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Tee nackt

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Nicht jeder besitzt in seinem Garten ein eigenes Teehaus wie der Dichter Wilhelm v. Scholz, der, nun neunzigjährig, dort noch immer bei stiller Einkehr den Blick über den Bodensee genießt. Im Haus an der Elbchaussee bei Madame S. gab es immerhin eine reizende Tee-Ecke, und dort, mit der Aussicht auf den Strom und die Schiffe der Welt, versammelte sich gelegentlich eine kleine Gesellschaft. Der Tee, auf einem Seitentisch von der Hausfrau selber bereitet, duftete belebend in den dezent geschmückten Raum. Es wurde sehr leise von einer entzückenden Haustochter serviert. Sahne, Zucker, Zitrone und Rum wurden herumgereicht. Doch der Oberbaurat sagte: »Danke, ich trinke den Tee nackt.« Und fügte freundlich hinzu: »Wenn er so vorbildlich bereitet ist wie hier. Mit Vergnügen, gnädige Frau, hab’ ich Ihren Händen zugeschaut. In die vorgewärmte Kanne schüttete der Teelöffel neunmal anmutig seine volle Last, der musischen Anzahl Münder gemäß, die der Letzung harren. Daß die Sorte und Mischung edel ist, verriet schon der Hauch, der lieblich wie Honiggrasheu aus der Teebüchse säuselte. Dann das springend sprudelnde kochende Quellwasser – gesegnet dieses Haus, das ungechlort aus eignem Grunde tanken darf! – wirkte genau, ich sah nach der Uhr, viereinhalb Minuten auf die raschelnd trockenen Blättlein indischer Hochlese, um sich unnachahmlich golden zu färben und mit dem Aroma, darin Kamelie, Sandelholz, Orient und ein Schmack westlichen Bratapfelgemüts gemischt scheinen, sich in die Servierkanne und von dort in unsere Tassen zu ergießen.«

Der wohlgelaunte Sprecher galt als Lebemann, ausgepicht und dem Poetischen hold. Man zollte ihm Beifall, hatte aber teils gefürchtet, teils gehofft, ihn betreffs Nacktheit des Tees bei dem Vergleich ins Amouröse abschweifen zu hören. Nicht ganz enttäuschte nun der Lächelnde. Indem er sich dem Teegeschirr zuwandte, pries er die Form, der trotz bajuwarischer Manufaktur entschieden ein altes Sèvres zum Muster gedient. Man weiß, sagte er, die leichtherzige und zu Unrecht unglückliche Wienerin Marie Antoinette hat diese ausgewogenen Schalen ihren poitrines douces – wie sag ich’s auf deutsch –, ihren reizenden Blusenkätzchen, nachbilden lassen. Hat man ihr nicht nachgesagt, sie habe Tee statt Blut in den Adern? Damals zu Paris und Versailles war Blut wohlfeiler als Tee.

Sukiya oder Die große Liebe zum Tee

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