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Stadt in Angst Peter Fritz

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Zwei kurze, dumpfe Schläge. Ich höre sie sehr deutlich. Mit dem linken Ohr. Am rechten Ohr habe ich das Handy. Ich telefoniere, durch die weihnachtlich beleuchtete Altstadt von Straßburg flanierend, mit Bea, meiner Frau, in Wien. Ich denke mir in diesem Moment nicht viel dabei. Es hat für mein Ohr nicht nach Schüssen geklungen, eher nach harmlosen Böllern. Dann sehe ich Menschen auf mich zulaufen. „Schnell weg“, rufen sie. Noch immer will ich nichts wahrhaben von der Panik, die sich rundherum aufbaut. „Jetzt rennen die alle so nervös herum. Dabei war das sicher eine ganz harmlose Sache“, sage ich zu Bea noch, dann setze ich meinen Weg fort. Ich bin zum Essen verabredet, mit einer bunten Runde aus Medien und Politik, wie sie sich in Straßburg dutzendweise zu versammeln pflegen, wenn das Europäische Parlament dort tagt. Es ist der Abend des 11. Dezember 2018, kurz vor 20 Uhr.

Ich gehe weiter, bin aber rasch der Einzige in meiner engen Gasse. Ein hohes, durchdringendes Geräusch dringt an mein Ohr. Na bitte, denke ich mir. Wahrscheinlich eine Alarmanlage mit Fehlauslösung, was soll’s. Aber dann, zwei Ecken weiter, ist es mit dem Flanieren und der fest eingebildeten Harmlosigkeit vorbei. Das laute Geräusch ist ein durchdringender Schmerzensschrei, ausgestoßen von einer Frau, die die schlimmsten Minuten ihres Lebens erlebt. Vor ihr, mitten auf dem groben Altstadtpflaster, liegt regungslos ein großer, auffallend gut gekleideter Mann. Ich sehe auf den ersten Blick das Blut, das ihm aus dem Hinterkopf gesickert ist, und ich weiß nur eines: Das wird jetzt sehr, sehr ernst. Zwei Passanten kümmern sich schon um ihn, versuchen, Erste Hilfe zu leisten. Ich mache mit, so gut es geht. Die Haut des Mannes vor mir ist rosig, er wirkt unversehrt bis auf seine tiefe Wunde. Aber er ist zu keiner Lebensäußerung mehr fähig, Atmung und Herz stehen still. Ein paar Männer erscheinen, rufen laut: „Bringt ihn weg von hier!“ Noch komme ich nicht zum Nachdenken, aber nehme später an, dass die Männer Polizisten in Zivil waren, die das Opfer und auch uns, die Helfer, aus der Schusslinie bringen wollten. Denn was wir noch nicht wissen, das weiß die Polizei in dieser Minute schon genauer. Es handelt sich um ein Szenario mit mehreren Schauplätzen, mit mindestens einem Täter, der in der Altstadt um sich schießt und noch nicht gefasst ist. Wir tragen den Schwerverletzten mit vereinten Kräften zehn Meter weiter, in den Eingangsbereich des Restaurants „Au Pont Saint Martin“. Dort, in einem engen Durchgang des alten Fachwerkhauses, machen wir weiter mit unseren Erste-Hilfe-Versuchen, so gut es geht. Unter den Gästen des Lokals sind zwei Frauen aus Deutschland, offenbar medizinisch geschult und erfahren. Sie sind aus dem ersten Stock des Lokals heruntergekommen und übernehmen die Regie. Auch ihnen fällt auf, wie lebendig der Mann noch wirkt. Aber schon einige Minuten später wird immer deutlicher, wie vergeblich unsere Bemühungen sind. Die letzten Spuren des Lebens weichen aus seinem Gesicht, das sich rasch ins Blaue verfärbt. Und seine Frau, unverletzt, aber extrem getroffen, sitzt eineinhalb Meter weiter auf einem Sessel und bekommt, halb gelähmt vor Schock, mit, wie jede Hoffnung für ihren Mann zu schwinden beginnt.

Unterdessen sind schwer bewaffnete Polizisten anmarschiert, stehen Posten im engen Eingangsraum des Restaurants. „Wo bleibt denn die Rettung?“, schreie ich einen von ihnen an. Die zehn Minuten, die wir schon hier sind, fühlen sich an wie eine Ewigkeit. Aber er entgegnet kühl, es müsse zuerst einmal der „périmètre“ gesichert werden. Keine ärztliche Hilfe, keine Sanitäter. Außer der Hilfe, die wir zufällig Anwesenden leisten können, gibt es nichts. Später erfahre ich von einer sachkundigen Notärztin aus Tirol, dass das überall auf der Welt so gehandhabt wird. In eine „Rote Zone“ fährt kein Rettungsfahrzeug ein. Zu groß wäre die Gefahr, dass auch die professionell Helfenden zu Opfern werden. Es dauert fast zwei Stunden, bis ein Arzt erscheint. Für den 45-jährigen Anupong Suebsaman kann er nichts mehr tun. Er ist der Mann, dem wir nicht mehr helfen können. In Thailand besitzt er eine Nudelfabrik. Es ist der erste Tag der Europareise, die er mit seiner Frau Naiyana angetreten hatte. Und der Weihnachtsmarkt in Straßburg war nicht das ursprüngliche Ziel der Reise gewesen. Eigentlich wollten die beiden nach Paris. Aber die Lage war ihnen zu unsicher erschienen. Es tobten dort gerade die Proteste der „Gelbwesten“-Bewegung, begleitet von gewalttätigen Ausschreitungen. Daher also Straßburg. Wenige Stunden nach der Ankunft ist Anupong Suebsaman tot, und seine Frau wird gegen 22 Uhr von der mittlerweile erschienenen Rettung abgeholt. Der Arzt hat sie in eine Art psychiatrische Intensivstation eingewiesen.

Vollbesetzte Tische im Restaurant, Menschen, die nur stumm vor sich hinstarren können. Wer auf die Toilette muss, der muss mit einem weiten Grätschschritt über den am Boden liegenden Toten hinweg. Anders geht es nicht in diesem engen Altstadthaus.

Unterdessen habe ich versucht, mir per Handy ein Bild vom Geschehen zu machen. Auf Twitter kursieren Meldungen aller Art, nicht alle davon wirklich vertrauenswürdig. Aber es wird rasch deutlich, dass das hier ein Angriff war, der eine größere Zahl von Opfern gefordert hat. Und es gibt auch erste Hinweise auf die Motivation. „Allahu akbar!“ soll der Täter gerufen haben, Gott ist groß. Ich gebe per Handy erste Berichte für das Radio und für die ZiB2 durch, schildere in erster Linie das, was ich selbst miterlebt habe. In der Wiener ORF-Zentrale sind auch schon Meldungen und Bildmaterial eingetroffen, aus denen deutlich wird: Hier hat jemand zum Massenmord angesetzt.

Noch ist völlig unklar, ob es mehrere Täter gibt, ob die Gefahr noch weiter besteht. Gegen Mitternacht dürfen wir das Restaurant „Au Pont Saint Martin“ verlassen. Ich erfahre noch per Rundruf, dass alle, mit denen ich mich eigentlich für diesen Abend verabredet hatte, wohlauf sind. Und ich nehme dankend das Angebot des ORF an, am nächsten Tag Verstärkung zu bekommen. Unsere Paris-Korrespondentin Eva Twaroch reist an, hilfsbereit und kollegial wie immer.

Reporter sind normalerweise nicht sehr erpicht darauf, selbst Teil der Story zu werden, die sie in die Welt setzen. Aber in diesem Fall geht es nicht anders. Ich muss am nächsten Tag Auftritte und Interviews für viele Sender absolvieren, muss immer wieder schildern, was ich gesehen und erlebt habe. Und am Abend gehen wir aus reinem Trotz zum Essen ins Restaurant „Zuem Strissel“, wo wir eigentlich tags zuvor hinwollten. Es wird meine letzte Begegnung mit Eva Twaroch sein. Drei Wochen später stirbt sie völlig überraschend allein an ihrem Arbeitsplatz in Paris. Eine Gehirnblutung. Niemand kann etwas für sie tun.

Zwei Tage nach der Tat wird der 29-jährige Chérif Chekatt gegen 21 Uhr von einer Polizeipatrouille in der Nähe des Straßburger Fußballstadions angehalten. Er feuert auf die Beamten, sie schießen zurück, Chérif Chekatt stirbt auf der Stelle. Er hatte in der Tatnacht ein Taxi gekapert, unmittelbar nachdem er auf den Touristen aus Thailand gefeuert hatte, das letzte seiner fünf tödlich getroffenen Opfer in dieser Nacht. „Ich habe das für meine toten Brüder in Syrien getan!“, rief er dem Taxifahrer zu. Später wurde auch ein Video gefunden, auf dem er sich zur Terrorgruppe „Islamischer Staat“ bekannte. Er hatte trotz seines jugendlichen Alters schon 27 Vorstrafen gesammelt, zumeist für Einbruchsdelikte in Frankreich, Deutschland und der Schweiz. Vier Jahre seines Lebens hatte er in verschiedenen Gefängnissen verbracht, wo sein Weg zum religiös-politisch motivierten Gewalttäter begonnen haben dürfte. An dieser Geschichte mutet vieles seltsam bekannt an. Der Täter, Kind einer Einwandererfamilie. Der Weg ins Terrormilieu über kleinere, „gewöhnliche“ Delikte, und schließlich die Radikalisierung, auch auf dem Weg über Kontakte in der Haft.

Zeit des Zweifels

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