Читать книгу Nathaniel - Katja Christ - Страница 10
Feierabendkaffee
Оглавление„Weiß Sergeant Smith, dass Sie mich anrufen, Officer Taylor?“, fragte ich, als ich den Anruf auf meinem Mobiltelefon entgegennahm.
Ein Stutzen auf der anderen Seite der Leitung ließ mich schmunzeln. „Woher wissen Sie, dass ich es bin?“
„Sie übertragen Ihre Nummer, Lady!“
„Aber Sie kennen diese Nummer doch gar nicht.“
„So, meinen Sie?“
„Sie sind unheimlich!“
Ich lachte. „Ich bin mir sicher, dass Sergeant Smith ihnen meine Visitenkarte nicht freiwillig überließ.“
„Nein, tat er nicht. Er steckte sie direkt in seine Jackentasche. Aber er ließ die Jacke über seinem Stuhl hängen, als er sich einen Kaffee holte.“
Ich lachte erneut auf. „Er war also lange genug weg, um die Nummer abzuschreiben. Sie haben die Visitenkarte dorthin zurückgesteckt, wo Sie sie fanden, so dass er nicht ahnt, dass Sie mich kontaktieren können.“
„Exakt!“
„Gerissen! Und hinterhältig! Aber ich bin beeindruckt.“
„Ich muss Sie sprechen!“, fiel sie direkt mit der Tür ins Haus, ohne auf das Kompliment einzugehen.
„Sie halten nicht viel von höflichem Smalltalk, Taylor, oder?“
„Ich habe keine Zeit für höflichen Smalltalk. Wenn Smith mich erwischt, hält er mir eine Standpauke!“
„Davon gehe ich aus!“
„Sie wissen also, was er über Sie denkt!“
„In der Tat! Deshalb kann ich auf keinen Fall verantworten, dass er sie erwischt.“
„Versuchen Sie gerade, mit mir zu flirten, O’Dell?“
„Fiele mir nicht ein!“
„Gut! Ich muss Sie sprechen. Können wir uns auf einen Feierabendkaffee treffen und uns über unsere Ermittlungen austauschen?“
„Sollte sich einrichten lassen.“
„Kennen Sie das Rubens? Sagen wir um sechzehn Uhr dreißig?“
„Ich kann frühestens um achtzehn Uhr.“
Sie schwieg kurz. „Wegen mir auch um sechs.“
„Gut! Ich werde da sein.“
„Danke! Bis dann!“
„Wie, kein ‚Und kommen Sie allein’?“
Das Klicken in der Leitung sagte mir, dass sie das Telefonat beendet hatte.
Ich betrat das Café und ging direkt zu dem hintersten Tisch in einer Nische des Raumes durch. Dort saß sie, eine Tasse Milchkaffee vor sich und blätterte durch die Akte, die vor ihr auf dem Tisch lag. Ich hatte sie direkt gespürt, hatte, ohne darüber nachzudenken, auf ihren Tisch zugehalten. Sie hatte die schwarzen, langen Haare wieder in dem zu strengen Flechtzopf gebändigt, nach unserem Telefonat wohl extra noch ein wenig strenger gezogen als sonst. Sie war unmissverständlich schön, aber sie versuchte, es unter allen Umständen zu verbergen. Wenn sie mich bemerkt hatte, so zeigte sie es nicht.
„Sie haben eine Ermittlungsakte kopiert?“, fragte ich amüsiert, als ich an den Tisch trat.
Sie schreckte auf. „Sie sollten sie sich ansehen. Es gab einen dritten Mord“, entgegnete sie, versuchte, sich den kleinen Schreck nicht anmerken zu lassen.
„Ich müsste lügen, würde ich sagen, dass mich das überrascht.“ Ich setzte mich ihr gegenüber, um ihr den Abstand zu gönnen, den sie brauchte, um nicht wieder kalte Schauer zu spüren. Sie war schon vor meiner Ankunft nervös gewesen, das hatte ich gespürt. Ihr Herzschlag war leicht erhöht und ich hatte ein leichtes Unwohlsein wahrgenommen. Sicher fragte sie sich gerade, was sie da geritten hatte, sich mit mir allein zu treffen. Sergeant Smiths Verzweiflung hatte ihr Angst gemacht, auch wenn sie nicht zu erahnen vermochte, weshalb er in seinem Büro fast zusammengebrochen war, spielte er ihr gegenüber immer den abgestumpften, erfahrenen Ermittler, den nichts mehr so leicht aus der Bahn warf.
Sie schob die Kopien über den Tisch, doch ich zögerte, den Hefter zu öffnen, denn ich wusste, dass die Bedienung sich auf den Weg zu uns machte. Ich bestellte einen einfachen Kaffee. Mein Körper kann normale Flüssigkeiten aufnehmen, ohne besondere Reaktionen darauf zu zeigen. Das erleichtert es ungemein, in einer menschlichen Gesellschaft menschlich zu wirken, selbst, wenn man nie vor Einbruch der Dunkelheit gesichtet wird. Schwieriger, wenn nicht gleich unmöglich, stellt es sich mit fester Nahrung dar. Keine Minute und mein Verdauungstrakt gäbe diese unwillkürlich wieder. Doch Flüssigkeiten funktionieren, auch wenn ich keinerlei Nutzen oder Genuss daraus ziehe.
Ich warf einen schnellen Blick in die Akte, immer auf der Hut, wann die Bedienung den Kaffee servieren würde, dann arbeitete ich mich intensiver durch die Bilder und Eckdaten des Tatorts. „Eine Rothaarige diesmal. Er arbeitet sich durch alle Haarfarben.“
„Keine echte Rothaarige“, warf sie ein.
„Es war auch keine echte Blondine.“ Ich betrachtete die Bilder der Wunde im Nacken. „Wurde bei den beiden ersten Opfern Speichel in der Wunde gefunden?“, fragte ich. Sie sah mich überrascht an. „Die Wunden ähneln sich zu sehr. Das würde niemand so genau hinbekommen. Wenn kein Speichel gefunden wurde, halte ich es für wahrscheinlich, dass er ein Werkzeug für diese Wunde verwendet.“
Sie atmete tief ein. „Das klingt beruhigend“, sagte sie. Ich sah kurz zu ihr auf. „Das bedeutet, dass er noch Hemmungen hat. Das empfinde ich als beruhigend. Was für ein Monster müsste er sein, wenn er nicht einmal davor zurückschreckt, anderen Menschen den Nacken zu zerkauen?“ Sie schauderte.
„Wo wurde sie gefunden? Nicht am gleichen Tatort wie die beiden Morde zuvor, schätze ich.“
„Nein! Ich vermute, dass ihm zu viel Aufmerksamkeit auf diesem Ort liegt. Selbst die Zuhälter fahren Patrouille. Er kostet sie Geld und das macht sie ziemlich wütend.“
„Zu viel Aufmerksamkeit, aber leider nicht die Aufmerksamkeit, die er sich wünscht“, murmelte ich.
„Wessen Aufmerksamkeit will er denn erregen?“ Ich sah sie über den Rand des Hefters an, klappte den Hefter zu, nahm einen Schluck von dem Kaffee, um ihr irgendwie eine menschliche Geste zu liefern. „Sergeant Smith schweigt sich darüber aus. Er sprach ebenfalls davon, dass er Aufmerksamkeit erregen will, aber er schweigt sich darüber aus, wessen. Die der Presse vielleicht? Ist er wütend, dass seine Morde kaum Beachtung in den Medien finden?“
„Vielleicht!“, erwiderte ich und sah ihren empörten Gesichtsausdruck.
„Fein!“, stieß sie aus. „Sie wollen es mir also auch nicht sagen. Ich ermittle in diesem Fall, O’Dell! Ich glaube, ich habe ein Recht darauf, alle Informationen zu erhalten.“
„Sagen Sie das Sergeant Smith.“ Lahmes Ausweichmanöver, dachte ich, doch mir blieb nicht viel anderes übrig. Leugnen machte keinen Sinn, also spielte ich Loyalität vor.
Sie kniff die Augen zusammen und musterte mich. „Anderer Tatort, aber nicht weit entfernt. Gerade soweit, dass er nicht fürchten muss, entdeckt zu werden.“
Ich las durch die Obduktionsberichte der beiden ersten Opfer. „Er stellt sie still, bevor er ihnen den Nacken zerfetzt. Dass der Drogencocktail allein sie nicht schon umbringt, grenzt an ein Wunder.“ Sie musterte mich immer noch, als ich mir die Fotos des dritten Mordes genau ansah. „Er inszeniert den Tatort. Er drapiert die Leichen, legt ihren Kopf absichtlich in diese seltsame Position, um die Aufmerksamkeit auf die Wunde im Nacken zu legen, die er mit ihren Haaren abdeckt. Ich vermute, dass er sie eine Zeit auf dem Boden liegen und ausbluten lässt, bevor er ihnen das Genick bricht und sie zurechtlegt.“
Sie nickte. „Und es scheint ihm eine besondere Freude zu sein, sie zuvor zu missbrauchen.“ Ich sah den Schauer, der durch ihren Körper fuhr, der definitiv nicht von mir verursacht wurde.
„Er durchläuft bei seinen Morden zwei Phasen“, sagte ich leise. „Die erste resultiert aus der Art und Weise, wie er sich ihnen nähert. Er gibt sich als Freier aus, sammelt sie von der Straße auf. Nicht in dieser Gegend, er nimmt sie woanders auf. Er bringt sie in ein Versteck, wo er sie sexuell foltert. Es ist wie ein Vorspiel für ihn, als wollte er warmlaufen, als würde ihm diese Vorgehensweise dabei helfen, zu dem Monster zu werden, das er sein will, als würde sie alle Hemmungen in ihm lösen. Er wird sie an einen Ort bringen, wo er mit ihnen ungestört ist, wo sie nicht gehört werden. Dann verabreicht er ihnen diesen Drogencocktail und bringt sie zu den Orten, an denen sie gefunden werden sollen. Dort beginnt dann die zweite Phase. Er schlüpft in die Rolle des Monsters und hinterlässt uns ein angenagtes Opfer mit gebrochenem Genick.“
Sie hatte zugehört, ohne zu unterbrechen, musterte mich nachdenklich. „Zwei Phasen“, murmelte sie dann. „Ich hatte gedacht, dass er es gleichzeitig tut, dass es ihn anmacht, wenn sie vor ihm bluten.“
Ich schüttelte den Kopf. „Es würde ihn zu viel Zeit kosten, die Gefahr, dass er gestört werden könnte, wäre zu groß. Nein, nein, er braucht zwei Tatorte, da er versucht, zwei verschiedene Rollen zu spielen. Beide Rollen symbolisieren eine andere Art von Macht. Aber es ist ihm noch nicht gelungen, die zweite Rolle zu meistern. Er benutzt ein Werkzeug, nicht sein eigenes Gebiss.“
„Das ist widerlich“, flüsterte sie.
„Ich rate Ihnen, suchen Sie nach verlassenen Häusern, Fabriken, Lagerhallen. Irgendetwas, das ihm die nötige Privatsphäre bietet für seinen ersten Tatort.“ Sie nickte nachdenklich, zu nachdenklich für meinen Geschmack, um nur über mögliche erste Tatorte zu grübeln. „Und vergessen Sie die Idee, sich als Lockvogel an die Straße zu stellen! Kein Makeup der Welt wird sie verzweifelt genug aussehen lassen, um als mögliches Opfer in Frage zu kommen. Abgesehen davon würde Sergeant Smith dem sowieso nicht zustimmen.“ Ich signalisierte der Kellnerin, dass ich zahlen wollte.
„Sie wollen schon gehen?“, fragte sie überrascht.
„So sehr ich Ihre Gesellschaft genieße, ich muss dennoch aufbrechen. Ich kann Ihnen zu diesem Zeitpunkt noch nicht viel mehr sagen. Wo war gleich der dritte Tatort?“ Ich wühlte durch die Akte.
„Ich könnte sie hinbringen“, sagte sie und ich wusste, dass es nicht darum ging, meine Gesellschaft noch etwas länger zu genießen. Sie wollte sehen, was ich an diesem Tatort tat, doch ich hatte nicht vor, mich mit ihr dort blicken zu lassen. Ich hatte nicht vor, noch an diesem Abend zu diesem Tatort aufzubrechen, denn ich war mir sicher, dass der Kreis mir hinterher spionieren würde, um zu kontrollieren, ob ich mich ihrer Entscheidung beugte. Noch konnte ich keine vampirische Anwesenheit spüren, weshalb ich das Treffen auch kurzhalten wollte. Es gab keinen Grund, den Kreis auf die junge Frau vor mir aufmerksam zu machen.
„Danke!“, sagte ich, als ich den Punkt auf der Karte fand und abspeicherte. „Aber ich habe noch andere Verpflichtungen. Ich sehe mir den Ort beizeiten an.“ Bevor sie auf das Wort „beizeiten“ anspringen konnte, gab ich der Kellnerin die Idee, mich nicht länger warten zu lassen, da sonst sicher das Trinkgeld kleiner ausfiel. „Das sollten wir wiederholen!“, sagte ich lächelnd, als ich auch ihren Kaffee bezahlt hatte und der Kellnerin ein Trinkgeld gab, das sie mehr als zufrieden lächeln ließ. Ich zwinkerte Officer Taylor zu und verließ das Café. Ich konnte gerade eben noch soviel Abstand zwischen mich und das Rubens bringen, dass niemand mich mit einem Besuch dort oder Officer Taylor in Verbindung bringen würde, als ich Anzeichen vampirischer Gegenwart vernahm. Ja, beschattet mich ruhig! Seht zu, wie ein Vampir die langen Geschäftstage ausnutzt und für seine Spenderinnen Geschenke kauft, statt sich an den Ermittlungen in einer Mordserie zu beteiligen, die nach unserer Aufmerksamkeit schreit. Seht, welch loyaler Vampir, der die Entscheidung des Kreises respektiert!