Читать книгу Lebenszeichen - Ilse Wind - Страница 7
Оглавление5. Kapitel
Es wurde verdammt Zeit, dass ich meine Hausaufgaben machte. Wie viele Quellen hatte ich bisher nicht genutzt? Die Zeitung berichtete bereits den zweiten Tag von dem Mord, das Internet war voll mit Informationen und all die Anrufer hatten mir doch ganz offensichtlich irgendwas zu sagen. Zurück im Büro startete ich den Laptop, nahm mir die Abendzeitung von heute Morgen und legte die Kopie der Strafakte auf meinen Schreibtisch. Bei Sonja hatte ich eine große Tasse Kaffee bestellt und war fest entschlossen, heute eine Nachtschicht einzulegen, um endlich auf einen für mich selbst akzeptablen Stand der Recherche zu kommen.
In der Abendzeitung stand nur, dass Gabriel de Santos ein weltbekannter Geistheiler war und dass er in der letzten Woche eine Reihe von Heilsitzungen abgehalten hatte. Auch von einem Seminar war die Rede, das offenbar am Wochenende in den Räumen einer Münchner Heilpraktikerin statt gefunden hatte. Dass es nach meinem Kenntnisstand eine Physiotherapie-Praxis war, spielte sicher keine Rolle. Allerdings tauchten dann doch die ersten Namen seiner berühmten Patienten auf, allen voran die Society-Lady Vanessa März, die ganz offen über ihr freundschaftliches Verhältnis zu Gabriel sprach und erzählte, dass er sie von ihren jahrelangen Migräne-Qualen befreit hatte. Sie befürchtete, dass sie ohne die regelmäßigen Behandlungen von Gabriel wieder in diese schrecklichen Schmerzen zurück fallen würde. Sie zeigte sich mehr als bestürzt über den Mord an diesem einzigartigen Mann, der geradezu göttliche Fähigkeiten hatte. Es war ihr unerklärlich, wie jemand diesem Retter der Menschheit ein Leid antun konnte.
Ähnlich hatte ich auch die Worte meiner Mutter gedeutet, wenn vielleicht auch nicht ganz so pathetisch. Auch Michaela Wind hatte Gabriel fast gottgleich geschildert. Es musste etwas dran sein, dass dieser Mensch mit übernatürlichen Kräften arbeitete. Die Eingabe seines Namens ergab bei Google rund siebzehntausend Treffer.
„Gabriel de Santos – Kanal für Dr. Adam Karl“ schien mir die treffendste Quelle zu sein. Hier bestätigten sich die Erzählungen von Michaela Wind, dass Gabriel auf der Suche nach Heilung für seine Tochter im Gebet ein mystisches Erlebnis hatte, bei dem sich die Verbindung zu Dr. Karl auftat. Dr. Karl war im ersten Weltkrieg Militärarzt gewesen und hatte sich nach seinem Tod bereits in den fünfziger Jahren eines Brasilianers namens Jesus Barreira als Medium für die irdische Fortführung seiner Heilkunst bedient. Diesen Menschen machte Dr. Karl vor allem dadurch berühmt, dass er ihn mit rostigen Scheren und Messern hantieren ließ. Diese barbarisch anmutenden Methoden verhalfen Jesus Barreira zu Weltruhm.
Die nunmehr bereits zwanzig Jahre andauernde Erfolgsgeschichte des Gabriel de Santos war in einem dokumentarischen Werk mit dem Titel „Der Heiler mit dem Küchenmesser“ niedergeschrieben worden. Dr. Karl benutzte Gabriel als Medium und operierte ohne Anästhesie und dennoch schmerzfrei. Ein Link auf der Website führte zu kleinen Filmsequenzen, in denen man sich von der Wahrheit dieser Worte überzeugen konnte. Ich klickte darauf und sah in das Gesicht des Gabriel de Santos, genau so fröhlich und lausbubenhaft wie Michaela Wind ihn beschrieben hatte. Und dann veränderte sich der Ausdruck in seinen Augen, sie wurden starr und blickten durch den Betrachter hindurch; die Züge um Mund und Nase wurden hart und kantig, das Freche wich der Fratze, könnte man sagen. Dieser Mann flößte einem in jedem Fall Respekt ein. Die Kamera zoomte zurück und richtete den Fokus auf das Skalpell in seiner Hand, das einem jungen Mädchen eine Geschwulst aus dem Arm schnitt. Das Mädchen zeigte dabei keine Regung. Es saß ruhig auf einem Stuhl und wirkte zufrieden, während das Gesicht der daneben sitzenden Mutter eher von einer gewissen Panik gezeichnet war. Mit sicherer Hand führte Gabriel das Messer, ein Rinnsal Blut lief den Arm herab und aus der etwa vier Zentimeter langen Wunde presste er mit eine Geschwulst heraus und warf sie in einen bereit stehenden Behälter. Als er zur Nähnadel griff, kämpfte ich mit einer aufkommenden Übelkeit und klickte zum Selbstschutz den Film weg. Unter den weiteren angebotenen Szenen stand die Warnung, dass diese Filme für Menschen mit empfindsamem Gemüt nicht geeignet seien und so verzichtete ich erst einmal darauf, dieses Anschauungsmaterial zu sichten.
Die Vorstellung, dass Gabriel diese Art von Operationen möglicherweise im Beisein meiner so zart besaiteten Mutter ausgeführt hatte, fand ich sehr befremdlich. Hatte Mama vielleicht sogar selbst Hand an sich legen lassen? Mir stand sicher ein interessantes Gespräch mit Susanne bevor.
Ich googelte weiter und musste feststellen, dass Dr. Schnell mich mit seiner Behauptung, es sei nichts über mögliche Ansprechpartner und Termine zu finden, ganz offensichtlich auf die Probe gestellt hatte. Wie peinlich; ich war ihm voll auf dem Leim gegangen, denn es gab jede Menge Kontaktadressen und Hinweise auf Termine und Heilsitzungen. Es gab allerdings in der Tat keine konkreten Hinweise darauf, dass er Deutschland auch operierte und solange er sich mit Heilen durch Handauflegen begnügte, konnte sicher nicht von einer strafbaren Handlung ausgegangen werden.
Ich recherchierte bis in die späte Nacht und konnte beim besten Willen keinen Anhaltspunkt dafür finden, dass jemand Interesse am Tod von Gabriel de Santos hätte haben können. Alle Berichte von Seminarteilnehmern oder Patienten waren einhellig der Meinung, dass Gabriel der Inbegriff göttlicher Liebe sei und allein mit dieser Liebe die Menschen heile. Lediglich in einem einschlägigen Forum hatte ich einige kritische Anmerkungen finden können, die jedoch offenkundig auf einer falschen Einschätzung des Schreibers beruhte. Er kritisierte das Fehlen einer eigenen Internetpräsenz von Gabriel, so dass man nicht mit ihm in Kontakt treten könne. Aber darin sah ich beim besten Willen keine Lücke in seiner weltweiten Beliebtheit. Dieser Mann brauchte keine Eigenwerbung ins Netz zu stellen, das taten tausend andere für ihn.
Die Vermutung meines Vaters, dass die Schulmediziner mit Gabriel de Santos im Clinch liegen könnten, wurde durch verschiedene Beiträge entkräftet. Denn offenbar arbeitete Gabriel gerne auch mit Ärzten zusammen, um die Ergebnisse seiner Heilarbeit zu evaluieren. Mediziner und Wissenschaftler arbeiteten weltweit mit dem brasilianischen Geistheiler zusammen und bestätigten stets seine Fähigkeiten. Seine übermenschliche Kraft, die er aus der geistigen Welt von Dr. Karl bezog, nannten Wissenschaftler Transbioenergie.
Die Erfahrungsberichte waren spannend und voll großer Emotionen. Meist schwang Dankbarkeit und Ehrfurcht in den Erzählungen mit. Ich bedauerte allmählich, diesem Mann nie persönlich begegnet zu sein. Ich war ungeheuer gespannt darauf, mehr von ihm zu erfahren und hoffte, meine Mutter würde mir etwas von seinem Geist vermitteln können. Auf jeden Fall konnte ich nach diesem nächtlichen Studium verstehen, warum Susanne ihn verehrte und sich für ihn engagierte. Erst gegen Mitternacht fuhr ich den Laptop runter und rieb mir die Augen. Mist! Ich hatte Hermes vergessen. Bisher hatte er keine Strafmaßnahmen wegen mangelnder Fürsorge angewandt. Aber heute könnte es schief gehen, möglicherweise hingen heute nun endgültig die Fäden aus meiner weißen Leinencouch. Doch dann hätte er es sich auch mit dem Schlafen in meinem Bett verscherzt. Ich legte die Kopie der Strafakte in meine Schreibtischschublade, schnappte mir meine Handtasche, Mantel und Schal und stürmte aus der Kanzlei.
Ich hatte nicht nur Hermes vergessen, ich hatte auch nicht daran gedacht, selbst etwas zu essen. Das merkte ich aber erst, als ich mit knurrendem Magen vor meiner Wohnungstür stand. Dahinter erwartete mich ein rotbrauner pelziger Vorwurf. Die Laute, die mein neuer Mitbewohner von sich gab, klangen derart jämmerlich, dass ich sofort in die Küche rannte, um ihm ein Schälchen feinster Thunfischpastete zu servieren. Doch das allein war es offenbar nicht, wonach das kleine Herz verlangte. Hermes legte sich auf den Rücken und wollte am Bauch gestreichelt werden. Ich hatte das Tier niemals so liebesbedürftig erlebt, und gleichzeitig empfand ich eine solch innige Seelenverwandtschaft mit ihm, dass ich mich selbst gerne wie eine Katze hätte kraulen lassen wollen. Doch weder Ali noch Dr. Schnell legten ihre Hand auf meinen Bauch, um mir dieses wohlige Gefühl zu geben, das Hermes offenbar im Moment empfand. Er schnurrte zufrieden und nach ein paar Minuten drehte er sich blitzschnell um und lief fröhlich an den Napf, um sein Mahl einzunehmen. Endlich konnte ich aus meinen Stiefeln schlüpfen und es mir ein bisschen bequem machen. Ich inspizierte die Ecken meiner Couch und stellte zufrieden fest, dass sie unversehrt waren. Im Bad stand das Katzenklo, das ich mit ein paar Handgriffen reinigte. Es war beruhigend, dass er seine Hygiene in Katzenmanier pflegte. Ich hatte schon davon gehört, dass vernachlässigte Tiere sich gerne mal im Bett verewigen. Offenbar hatte Hermes ein Gespür dafür, dass all das, was mit ihm und mir geschah einfach notwendig war, wenn wir sein Frauchen retten wollten.
Im Kühlschrank fand ich noch eine Packung gebratene, panierte Schnitzel, von denen ich eines in der Mikrowelle wärmte und zwischen die Hälften eines aufgetauten Brötchens packte. Mit Senf war das Ganze vielleicht genießbar. Dazu ein Glas Pinot Grigio und mein Glück schien vollkommen. – Zumindest bis ich die Weinflasche zurück in den Kühlschrank stellte und mein Blick auf das Gemüsefach fiel. Natürlich! Bevor ich morgen mit Mama sprach, musste ich wenigstens einen Blick in ihre Aufzeichnungen geworfen haben. Ich brachte mein Nachtmahl und den Wein ins Wohnzimmer auf den Couchtisch und ging zurück in die Küche. Mit frisch gewaschenen Händen holte ich das Lederbuch aus dem Kühlschrank und deckte die Horoskope wieder mit der Plastiktüte zu. Die Nacht war gelaufen. Aber irgendwann musste ich ja die anfänglichen Nachlässigkeiten aufholen. Wie ein Heiligtum hielt ich den Kalender vor mir auf dem Schoß. Das Buch war im vorderen Teil mit Kalendarium und im hinteren Teil ein Adressverzeichnis mit alphabetischen Reitern am Rand. Ich suchte die Anschrift von Michaela Wind und wurde sofort fündig, Vanessa März, Professor Gerber und all die anderen Namen, die mir von der Telefonliste noch in Erinnerung waren. Auch Sofia Ragalli und - Claudia Freidank. Na dann stand einem Gespräch mit dieser Schlange nichts mehr im Wege. Was hatte sie nur veranlasst, der Polizei zu erzählen, meine Mutter habe mit Gabriel wegen hundert Euro gestritten. Weder Susanne noch der mir allmählich vertraut werdende Gabriel waren die Sorte Mensch, die sich wegen einer solchen Summe ernsthaft bekriegten. Vielmehr konnte es sein, dass diese Claudia Freidank einen persönlichen Feldzug gegen meine Mutter führte. Aber würde ein vernünftiger Mensch so weit gehen, daraus einen Mordverdacht zu stricken und wieso war ausgerechnet sie als Zeugin aufgetaucht? Wann und wo hatte sie von der Bluttat erfahren, dass sie so schnell eine Aussage machen konnte? Schließlich hatte Sofia den Toten gefunden und sicher auch die Polizei verständigt. Wann war Claudia Freidank auf der Bildfläche erschienen? Ich musste mir wirklich mehr Notizen machen. Schließlich hatte ich den Block in meiner Handtasche. Warum benutzte ich ihn nicht? Ich holte ihn und als ich ins Wohnzimmer zurückkam fiel mir auf, dass die Schnitzelsemmel kalt und hart geworden war. Da ich nun keinen Hunger mehr hatte, begnügte ich mich mit dem Wein und begann im Kalendarium zu lesen. Erstaunlich ordentlich hatte meine Mutter alle Termine mit den Namen der Patienten notiert und in Steno kleine Notizen hinzugefügt. Tja, meine Mutter hatte Stenografie in der Schule gelernt. In meiner Generation wollte davon niemand mehr etwas wissen und so konnte ich nur annehmen, dass die Kürzel etwas über die jeweiligen Leiden der Menschen verrieten. Auf jeden Fall tauchten alle Namen, die ich von der Telefonliste im Büro kannte auch hier im Kalendarium auf. Und zum Glück noch einige mehr. Das waren alles Kandidaten für entlastende Zeugenaussagen. Ich blätterte durch das edle Buch und stieß auf ein Foto, das zwischen den Seiten des Januars – genauer gesagt in der Seite des 5. Januars – lag. Das Foto zeigte meine Mutter Wange an Wange mit Gabriel und beide lächelten so glücklich, dass der Gedanke nahe lag, dass zwischen den beiden mehr war als nur eine enge Freundschaft. Doch ich dachte, wenigstens dann hätte meine Muter mir davon erzählt. Auf der Rückseite stand „Love, Gabriel“. Das musste nichts bedeuten, denn im Englischen geht man mit dem Wort Liebe lockerer um als bei uns. Dennoch glaubte ich, dass meiner Mutter dieses Bild ungemein wichtig war, sonst hätte sie es nicht auf der Seite ihres Geburtstages eingelegt.
Hermes kam zu mir auf die Couch und rieb sein Köpfchen an dem Lederbuch als wollte er fragen, was ich darin las. Er kuschelte sich an mich, und mir wurde plötzlich die bleierne Müdigkeit bewusst, die ich bis dahin vor lauter Spannung und Neugier verdrängt hatte.
„Gehen wir schlafen?“ fragte ich Hermes und als ob er es verstanden hätte, drückte er mit dem Kopf den Kalender hoch, bestieg er meinen Schoß und rollte sich darauf ein. Ich klappte das Buch zu, legte es auf den Couchtisch und streckte meine Beine auf dem Sofa aus. Die Wolldecke reichte uns beiden als Zudecke und wir schliefen gemeinsam ein.