Читать книгу Die Stadt der Brillenmacher - Isabella Ben Charrada - Страница 10
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So, nun wurde allmählich aus all den Mosaikteilchen ein ganzes Bild!
Brot aufgegessen – doch Bella schaute immer noch stumpf vor sich hin, wurde aber dann mit einem Ruck munter, rannte in ihr Zimmer, kramte den Rucksack heraus, zerrte aus ihrem Schrank hier ein paar Unterhosen, da Pullover, Strümpfe und Jeans heraus, stapelte alles zu einem großen Haufen. "Nein, das ist zu viel, nur das Nötigste!" wies sich Bella zurecht, rollte Sachen zusammen und stopfte sie in den Rucksack, andere kamen wieder zurück in den Schrank. Ein paar Bücher mussten auch noch dazu: über Psychoanalyse, Kritik an der Repressiven Familienpolitik, über surrealistische Malerei und ein, zwei Dichter. Und – wichtig – ein paar Hefte mit ihren eigenen Gedichten und Notizen. Ah, ja – nicht vergessen: ein bisschen Geschirr, Eßkram, Taschenmesser, Taschenlampe und einen kleinen Topf hängte sie an die Außentasche. Fertig! Sie zerrte den Rucksack zu, schnallte den Schlafsack obenauf und probierte aus. Er war doch sehr schwer, aber Bella tröstete sich: "So muss ich dann schön gerade gehen und seh’ bald nicht mehr so aus wie ein Strelakieker!" (So nannte man früher die Männer, die im Schlick der Strela nach Brauchbarem suchten, wenn die Ebbe das Wasser herauszog. Und die gingen ja immer gebückt, weil sie am Boden rumsuchten. Das ließ ich mir schnell von Fliro erklären).
Dann zog Bella die Stirn kraus. Sie wollte nicht einfach so verschwinden, nein, sie wollte ihrer Mutter sagen, warum sie dieses Haus, diese Stadt verließ. Aber sie musste sich beeilen, bald würde ihre Mutter zurück sein.
Bella hastete wieder in ihr Zimmer, hockte sich vor den Schreibtisch. Ein Blatt Papier herausgeholt. Dann kaute sie eine Weile am Kugelschreiber. Gedanken und Bilder flitzten so schnell in ihrem Kopf herum, dass ich nicht folgen konnte. Aber dann schrieb sie los, die Handschrift schief und kritzelig, weil alles, was sie sagen wollte, so schnell herauspurzelte. Ich schaute ihr über die Schulter: die Seiten füllten sich mit schwarzen Schriftzeichen, bis sie auf dem vierten Bogen wüterich mit "Bella, die das Unglück hatte, deine Tochter zu sein" unterzeichnete.
Das war ein böser Brief, voller bissiger Anklagen, giftiger Vorwürfe, galliger Vorhaltungen und pathetischer Ausrufe. Da tauchte wieder einiges aus ihrer stummen Rede von vorhin auf.
Bella rechnete auch mit dem Genehmigungssystem für Brillen ab, schrieb: "Wer bestimmt denn, welche Brille man tragen muss? Vielleicht man selber? Oh, nein – ist man jung, wird einem eine Brille von den Eltern aufgedrängt. Ist man alt, wird einem von Krankenhäusern, Sozialeinrichtungen oder der eigenen Familie die Brille abgenommen und eine Augenleicht-Brille verpasst. So etwas passiert nur den Brillenmachern nicht und ein paar anderen, die mit den goldenen Brillen zum Beispiel.
Wenn man selber aussuchen will, so darf man nur Vorschläge machen. Die werden dann vom zuständigen Brillenmacher geprüft, der das Gesuch dann weiterleitet zum Gremium "Brillenpflege", das besser "Brillenzwang" heißen sollte. Und da wird dann über einen geurteilt, ob man auch die "richtige" oder vielleicht sogar die "beste" Optik habe. Je nach Urteil wird man abgewiesen oder – bäng! – , einen Stempel drauf und "verfügt" dazu. Oder es werden einem Empfehlungen gegeben, für andere Brillen – oder es wird einem geraten, doch noch ein wenig zu warten, bis sich die eigene Optik "schärfe". Es wird einem eine "Übergangsbrille" vorgeschlagen und die hat man dann auch zu nehmen und mancher kommt aus dem übergang nie mehr heraus. Da wird doch nur gewertet, wie anpassungsfähig, nie, wie man wirklich ist, was in einem steckt und sich verwirklichen möchte. Nein danke, diese Ordnung ist die reinste Unordnung für mich!"
Ich las auch "du schwächst mich, behinderst mich, machst mich unfrei, abhängig, wirfst Schatten auf mich und gehst in mir um, wie ein uraltes Gespenst!" Oder: "Du erdrückst mich mit deinen Ansprüchen, so zu leben, wie du es dir vorgestellt hast, das zu vollenden oder anzufangen, was du nie vollenden oder anfangen konntest. Ständig hälst du die Geißel deiner – der Brillenmacher – Wertmaßstäbe und Urteile bereit, nie fragst du, was ich denke, fühle, was ich will! Ziehst mich durch das Nadelöhr des Gehorsams! Kein Fünkchen Selbstkritik (höchstens die, dass du nicht streng genug mit mir warst). Du betrachtest mich als dein Eigentum, deine Wachstafel, die du bearbeiten kannst, wie es dir passt, ohne einmal dein Wertsystem zu hinterfragen oder mich anzuhören! Du untergräbst ständig mein Selbstvertrauen mit eisiger Ablehnung meiner Wünsche. Verlangst von mir Bestätigung, ob ich nun will oder nicht. Aber du bist nicht meine Sonne, um die ich zu kreisen habe!!!"
Nun konnte ich nicht mehr weiterlesen, denn Bella grabschte den Brief und wedelte damit durch die Wohnung, legte ihn schließlich auf den Schreibtisch ihrer Mutter.
Der Kloß in Bellas Hals, den hatte sie nun ausgespuckt, aufs Briefpapier und sie zog sich erleichtert ihren Mantel über. Den Rucksack auf den Rücken und schon wollte sie die Tür hinter sich zuschlagen, als ihr die Brille einfiel.
Sie würde sie noch einmal aufsetzen müssen, sonst fiele sie nur auf und das konnte sie gerade jetzt nicht gebrauchen. Also die Brille von der Konsole geholt und den Schlüssel draufgeschmissen, Tür zu und zum Haus hinaus. Zur Hochbahn, Richtung Stadttor zum Süden!
Ja, in den Süden wollte sie. In die Sonne. Zu den Menschen, die keine Brillen brauchten. Ins Land der Gaukler!
Die Stadttore konnte sie nicht passieren, denn sie hatte keine Ausreisepapiere. Die hätte sie nur mit Genehmigung der Mutter bekommen, denn sie wurde ja erst in einem Jahr volljährig, unabhängig nach dem Gesetz der GOLDENEN BRILLE. Sie hatte nur ihren Personalausweis und würde eh’ registriert werden, wenn sie versuchen sollte, durch die Stadttore zu gehen. Dann könnte ihre Mutter sie leicht suchen lassen und sehr schnell würde man sie auch schnappen – und dann … Nein, das durfte ihr nicht passieren! Es gab nur einen Weg hinaus: durch das Tor zur Müllkippe, dann über das Niemandsland und die Müllhalde zum anderen Tor hinaus, das ja nicht weit von der Straße nach Süden lag.
Bella hatte auch gehört, dass an diesem anderen Tor manchmal Menschen ohne Brillen säßen, die einem weiterhelfen würden. Die Brillenhüter kümmerten sich nicht weiter um die, denn sie kamen nie in die Stadt. Und wer durchwanderte schon den Schuttgürtel der Stadt! Die paar, die es wagten, verirrten sich, wurden verrückt oder blieben irgendwo stecken. Und die wenigen, die es schafften, die würden schon von den Patroullien auf der Südautobahn abgefangen werden.
Bella stand in der Bahn, wurde hin- und hergeschaukelt und geschubst. Manche starrten sie an, waren aber wohl zu müde, um irgendetwas zu sagen, kamen von der Arbeit und dachten nur ans Abendessen und Fernsehen. Draußen verschwand der große, glührote Sonnenball im grauen Wolkengewaber, wie ein Brief im Postkastenschlitz. Die Straßenlaternen leuchteten auf und in den Wohnungen schaltete man die Lampen an.
Endlich war Bella an der Endstation der Nordlinie, hastete mit den Vielen durch den gelb gekachelten Bahnhof, warf ihre Fahrkarte in den Entwerter an der Sperre und trat hinaus ins Freie. Nicht weit, rechts, sah sie das Nordtor. Sie holte tief Luft, denn jetzt fühlte sie sich nicht mehr so riesengroß und voller Kraft. Ihre Knie waren doch ein bisschen weich und im Bauch meldete sich ein Grummeln und Kribbeln, das hochzog und ihr Atmen störte. Aber Bella hakte ihre Daumen hinter die Riemen des Rucksacks und wandte sich nach links, ging an der Stadtmauer entlang, bis sie nach 10 Minuten schwitzend am Tor zur Müllhalde ankam.
Zwei Bogenlampen beleuchteten die Einfahrt: ein kleines Torhäuschen, in dem nur ein Mann saß, der über einen Tisch gebeugt mit Rundrücken da hockte – ein scharfer Schattenriß hinter der Scheibe.
Sie wollte auf einen Laster warten und dann neben ihm, auf der dem Torhäuschen abgewandten Seite, hindurch schleichen und schnell ins Dunkel nach links abbiegen.
Während sie noch überlegte, wo sie warten solle, hörte sie auch schon das Gerumpel eines Wagens, trat hastig in den Schatten und sah zum Tor hoch, wo in bunt glitzernden Buchstaben "BLICK ZURÜCK" stand. "Komisch", dachte sie noch, "wieso zurück?" Aber dann ging alles sehr rasch. Der Laster verlangsamte, Bella sprang an seine Seite, lief neben ihm her, keuchte, weil der Rucksack arg nach hinten zerrte und dann war sie auf der anderen Seite und tastete sich an der Stadtmauer entlang. Sie wagte noch nicht, ihre Taschenlampe einzuschalten. So stolperte sie vorwärts. Es wurde schattiger, dunkler, richtig finster, denn der Lichtschein der Stadt wurde schwächer, je weiter sich Bella ins Niemandsland wagte.
In dem funzeligen Strahl ihrer Taschenlampe konnte sie auch wenig erkennen und das Kribbeln in ihrem Bauch wurde stärker. Es raschelte, zischelte, fauchte, dröhnte und heulte, als wären unzählige Wesen um sie, wirbelten herum und folgten ihr lauernd.
Bella kam in diese Senke, wo ich gerade saß und ließ ihren Rucksack zu Boden gleiten. Sie schlich ein Stück ihrem Leitstrahl nach, ließ die Taschenlampe den Umkreis ableuchten und nahm erstmal ihre Brille ab, warf sie dann mit der Geste eines römischen Feldherrns im Theater auf den Boden, sprang drauf, immer wieder, mit wütenden "Ha"s und "Scheissding"s, freute sich am Splittern und Knirschen der Gläser. Danach ging es ihr besser und sie murmelte: "So dunkel ist es ja gar nicht, das war mal wieder die Brille!"
Sie hüpfte zu ihrem Rucksack zurück, zerrte ihn zu ein paar Steinen und breitete den Schlafsack aus. Ans Fußende schob sie ihre Tasche mit Geld und Papieren, wurschtelte sich ein, Zipp, den Reißverschluss hoch, langte noch einmal mit dem Arm hinaus und nestelte am Rucksack hinter ihrem Kopf, zog eine Tafel Schokolade heraus und mümmelte genüsslich. Den Rücken gut geschützt von den Steinen. "Doch ein bisschen hart, der Boden!" und "Geschafft", kicherte sie zwischen Schokoladelutschen. Dann zog sie sich die Kapuze über den Kopf, bettete sich auf ihren Mantel, der als Kopfkissen diente und wollte einschlafen.
Aber das ging nicht so schnell. Immer wieder musste sie horchen, ob keiner käme und sie hörte das Blut in ihren Schläfen pochen, so unheimlich laut. Sie dachte an ihre Mutter: "Nie hört sie mir zu! Sie hat mich nicht lieb!" Und Bella wurde immer kleiner in sich, fing an zu weinen und schluchzte vor sich hin: "Keiner hört mir zu – ich bin so allein!"
Tja – und das hatte ich gehört!