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Lucile – das frühe Talent

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Vom »geradezu überragenden musikalischen Talent« seiner zweiten Tochter, seines Lieblingskindes, erwartete Grétry sich sehr viel. 1787 war bereits eine zweite Oper Luciles, »Toinette et Louis« (1787), aufgeführt worden. In seinen »Memoiren« (1798) werden diese Erfolge, die ihn einst mit Stolz erfüllt hatten, nur noch Anlass zu bitteren Selbstvorwürfen und zu Warnungen an verblendete Eltern: »Misstraut, o ihr allzu unglücklichen Mütter, den Begabungen, die sich in euren Kindern allzu leicht und ungestüm entwickeln, denn für mein Kind stand am Ende dieser Entwicklung der Tod! Möge euch mein Beispiel eine Lehre sein! Ich hatte drei Kinder, ich hatte drei Töchter, die man bewunderte. Nun habe ich keine mehr, ich bin allein. Dieses Unglück begreift nur, wer es erlitten hat. Ich werde Ihnen sagen, was ich getan und was ich zu bereuen habe, und werde Ihnen auch sagen, was ich hätte tun sollen …«

Lucile war sehr verschieden von ihrer älteren Schwester, sie erfreute sich einer guten Gesundheit, sie war energisch, wissbegierig, ehrgeizig und immer aktiv. »Sie in ihrem Tatendrang zu hindern, hätte bedeutet, sie zu töten. Ihr Geist war ständig beschäftigt, ihre Mienen immerzu in Bewegung … Ihr außergewöhnlicher Charakter (der in jeder Hinsicht dem meinen ähnlich war,) empörte sich gegen jede Ungerechtigkeit, die sie mit Abscheu erfüllte, und immer mäßigte die Wahrheitsliebe, die sie tief im Herzen trug, ihren jähzornigen Charakter. Ich war stets ihr Zufluchtsort in allen Lebenslagen.« Grétry schildert sie beim Komponieren, wie sie zornig und ungeduldig die Harfe zupfte, wenn ihr nichts einfiel, wie er sie korrigierte, vorsichtig, um »das heilige Feuer nicht auszulöschen«, wie »das kleine Wesen« im Schaffensrausch weinte, sang und seine ganze Umgebung vergaß. Ihre Leistung bewies, »dass ihr Geschlecht mit jenem Genie begabt sein kann, das man ihm noch bestreitet«.

Diese zweite Tochter schien alle Erwartungen des Vaters zu übertreffen, intellektuell und charakterlich: »Gibt es eine schönere Wesensart, einen kostbareren Charakter als den ihren? Kann man mehr Reinheit, Einfachheit und Kraft zugleich besitzen? Man brauchte ihr gegenüber weder Nachsicht noch Strenge zu üben. Man musste nur gerecht sein.« Er vermisste bei ihr die typisch weibliche Eitelkeit, die Zeit war ihr zu kostbar, um sie mit Äußerlichkeiten zu verlieren: »Ich glaube bemerkt zu haben, dass die Zeit, die sie bei einer sorgfältigen Toilette verlieren musste, ihr diese gleichgültig machte. All ihr Glück lag in der Lektüre, besonders der von Versen, und in der Musik, die sie leidenschaftlich liebte.«

Grétry vermeinte ein gesundes Gegengewicht zu diesem einseitigen Glück zu schaffen, indem er Lucile mit einem jungen Mann, einem ausgezeichneten Musikliebhaber, verheiratete. Er erlebte eine bittere Enttäuschung. Der allzu streng erzogene junge Mann fand es normal, jetzt seine Frau zu tyrannisieren. »Für ihn war es nur natürlich, seine Frau so zu behandeln, wie er selbst behandelt worden war. Er zerriss das Herz, in dem er hätte herrschen sollen; zwei kummervolle Jahre brachten sie ins Grab.« Was Gretry hier so pauschal und ohne Einzelheiten darstellt, als die seelische Folge einer unglücklichen Ehe, war andrerseits auch bedingt durch die Tuberkulose, von der alle seine Töchter befallen wurden und der sie alle im fast selben Alter erlagen.

Requiem für ein Kind

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