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Verwaiste Eltern

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Der Euphemismus des letzten Satzes kann nicht darüber hinwegtäuschen, in »welch entsetzlichem Zustand« die Eltern zurückblieben. Sie richteten sich einer am andern auf: »Aus Mitleid mit mir hatte meine Frau die Kraft, das Leben zu ertragen, und zwang mich dadurch, es ihr nachzutun.« Beide durchlebten »eine lange und tiefe Trauer«. Die verwaiste Mutter übertrug alle ihre Liebe auf ihren Gatten, sie griff ihre Jugendbeschäftigung, das Malen, wieder auf und portraitierte zuerst ihre drei Töchter, später malte sie dann »öffentlich«, d.h. für den Lebensunterhalt der Familie, denn die Revolution hatte mittlerweile die Gehälter des einstigen »königlichen« Komponisten gestrichen.

Nach 1790 geriet Grétry in Schwierigkeiten wegen seiner früheren Beziehungen zum Königshaus. Eine seiner »royalistischen« Partituren wurde öffentlich verbrannt. Er hatte nur die Wahl, sich in den Dienst der neuen Ideen zu stellen oder sich Verfolgungen auszusetzen. Die Königin Marie-Antoinette, seine ehemalige Gönnerin, bestieg im Jahre 1793 das Schafott. Grétry glaubte, dass er einen genügend »hohen Tribut an das Schicksal gezahlt« habe und schrieb einige republikanische Opern, ohne große Begeisterung und ohne sonderlichen Erfolg, sowie eine Reihe von opportunistischen Gelegenheitswerken für die Französische Revolution, u.a. eine »Hymne zum Pflanzen des Freiheitsbaumes«. Sie trugen nichts zu seinem Ruhme bei und sind allesamt vergessen. Dem »aimablen« Grétry blieben die allzu lauten Revolutionsfanfaren eigentlich fremd.

Wesentlicher für Grétry war in diesen Jahren vermutlich das Redigieren seiner Memoiren. Das Kapitel 67 des zweiten Bandes, in dem er seine Tragödien schildert, kostete ihn am meisten Mühe. »Seit ich an diesem Kapitel schreibe, verdunkeln mir oft die Tränen den Blick. Drei Jahre ist es her, dass ich aufgehört habe, Vater zu sein … Zwanzigmal habe ich die Feder fortgeworfen, während ich dies schrieb.« In einer Fußnote präzisiert er, dass das Kapitel »im Verlauf dreier Jahre entstanden« sei. Kein Wunder, dass Romain Rolland gerade in diesen Bekenntnissen eines Erschütterten »das Lesenswerteste und Wertvollste« des riesigen Memoiren-Werkes erblickte, das in der Originalfassung 1376 Seiten umfasst.

Dass Grétry überhaupt darauf bestand, diese schmerzlichsten Episoden aus seinem Leben in seine musikästhetischen, moralischen und philosophischen Erörterungen zu integrieren, erklärt er aus zwei Gründen: einerseits aus der »väterlichen Schwäche«, seine Freunde dazu zu bewegen, »über dem teuren Grab meiner drei reizenden, für den Tod bestimmten Blumen eine Träne zu vergießen«, andrerseits aus der Furcht, ein anderer könnte sein Schicksal teilen.

Requiem für ein Kind

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