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Einleitung

Macht und Missbrauch

Seit über zehn Jahren wird die katholische Kirche von einem Missbrauchsskandal erschüttert, der sie in eine existenzbedrohende Krise gestürzt hat. Das bringt mit sich, dass die moralische Autorität der Kirche sich in vielen Bereichen in Luft aufgelöst hat. Viele Menschen – auch Freunde der Kirche – fragen völlig zu Recht, was denn die Lehre der Kirche wert sein kann, wenn sie es nicht einmal schafft, in ihrem eigenen Bereich schlimmste Verfehlungen wie den Missbrauch von Kindern zu verhindern. Und noch schlimmer ist der Eindruck, dass die ureigene Tradition der Kirche kaum geeignet scheint, die Krise aufzuarbeiten. Weder moralische Appelle noch geistliche oder theologische Rezepte scheinen sich als Lösungsmodelle aufzudrängen.

Auch dieses Buch will und kann keine Rezepte liefern. Es ist nur der Versuch, durch eine Reise in die Vergangenheit quasi einen Blick von außen auf unsere heutigen Probleme zu werfen. Alte Kulturen zeichnen sich meist dadurch aus, dass Sexualität und Macht ganz innig verbunden sind. Das vermag unseren Blick zu schärfen für Gebrauch und Missbrauch von Sexualität als Instrument der Macht. Dieser Blick ist – trotz Missbrauchsskandalen und #metoo-Bewegung – durch die Nachwirkungen der Romantik und ihrer exklusiven Verbindung von Sexualität mit Liebe und innigem Gefühl immer noch etwas getrübt. Es ist an der Zeit, die Abgründe und Ambivalenzen menschlicher Sexualität wieder deutlicher wahrzunehmen, gerade damit menschliche Sexualität wirklich zum Ausdruck von Liebe und Zuneigung werden kann.

In den Zeitreisen, zu denen ich einlade, benutze ich eine Unterscheidung, die für viele vermutlich recht ungewohnt ist. Ich spreche nämlich von verschiedenen Körpern eines Menschen. Das muss kurz erläutert werden:

Persönlichen Körper nenne ich den Körper, in dem wir leben. Der persönliche Körper ist aber mehr als nur biologisches Material. Er ist zugleich ein geistiges Konzept, weil er ja von uns wahrgenommen und gedeutet wird. Da Menschen gesellige Wesen sind, ist unsere Wahrnehmung des persönlichen Körpers von kulturellen und religiösen Traditionen bestimmt und nicht einfach nur unser „eigenes Ding“. Gleichzeitig wird unser Körper von anderen wahrgenommen und gedeutet, womit dann ein anderer Körper beginnt, der öffentlich ist.

•Der öffentliche Körper ist weitgehend definiert durch die Rolle, die wir in der Gesellschaft spielen (wollen und/oder müssen). Wenn ich im Folgenden vom sozialen, religiösen, politischen, kulturellen oder gesellschaftlichen Körper spreche, dann meine ich keine zusätzlichen Körper, sondern will nur deutlich machen, um welchen Aspekt von „Öffentlichkeit“ es jeweils geht. Unser Austausch mit anderen geschieht ja in verschiedenen Welten, in der Zweisamkeit, der Familie, dem Freundeskreis, im Berufsleben, der Kirche, den Medien oder in der Weltöffentlichkeit. Alle diese Welten verdienten natürlich eine eigene Betrachtung, aber im Rahmen dieses Buches kann ich nur bestimmte Aspekte auswählen und darauf eingehen.

Die Unterscheidung von zwei Körpern ist übrigens alt. Bei Paulus haben wir schon die Vorstellung, dass die Glaubenden in einen Christus-Körper eingefügt werden (dazu später mehr), und auch die politische Theologie des Mittelalters unterscheidet einen natürlich-sterblichen Körper des Königs von seinem übernatürlich-unsterblichen Körper.1 Mir geht es freilich nicht nur um den König. Auch wenn im Folgenden viel von Herrschern die Rede ist, gehe ich davon aus, dass jeder Mensch mehrere Körper hat. Auch unterscheide ich nicht nach sterblich/unsterblich oder natürlich/übernatürlich, sondern nach privat/öffentlich. Ich konzentriere mich sehr auf das Geschlecht der beiden Körper und auch auf die Frage, wie die beiden Körper zusammenhängen. Wie weiblich kann der private Körper sein, wenn der öffentliche Körper männlich sein muss? Was geschieht, wenn der persönliche Körper unterworfen wird, während der öffentliche Körper absolute Macht besitzt?

Während wir uns an den Zusammenhang von Sexualität und Macht erst wieder gewöhnen müssen, ist uns der Gedanke, dass Religion und Macht zusammengehören, viel vertrauter. Das hat die religiöse Tradition nicht nur des Christentums immer schon gewusst. Nicht umsonst wurde Gott als der Allmächtige verkündet und verehrt. Die vielen Götter anderer Religionen mögen zwar nicht allmächtig sein, aber dass sie mächtiger sind als die Menschen, macht ihr Wesen aus. Sonst bräuchte man sie gar nicht.

Sexualität, Macht und Religion als „Bermuda-Dreieck“?

Angewandt auf den Zusammenhang von Sexualität, Macht und Religion, dient das Bild vom Bermuda-Dreieck als Metapher für Zusammenhänge, die einerseits offenkundig machtvoll und wirksam sind, andererseits aber auch geheimnisvoll und undurchsichtig.

Dass Sexualität, Macht und Religion jedes für sich ein wirksames, geradezu unheimlich energiegeladenes Kraftfeld der menschlichen Existenz darstellen, liegt auf der Hand. Jedes menschliche Leben muss sich in ein Verhältnis zu diesen Kraftfeldern setzen. Selbst ein völlig asexueller Mensch, falls es ihn gäbe, müsste sich mit der sexuellen Bestimmtheit seiner Artgenossen auseinandersetzen. Selbst ein völlig machtloser Mensch bekommt es mit der Macht der anderen zu tun. Selbst eine komplett religionslose Person muss sich mit der Religion der anderen als einem machtvollen Sinnsystem in Vergangenheit und Gegenwart auseinandersetzen.

Der Aspekt des Geheimnisvollen wird vielen dagegen nicht sofort einleuchten. Gibt es denn in unserer Zeit überhaupt noch Tabus? Besonders im Bereich der Sexualität scheint in Zeiten allgemein zugänglicher Versorgung mit pornographischen Produkten die Rede von Tabu und Geheimnis ziemlich altbacken.

Auch die Macht scheinen wir entzaubert zu haben. Wir wählen unsere Regierenden für eine bestimmte Zeit, und wenn sie uns nicht mehr passen, dann wählen wir sie ab.

Und letztlich gehen wir auch an Religion mit aufklärerischer Vernunft heran und unterwerfen religiöse Geltungsansprüche wie selbstverständlich den Regeln der allgemeinen Menschenrechte und der freiheitlich-demokratischen Grundordnung.

Die Geheimnisfreiheit unserer modernen westlichen Kultur ist aber wohl nur ein Trugschluss. Das völlige Fehlen von Geheimnis und Tabu ist nämlich kulturgeschichtlich gesehen geradezu unmöglich. Jede Kultur hat nämlich ihre eigenen Geheimnisse, Mythen und Tabus. Und die wirksamsten zeichnen sich eben dadurch aus, dass sie unsichtbar sind – gerade für die unmittelbar Beteiligten nicht recht zu fassen. Erfasst werden Mythen und Tabus immer erst dann, wenn sie schwach werden, unwirksam und unbrauchbar. Deshalb erkennen wir sie leichter in Kulturen, denen wir nicht oder nicht mehr angehören.

Außerdem geht es bei dem Bermuda-Bild nicht einfach um den Tabu-Charakter von Sexualität, Macht und Religion, sondern um die geheimnisvollen Wechselwirkungen zwischen diesen drei Dimensionen menschlichen Lebens. Dass hinsichtlich dieses Zusammenspiels auch unsere Kultur ihre „blinden Flecken“ hat, darf als sicher gelten.

Nun bin ich als Bibelwissenschaftler kein Experte für die Gegenwart. Deshalb wende ich mich mit meinen Betrachtungen alten, längst vergangenen Kulturen zu. Meiner Profession entsprechend sind meine kleinen, höchst selektiven Ausflüge ins Bermuda-Dreieck menschlicher Existenz also zugleich Zeitreisen. Sie laden ein, ins Fremde zu reisen, um das Eigene zu erkennen. Gerade wenn wir uns sehr fremden Kulturen widmen, wird nahezu unweigerlich immer wieder die Frage aufkommen, was das Ganze mit uns zu tun hat, ob wir es heute denn so ganz anders machen und wenn ja warum.

So hoffe ich, dass Sie auch dort, wo ich nicht selbst die Linien direkt bis zur Gegenwart ausziehe, die Möglichkeit entdecken, sich selbst und Ihre eigene Kultur neu zu begreifen – in Zustimmung und Widerspruch zum Damals und auch zu mir als Autor. Steigen Sie also ein, in unsere kleine Zeitmaschine SE-MA-RE!

Sexualität – Macht – Religion

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