Читать книгу Lebenszeichen - Ilse Wind - Страница 5
Оглавление3. Kapitel
Jedermann wusste, dass Michaela Wind nur einen Steinwurf von den Bavaria Film Studios entfernt wohnte. Hier hatte sich schon vor Jahrzehnten das Who-is-who der Film- und Fernsehwelt angesiedelt. Schauspieler, Regisseure, Produzenten und solche, die gerne dazu gehören wollten. Doch niemand wohnte hier mit größerer Berechtigung als Michaela Wind. Menschen ihrer Popularität waren immer umstritten, doch ich glaube, es tangiert sie nicht allzu sehr, was andere über sie denken.
Hätte ich gestern Abend gewusst, dass ich heute schon wieder nach Grünwald unterwegs war, hätte ich Hermes vielleicht nicht nach Schwabing verfrachtet. Doch seit gestern hatte ich aufgehört zu glauben, dass mein Leben kalkulierbar war. Ich fuhr die noble Allee mit den eleganten Villen entlang. Die meisten waren hinter hohen Mauern verborgen. Auch das Anwesen von Frau Wind konnte man von der Straße aus nicht sehen. Ein großes Tor in der Breite einer Garageneinfahrt bedeutete mir, dass es vielleicht möglich war, auf dem Grundstück zu parken, denn auf der Straße galt absolutes Halteverbot. Dennoch parkten einige edle Limousinen dort, die offenbar ein ungeschriebenes Ausnahmenrecht hatten, das mit Sicherheit für mein kleines Auto nicht galt. Ich steuerte also das Tor an und bemühte mich, aus dem heruntergelassenen Seitenfenster den Klingelknopf ohne Namensschild zu erreichen. Eine Kamera war gut sichtbar von links auf mich gerichtet. Sicher war es nicht die einzige. Ohne Rückfrage wurde das Tor geöffnet und ich konnte passieren. Unter den Reifen meines Cabrios knirschte grober Kies und ich fuhr langsam durch eine winterliche Gartenlandschaft auf eine riesige weiße Villa zu. Aus einem großen hölzernen Tor kam Michaela Wind mir entgegen. Sie war ganz in cremefarbenem Strick gekleidet und sah schon von weitem hinreißend aus. Sie winkte und bedeutete mir, den Wagen dort stehen zu lassen. Ich hatte mit einem Dienstmädchen gerechnet, war aber nicht böse darüber, von der Hausherrin selbst empfangen zu werden. Ich stieg aus und versuchte den imposanten Eindruck der Villa zu verarbeiten. Das Haus war vermutlich in den Siebzigern entstanden und seither kontinuierlich renoviert und bestens in Schuss gehalten worden. Der Anstrich war makellos und das Walmdach erinnerte mich an Ferien in Österreich. Frau Wind wurde ungeduldig, sie fror offensichtlich.
„Kommen Sie, kommen Sie. Ich habe Tee für uns gemacht.“
Sie streckte mir die Hand zum Gruß entgegen und drückte unerwartet fest zu, als ich die Geste erwiderte. Wir gingen hinein und ich genoss die Aura dieser erfolgreichen und berühmten Frau. Hatte ich Aura gesagt? Allmählich ergriff mich wohl die Ahnung, dass ich mich auf ein großes Abenteuer einlassen musste, um meiner Mutter zu helfen.
Allein die Tatsache, dass sie bereits auf mehr als vierzig Jahre Bühnen- und Filmerfahrung verweisen konnte, ließ mich auf ihr Alter schließen. Ihre Bewegungen waren die einer jungen Balletteuse und ihr Gesicht strahlte die Frische eines Teenagers aus. Lag es an ihrer neuen Liebe, von der sie nicht müde wurde, der Presse zu erzählen oder gab es eine Kosmetikserie, für die sie als Testimonial agierte, ohne dass es mir bekannt war. Sie nannte den Raum ihr Arbeitszimmer und bat mich, auf einer weißen Ledercouch Platz zu nehmen. Auf dem dunklen Holztisch davor stand ein asiatisch anmutendes Teeservice in rot und schwarz. Der Raum wirkte wie aus einem Deco-Magazin, aber hatte eine angenehm wohnliche Atmosphäre. Ich merkte, dass die Anspannung, die ich auf der Fahrt hierher aufgebaut hatte, allmählich etwas von mir wich, obwohl mich die Bewunderung für Michaela Wind weiter gefangen hielt.
„Ihre Mutter ist eine wundervolle Frau“ eröffnete Michaela Wind das Gespräch.
„Es ist ausgeschlossen, dass sie etwas mit Gabriels Tod zu tun hat. Sie verehrt Gabriel über alle Maßen. Wenn Gabriel eine Liebesbeziehung zulassen würde, dann käme Ihre Mutter sicher als erste in Betracht.“
Während sie leicht grünlichen Tee in eine Tasse goss und mir reichte, sprach sie weiter: „Kennen Sie Gabriel?“
Es war mir peinlich, einzugestehen, dass ich diesen Teil des Lebens meiner Mutter bisher völlig ignoriert hatte. Zwar wusste ich, dass sie sich mit esoterischen Themen befasste, doch wie tief sie eingestiegen war, hatte ich nicht wahrgenommen.
„Leider nein“.
„Das ist sehr schade, denn Gabriel ist der unglaublichste Mensch, der mir je begegnet ist.“
Aus ihrem Mund klangen diese Worte so bedeutungsvoll, dass ich es wirklich bedauerte, Gabriel nicht kennen gelernt zu haben.
„Gabriels Geschichte ist so ergreifend, dass ich darüber nachdenke, mich für die Verfilmung seines Lebens einzusetzen. Er war meines Wissens Informatiker oder Ingenieur, als vor etwa zwanzig Jahren seine Tochter schwer erkrankte. Die Menschen in Brasilien sind viel gläubiger als wir Europäer. Er trat mit Gott in Zwiesprache und betete ohne Unterlass um die Genesung des Mädchens, das die Ärzte bereits aufgegeben hatten. Da trat der in den Vierziger Jahren verstorbene Dr. Karl in sein Leben und ergriff von Gabriels Körper und Geist Besitz. Er benutzte Gabriel, um sein ungeheuerliches medizinisches Wissen im Hier und Jetzt einsetzen zu können.“
Obwohl mir meine Mutter die Geschichte schon so ähnlich erzählt hatte, überlief mich ein kalter Schauer. Die Vorstellung, dass ein Toter sich des Körpers und Geistes eines Lebenden bemächtigt, gehörte für mich ins Reich der Schauergeschichten, wie das Fernsehen sie uns in Akte X als mögliche Realität anbot. Dennoch spürte ich, wie überzeugt Michaela Wind von ihrer Erzählung war, dass ich eigentlich an ihren Worten nicht zweifeln konnte.
„Stellen sie sich vor: Das Mädchen wurde geheilt!“
Sie machte eine kurze Pause und lehnte sich auf der Couch zurück.
„Aus Dankbarkeit widmete Gabriel sein Leben der Heilung anderer Menschen und gab sein eigenes Leben komplett auf.“
Michaela Wind musste an meinem ungläubigen Gesichtsausdruck erkannt haben, dass ich entweder nichts von dem verstand, was sie erzählte oder aber an ihrer Erzählung zweifelte. Umso emphatischer setzte sie ihre Schilderung fort.
„Wenn Sie Gabriel kennen gelernt hätten, würden Sie die zwei Persönlichkeiten in ihm jederzeit erkannt haben. Es gibt den fröhlichen, kleinen, agilen Brasilianer, der sich gerne auf Wortgefechte mit seinen Mitmenschen einlässt. Der scherzt, der Spaß an der eigenen Intelligenz hat, der stets das Recht auf seiner Seite haben will und der vierundzwanzig Stunden am Tag erzählen, lachen und spielen kann. Ja, er ist manchmal ein grandioser Schauspieler. Auf dieser Ebene haben wir uns prächtig verstanden. Doch dieses Brillieren hört sofort auf, wenn Dr. Karl von ihm Besitz ergreift und ihm Disziplin und Können abverlangt. Dann verändern sich seine Gesichtszüge, seine Stimme und die Bewegungen. Dann weicht das spitzbübische Leuchten in seinen Augen einem ernsten, fast traurigen Blick. Diese Wandlung ist so faszinierend und für Außenstehende erschreckend, dass er es lieber vermeidet, Fremde daran teilhaben zu lassen.“
Ich hatte mir den Notizblock zurecht gelegt, aber bisher gab es nichts, das ich mir hätte notieren können. Diese Erzählung war so beeindruckend und die weiche, singende Frauenstimme führte mich in eine fremdartige Welt, in der ich mich unglaublich geborgen fühlte. Die kurze Pause, die sie in ihrer Schilderung machte, nutzte ich um einen Schluck Tee zu trinken. Doch auch dabei wandte ich meinen Blick nicht von ihr. Fast hatte ich den Eindruck, Dr. Karl hatte nun von ihr Besitz ergriffen, damit sie mir die Geschichte erzählte. Sie trank ebenfalls einen Schluck und fuhr mit großer innerer Ruhe fort.
„Ich bin ihrer Mutter so dankbar, dass sie Gabriel nach München gebracht hat. Vor vielen Jahren hatte ich den großen Heiler einmal in Miami kennen gelernt. Er gab dort ein Seminar und Freunde hatten mich mitgenommen. Damals blieb mir der Atem weg, als er ein junges Mädchen vor aller Augen mit einem simplen Küchenmesser operierte, ohne jede Narkose oder Betäubung. Die junge Frau war bei vollem Bewusstsein und er entfernte eine Geschwulst aus ihrer Brust. Sie lächelte dabei, auch als er mit einer normalen Nähnadel und einem mir als völlig gewöhnlich erschienenen Faden die offene Wunde vernähte. Heute können sie solche Operationen im Internet sehen, aber damals kämpfte ich schwer dagegen an, mein Bewusstsein zu verlieren, obwohl nur wenig Blut floss. Ich bin keine Heldin in solchen Dingen“, fügte sie lächelnd hinzu.
„Mit einem Küchenmesser?“ fragte ich, um überhaupt mal wieder etwas zu sagen.
„Ja.“ Sie stand auf und wandte sich der Regalwand hinter ihr zu.
„Der Heiler mit dem Küchenmesser“ heißt ein Buch über Gabriel de Santos. Ihre Mutter hat es sicher auch zu Hause. Da steht die ganze Geschichte drin, die ich ihnen jetzt nur in aller Kürze wiedergegeben habe.“
Sie zog ein schmales braunes Bändchen aus dem Regal und gab es mir.
„Ich kann es ihnen leihen, denn es ist seit langem vergriffen.“
„Wie glauben Sie, können Sie meiner Mutter helfen?“ fragte ich während ich ein wenig in dem Büchlein blätterte. Irgendetwas in mir wehrte sich dagegen, in dem Buch zu lesen. So als würde es mich noch tiefer in diese für mich völlig unfassbare Geschichte hineinziehen. Schließlich ging es mir nur darum, Susanne so schnell wie möglich aus dem Gefängnis zu holen. Michaela Wind würde Kommissar Specht wohl kaum als unzurechnungsfähig einstufen, weil sie dieselbe Geschichte wie meine Mutter erzählte. Aber das allein reichte nicht aus, um ihre Unschuld an Gabriels Tod zu beweisen.
„Waren Sie am Samstag bei dem Seminar? Können Sie mir etwas über die anderen Teilnehmer sagen? War jemand dabei, dem sie den Mord an Gabriel zutrauen?“
Michaela Winds Gesicht wurde ernst und sie setzte sich wieder. Sie sah mir in die Augen und dann auf einen Punkt hinter mir.
„Lebt ihre Großmutter noch?“ fragte sie.
Die Frage irritierte mich völlig, zumal mir plötzlich Bilder meiner geliebten Oma in den Sinn kamen, wie sie auf ihrem Sterbebett meine Hand hielt und immer wieder sagte, ich solle so bleiben wie ich bin. Ich war nur drei Jahre alt aber ich wusste damals mit absoluter Sicherheit, dass sie zwar sterben, mich aber niemals verlassen würde. Und so sprach ich auch nach ihrem Tod weiter mit ihr, jeden Tag und oft auch nachts. Für mich lebte sie weiter. Ich sah sie neben mir und legte meist sogar für sie ein Gedeck mit auf, wenn wir uns an den Tisch setzten. Mein Vater hielt mein Verhalten für krank und forderte meine Mutter auf, mich zu einem Kinderpsychologen zu bringen. Meine Mutter tat dies nur widerwillig. Aber sie wusste, dass mein Vater nicht eher ruhen würde, bis mir „diese Flausen“ ausgetrieben waren.
„Nein. Sie ist vor vielen Jahren gestorben“, sagte ich leise. „Sie steht hinter ihnen, Daniela – ich darf doch Daniela sagen?“
Mir wurde flau im Magen. Ich wagte nicht mich umzudrehen. Aber ich spürte den sanften Druck einer Hand auf meiner Schulter. „Sie steht hinter ihnen und freut sich, dass sie sich wieder öffnen. Sie bringt ihnen eine weiße Rose und bittet mich, ihnen zu sagen, dass sie ihnen helfen wird, ihre Mutter aus dem Gefängnis zu holen. Es ist eindeutig die Mutter ihrer Mutter. Sie nickt und zeigt mir ein Kinderbuch. Es scheint mir der Struwwelpeter zu sein“.
Mir schossen die Tränen in die Augen, ich wusste nicht, was mit mir geschah. Ich sah Michaela Wind zum ersten Mal in meinem Leben und sie erzählte mir von meiner Großmutter und dem Buch, aus dem sie mir immer vorgelesen hatte. Ich war für kurze Zeit wie gelähmt, doch dann wollte ich den Kontakt zu meiner Großmutter nicht verlieren.
„Sagen sie ihr, dass ich sie liebe und nie vergessen habe“ stotterte ich, als ich wenigstens eine ganz leise Stimme wieder gefunden hatte. Meine Augen füllten sich mit Tränen. Ich spürte die Präsenz meiner Großmutter so wie ich sie als Kind gespürt hatte, jedoch nicht mit der gleichen Selbstverständlichkeit, sondern mit großer Ehrfurcht, fast mit Angst.
Michaela Wind legte ihre Hand auf meine und sah mich mit festem Blick an.
„Entschuldigen sie, Daniela. Ihre Großmutter hat mich so sehr gebeten, da habe ich vergessen, wie befremdlich das auf sie wirken muss. Sie hatten vermutlich bisher keine Kontakte zur geistigen Welt?“
Ich wurde allmählich ruhiger und versuchte, nicht länger wie ein verstörtes Kind zu wirken. Es fiel mir schwer, meine durch die Erziehung meines Vaters verinnerlichte Verneinung aller übersinnlichen Einflüsse plötzlich wieder zuzulassen. Doch es gab keinen Zweifel daran, dass ich die Gegenwart meiner Großmutter gespürt hatte.
„Nein. Zumindest nicht so. Kurz nach ihrem Tod hatten wir jeden Tag miteinander gesprochen, aber dann habe ich es mir abgewöhnt. Meinem Vater zuliebe. Er mochte das nicht.“
„Schade, eigentlich.“
Plötzlich schien mir die Situation so persönlich, geradezu intim, dass es für mich unerträglich wurde, noch länger zu bleiben. Ich schaute auf die Uhr und gab vor, noch einen anderen Termin zu haben. Ich stand auf und sah mich noch einmal im Raum um. Offenbar hoffte ich, noch ein Zeichen meiner Großmutter zu entdecken. Ich hatte für einen Moment völlig vergessen, weshalb ich eigentlich gekommen war. Michaela Wind sollte als Zeugin für meine Mutter aussagen und stattdessen geriet ich in den Sog der Spiritualität dieser beeindruckenden Frau.
„Ich möchte ihrer Mutter gerne helfen. Dennoch hoffe ich, wir können die Geschichte aus der Boulevardpresse raushalten. In keinem Fall darf das Wirken dieses großen Heilers in den Dreck gezogen werden.“
Ich kramte die Abendzeitung aus meiner Handtasche und hielt ihr die Titelseite hin, wo neben der Schlagzeile über den Mord das Bild von Michaela Wind im Zusammenhang mit ihrer neuen Talkshow abgedruckt war.
„Ich fürchte, das wird sich nicht vermeiden lassen.“
Die reale Bedrohung durch die Presse brachte mich auf den Boden der Tatsachen zurück. Ich wiederholte meine Frage:
„Waren sie am Samstagabend auf dem Seminar?“
„Ja. Ja, natürlich. Das steht sicher in den Aufzeichnungen ihrer Mutter. Ich war im Seminar bis die beiden anfingen, ihre Spiele zu spielen.“
„Sie spielten Spiele?“ fragte ich überrascht.
„Ja, ich sagte ihnen ja, Gabriel war ein Scherzbold, ein Schauspieler, in gewisser Weise sogar ein Macho. Er provozierte Susanne gerne. Am liebsten vor den anderen. Er genoss es, sie in Rage zu bringen. Susanne nahm Gabriel manchmal viel zu ernst, weil sie ehrfürchtig ihm gegenüber war. Das nutzte er aus. Erst wenn er sein schelmisches Grinsen aufsetzte, wurde ihr bewusst, dass er sie neckte. Das waren ihre Spiele. Niemand, der die beiden öfter erlebt hatte, nahm diese von Gabriel provozierten Streits ernst. Doch an diesem Abend waren viele neue Leute da und die wirkten peinlich berührt. Deshalb verabschiedeten wir uns und ließen die beiden allein.“
„Also gab es gar keinen Streit zwischen Gabriel und Susanne?“.
Michaela Wind lachte.
„Nein, die beiden hatten nie Streit. Sie kabbelten sich wie junge Hunde oder frisch Verliebte, die sich ihre Zuneigung nicht eingestehen wollten. Sie liebten sich auf eine ganz besondere Art. - Hat denn jemand behauptet, es hätte einen Streit gegeben?“
„Es gibt eine entsprechende Zeugenaussage bei der Polizei. Das hat ausgereicht, meine Mutter unter Mordverdacht zu stellen. Dabei haben sie weder die Mordwaffe noch sonst irgendwelche Beweise“. Ich hörte wie meine Stimme nölend wie die eines zu Unrecht bestraften Kindes klang.
Michaela Wind legte mir die Hand auf die Schulter
„Wie gesagt, ich möchte ihrer Mutter helfen. Sagen sie mir, was ich tun kann. Ihre Sekretärin hat meine Telefonnummer. Sie können mich jederzeit anrufen. Und sie dürfen mich gerne wieder besuchen. Ich glaube, es war nicht das letzte Mal, dass ihre Großmutter sie sprechen wollte.“
Es dämmerte bereits als ich das Anwesen durch das große Tor verließ. Die Eindrücke der letzten Stunden stellten mein ganzes Leben auf den Kopf. Hätte ich heute nicht besser die Boutique aufgesperrt und den Damen der Highsociety ein paar sündteure Pumps, glitzernde T-Shirts und fancy Modeschmuck verkauft? Warum war ich nicht beim Staatsanwalt vorstellig geworden? War ich überhaupt in der Lage, einen Fall von dieser Tragweite in den Griff zu kriegen, ohne mein Leben völlig aus der Kontrolle zu verlieren? Sollte ich nicht besser das Angebot meines Vaters annehmen und ihm das Schicksal meiner Mutter übertragen? Das war allerdings ja schon einmal schief gegangen. Also kam diese Lösung nicht in Betracht. Doch wie konnte ich gemütlich mit Großmutter im Jenseits plaudern, während Mama in U-Haft saß, ihr Laden ohne Begründung geschlossen blieb und ihr Kater vermutlich gerade meine Wohnung auf den Kopf stellte? Ich fuhr in die Wurzerstraße, um für den nächsten Tag ein Schild an die Tür zu hängen. „Wegen ... geschlossen.“ Ja, weswegen war denn geschlossen? Wegen eines Todesfalls. Wirkte das nicht etwas skurril angesichts der Tatsache, dass meine Mutter angeblich diesen Todesfall herbeigeführt hatte? Trotzdem, es war das einzige, was mir als Begründung für eine auf unbestimmte Zeit geschlossene Ladentür einfiel. Vor der Boutique war ein Parkplatz frei. Ein einzelner Parkplatz – wie für mich bestellt. Mutter hatte mir oft von ihrem Parkplatzengel erzählt. Aber daran wollte ich jetzt nun wirklich nicht glauben. Dennoch fühlte ich mich verpflichtet, mich bei irgendeiner höheren Macht für diesen Parkplatz zu bedanken. Damit musste es dann aber mit dem Hokuspokus für heute gut sein. Im Laden brannte Licht und eine Kundin hielt einen Bügel mit einer rosa Seidenbluse hoch. Ich blieb stehen und sah durch das Fenster. Neben der Kundin erkannte ich Isabel, eine Freundin meiner Mutter. Ich ging hinein. Isabel rief meinen Namen, stürzte auf mich zu und umarmte mich.
„Wie lieb, dass du vorbei kommst. Wie geht es Susanne? Hat sie sich schon gemeldet?“
Isabel machte auf mich den Eindruck, als ob sie von den Geschehnissen nichts wusste. Um sie nicht zu irritieren, richtete ich erst einmal liebe Grüße aus und lobte die Kundin für ihren guten Geschmack. Gemeinsam berieten wir die Dame, bis sie mit einer riesigen Susanne-Tüte glücklich den Laden verließ. Diese Normalität stand in so krassem Gegensatz zu meinen Erlebnissen des heutigen Tages, dass ich sie als überaus wohltuend empfand. Deshalb wollte ich Isabel auch nicht aufklären darüber, dass Susanne nicht zur Modemesse nach Düsseldorf gefahren war, wie sie dachte. Das erklärte natürlich, warum meine Mutter ihre Freundin als Aushilfe engagiert hatte und es befreite mich von der Verpflichtung, die nächsten Tage den Laden zu hüten. Ich hatte ein schlechtes Gewissen bei dem Gedanken, dass Isabel die Geschichte spätestens morgen von einem Fremden zugetragen bekam, aber ich brachte nicht mehr die Kraft auf, es ihr jetzt zu sagen. Ich brauchte Abstand und vor allem brauchte ich jemanden, der meinen verwirrten Geist sortierte. Ich dachte an Ali, fühlte mich aber nicht wohl bei dem Gedanken. Der Rausschmiss heute war eine Frechheit von mir gewesen und ich hatte bisher keine Chance gehabt, mich dafür zu entschuldigen. Außerdem kannte ich seine Einstellung zu spirituellen Dingen nicht. Würde er mich überhaupt ernst nehmen? Die einzige, die mir aus diesem Chaos von Gefühlen, Irritationen und Versagensangst heraushelfen könnte, war meine Mutter. Ich ging in ihre Bürokammer hinter dem Verkaufsraum und sah im Halbdunkel hilfesuchend ihr Bild an. Es war, als lächelte sie mir zu. Der Anblick tröstete mich etwas und ich dachte daran, dass meine Großmutter mir ihre Hilfe zugesagt hatte. Es gab keinen Grund, nicht daran zu glauben.
Ich verabschiedete mich von Isabel, die mir versprach, die ganze Woche den Laden zu führen, bis meine Mutter wieder käme. Noch immer hatte ich eine Blockade, ihr reinen Wein einzuschenken und so bedankte ich mich für ihre Hilfe und ging.
Vor meiner Wohnungstür schickte ich ein Stoßgebet gen Himmel, dass Hermes friedlich in einer Ecke liegen würde, ohne meine Wohnung verwüstet zu haben. Es ist ein ungeschriebenes Katzengesetz, dass man weder aus seiner Umgebung gerissen noch vernachlässigt werden darf. Katzen ahnden Vergehen solcher Art mit Vandalismus. Ich sperrte auf und sah den Flur entlang. Die Tür meines Schlafzimmers bewegte sich leicht und fröhlich, mit hoch erhobenem Schwanz trabte mir Hermes entgegen. Er blieb vor mir stehen und sah mit leicht geneigtem Köpfchen zu mir hoch. In diesem Moment hätte es mich nicht gewundert, wenn er mir ein freundliches „Guten Abend“ entgegen gerufen hätte, aber er begnügte sich damit, schnurrend sein Köpfchen an meinem Stiefel zu reiben.