Читать книгу Wenn alle Dämme brechen - Katharina Rappmund - Страница 8
GANZ LANGSAM UMDREHEN, BITTE
Оглавление»Hände hoch!«
So wurde ich an meinem ersten Tag im OP begrüßt. Reflexartig gehorchte ich, obwohl es durchaus unwahrscheinlich war, dass sich zwischen all den Personen, die sich in dem schwimmbadblau gekachelten, fünfzig Quadratmeter großen Raum befanden und in ihrer grünen OP-Kleidung herumstanden wie auf einer Pyjamaparty, der Lauf einer Pistole auf mich richtete.
Aber meine Verwirrung war zu groß, um die Lage sofort und vollständig zu erfassen. Seit zwei Monaten war ich Medizinstudentin und beschäftigte mich mit so abstrakten Dingen wie biochemischen Formeln und lateinischen Fachausdrücken. Auch die Lebensläufe von Galen und Paracelsus waren mir im Kursus »Geschichte der Medizin« nahegebracht worden. Es waren gerade Weihnachtsferien, und ich hatte gedacht, es sei an der Zeit, mein neues Wissen in meiner ersten Famulatur zu beweisen. So hochtrabend werden die drei Schnupperwochen im Krankenhaus genannt, weil ich später einmal Ärztin werden wollte. In allen anderen Berufen hieße es einfach nur Praktikum.
Ich war also seit zwei Tagen Famulantin und hatte in dieser kurzen Zeit bereits feststellen müssen, dass meine erlernten Theorien gänzlich unbrauchbar waren. Wichtig war allein die richtige Art des Händewaschens. Das hatte mir an diesem Morgen Pfleger Ralf zu verstehen gegeben und mich in die Kunst der chirurgischen Händedesinfektion eingewiesen. Nach fünfminütigem Schrubben und Bürsten von Nägeln, Fingern, Händen und Unterarmen musste ich mich noch ausgiebig mit Desinfektionslösung einreiben.
»Das da«, er wies auf das schillernde, chemisch-blaue Desinfektionsmittel, »desinfiziert und pflegt gleichermaßen. Raue Hände werden so zart wie ein Babypopo.« Er lächelte so überzeugend wie das Hausmütterchen im Werbespot, das die Finger in einem Glas Spülmittel badet. »Dieses hier ist ohne Duftstoffe. Für Leute mit einer Parfümallergie.« Seine Stimme klang leicht verächtlich. »Und hier hast du das einfache Ethanol. Das ist für die mit Neurodermitis und so.« Sein Gesicht spiegelte einen Ekel, als hinge ihm selbst die Haut in Fetzen herunter. Ich hatte also die Qual der Wahl. Wofür sollte ich mich entscheiden: Sollte ich mit dem blauen Chemie-Cocktail rote Quaddeln riskieren oder meine Haut doch lieber mit reinem Alkohol austrocknen? Was war das weniger große Übel? Ich drückte beherzt auf den Ethanol-Spender. Dann öffnete Ralf mit einem Fußtritt die automatische Schiebetür. Vorsichtig trat ich ein und blinzelte in die hellen Lichter einer OP-Leuchte.
»Hände hoch und ganz langsam herkommen!«, ertönte es noch einmal, und ich sah hinüber zu der gedrungenen Gestalt, die mich über ihren Mundschutz hinweg wie durch ein Visier anblitzte. Sie bedrohte mich allein mit ihren Worten, doch das reichte, um mich einzuschüchtern. Ich hatte es schließlich nicht auf ein Duell abgesehen. Dabei hätte ich auch nicht die leiseste Chance gehabt, das wurde mir nach einem Blick auf das hochgestellte Tischchen vor ihr klar: Dort lagen fein säuberlich aufgereiht und in griffbereiter Position eine Reihe Skalpelle sowie andere, ziemlich scharf aussehende Instrumente.
»Ich bin Schwester Elfriede«, schnaufte die grashüpfergrüne Wurstgestalt, während sie mir die engen Latexhandschuhe über die Finger stülpte. »Und jetzt ganz langsam umdrehen, bitte!«
Mit diesen Worten wickelte sie mich fest in einen bodenlangen Kittel, der ebenso grün war wie der ihre, und knotete ihn unter meinen Brüsten fest. Ich fühlte mich wieder wie eine Fünfjährige, die noch immer ihre Mutter bitten muss, ihr die Schuhe zu binden.
»Pass bloß auf, dass du dich nicht wieder unsteril machst«, blaffte Elfriede und wies mir einen Platz dicht neben ihr zu. Ihr Mundschutz hatte genau in der Mitte einen beeindruckend akkuraten Falz, aber ihre Haube zeigte unförmige Dellen. Wahrscheinlich, dachte ich nachsichtig, trägt sie darunter eine Hochfrisur.
Ein Operationssaal ist ein merkwürdiges Paralleluniversum. Eine grell erleuchtete, schwül-warme Welt, in der schwere Leiber auf Tragen hin und her geschoben werden, entblößte Körperteile mit klaffenden Wunden der übliche Arbeitsplatz sind und die Verletzung der intakten Körperoberfläche eines Menschen, das Aufschneiden, Ausschaben und Ausweiden der Patienten auf der Tagesordnung steht. Es gibt eigene Regeln und unerklärliche Rituale, eine adrenalingeschwängerte Raumluft und verschwimmende Hierarchien. Dort herrschen weder die Chefärzte noch die Krankenhausdirektoren, hier haben die OP-Schwestern das Sagen. Sie herrschen wie die Königinnen, da sie unbedingte Keimfreiheit garantieren, und ein jeder hat sich ihren Anordnungen zu fügen, die sie im Kampf gegen die Bakterien treffen. Vor allem der Neuling tut gut daran, sich zurückzunehmen, still zu beobachten und sich nur in Zeitlupe zu bewegen. Denn wenn man mit einer unkontrollierten Handbewegung eine Ecke ihres Instrumententisches unsteril macht, muss die OP-Schwester das gesamte Instrumentarium austauschen. Das kostet wertvolle Zeit, Geld und vor allem ihre Nerven. Darum wird sie umgehend dafür sorgen, dass einem diese Operation zur Hölle wird, sodass man ihre Lektion niemals wieder vergisst. OP-Schwestern sollte man sich daher immer zu Freundinnen machen. Was gar nicht so leicht ist. Selbst regelmäßig in den Frühstücksraum geschleuste Toffifee-Packungen oder das Mitbringen von Selbstgebackenem können diese Strukturen nicht mehr als nur an den unteren Rändern aufweichen.
Doch nach meiner zweitägigen Berufserfahrung kannte ich weder die Vorliebe der OP-Herrscherinnen für Süßes aller Art, noch konnte ich es mit ihrer siebenjährigen Spezialausbildung aufnehmen. Daher blieb mir nichts als der stumme Gehorsam.
Als alles vorbereitet und der OP-Tisch gedeckt war mit den schneeweißen Brüsten einer unter Tüchern verborgenen Frau, traten endlich auch die Ärzte hinzu. Ich war ein wenig enttäuscht, wie profan ihr Auftritt war. Keiner von ihnen orderte seine Lieblingsmusik. Weder Hard-Rock-Balladen noch Bachs Wohltemperiertes Klavier würden diese Operation begleiten. Nur das leise Piepsen des Herzmonitors und das rhythmische Rauschen der Beatmungsmaschine bildeten eine Art Hintergrundmusik. Es gab auch keine kurze Ansprache des Operateurs, keine kernigen, aufmunternden Worte, wie sie in den Krankenhausserien häufig in wichtigen Momenten gesprochen werden. Es sah auch niemand von einer Zuschauergalerie aus zu. So etwas gab es hier überhaupt nicht. Wer zusehen wollte, wie ich, der musste sich schon ins Herz des Geschehens begeben. In den Bannkreis von Elfriede.
»Können wir?«, fragte der Oberarzt mit seinem vollen Bariton, und nach einem knappen Nicken des Narkosearztes begannen die Operateure ihre ehrenvolle Tätigkeit.
Erst desinfizierten sie die Brust, deren Spitzen sich gleichmäßig in den Himmel reckten, und dann setzte einer von ihnen das Skalpell an. Es war ein schöner Busen, nicht der einer alten Frau, dafür war er zu gut in Form. Er war nicht zu groß und nicht zu klein und rutschte kaum seitlich der Rippen nach unten. Er hatte Idealmaße. So einen Busen hätte ich auch gern gehabt. Doch nun zeichnete der Operateur mit dem Messer einen bogenförmigen Schnitt in dieses perfekte Dekolleté. Blutstropfen quollen aus der zarten Haut entlang dieser Verletzung hervor und konfrontierten mich mit der schrecklichen Realität. Dies war keine Schönheitsoperation. Die Frau war krank, ging es mir durch den Kopf. Wahrscheinlich hatte sie Brustkrebs. Ein hinterhältiger Knoten hatte sich in ihrer Model-Brust gebildet, war gewuchert und gewachsen, sodass ihm nur noch durch einen glatten Schnitt Einhalt geboten werden konnte.
Eine Brust besteht neben dem Drüsen- hauptsächlich aus Fettgewebe. Es hat die gelbe Farbe von Montageschaum und quillt in ähnlicher Weise aus allen Ritzen, die das Skalpell eröffnet, hervor. In der Wärme unter den OP-Leuchten wird das Fett dann weich und glibberig, und mir wurde übel, als ich mit ansehen musste, wie der Operateur auch noch die letzten Reste davon vom großen Brustmuskel abschabte. Er kam mir plötzlich überhaupt nicht mehr vor wie ein Halbgott in Weiß. Höchstens noch wie ein derber Metzger, der routiniert seinem Handwerk nachging. Es war demütigend, dachte ich. Sowohl für die Patientin als gewissermaßen auch für mich, die ich stumm danebenstehen und hilflos zusehen musste, wie er ihr, ohne mit der Wimper zu zucken, die wundervolle Brust einfach absäbelte. Ich bebte vor Empörung, als er die zitternde Titte auf ein kleines, silbernes Tablett legte und sie achtlos weiterreichte. Wie auf einer fliegenden Untertasse schwebte sie durch den Raum, von Hand zu Hand, bis Elfriede sie mir direkt vors Gesicht hielt.
»Halt doch mal kurz«, sagte sie.
Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, was damals für Gefühle auf mich einstürzten. Es hatte viel mit Mitleid, aber auch mit dem Entsetzen zu tun, das der Anblick eines abgetrennten, blutigen Körperteils hervorruft. Und mit dem empfindlichen Schamgefühl einer Neunzehnjährigen. Ob es kalkulierte Bosheit von Elfriede oder einfach nur gängige Routine in diesem Operationssaal war, ich weiß es nicht. Jedenfalls brachte mich diese Situation ziemlich aus der Fassung, und es kam, wie es kommen musste: Ich wurde ohnmächtig.
Das passiert jedem angehenden Mediziner mindestens einmal. An irgendeinem Punkt der Ausbildung fällt man in Ohnmacht. Den einen trifft es früher, den anderen später. Viele erledigen das gleich während des Studiums. Meine Freundin Sophie hat es ganz elegant in den ersten Semestern während des Pathologie-Unterrichts hinter sich gebracht. Wir standen alle um eine Bahre aus Edelstahl herum, auf der die formalingetränkte Leiche lag. Sie war schon benutzt, das heißt bereits eröffnet und teilweise abgetragen worden, was uns einen lehrreichen Blick in ihre Innereien bot. Während der Pathologie-Assistent also auf einen vergrößerten Leberlappen und die gestaute Pfortader hinwies, sah ich, wie Sophie in rhythmische Schwingungen geriet. Als fiele sie in Trance, pendelte ihr Oberkörper immer stärker vor und zurück. Sie schien sich am Rand der Bahre festhalten zu wollen, doch ihre Finger glitten ab. Ich fürchtete schon, sie würde sich in das fein säuberlich abpräparierte Mesenterial-Adernetz in der Bauchhöhle erbrechen, als sie plötzlich nach hinten wegsackte. Zum Glück standen wir dicht an dicht, so wurde sie von den Kommilitonen in der zweiten Reihe aufgefangen und sanft zu Boden gelegt. Wir waren alle froh über diese Abwechslung von der drögen Theorie. Keiner folgte mehr den Ausführungen des Pathologen zum Pfortader-Hochdruck. Hier galt es endlich einmal einzugreifen. Den klinischen Fall lieferte eine von uns, also wurde mit schlauen Ratschlägen nicht gespart. Die einen wollten Sophie in die stabile Seitenlage bringen, die anderen hätten ihr am liebsten sofort einen Beatmungsschlauch in den Hals gesteckt. Erstaunlicherweise hilft bei Ohnmacht zumeist ein ganz einfacher Handgriff: Um wieder Blut in das unterversorgte Hirn der Bewusstlosen zu bringen, reicht es, beide Beine einfach senkrecht in die Höhe zu heben, sodass der Blutstrom von den Füßen in Richtung Kopf verläuft. Wir spielten also Klappmesser mit Sophie, und innerhalb von Sekunden schlug sie die Augen auf.
»Wo bin ich?«, fragte sie.
Ich weiß nicht mehr, wie ich selbst damals gestürzt bin, doch anscheinend nicht kopfüber in das blutige Operationsfeld und auch nicht auf Elfriedes sterilen Instrumententisch. Vielleicht hatte auch sie erste Anzeichen von Schwindel bei mir bemerkt und mich unsanft vom OP-Tisch weggedrängt. Jedenfalls erwachte ich nach einem, wie mir schien, sehr langen, sehr tiefen und sehr traumlosen Schlaf auf dem harten Fliesenboden und wunderte mich, was all diese maskierten Menschen in meinem Schlafzimmer zu suchen hatten. Dann erkannte ich, dass sie OP-Hauben und Mundschutz trugen, und erschrak: Welch lebensrettenden Eingriff hatte ich gerade überstanden? Ich staunte nicht schlecht, als ich erfuhr, dass ich nur zwei Sekunden lang ohnmächtig gewesen war und die Operation inzwischen zügig weiterging. Die Narkoseschwester und Pfleger Ralf sorgten sich routiniert und kein bisschen schadenfroh um mich, begleiteten mich in den Frühstücksraum und drückten mir ein belegtes Brötchen und einen Kaffee mit viel Zucker in die Hand.
Da saß ich nun und versuchte, mit meiner Schmach fertigzuwerden. Ich hatte mal wieder den Klassiker geliefert: Ohnmacht bei der ersten OP. Und ich war doch davon überzeugt gewesen, dass mir das nicht passieren würde. Hatte ich nicht souverän sowohl den anatomischen Präparierkurs als auch die erste Leichenöffnung überstanden? Hatte ich nicht mit wissenschaftlichem Interesse weiche Hirnmasse zerteilt und mikroskopisch untersucht, ohne auch nur die geringste Schwäche zu zeigen?
Und dann das.
Ich biss in das Brötchen, dass es knackte. Es bröselte grauenvoll. Ich hatte eigentlich gar keinen Hunger, aber weil alle annahmen, ich sei wegen eines Unterzuckeranfalls umgekippt, kaute ich brav und trank den starken Kaffee in kleinen Schlucken, wie Medizin. Mir gegenüber saß eine Schwester und strickte. Eine andere blätterte konzentriert in einer Zeitschrift, die ausschließlich aus großen, grobkörnigen Fotos und dicken Überschriften zu bestehen schien. Ralf hatte offensichtlich auch niemanden mehr, dem er das Waschen beibringen musste, und studierte eifrig den Dienstplan. Der hing als überdimensionaler Jahreskalender an der Kopfseite des Raumes und trug geheime Codes und Kürzel und wochenweise Urlaubsmarkierungen in sechs verschiedenen Textmarkerfarben. Es war ein kleines Krankenhaus und die Anzahl des OP-Personals überschaubar. Ich fragte mich nur, wie das beispielsweise in den Universitätskliniken gehandhabt wurde. Ob da irgendjemand wirklich den Überblick behielt. Und ich dachte an die Patientin, die zum Glück über die handfesten Einzelheiten ihrer Operation im Unklaren bleiben würde. Ob sie nach dem Aufwachen aus der Narkose beim Anblick ihrer weiß verbundenen Brust, bei diesem Gefühl der Unvollkommenheit und der ungewohnten, fühlbaren Asymmetrie nicht vielleicht selbst in Ohnmacht fallen würde? Erschreckend genug mag ihre Situation gewesen sein.
Während ich mir so meine Gedanken machte und mich ganz allmählich in diesem unwirtlichen Pausenraum entspannte, hörte ich plötzlich ein sehr ungewöhnliches Geräusch. Es passte nicht in diese Welt voll mechanischer Töne, blinkender Lichter und dringender Durchsagen. Es war irgendwie archaisch, tierisch und vollkommen deplaziert. Eine Mischung aus Grunzen und Stöhnen, das klang, als würde jemand ersticken. Es drang hinter einer der drei schäbigen Holztüren hervor, die die Diktatkabinen vom Pausenraum abteilten. Dort stand auf einem schmalen Regal das Aufnahmegerät, in das jeder Operateur nach Beendigung seiner OP den Operationsbericht zu diktieren hatte. Eines der wichtigsten Dokumentationszentren des Krankenhauses also. Und von dort kamen die irritierenden Geräusche. Ich hob lauschend den Kopf. Die beiden Schwestern kicherten.
»Bestimmt wieder der Hans-Jörg.«
»Hatte der gestern Dienst?«
»Blinddarmdurchbruch morgens um viere.«
»Da hat er wohl seinen Dienstschluss verpennt.«
Natürlich, da schnarchte jemand!
Ein durchdringend sonores, gurgelndes Schnarchen, das in dieser klinischen Atmosphäre etwas beunruhigend Unappetitliches hatte. Doch keine der Schwestern schien ihn aufwecken zu wollen. Sie brachten es offensichtlich nicht übers Herz.
Blinddarmdurchbruch morgens um vier, dachte ich bewundernd. Was war das für ein Held. Mein Großvater war noch an den Folgen eines Blinddarmdurchbruchs gestorben. Er war selbst Chirurg gewesen und arbeitete auf dem Feld der Ehre. Er versorgte die Soldaten im Krieg und operierte bis zum Umfallen. Wortwörtlich. Er wollte sich durch ein bisschen Bauchweh nicht davon abhalten lassen, die Kameraden zu retten, und als er selbst zusammenbrach, den Bauch voller Eiter, war ihm nicht mehr zu helfen. Er war erst achtundzwanzig Jahre alt.
Es musste ein wunderbares Gefühl sein, einem Menschen das Leben zu retten. Viel besser, als einer Frau eine ihrer wunderschönen Brüste abzuschneiden, dachte ich.
Wie konnte er, nachdem er solch eine Leistung vollbracht hatte, nicht zufrieden und eins mit der Welt, lächelnd und strahlend aus der Diktatkabine treten? Stattdessen war er erschöpft darin versumpft, der chirurgische Held dieser Nacht. Offenbar schien das regelmäßig vorzukommen. Die OP-Schwestern jedenfalls registrierten es mit routinierter Nachsicht. Auch Ralf zeigte, die verräterischen Töne bewusst ignorierend, Verständnis. Nur mir war noch nicht klar, wie anstrengend berufliches Gutmenschentum in Wirklichkeit ist.
Ein paar Minuten später kamen meine Operateure herein. Der Oberarzt riss sich Haube und Maske vom Gesicht und warf sie in hohem Bogen in den Mülleimer. Er hatte kurzes, graues Haar und einen irgendwie erschrockenen Ausdruck im Gesicht. Wie ein kleiner Junge, den man bei etwas Verbotenem ertappt hatte. Seine Augen waren sehr hell und sehr aufmerksam und boten vielleicht eine Erklärung dafür, warum er als bester Chirurg dieses Krankenhauses galt. Ihnen schien nicht das Geringste zu entgehen. Er habe, so hieß es, den komplizierten Trümmerbruch einer Kollegin, die mit ihrer Enduro auf glatter Fahrbahn ausgerutscht war – Szegediner Gulasch, wie Ralf bemerkte –, anstatt zu amputieren, so stabilisiert, dass die Frau wieder tanzen konnte. Eine Art Lazarus-Legende, die dazu führte, dass jede einzelne Krankenschwester im ganzen Haus ihn nur zu gerne an ihre Beine gelassen hätte. Und das nicht nur im Zusammenhang mit einem Trümmerbruch.
Ich starrte auf seine Hände, die, noch weißlich vom Puder der Latexhandschuhe, nach einem Brötchen griffen. Sie waren sehr kräftig, und ich bemühte mich, nicht daran zu denken, was sie gerade im OP angerichtet hatten. Natürlich, so sagte ich mir, handelten sie nur zum Wohle der Patienten. Was das wiederhergestellte Tanzbein der Kollegin bewies. Er war eben ein begnadeter Feld-, Wald- und Wiesen-Chirurg. Einer, der alles konnte und es darum auch machte. Heutzutage werden Brüste nur noch selten komplett entfernt. Es wird, sofern möglich, die »brusterhaltende« Operation gepflegt. Brustkrebs wird in Brust-Zentren behandelt und dort von Gynäkologen mit einschlägigen Erfahrungen und einer Mindestanzahl an Eingriffen an der weiblichen Brust operiert. Als ich in die Welt der Operationssäle eintrat, war der Begriff »Brustzentrum« noch weitgehend ungebräuchlich. Bestenfalls bezeichnete man damit die Mitte des Brustbeins. Die Stelle, wo bei Thoraxeingriffen die Säge angesetzt wird.
Der Oberarzt kaute genüsslich und bröselte kaum. Im Verspeisen der OP-Brötchen hatte er natürlich ebenfalls mehr Talent und Erfahrung als ich. Sein Gang war schwer und seine Gesten waren ausladend. Ich bewunderte diesen Alleskönner und fürchtete ihn gleichermaßen, wie er so durch den Raum auf den Kühlschrank zu schritt. Er öffnete ihn mit dem ihm eigenen Schwung und holte mehrere Bierflaschen heraus.
»Auch eins?«
Er wandte sich doch tatsächlich an mich! Ich hatte gehofft, er hätte mich gar nicht wahrgenommen. Nicht mich und auch nicht meinen unrühmlichen Abgang. Ich hatte ihn unterschätzt. Er zwinkerte mir freundlich zu und lächelte ein gut gebräuntes, von ansehnlichen Falten durchzogenes Luis-Trenker-Lächeln. Wahrscheinlich würde er zwischen den Jahren auf schwierige Ski-Touren gehen.
Ich schüttelte den Kopf und fühlte mich noch mehr als Versagerin. Warum konnte ich nicht einfach nach einem der hohen, feminin geschwungenen Gläser greifen und mit einem lockeren Spruch auf den Lippen auf die gelungene OP anstoßen?
»Prost!«
Die Gläser des Operationsteams klirrten. Sogar Elfriede hatte sich dazugesellt und strahlte unter ihrer menopausenroten Hochfrisur. Ich fühlte mich überflüssig und unbehaglich. Genau dieser Moment war es wohl, der meine ambivalente Einstellung gegenüber Allgemeinchirurgen begründete. Immer wieder traf ich auch später auf anbetungswürdige Operateure, die mit freundlicher Jovialität und einem unerschütterlichen Selbstvertrauen die schwierigsten Situationen meisterten. Dabei eine bewundernswerte Risikobereitschaft und einen leichten Hang zur Grenzüberschreitung zeigten. Rasante Skifahrer, sportliche Autofahrer und wendige Motorradfahrerinnen eben. Ich hatte das Gefühl, niemals diesem Gesamtpaket entsprechen zu können.
Da hockte ich in meiner Ecke auf dem harten Plastikstuhl wie eine verschreckte Maus. Womöglich war ich doch nicht für eine Karriere in einem chirurgischen Fach geeignet, ging es mir durch den Kopf. Vielleicht sollte ich lieber Internistin werden, Laborwerte gegeneinander abwägen und Untersuchungsergebnisse abgleichen. Oder ich zog mich gleich ganz hinter das Mikroskop der Mikrobiologie zurück. Wie war ich nur auf diese verrückte Idee verfallen, es sei realistischer, eine gute Ärztin zu werden als eine Piratin?