Читать книгу Weihnachtswunsch - Hans-Peter Schneider - Страница 15
ОглавлениеGebackenes Abenteuer
Jedes Jahr aufs Neue werden kleine Wunder gebacken, die große Abenteuer erleben. So erging es auch Korbinian.
Eigentlich war Korbinian nichts anderes als ein kleiner Klumpen Teig. Er befand sich in einer dicken Teigwurst, die die Mayer Vroni mit Kraft und Liebe zusammengeknetet hatte. Nach einer kurzen Erholungs- und Auskühlungsphase wurde Korbinian in seiner Teigwurst auf die Küchenplatte geworfen und mit einem Nudelholz kräftig in die Mangel genommen.
Hin und her hat die Vroni ihn ausgewalzt, hin und her. Korbinian mochte es durchaus, mal richtig durchgeknetet zu werden, aber teilweise ging ihm da die Vroni etwas zu grob vor. Seinem Gefühl nach hätte man die ein oder andere Druckphase ruhig etwas sanfter durchführen können.
Nach dieser anstrengenden Massage war er erst mal platt und durfte sich kurz erholen, denn die Vroni verschwand, um ihre beiden Kinder Pia und Paul zu holen. Als die beiden kamen, schnappten sie sich sofort voller Freude Ausstechförmchen. Sie drückten diese zunächst mit großer Vorsicht, schließlich aber immer sicherer in den plattgewalzten Teig.
Pia hatte die Form ‹Männchen mit großem Herz› gewählt und genau damit stach sie nun perfekt den Korbinian aus. Ein bisschen hat es Korbinian schon gezogen und gezwickt, als er aus seinem teigigen Umfeld gerissen wurde, aber dann fühlte er sich tatsächlich befreit und war bereit, ab sofort allein die Welt zu entdecken.
Das Entdecken begann durchaus gemütlich, denn er durfte es sich zunächst auf einer Backpapierliege bequem machen. Der anschließende Backofen- und Solariumsbesuch war ihm zwar kurzzeitig ein bisschen zu heiß, aber im Endeffekt hat er dadurch einen hervorragenden Teint bekommen und sah nun knackig und braun aus. Einfach zum Anbeißen.
Nach diesem aufregenden Tag war Korbinian etwas ausgelaugt und durfte sich in einer blechernen Dunkelkammer ausruhen, damit er für seine weiteren Aufgaben wieder zu Kräften kam.
Als am nächsten Morgen der Deckel seiner Dunkelkammer aufging, saßen dort wieder Pia und Paul mit kleinen Tütchen, in die sie eifrig Plätzchen hineinlegten. Auch Korbinian wurde vorsichtig in eines der Tütchen gelegt, das danach liebevoll mit einer hellrosa Schleife zugebunden wurde.
Am Nachmittag spazierten die beiden Kinder durch ihren Heimatort und brachten die Plätzchentütchen als Geschenke zu verschiedenen Häusern.
Korbinians Tütchen schenkten sie ihrem Nachbarn, der von Pia und Paul auf eigenen Wunsch augenzwinkernd »Onkel Schorsch« genannt wurde. Onkel Schorsch war weit über siebzig und hatte vor Jahren seine Frau verloren. Nun lebte er allein in seinem großen Haus und freute sich immer, wenn er Besuch bekam. Am liebsten war ihm der Besuch von Pia und Paul.
Obwohl die beiden Kinder Onkel Schorsch versicherten, dass sie noch so viele Tütchen austragen mussten und so viele Vorweihnachtspflichten zu erfüllen hatten, ließ der alte Mann sie nicht losziehen, ohne eine leckere, heiße Schokolade getrunken zu haben. So schwer fiel es den Kindern bei dieser Aussicht nicht, die Tütchen für ein paar Augenblicke zu vergessen und bei Onkel Schorsch eine gemütliche Einkehrrunde zu genießen.
Dabei öffnete Onkel Schorsch das Plätzchentütchen und holte Korbinian heraus.
»Was habt ihr da für einen wunderbaren Plätzchenmann gebacken«, lächelte er, »mit dem Herz in der Mitte sieht er ja noch viel liebenswerter aus.«
Das freute Pia und Paul, dass sie Onkel Schorsch eine Freude machen konnten, und es freute auch Korbinian, dass er dazu beitragen durfte.
Als Onkel Schorsch die beiden Kinder an der Tür verabschiedete, versprach er, den Plätzchenmann mit dem Herz in einem ganz besonderen Augenblick zu verspeisen.
So kam es dann auch. Am Heiligen Abend kehrte Onkel Schorsch von der Christmette nach Hause zurück und entzündete in seinem Wohnzimmer nochmals die Christbaumkerzen. Sie erfüllten den Raum mit Licht und Wärme. Onkel Schorsch erinnerte sich daran, wie viele wundervolle Weihnachtsfeste er gemeinsam mit seiner Frau hier in diesem Raum verbracht hatte.
Da nahm er Korbinian zur Hand und betrachtete ihn. Er schaute auf das große Herz, das mitten in der Brust des Plätzchenmannes zu sehen war.
»So ein großes Herz hatte meine liebe Anna auch«, flüsterte er Korbinian zu und lächelte.
Damit ging Korbinians aufregendes Weihnachtsabenteuer zu Ende. Aber nur für dieses Jahr. Denn nächstes Jahr werden Pia und Paul den ‹Plätzchenmann mit dem großen Herzen› sicherlich wieder ausstechen. Mit so einem großen Herzen kann Korbinian nämlich jedes Jahr aufs Neue einem Menschen einen kleinen Augenblick des Glücks schenken.