janas Interesse an Ritva beigetragen. Oder einfach die Tatsache, dass Ritvas Anblick, als sie zum ersten Mal in die Klasse kam, Jana glattweg umgehauen hatte.
Ihr Herz schlug schneller, ihr brach fast der Schweiß aus, und als Ritvas blaue Augen zu ihr herüberschwenkten, hatte sie sogar Schwindel erfasst. Als ob sie das bemerkt hätte, hatte Ritva leicht gelächelt.
Dieses Lächeln hatte Jana dann endgültig fast vom Stuhl kippen lassen. Noch nie zuvor hatte sie so etwas gespürt. Dieses heiße Brennen in ihren Wangen, diese unkontrollierbaren Wellen, die ihren ganzen Körper zu überfluten schienen, dieses nur noch atemlos rasende Herz, das ihr fast aus der Brust sprang.
Sie wusste absolut nicht, wie ihr geschah, doch Ritva schien es zu wissen, denn sie lächelte noch mehr, als sie sich auf den leeren Platz neben Jana setzte und sie damit fast aus dem Klassenzimmer trieb.
Aber sie konnte natürlich nicht gehen. Sie musste sitzen bleiben. Die Beherrschung, die ihr das abverlangte, war übermenschlich, unmenschlich sogar, wenn man es auf einer Skala der Tortur betrachtete, die man einem Menschen überhaupt zufügen konnte.
Und trotzdem war es ein herrliches Gefühl. Ein berauschendes Gefühl. Ein Gefühl, als wäre sie plötzlich aus dem Ei geschlüpft wie ein Küken, das zum ersten Mal seine Flügel spreizen konnte, oder aus einem Kokon, in dem ein Schmetterling versteckt gewesen war, der sich jetzt in die Lüfte erhob.
Ritva war im Gegensatz zu Jana keine Jungfrau mehr. Sie hatte schon Erfahrung. Und schnell merkte Jana, dass Ritvas skandinavisches Erbe ihr eine Freiheit und Unbeschwertheit verlieh, die in einem bayrischen Dorf eher ungewöhnlich waren. Da Janas Lehrerin sie dann auch noch darum bat, Ritva doch bitte auf den Stand der Klasse zu bringen, saßen sie nicht nur in der Schule nebeneinander, sondern verbrachten auch ab dem ersten Tag jeden Nachmittag miteinander, um Hausaufgaben zu machen. Und das hatte Folgen.
Ob sie sich ganz von allein getraut hätte, Ritva anzusprechen, wusste Jana nicht, aber darüber musste sie sich auch keine Gedanken machen, denn Ritva hatte damit absolut keine Probleme. Nicht nur, dass sie allein schon dadurch, dass sie nebeneinander saßen, in gewisser Weise dazu gezwungen waren, miteinander zu sprechen, Ritva ließ auch sehr schnell keinen Zweifel daran, dass sie darüber hinaus Interesse an Jana hatte. Obwohl sie beide fünfzehn Jahre alt waren, hatte Jana das Gefühl, Ritva wäre viel älter als sie.
Ritvas Eltern hatten für die Zeit, in der Ritvas Vater an der Brücke arbeitete, ein umgebautes altes Bauernhaus im nächsten Dorf gemietet. Da das Haus, in dem Jana und ihre Mutter wohnten, sehr viel näher an der Schule lag, ergab es sich fast von selbst, dass Ritva und sie dort zusammen Hausaufgaben machten. Nach der Schule gingen sie gemeinsam nach Hause wie Schwestern, und Janas Mutter freute sich, nun zwei Kinder zu haben, die sie bekochen konnte. Ritva war von der deftigen bayrischen Küche begeistert und bedankte sich immer wieder überschwänglich dafür, sodass Janas Mutter oft ungläubig lachte, denn so etwas war sie nicht gewöhnt.
Janas Vater war bereits gestorben, als sie acht Jahre alt gewesen war. Ihre Mutter hatte nie wieder geheiratet. Obwohl Jana sehr an ihrem Vater gehangen hatte, hatte sie sich langsam daran gewöhnt, mit ihrer Mutter allein zu sein. Ihre Mutter arbeitete als Bürokraft in einem Teppichbodenmarkt und kam zum Mittagessen immer nach Hause. Danach ging sie wieder zur Arbeit. So waren Ritva und Jana nachmittags allein.
Am dritten Tag hatte Ritva Jana dann mitten bei den Mathe-Hausaufgaben geküsst. Mathe war sowieso nicht so Ritvas Ding, während Jana immer gern mit Zahlen herumspielte. Das machte ihr Spaß und da fühlte sie sich sicher.
Gar nicht sicher fühlte sie sich jedoch bei diesem Kuss, der so überraschend für sie kam. Zuerst wusste sie überhaupt nicht, was sie tun sollte. Die heißen Wellen kehrten zurück, nachdem sie zuvor versucht hatte, ihr Herz nicht so laut klopfen zu lassen, dass Ritva es hören konnte. Sie hatte sich auf die Matheaufgabe konzentriert, um sich davon abzulenken.
Ritva konzentrierte sich nur ungern auf Mathe, und so hatten ihre Augen ständig an Janas Lippen gehangen, während sie ihr etwas erklärte. Irgendwann hatte sie diesen Lippen wohl nicht mehr widerstehen können. Oder vielleicht wollte sie sich auch einfach nur nicht mehr mit Mathe beschäftigen. Das hatte Jana nie herausgefunden.
Die Erfahrung, die Ritva Jana voraushatte, hatte Jana gar keine Chance gelassen, darüber nachzudenken, was dann an diesem Nachmittag geschah. Und außerdem war sie zum Denken sowieso nicht mehr in der Lage gewesen. Sie hätte keine Matheaufgabe mehr lösen können, selbst wenn sie das gewollt hätte.
Das kam ihr jedoch überhaupt nicht in den Sinn. Ritvas Lippen und Ritvas Hände waren alles, woran sie noch dachte. An diesem Nachmittag wurden keine Hausaufgaben mehr gemacht, und erst als sie ihre Mutter von der Arbeit nach Hause kommen hörten, zogen sie sich wieder an.
Jana musste lächeln, als sie sich daran erinnerte, wie hastig das vonstattengegangen war. Denn erst nachdem sich der Hausschlüssel ihrer Mutter im Schloss gedreht hatte, hatten sie mitbekommen, dass es schon so spät war. Die Zeit war wie im Flug vergangen. Hätte man Jana gefragt, hätte sie wahrscheinlich gesagt, es wären nur ein paar Minuten gewesen statt der Stunden, die sie in Wirklichkeit mit ihren Zärtlichkeiten verbracht hatten.
Dieses erste Mal würde sie nie vergessen. Beinah spürte sie Ritvas Lippen wieder auf ihren, und sie wäre sich fast selbst mit der Zungenspitze darübergefahren, weil es auf einmal so kribbelte.
»Guten Abend, Frau Tieck«, hörte sie Zenzis Stimme wie durch eine Nebelwand.
Die plötzlich aufriss, als Jana bewusst wurde, dass sie diesen Namen heute schon einmal gehört hatte.
»Guten Abend«, antwortete Melanies Stimme, bevor sich die Nebel vor Janas Augen lichteten und sie sie richtig erkennen konnte.
Es waren nur die Erinnerungen an Ritva, die ihr Herz so einen kleinen Satz machen ließen, oder? Sie war noch nicht ganz wieder aus der Vergangenheit zurückgekehrt. Ihre Augen öffneten sich weiter als beabsichtigt, weil sie den Schleier der Erinnerung abstreifen wollte.
Da der Tisch, an dem Jana saß, der Eingangstür genau gegenüberlag, gab es nur eine kleine Verzögerung, bevor auch Melanie sie entdeckte, als ihr Blick von Zenzi zurückschwenkte. Sie schien kurz zu stutzen, dann nickte sie Jana knapp zu.
»Was möchten Sie trinken?«, fragte Zenzi im gleichen Moment freundlich und ging mit zwei Maßkrügen in den Händen, die für den Stammtisch bestimmt waren, auf Melanie zu.
Fast wie entsetzt starrte Melanie auf die überdimensionalen Krüge.
»Das müssen Sie nicht trinken.« Jana lachte und hob ihr eigenes Glas an. »Es gibt auch Wein.«
»Ich . . .« Melanie räusperte sich. »Ich mag Bier. Nur vielleicht in einem etwas kleineren Glas?« Sie blickte Zenzi leicht unsicher fragend an.
Sie ist süß, dachte Jana. Sie will es nicht sein, aber sie ist es.
»Ein Pils?«, fragte Zenzi, die die Maßkrüge mit einer solch selbstverständlichen Kraft stemmte, dass es aussah, als hielte sie nur leichte Hanteln. Sie brauchte kein Fitnessstudio, um zu trainieren. Das tat sie schon bei der täglichen Arbeit.
»Gern.« Melanie nickte. Ihr Blick wanderte wieder zu Jana hinüber.
Mutter wartet mit dem Essen auf mich, dachte Jana. Ich sollte gehen.
Dennoch blieb sie sitzen. Gleichzeitig fiel ihr auf, dass Melanies Haar fast so blond war wie Ritvas. Nicht ganz, und es war viel kürzer, beinah wie ein Igel.
Sie wusste, dass solche Haare wunderbar kitzeln konnten, wenn man darüberstrich. Ihre Brustwarzen richteten sich auf.
Doch nicht jetzt! Unwillkürlich hätte sie fast an sich hinuntergeschaut, aber im letzten Moment hielt sie sich zurück. Auf jeden Fall war sie froh, dass sie keine enganliegende Bluse trug.
Sie sah, dass Melanies Blick immer noch auf ihr ruhte, und fragte sich, ob sie etwas bemerkt hatte. Ein verdächtiges Kribbeln sammelte sich auf ihren Wangen. Sie würde jetzt doch wohl nicht rot werden? Bitte, bitte nicht.
Melanie schien immer noch zu zögern und sah sie nur an. Traute sie sich etwa nicht, zu Jana an den Tisch zu kommen? Oder wollte sie es nicht?
»Kennt ihr euch schon?«, fragte Zenzi da völlig unbeeindruckt von all dem, was gerade hier durch den Raum schwebte, und ließ ihren Blick zwischen Melanie und Jana hin- und herschwenken.
»Ähm . . . Nein . . . Ja . . .«, stammelte Melanie völlig überrumpelt, während Jana nur schluckte.
Zenzi war einfach gut darin, Gesichtsausdrücke von Menschen zu deuten. Das half ihr bei ihrer Arbeit hier in der Gaststube sehr. Vor allem, wenn sie mit Betrunkenen zu tun hatte, bei denen sie einschätzen musste, ob sie gleich das ganze Mobiliar zerschlagen würden oder sie sie dazu bringen konnte, friedlich nach Hause zu gehen.
»Dann setzen Sie sich doch einfach zu Jana«, schlug Zenzi ganz locker vor, während sie das Bier weiter zum Stammtisch trug. »Ich bringe Ihnen dann gleich Ihr Pils.« Sie setzte die Maßkrüge mit einem dumpfen Geräusch auf dem Tisch ab.
Schulterzuckend verzog Jana das Gesicht und wies mit einer Hand auf einen der Stühle an ihrem Tisch, während sie Melanie ansah. Das musste genügen, denn zum Sprechen fühlte sie sich immer noch nicht in der Lage. Ihre Kehle war wie zugeschnürt.
Komisch. Vorhin auf dem Bauernhof war das nicht so gewesen. Da hatte sie sich sogar recht sicher gefühlt. Sicher genug, um ein bisschen mit Melanie herumzuspielen, fast mit ihr zu flirten. War es die Erinnerung an Ritva, die sie jetzt so verstummen ließ? Melanies blondes Haar hatte sie wohl an mehr erinnert, als an was sie erinnert werden wollte. Sie seufzte innerlich, aber nun hatte sie Melanie schon an ihren Tisch eingeladen, das konnte sie nicht mehr rückgängig machen.
Denn Melanie folgte der Einladung bereits, trat an ihren Tisch und legte eine Hand auf die Lehne des Holzstuhls. »Das ist ja merkwürdig, dass wir uns hier treffen«, sagte sie, zog den Stuhl zurück und setzte sich Jana gegenüber.
Nun musste Jana doch schmunzeln. »Nicht so merkwürdig, wenn man bedenkt, dass Sie hier wohnen und Zenzi meine Cousine ist«, gab sie zurück.
Melanie nickte. »Da haben Sie wohl recht. Ich wusste nur nicht, dass Sie Ihre Abende auch hier verbringen.«
»Tue ich nicht.« Jana schüttelte den Kopf. »Ich hatte nur Lust auf ein Glas Silvaner, und zu Hause habe ich keinen Alkohol. Meine Mutter trinkt keinen, und wenn wir nicht gerade Gäste erwarten, gibt es nur alkoholfreie Getränke im Schrank.«
»Und das in einem Bierland wie Bayern?«, fragte Melanie etwas neckend.
»Das heißt ja nicht, dass wir alle ständig einen Maßkrug nach dem anderen leeren müssen«, verteidigte Jana sich und schaute kurz zum Stammtisch hinüber.
»Natürlich nicht.« Melanie wirkte immer noch etwas verlegen, wie auch zuvor schon, als sie so herumgestammelt hatte. Was gar nicht zu ihr passte.
Aber Jana erinnerte sich, auch auf dem Bauernhof hatte Melanie da schon so ihre Momente gehabt. Und Jana wusste auch ganz genau, warum. Sie hatte die Spannung zwischen ihnen beiden gespürt.
Stand Melanie auf Frauen, oder war es nur ihre Aufgabe hier, die sie Jana vielleicht sogar misstrauisch betrachten ließ? Dachte sie, sie hätte den Bauernhof in Brand gesteckt?
Was sonst konnte eine Versicherungsdetektivin hier wollen? Sie untersuchte, ob Babetts Anspruch, die Versicherung ausgezahlt zu bekommen, gerechtfertigt war.
Nach allem, was Nicky erzählt hatte, war Jana da selbst etwas misstrauisch. Aber das würde sie Melanie bestimmt nicht sagen.
»Es gibt Leberknödelsuppe zum Nachtessen heute für unsere Pensionsgäste«, verkündete Zenzi in diesem Moment, während sie einen Bierdeckel vor Melanie auf den Tisch legte und ein Pilsglas daraufstellte. »Oder möchten Sie etwas anderes? Sie sind ja nicht von hier.« Fragend blickte sie Melanie an.
Für einen Moment schien Melanie etwas verdutzt.
Jana konnte sich nicht zurückhalten, weil bei Melanies leicht überfordertem Anblick regelrechtes Vergnügen in ihr aufstieg und die zuvor etwas nachdenkliche Stimmung vertrieb. Fast schon lachend sagte sie: »Haben Sie schon einmal Leberknödel gegessen?«
»Nein.« Melanie schüttelte den Kopf. »Noch nie.«
»Aber Sie sind nicht eine von diesen . . .«, Zenzis Stirn runzelte sich heftig, während sie über das Wort nachdachte, »Veschanen aus der Stadt, oder?«, erkundigte sie sich besorgt. »Tut mir leid. Ich habe gar nicht gefragt.« Sie zuckte die Schultern. »Ist bei uns nicht so üblich.«
Diesmal schlich sich ein Schmunzeln auf Melanies Gesicht, als sie erneut verneinte. »Ich bin keine Veganerin. Nur Leberknödel kenne ich nicht. Das ist doch sehr . . . süddeutsch.«
»Ja, gewiss.« Zenzi nickte. »Deshalb können Sie auch etwas anderes aus unserer Karte haben, wenn Sie möchten.« Sie wollte schon zur Theke gehen, um eine Karte zu holen.
»Nein, nein.« Schnell hob Melanie eine Hand, um sie aufzuhalten. »Sie müssen jetzt nichts Spezielles für mich machen. Ich probiere gern die Leberknödelsuppe. Man soll immer offen für Neues sein.« Ihre Mundwinkel zuckten.
Jana beobachtete Melanie während dieser kleinen Unterhaltung mit Zenzi interessiert. Sie schien jetzt wesentlich entspannter zu sein als noch auf dem Bauernhof. Überhaupt schien Zenzi sie deutlich mehr zu entspannen als Jana.
Doch Jana wusste immer noch nicht, worauf das hindeutete. Sie hatte da ganz eindeutig etwas gespürt, eine Art Interesse. Melanies Blicke hatten sich kaum von ihr abwenden können. Aber war es wirklich das, was sie vermutete?
Innerlich seufzte sie. Auf jeden Fall würde es passen. Hier im Ort hatte sie außer Ritva damals noch nie eine Freundin gefunden. Es waren immer Frauen von außerhalb gewesen. Die dann wieder weggingen. So wie Melanie weggehen würde. Fühlte sie sich deshalb so zu ihr hingezogen? Weil es in ihr übliches Muster passte?
Nur hatte sie sich dieses Muster nicht ausgesucht. Das erste Mal, als sie nach München gefahren war, um dort in ein Frauenlokal zu gehen, hatte sie tatsächlich noch gehofft, jemanden für eine richtige Beziehung kennenzulernen. Und sie hatte auch eine Frau kennengelernt. Aber obwohl es nicht so weit bis München war, war es doch nur eine Fernbeziehung gewesen. Und die hatte nicht gehalten.
Die nächste Frau war wie Melanie ins Dorf gekommen. Doch nicht, um hier irgendetwas zu untersuchen oder zu arbeiten, sondern um Urlaub zu machen. Und das war es dann für sie wohl auch mit Jana nur gewesen: ein Urlaub. Das Ganze hatte gerade so lange gedauert, wie auch der Urlaub von Sibylle dauerte, drei Wochen.
Obwohl das nicht das war, was Jana wollte, wusste sie nicht, wie sie es anders machen sollte. Die einzige andere Frau hier, von der sie wusste, dass sie auf Frauen stand, war Nicky. Und Nicky war zwar ihre beste Freundin, aber für mehr kam sie nicht in Frage.
Also blieb ihr nur übrig, entweder selbst irgendwohin zu fahren, wo sie jemanden kennenlernen konnte, oder dass jemand hierherkam. Was sollte sie machen? Aber langsam kam sie sich schon vor wie einer von diesen Skilehrern – oder vielleicht auch Skilehrerinnen –, die während der Saison ein Gspusi nach dem anderen hatten und keinem eine Träne nachweinten.
So war es für sie jedoch nicht. Auch nach kurzer Zeit war der Trennungsschmerz jedes Mal sehr groß. Insbesondere wenn sie sich verliebt hatte. Bei Sibylle war das sehr schlimm gewesen. Deshalb hätte sie solche Erfahrungen in Zukunft lieber vermieden.
Während Melanie noch zur Theke blickte, hinter der Zenzi in die Küche verschwunden war, musterte Jana sie eindringlich. Sie wollte sich nicht mehr auf solche kurzen Sachen einlassen. Sie konnte das einfach nicht. In ihrem Herzen wünschte sie sich eine Frau, mit der sie auf lange Zeit zusammenbleiben konnte, für immer am liebsten. Nicht nur für eine Nacht oder ein paar Wochen.
»Ich komme Ihnen wohl sehr merkwürdig vor«, bemerkte Melanie in diesem Moment.
Jana zuckte fast etwas zusammen. Obwohl sie Melanie betrachtet hatte, waren ihre Gedanken so abgeschweift, dass sie überhaupt nicht damit gerechnet hatte, dass sie sie ansprechen könnte. Sie räusperte sich. »Nein, gar nicht«, widersprach sie. »Warum sollten Sie das?«
Melanies Mundwinkel zuckten. »Weil ich nicht von hier bin. Das haben Sie schon erwähnt, als wir uns das erste Mal auf dem Bauernhof getroffen haben. Und Ihre Cousine jetzt wieder. Es scheint hier etwas sehr Ungewöhnliches zu sein.«
»Wie Sie vielleicht schon bemerkt haben, ist das hier ein Dorf. Auch wenn es sich große Kreisstadt nennt.« Jana konnte auch ihre Mundwinkel nicht von einer ähnlichen Bewegung wie bei denen von Melanie abhalten. »Es kommen in der Saison eine ganze Menge Touristen hierher, aber die Leute, die ständig hier wohnen, sind nicht so viele. Wir kennen uns alle. Und jeder, der nur für kurze Zeit hierherkommt, ist ein Fremder.«
Ein nachdenkliches Nicken ließ Melanies Kopf etwas auf und ab wippen. »Ich muss aber ein paar Leute befragen. Denken Sie denn, die werden überhaupt mit mir reden? Wo ich ihnen so fremd bin?«
Jana überlegte kurz und schürzte dabei ihre Lippen. »Wie gesagt, wir sind hier Touristen gewöhnt«, meinte sie mit gerunzelter Stirn. »Aber die führen normalerweise natürlich keine Befragungen durch.«
Fast etwas amüsiert lachte Melanie auf. »Das ist nicht gerade eine direkte Antwort.«
»Eine bessere kann ich Ihnen nicht geben.« Ebenfalls leicht amüsiert schüttelte Jana den Kopf. »Ich stecke auch nicht in meinen Nachbarn drin.«
»Sie würden nicht vielleicht . . .« Melanie brach ab und räusperte sich. »Sie können sich nicht vielleicht vorstellen, mir bei den Befragungen zu helfen? Sie sind von hier und wahrscheinlich mit dem halben Dorf verwandt. Sie sind keine Fremde. Da werden die Leute vielleicht offener.«
Das war für Jana eine etwas überraschende Bitte. Damit hatte sie nicht gerechnet. Und sie wusste nicht sofort, was sie darauf antworten sollte. »Ähm . . . Ich arbeite den ganzen Tag«, erwiderte sie zögernd.
Gleichzeitig raste so etwas wie ein Hochgeschwindigkeitszug durch ihre Brust. Was hatte diese Bitte von Melanie zu bedeuten? Ging es ihr nur um die Arbeit, oder ging es ihr darum, mehr Zeit mit Jana zu verbringen? Jana jagte allein die Vorstellung, dass sie dann vielleicht stundenlang mit Melanie zusammen sein würde, heiße Schauer den Rücken hinunter.
»Entschuldigung.« Melanie hob die Hände und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. »Das ist zu viel verlangt. Ich möchte hier nur so schnell wie möglich fertig werden.« Sie warf kurz einen Blick zum Stammtisch hinüber, an dem die Honoratioren der Stadt saßen und ihre Maßkrüge leerten. »Wie Sie schon selbst festgestellt haben, ist das hier nicht ganz meine Welt.«
Wir sind ihr nicht gut genug, dachte Jana. Sie hält uns alle für Dorfdeppen, mich wahrscheinlich eingeschlossen. Ihre Stimmung sank auf den Nullpunkt. »Nein, das ist sie wohl nicht«, stimmte sie kühl zu.
Die heißen Schauer verflüchtigten sich.
Diese eingebildete Stadtpomeranze hatte nicht das geringste Interesse an ihr.
Das hatte sie sich nur eingebildet.