Читать книгу Nathaniel - Katja Christ - Страница 11
Kontrolle
ОглавлениеIch trinke nicht täglich, dann käme ich mit drei Spenderinnen kaum aus. Je älter wir werden, umso seltener müssen wir Blut zu uns nehmen. Mit einer ausreichenden Mahlzeit – weniger, als Sie bei einer Blutspende hinterlassen – komme ich ohne nennenswerten Leistungsverlust fast über eine Woche lang aus. Das heißt nicht, dass dies ein wünschenswerter Zustand ist, doch schließlich muss ich Rücksicht auf die Gesundheit meiner Spenderinnen nehmen. Anders als bei Blutspenden wird meinen Spendern aber nicht nur Blut entnommen. Ich gebe ihnen etwas zurück, was die heutige Medizin leider nicht zu leisten vermag. Spiritistische Fähigkeiten sind eines der Geschenke, die ich ihnen zurückgebe. Gesteigerte Widerstandskraft, gesteigerte Leistungsfähigkeit, gesteigerte Immunität gegenüber vielen Krankheiten, um die wichtigsten zu nennen. Es sind Fähigkeiten, die ein Spender braucht, um die Strapazen des regelmäßigen Blutverlustes bewältigen zu können. Jede medizinische Einrichtung würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn sie von der Häufigkeit der Spenden erführe.
Das Wichtigste an dem Verzicht auf die Jagd ist eine ausgewogene Auswahl an Spendern. Während die Jagd einem unweigerlich verschiedene Persönlichkeiten als Opfer bietet, so sind genaue Überlegungen und Beobachtungen von Nöten, um eine ansatzweise ausgewogene Abwechslung unter den Spendern zu gewinnen. Das gelingt mal mehr, mal weniger. Meine derzeitige Auswahl deckte eine angenehme Spanne ab.
Rebecca war das liebe, hübsche Mädchen, das sich für alles Schöne interessierte, dessen Hobbies sich auf die schönen Dinge des Lebens konzentrierten. Sie zeichnete, sie tanzte, sie kochte für ihr Leben gern. Sie liebte Tiere, konnte gut mit Kindern umgehen. Sie hatte uns alle bereits mehrfach gezeichnet, sie dekorierte das Haus und verwöhnte ihre Mitbewohnerinnen mit kulinarischen Finessen, kurz sie symbolisierte die Ruhe und das Schöne im Haus.
Trish, die kleine süße Trish, war stets vorsichtig und selbstunsicher. Häufig brachte ihr Misstrauen sie dazu, unsere Wohngemeinschaft vor neugierigen Fremden zu schützen. Dennoch hatte sie ein großes, liebevolles Herz. Sie konnte gut zuhören und beobachten und ihre fürsorgliche, verständnisvolle Art machte sie zu einer guten Beraterin und, falls nötig, Vermittlerin.
Helen, die Kräuterhexe, war die Abenteurerin im Haus. Sie war im Gegensatz zur zurückhaltenden Trish und der lieben Rebecca die Wildheit in Person. Ihre Leidenschaft brachte Feuer ins Haus. Sie liebte die Gefahr, alles was gefährlich war, zog sie an. Es war kein Wunder, dass sie sich mir genähert hatte, als wir uns das erste Mal begegnet waren.
Es war im Krankenhaus, wo sie bei ihrer sterbenden Großmutter am Bett gewacht hatte, als ich die Zimmernachbarin, das Opfer eines Vampirüberfalls, aufgesucht hatte, um zu untersuchen, ob es Hinweise auf den Täter gab. Sie hatte mich mit großen Augen angesehen und ich hatte sie sofort als Sensitive erkannte, genauso wie sie mich als Vampir. Der Inspektor, mit dem ich gekommen war, hatte sie gebeten, einige Augenblicke vor der Tür zu warten, während ich das Opfer genauer untersucht hatte.
Als ich das Krankenhaus danach verlassen hatte, hatte ich gespürt, dass mir jemand folgte. Ich hatte meinen Verfolger in verlassene Gassen gelotst, wo ich in der Dunkelheit wartete und in einem Blitzangriff eben jenen Verfolger stellte: Helen! Doch sie hatte nicht den Anflug von Angst gezeigt, als ich sie mit ausgestrecktem Arm ohne Mühe am Hals an die Wand drückte. Ihre Augen hatten in Erwartung geblitzt. Zuerst hatte ich geglaubt, sie sehnte sich nach der Ewigkeit, danach gewandelt zu werden, doch sehr schnell hatte ich gespürt, dass es ihr darum nicht ging. Es war die Gefahr, die Erregung, das Adrenalin, das damit einherging. Ich hatte ihr geraten, sich von meines Gleichen fern zu halten, doch davon hatte sie nichts wissen wollen. Sie hatte mich immer wieder aufgespürt, was Vampiren normaler Weise überhaupt nicht gefällt. Wir sind die Jäger, nicht die Gejagten. Doch es hatte mir gefallen, dass mich diese junge Frau stalkte, dass sie der Angst trotzte und sich derart in Gefahr begab. Ich hatte noch ein Zimmer frei und bald darauf zog die Wildkatze ein.
Ich saß auf dem Sofa und las in dem Buch, dass ich aus der Bibliothek entwendet hatte. Verschiedene Theorien darüber, wie Menschen sensitive Reaktionen auf uns zeigen konnten, ohne sensitiv zu sein. Ich hatte mir Taylors Akte längst vorgenommen: Sie war den gängigen Tests unterzogen worden, die aber alle bestätigten, dass sie nicht sensitiv war. Ich hoffte, in dem Buch ähnliche Fälle zu finden, Ideen zu finden, was sie derart auf mich reagieren ließ. Nur nebenbei vernahm ich Helens Rückkehr. Ich schenkte dem nicht wirklich Beachtung, bis mir bewusstwurde, dass sie sich nicht bewegte, sondern am Türrahmen gelehnt dastand und zu mir hinübersah. Sie hatte weder Jacke noch Schuhe ausgezogen.
„Wieso kommst du nicht herein?“, fragte ich, ohne von dem Buch aufzusehen.
„Der gebildete Jäger der Nacht“, entgegnete sie und ich sah ob ihres amüsierten Tonfalls auf. „Kaum vorstellbar, dass dieses Wesen, das da so entspannt und friedlich auf dem Sofa sitzt und liest, ein kaltblütiger Henker werden kann.“
Ich grinste, wandte mich wieder dem Buch zu. „Du wärest überrascht, in was sich dieses friedliche Wesen noch alles verwandeln kann.“
Sie lachte, stieß sich vom Türrahmen ab und kam auf das Sofa zu. Sie blieb direkt hinter mir stehen und ihre Hände fuhren durch meine Haare auf meine Wangen und zogen meinen Kopf in den Nacken. Sie küsste mich leidenschaftlich und ich wusste, dass es wieder soweit war. Sie wollte spielen.
„Wenn du mein Blut haben willst, musst du es dir holen“, flüsterte sie.
„Nichts leichter als das“, erwiderte ich, doch sie kannte mich gut genug, um frühzeitig Abstand zwischen uns zu bringen.
„Nein, so leicht mache ich es dir nicht!“ Sie grinste mich herausfordernd an. „Wenn du mein Blut willst, wirst du mich erst jagen müssen! Und ich verspreche dir, so schnell findest du mich diesmal nicht.“
Ich lachte, als sie auch schon aus dem Raum lief. Ich gönnte ihr den üblichen Vorsprung, gönnte ihr Zeit sich zu verstecken und Maßnahmen zu treffen, die sie tarnen sollten, indem ich das Buch zurück in mein Kellergewölbe brachte. Dann schlüpfte ich durch ein Fenster hinaus und kletterte schnell die Hauswand hinauf auf das Dach, von wo aus ich den Garten überblicken konnte. Ich schloss die Augen und sog den Wind in mich ein. Sie hatte über die Kräuter einen Weg gefunden, ihren Geruch zu tarnen. Nicht Knoblauch, wie Sie jetzt sicher glauben. Der Gestank ist so aufdringlich, dass man nur dieser Duftnote folgen muss, um sein Opfer ausfindig zu machen. Mit Knoblauch hatte sie zuerst experimentiert, es aber schnell nach wenigen gescheiterten Tarnversuchen sein lassen. Wir hatten uns durch verschiedene penetrant riechende Pflanzen gearbeitet, bis sie einen neuen Ansatz versucht hatte. Dezenter Duft, der es dennoch schaffte, ihre Spur zu überdecken. Ich öffnete die Augen, ließ meinen Blick wieder über den großen Garten mit den vielen Verstecken schweifen, die sie mittlerweile angelegt hatte. Ihrer Duftspur konnte ich nicht folgen, also suchte ich nach Spuren ihrer Energie und fand sie schnell. Sie hatte auch daran gedacht und ein Labyrinth mit ihrer Energie hinterlassen, hier und da einige Spuren von sich gestoßen, um mich irrzuführen. Doch ich erkannte ihre wahre Spur, sprang schnell und lautlos vom Dach auf einen nahen Baum, ohne, dass dieser durch zu viel Bewegung meine Anwesenheit verriet.
Ich wusste, dass sie diesen Abend vorbereitet und Fallen aufgestellt hatte. Eine unachtsame Bewegung meinerseits konnte ein kleines Katapult auslösen, das mir Steine oder andere Gegenstände an den Kopf warf. Ein Fehltritt konnte bedeuten, dass ich mir einen Holzpflock einhandeln würde, der mehr schmerzhaft als gefährlich für mich sein würde. Ich wusste, dass sie es mir nicht leicht machen wollte, dass sie sich gegebenenfalls bewaffnet hatte und ich sie deshalb schnell überwältigen musste. Ich schwang mich über verschiedene Äste durch die Bäume, bis ich ihre Silhouette in ihrem Versteck kauern sah. Ja, sie trug eine Waffe, die mich kurz aufhalten würde, wenn sie mich damit erwischte, hatte um sich herum Fallen präpariert. Ich grinste, hangelte mich lautlos den Baum hinunter, bis ich auf dem Boden landete und mir im Schatten des Gebüschs kauernd überlegte, wie ich mich ihr dieses Mal näherte. Ich beschloss, sie ein wenig aufzuschrecken, kannte ich doch ihre Lust auf Nervenkitzel, sie hinzuhalten, die Jagd künstlich in die Länge zu ziehen, um ihr, und zugegebener Maßen auch mir, den Spaß zu gönnen. Ich ließ einen kleinen Ast nicht unweit von ihr herunterfallen, woraufhin sie sich sofort umwandte und ohne Umschweife einen kleinen Pflock aus ihrer Waffe verschoss, dieses kleine Miststück. Ich hörte ihr Herz laut und deutlich schlagen, während sie schnell und geübt ihre Waffe nachlud, ließ einen kleinen Stein in entgegengesetzter Richtung auf den Boden schlagen. Sie wandte sich herum und schoss ein zweites Mal in die Dunkelheit. Jetzt, da sie mir den Rücken zuwandte, näherte ich mich ihr zügig. Ich hätte aus dem Gebüsch springen und sie zu Boden werfen, meine Zähne in ihren Hals stoßen und ihr Blut trinken können, bevor sie nach einem weiteren Geschoss greifen konnte, doch ich ließ sie ihre Waffe nachladen, sprang kurz vor ihr wieder in einen Baum und betrachtete sie von oben, als sie zu der Richtung herumwirbelte, aus der ich gerade auf sie zugelaufen war. Sie kniff die Augen zusammen, schlich leise geduckt aus ihrem Versteck heraus. Ich folgte ihr durch die Bäume, warf einen weiteren Ast hinter ihr hinunter, woraufhin sie sich herumdrehte, die Waffe in die Bäume richtete und schoss. Doch ich war bereits hinter ihr zu Boden gesprungen, umschlang sie von hinten, entwendete ihr die Waffe, zog sie an mich heran und stieß ihr meine Zähne in den Hals. Sie schrie auf, fluchte dann leise, doch sie wehrte sich nicht. Ich trank nur wenig, ließ die Wunde sich schließen.
„Du hättest deinen Schutzkreis an kleinen Fallen nicht verlassen sollen“, sagte ich leise, wusste, dass die Jagdlust und die Gier in meinen Augen standen. Sie kannte diesen Anblick gut genug, als dass er sie in Angst und Schrecken versetzen konnte. Stattdessen erkannte ich etwas anderes in ihrem Gesicht – wilde Freude an dem Nervenkitzel.
Ich wirbelte sie herum, drückte sie an den nächststehenden Baum, hielt ihren Kopf so, dass sie mir ihren Hals entgegenreckte. Doch ich öffnete mir nicht sofort einen erneuten Zugang, strich stattdessen mit meinen Lippen über ihre Haut, saugte daran, ohne meine Zähne in ihre Adern zu stoßen. Sie atmete tief ein, griff mit ihren Händen nach meinem Hemd und zerrte daran.
Ich warf sie mir über die Schulter, sprang den Baum Ast für Ast hinauf und kehrte den Weg, den ich gekommen war, zum Haus zurück. Ich hörte sie leise lachen, als ich durch das offene Fenster wieder ins Haus schlüpfte und mich so schnell durch das Treppenhaus in ihr Zimmer bewegte, dass uns niemand bemerkte. Als die Tür zu ihrem Zimmer hinter uns ins Schloss fiel, warf ich sie von meiner Schulter auf das Bett und starrte sie eine Zeit lang an. Es war ein Spiel, das meine volle Konzentration erforderte, um mich dem Jagdtrieb, den sie jedes Mal in mir weckte, nicht vollkommen hinzugeben. Ich musste die volle Kontrolle behalten, um ihr Leben nicht zu gefährden, und das wusste sie. Sie sah mich herausfordernd an, warf ihre Jacke und Schuhe von sich und schlüpfte aus dem Pullover, nun mehr nur noch in Unterwäsche und Jeans bekleidet. Ich konnte ihren schnellen Puls unter ihrer Haut sehen, näherte mich ihr langsam, woraufhin sie sich zurückfallen ließ und rückwärts auf dem Bett von mir wegkrabbelte. Ich packte ihre Beine, zog sie so plötzlich zu mir zurück, dass sie auflachte. Ich ließ meine Nase über ihren Hals fahren, hinunter zwischen ihre Brüste und biss ein zweites Mal zu. Ihre Hände fuhren in meine Haare, drückten meinen Kopf an sie, während ich in kleinen Schlucken trank.
„Noch nicht alles!“, hörte ich sie flüstern, löste mich widerwillig von der Wunde und schloss sie. Ihre Augen strahlten mich an, als sie mich anlächelte. „Ich will alles“, sagte sie.
Ich stöhnte leise auf. „Ich weiß nicht, ob das jetzt eine gute Idee ist“, erwiderte ich.
„Du kannst dich kontrollieren, Nathaniel, das weiß ich. Du bist einer der Ältesten, wenn du es nicht kannst, kann es niemand.“ Sie küsste mich, obwohl ich gerade erst ihr Blut getrunken hatte, um ihrem Wunsch Nachdruck zu verleihen. Dann öffnete sie den Haken ihres Büstenhalters vorne zwischen den Brüsten und warf ihn durch den Raum. Sie nahm meine Hände, legte sie auf ihre Brüste und küsste meine Schläfen. „Heute will ich alles. Du hast mir versprochen, dass wir die Jagd einmal verbinden würden. Und ich will es jetzt.“
Ich atmete tief ein, streichelte ihre weichen Brüste, obgleich sie meine Hände längst nicht mehr festhielt. Ich beugte mich vor, küsste ihren Hals dort, wo ihr Puls kräftig gegen die Haut pochte, glitt mit meinen Lippen hinunter und hinterließ dabei eine leicht rosige Spur ihres eigenen Blutes. Sie ließ sich zurückfallen, dass ich über sie klettern konnte, griff nach meinem Hemd und öffnete die Knöpfe, bis sie es von meinen Schultern streifte. Ich löste ihre Hose, schob sie ihre Beine hinunter zu ihren Füßen, wo sie sie abstreifte und fallen ließ. Ich küsste ihren Körper hinunter über ihren Bauch, bis ich ihr in die Lenden biss, erneut kleine Schlucke trank und die Wunde wieder schloss. Sie keuchte, streckte sich mir entgegen. Ich entledigte mich schnell meiner Hose, beugte mich zwischen ihren Beinen über sie und begann erneut meine Lippen über ihre Haut zu streichen. Die Kunst war die Balance zu halten zwischen Begehren, Leidenschaft und Zurückhaltung. Die Kunst war, ihr nur wenig Blut zu rauben, bis sie soweit war, immer wieder nur kleine Mengen aus ihrem Körper zu saugen, und genau den richtigen Zeitpunkt abzuwarten, endlich die letzte große Portion aus ihrem Hals zu trinken. Die Kunst war, mich nicht selbst übermannen zu lassen, mich zu konzentrieren, bis sie mit einem langen Stöhnen in meine Arme sank. Langsam feuchtete ich ihre Wunde, bis sie sich schloss, blieb auf ihr liegen und umschlang sie mit meinen Armen, bis ich sie schließlich leise lachen hörte.
„Dir ist schon bewusst, dass wir das jetzt öfter machen werden?“, flüsterte sie und ich lachte.
„Ich habe so etwas befürchtet“, antwortete ich.
Ihre Hände strichen mir zärtlich durchs Haar. Sie gab sich der Erschöpfung hin, genoss die Hitze zwischen uns, bis ein unromantisches Brummen in ihrem Bauch uns sagte, was ihr Körper von unserem Spiel hielt. „Ich habe Hunger“, flüsterte sie.
„Ich weiß!“, erwiderte ich.
„Holst du mir etwas?“
„Natürlich!“
Ich küsste ihr zerzaustes Haar, richtete mich auf und ging in das nächste Bad, um das Blut aus meinem Mund zu spülen, bevor ich in der Küche, in der ich Rebecca bei der Arbeit hörte, nach dem Rechten sah. Sie lachte, als ich im Adamskostüm erschien, schüttelte den Kopf und wandte sich wieder ihren Kochtöpfen zu. „Sie hat dich also heute rumgekriegt“, sagte sie grinsend.
Ich öffnete den Kühlschrank, nahm ein paar Dinge heraus, dann warf ich einen Blick über ihre Schulter in die Töpfe. „Ich kann euch einfach keinen Wunsch abschlagen“, entgegnete ich. „Sie wird sich freuen, wenn sie sieht, was du gezaubert hast.“
„Gib ihr nicht zu viel davon“, sagte Rebecca, auf die Snacks deutend. „Sonst wird sie hiervon nicht mehr viel essen.“
„Darum würde ich mir keine Sorgen machen.“ Ich grinste, als Rebecca den Kopf schüttelte und leise lachte, verließ die Küche, um die Wildkatze im ersten Stock zu füttern.
Helen hatte gerade erst ein Stück Fleischwurst verdrückt und löffelte den Schokopudding, als Rebecca an der Tür klopfte.
„Nathaniel! Telefon!“, sagte sie entschuldigend. „Sergeant Smith, er klingt aufgeregt.“
Ich strich Helen sanft über die Wange. „Entschuldige!“ Sie nickte nur, schaufelte den Pudding gierig in sich hinein, während ich das Telefonat im Türrahmen lehnend annahm. Rebecca ging zu Helen, ließ sich neben ihr auf dem Bett nieder und sprach leise mit ihr, als ich mich abwandte.
„Sie scheinen mich vermisst zu haben, Sergeant Smith!“
„O’Dell! Schieben Sie Ihren Arsch hier rüber!“, hörte ich ihn aufgeregt ins Telefon brüllen. „Aber pronto!“
„Wenn Sie mir noch verraten, wo hier rüber ist, mache ich mich gerne auf den Weg!“ Ich spürte, dass er nicht nur aufgeregt war. Übelkeit, Wut und Hilflosigkeit schwangen in seiner Stimme mit. Er rotzte die Adresse durch den Hörer, dann legte er auf. „Ich muss los!“, sagte ich an die beiden jungen Frauen dort auf dem Bett gerichtet. „Es ist offensichtlich dringend. Becca, kannst du...“
„Ich kümmere mich um Helen!“, sagte sie und sah mich besorgt an. Auch sie hatte die seltsamen Gefühlswallungen in Sergeant Smiths Stimme vernommen und versuchte, die Vorstellung dessen, was ihn so in Rage versetzte, zu verdrängen.
Schnell warf ich mir Kleidung über, dann verschwand ich hinaus in die Nacht. Nur fünf Minuten nach dem Anruf, fand ich mich an der Ruine dessen, was einmal ein Firmenkomplex gewesen sein musste, ein. Überall beleuchteten Polizei- und Rettungsfahrzeuge das Gelände, Menschen rannten durcheinander. Ich fand Sergeant Smith und Officer Taylor außerhalb einer Halle rauchend wieder. Beiden war das Blut in die Eingeweide gesackt, dass sie fast so bleich wie ich im nächtlichen Licht wirkten. Beide sogen den Rauch der Zigaretten kräftig in sich ein. Officer Taylor lehnte an der Wand, den Kopf in den Nacken gelegt. Tränenspuren auf ihren Wangen verrieten mir, dass das, was sich in der Halle befand, auch für einen Vampir nichts Alltägliches darstellte.
„So schlimm?“, fragte ich und beide fuhren zusammen.
„Jetzt ist es Ihr Fall, O’Dell!“, sagte Sergeant Smith leise. „Richten Sie ihren Vorgesetzten einen herzlichen Dank aus.“
Ich trat durch das Tor und blieb wie angewurzelt stehen. Den Geruch von Blut hatte ich schon aus einiger Entfernung wahrgenommen und hier zeigte sich, weshalb. Mein Blick glitt über das Chaos und ich stöhnte unwillkürlich auf. Ich versuchte, nicht zu tief einzuatmen, den Blutgeruch nicht zu intensiv in mein Inneres dringen zu lassen, konnte nicht sagen, ob Helen mit ihrem Spiel meinen Jagdtrieb gedämpft oder angeheizt hatte.
„Nennt man so etwas in ihren Kreisen einen gedeckten Tisch?“, hörte ich die Stimme des Gerichtsmediziners, der neben einem leblosen Körper kniete und nun zu mir aufsah.
Ich schüttelte den Kopf. „Das ist das Ergebnis eines unkontrollierten Blutrausches“, antwortete ich, trat einige Schritte in die Halle. Sieben Frauen zählte ich, die teilweise auf dem Boden lagen, teilweise an die Stützpfeiler der Halle gefesselt worden waren. Ihre Kleidung, die sie alle als Straßenhuren identifizierte, war zerrissen, teilweise ganz entfernt worden. Ihre Körper wiesen unzählige Reißwunden auf. Ich schritt zwischen ihnen hindurch, legte meine Hand über eine dieser Reißwunden und stöhnte erneut. „Er hat von ihnen getrunken, aber nicht alles. Von jeder immer wieder etwas. Deswegen sind sie blutverschmiert. Er hat Unmengen verschwendet.“
„Ein Blutrausch?“, fragte der Mediziner. „Heißt das, es war tatsächlich ein Vampir?“
„Es war nicht irgendein Vampir“, erklärte ich. „Es war Ihr Werwolfmörder. Jemand hat ihn gewandelt und ohne Führung laufen lassen. Das hier war sein erstes Festmahl.“
Der Mediziner stöhnte auf. „Wirkt das Szenario auf Sie, O’Dell?“, fragte er. „Weckt es in Ihnen auch Blutdurst oder Jagdtrieb?“
„Würde es vielleicht“, antwortete ich ihm wahrheitsgemäß. „Wenn ich nicht bereits getrunken hätte.“ Er musterte mich. „Spenden Sie, Doc?“, fragte ich, denn als Sensitiver konnte dies durchaus möglich sein. Er schwieg eine Zeit, dann nickte er. „Dann wissen Sie, dass alles eine Sache der Kontrolle ist. Dieser Vampir hier hatte keine Kontrolle über sich. Er konnte und, ich fürchte, er wollte seinen Blutdurst nicht kontrollieren.“
„Ja, danach sieht es aus.“
Ich ließ meine Sinne durch die Halle schweifen, fand überall Spuren vampirischer Gegenwart. Wie ein Wahnsinniger war er zwischen den Frauen hin und her gesprungen, um seine Blutgier zu sättigen. Ich konnte ihn vor meinem inneren Auge sehen, folgte seinen Bewegungen chronologisch, bis er sie alle hatte verbluten lassen. Dann war er an den Streben hinaufgeklettert und in einen anderen Bereich des Komplexes gestürmt. Ich folgte ihm, bis ich auf ein Leben stieß, das an einem seidenen Faden hing. Ich riss die Augen auf, starrte den Doc an.
„Es gibt ein weiteres Opfer!“, stieß ich aus. „Es lebt noch!“
Der Mediziner sah überrascht zu mir auf. „Was? Wo?“, fragte er verwirrt.
„Kommen Sie!“, rief ich, sprang die Streben hinauf.
„O’Dell!“, rief er. „Warten Sie! Ich habe nicht Ihre Sprungkraft.“
Ich landete neben ihm auf dem Boden, griff seinen Arm und zog ihn mit mir die Streben hinauf. Nur entfernt hörte ich ihn aufschreien, hörte, dass Menschen in die Halle stürmten. Rasend schnell folgte ich der Spur, den Mediziner fest am Arm, zu fest wahrscheinlich. Wir sprangen aus dem Fenster auf ein anderes Gebäude, betraten es durch die eingebrochene Tür auf dem Dach, bis wir endlich das Büro erreichten, in dem eine junge, schwarzhaarige Frau vollkommen entkleidet auf einer Matratze gefesselt lag und aus einer Wunde an ihrem Hals blutete.
„Er war noch hier, als Sie kamen!“, stieß ich aus. „Sie lebt noch. Er kann nicht weit sein!“ Ich wollte seiner frischen Fluchtspur folgen, ihn sofort stellen, doch der Doc hielt mich fest.
„Ich kann sie nicht retten!“, sagte er eindringlich.
Ich warf einen kurzen Blick in die Richtung, in die der junge Vampir geflohen war, dann wandte ich mich der Frau zu. „Sie werden keinen vampirischen Speichel sicherstellen, oder Doc?“, sagte ich.
„Natürlich nicht!“, erwiderte er.
Ich senkte meinen Kopf, feuchtete die Wunde an ihrem Hals, bis sich diese schloss. Dabei stiegen mir Gerüche in die Nase, die all meine Beherrschung erforderten, dass ich die Wunde an ihrem Hals nicht erneut öffnete und ihr auch den letzten Rest Blut raubte. „Sie braucht Blut, sofort!“, sagte ich.
Der Doc schüttelte den Kopf. „Woher soll ich jetzt Blut nehmen?“
Ich sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an. „Aus Ihren Venen, Doc!“
„Was? Ich verstehe nicht!“
„Sind Sie bereit, ihr Blut zu spenden?“
Er nickte. „Ja, ja natürlich würde ich ihr Blut spenden, aber...“
Ich zog ihn zu uns hinunter auf die Matratze, entblößte seinen Arm und öffnete die Vene in seiner Armbeuge. Dann öffnete ich einen Zugang zu ihren Venen und ließ sein Blut unter meiner Kontrolle in ihren Körper laufen.
„Drücken Sie die Wunde ab, wenn Sie nicht wollen, dass ich sie schließe!“, sagte ich, als er die maximal mögliche Menge abgegeben hatte, dann schloss ich ihre Wunde.
Er starrte mich verwirrt an, drückte ganz automatisch auf seine Wunde, als hätte ich gerade eine Nadel herausgezogen. „Wie haben Sie das gemacht?“, fragte er.
„Vampir!“, antwortete ich, doch er schüttelte den Kopf.
„Das habe ich noch nie gesehen!“, fuhr er fort. „Louisanne, also der Vampir, dem ich spende, könnte das nicht.“
„Louisanne, also“, entgegnete ich grinsend. „Nun, Louisanne ist ein junger Vampir. Ihre Fähigkeiten sind noch nicht voll ausgereift. Machen sie ein Foto von ihr, wie wir sie gefunden haben. Sie braucht mehr Blut, um zu überleben.“ Er nickte, zog seinen Fotoapparat und machte schnell ein paar Fotos. Dann beobachtete er mich dabei, wie ich sie von den Fesseln befreite und von der Matratze aufhob. „Rufen Sie Ihre Kollegen, sie müssen weitere Transfusionen vorbereiten. Sagen Sie Ihnen, wir kommen!“ Er gehorchte und folgte mir den langen Flur entlang. Schnell, für menschliche Verhältnisse, liefen wir die Treppen hinunter, bis ich vor dem Gebäude viele Schritte hörte, wusste, dass das Einsatzkommando, das sich noch vor Ort befand, das Gebäude zunächst sichern wollte, bevor die Sanitäter es betreten durften. „Hinter mich!“ befahl ich dem Doc, der gerade in meinen Schatten trat, als auch schon die Tür aufflog, in schwarz gekleidete Männer mit vorgehaltenen Waffen hereinstürmten und sich das Licht unzähliger Taschenlampen auf mich legte, während ich die nackte, junge Frau die Treppe heruntertrug. „Sie braucht medizinische Hilfe!“, rief ich, bevor die Menschen die Situation voll erfassten. „Sofort!“
Kurz darauf legte ich sie auf der Liege nieder, spürte die Blicke aller Beteiligten in meinem Rücken. Ich hatte alles für sie getan, was ich tun konnte. Ihr Leben lag nun in der Hand der Menschen.
Kurz darauf fand ich mich in der Halle wieder. Die Spur des Vampirs war verblichen. Es machte keinen Sinn mehr, ihm zu folgen. Wortlos ging ich von Leiche zu Leiche, legte meine Hand über ihre Wunden und nahm die Hinweise, die mir jede Wunde verriet, in mich auf. Er hatte sie sozusagen zerfleischt, sie dabei zusehen lassen, wie er über die anderen hergefallen war, bis er sich wieder ihnen widmen würde. Diesmal hatte er sie nicht mit Drogen ruhiggestellt, hatte sie ihrem nahenden Tod ins Auge blicken lassen. Die Wandlung hatte ihm die letzte Hemmung genommen. Ich spürte Todesangst, spürte seine Erregung, seine befriedigte Grausamkeit.
„Was macht er da?“, hörte ich Officer Taylor flüstern, doch der Sergeant stand schweigend da und beobachtete mich mit zusammengezogenen Augenbrauen.
Ich ging die Halle ab, scannte die Wände, den Boden, die Pfeiler nach Spuren, die mir bei der Bestimmung der Identität des Vampirs behilflich sein würden. Niemand unterbrach meine Ermittlungen, niemand sprach mich an. Viele Polizisten glaubten, ich sei so etwas wie ein Medium, das Tatorte untersuchte und auf spiritistische Eingebungen hoffte. Wie nah sie damit an der Wahrheit lagen, war ihnen sicher nicht bewusst. Schließlich kehrte ich der Halle den Rücken, trat hinaus in die Nacht und atmete tief ein, um den Geruch des geronnenen Blutes, das mir ein unangenehmes Kribbeln in der Magengegend bescherte, aus der Nase zu bekommen.
„Ich hätte ihn kriegen können“, sagte ich leise, als Sergeant Smith zu mir trat.
„Was?“, fragte er überrascht.
„Die Spur war noch frisch, als wir sie fanden. Als die Polizei eintraf, war er wahrscheinlich noch vor Ort. Er hat Sie beobachtet. Ich vermute, er floh, als Sie mich anriefen.“
„Ein Vampir, also!“
„Ich erklärte es bereits dem Doc, es war nicht irgendein Vampir. Es war Ihr Werwolfmörder.“
Er atmete tief ein. „Er wurde gewandelt!“
„Ja, er hat endlich die Aufmerksamkeit erhalten, die er zu erreichen suchte.“
Der Sergeant schwieg, doch ich hörte ihn laut atmen. „Wir wussten, dass es soweit kommen würde.“
Ich nickte. „Ja, das wussten wir.“
„Dennoch durften Sie uns nicht unterstützen.“
„Jetzt ist ein schlechter Zeitpunkt, um über Vampirpolitik zu reden, Sergeant“, erwiderte ich. „Wie erfuhren Sie von dem Massaker?“
„Es war reiner Zufall. Wir erhielten einen Anruf eines besorgten Bürgers, der beobachtet haben wollte, dass sich wahrscheinlich Jugendliche auf dem Gelände aufhalten und Unfug anrichten“, erklärte er und ich musterte ihn überrascht. „Wir schickten eine Streife hierher und die Kollegen fanden das!“ Mit einer schnellen Bewegung deutete er auf die Lagerhalle, ohne sich herumzudrehen. Ein Hinweis auf das Gelände am Abend dieses Massakers. Ich glaube nicht an Zufälle, deshalb roch mir dieser Anruf sehr nach Berechnung. Doch wer sollte ein Interesse daran haben, die Polizei darauf aufmerksam zu machen? Und weshalb? Ich seufzte innerlich, denn es war wahrscheinlicher, dass jemand nicht die Polizei, sondern mich auf diesem Wege darauf aufmerksam machen wollte. Sergeant Smith zündete sich eine Zigarette an. „Die Spur war also frisch.“, begann er nach einigen Minuten des Schweigens. „Aber jetzt ist sie nutzlos. Sie ließen ihn laufen.“
Ich nickte. „Ja!“
„Um das Mädchen zu retten!“, fuhr er fort.
„Sie hätte es nicht geschafft.“
„Das hätte ich nicht gedacht“, murmelte er und ich sah ihm an, dass er es sofort bereute.
„Was hätten Sie nicht gedacht?“, fragte ich. „Dass ich meine Jagd für ein wertloses Menschenleben opfere?“ Er wandte den Blick von mir ab. „Sie ist gerade zwanzig, Sergeant. Sie hat einen unglücklichen Pfad eingeschlagen, wie die anderen Mädchen dort in der Halle auch. Ist ihr Leben deshalb wertlos? Sollte ich sie deshalb sterben lassen?“
„Nein!“
„Das sah der Doc genauso!“ Ich kniff die Augen zusammen, als er mich forschend betrachtete, wahrscheinlich überlegte, ob ich sie nur auf Drängen des Docs hin gerettet hatte. „Er sammelte sie“, fuhr ich nach einer Zeit, in der ich ihn hatte grübeln lassen, fort. „Er hielt sie hier schon länger gefangen, genau für diesen Moment. Er sammelte sie und opferte eine nach der nächsten dafür, sein Ziel zu erreichen, ein Vampir zu werden.“
Ich sah, dass Officer Taylor uns erblickte und zu uns kommen wollte, doch der Sergeant deutete ihr, fern zu bleiben. In ihrem Gesicht stand Unmut, doch sie setzte sich in den Wagen und starrte zu uns herüber.
„Und jemand ermöglichte ihm letztendlich dieses Ziel.“
„Ja, er wurde diesen Abend gewandelt. Wahrscheinlich direkt nach Einbruch der Dunkelheit. Er wird eine Verabredung gehabt haben, denn er wurde nicht hier gewandelt. Es gibt keine Hinweise auf einen zweiten Vampir, nur seine Spuren. Er wurde gewandelt und in seiner Blutgier von der Leine gelassen.“
„Was bedeutet das?“
„Wenn man gewandelt wird, gibt es nur noch einen Gedanken – Blut! Deswegen nehmen wir frische Vampire sofort unter unsere Obhut, wenn wir sie gewandelt haben. Sie müssen Blut trinken, aber kontrolliert, sonst passiert so etwas hier. Der Vampir, der ihn wandelte, nahm ihn offensichtlich nicht unter seine Obhut.“
Der Sergeant atmete tief ein. „Also vielleicht ein unerfahrener Vampir?“, fragte er.
Ich zuckte mit den Schultern. „Möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich. Die Strafen für solch eine Vorgehensweise sind hart. Das ist vor allem frischen Vampiren bewusst.“
„Was vermuten Sie also?“
„Ein gesetzloser Vampir, vielleicht schon etwas älter. Geschickt und erfahren genug, um keine Hinweise zu hinterlassen. Er wandelte diesen Mann aufgrund seiner Grausamkeit. Er wollte, dass dies hier passiert. Es war kein Unfall, dass der frische Vampir hier Amok lief, es war gewollt.“ Und es war auch kein Zufall, dass ausgerechnet an diesem Abend ein anonymer Hinweis bei der Polizei einging. Das Massaker gehörte zu einem Plan, genauso wie dass ich in den Fall involviert wurde. Warum, war mir schleierhaft. Wollte jemand die Vampirwelt verhöhnen? Wollte jemand mich verhöhnen? Ich war mir sicher, dass der Anruf von dem Vampir getätigt worden war, der den Werwolfmörder diese Nacht gewandelt und auf die Frauen losgelassen hatte. Doch sein Motiv war mir schleierhaft.
„Das heißt, nach der Wandlung ließ er ihn vollkommen allein hier her zurückkehren und dieses Blutbad anrichten.“
Ich nickte. „Er hatte das Blutbad vorbereitet. Er hatte sie bereits an die Pfeiler gebunden oder auf dem Boden gefesselt zurechtgelegt. Es war für ihn ein Fest. Ihre Todesangst, ihre Schreie, ihre Tränen, ihr Betteln! All das genoss er, badete darin.“
„Und was ist mit der jungen Frau, die Sie fanden?“
„Sie war der Nachtisch!“, antwortete ich. „Er hatte sie weit ab der anderen gefangen gehalten. Sie sollte der Höhepunkt des Abends werden. Er wollte sich mit ihr Zeit lassen, wahrscheinlich die ganze Nacht hindurch von ihr trinken.“
„Und sie vergewaltigen“, fügte der Sergeant hinzu.
„Anzunehmen! Es bedeutet Macht! Er suhlt sich in Macht. In Verbindung mit der Tatsache, dass er ihr Leben in seiner Hand hielt, dass er das Intimste nahm, was sie ihm geben konnte, ihr Blut, und sie gleichzeitig sexuell zu missbrauchen, hat ihn seine ganze Macht spüren lassen. War die sexuelle Gewalt bisher das Vorspiel, um in die zweite Rolle eintauchen zu können, sollte sie in der heutigen Nacht diese Rolle besiegeln.“
Er schüttelte den Kopf. „Das ist widerlich.“
Ich schwieg, denn ich kannte den Reiz, die Jagd mit der Leidenschaft zu verbinden. Hatte ich die Vorzüge der freiwilligen Hingabe nach all den Jahrhunderten zu schätzen gelernt, so hatte es eine Zeit gegeben, in der ich das Spiel der Katze mit der Maus auf ähnliche Weise genossen hatte. Doch diese Zeiten waren lange vergessen. Ich kannte meine Macht, musste sie nicht mehr an Schwächeren testen. Hingegen die Auseinandersetzung mit jemandem, der mir mindestens ebenbürtig war, um herauszufinden, wer nun wahrlich mächtiger war, barg einen gewissen Reiz.
„Oh Gott, O’Dell!“, stieß Sergeant Smith aus. „Sagen Sie, dass das Massaker da drinnen in Ihnen keine Blutlust weckt.“
Ich schmunzelte, doch er nahm es nicht wahr. „Nicht das Massaker, aber der Geruch von Blut!“ Ehrlich gesagt, empfand ich das Massaker als für einen Vampir unwürdig, doch ich wagte zu bezweifeln, dass der Sergeant das hören wollte. „Deshalb jage ich sie“, fügte ich stattdessen leise hinzu.
„Was wird er jetzt machen?“
Ich schüttelte den Kopf. „Das ist kaum vorhersagbar. Er könnte sich seinem Erschaffer anschließen, nachdem er jetzt hier aufgeräumt hat. Er könnte auch allein durch die Stadt wandeln und weiter morden. Er könnte ebenso weiterziehen.“
„Das heißt, wir können nur darauf warten, dass er seinen blutigen Pfad weiter geht?“
„Ich fürchte, ja!“, antwortete ich. „Allerdings werde ich mich ein wenig in der Stadt umsehen, ob ich seine Fährte wieder aufnehmen kann. Sie sollten den Komplex hier überwachen lassen. Möglich, dass er sich einen Rückzugsort für den Tag eingerichtet hat und hierher zurückkehren wird, wenn die Ermittlungen vor Ort beendet sind.“
Wir standen eine Zeit schweigend beieinander. Es gefiel Sergeant Smith nicht, mir die Suche zu überlassen, auf der anderen Seite fiel der Täter in meinen Zuständigkeitsbereich. Das schien auch ihm bewusst.
„Was werden Sie machen, wenn Sie ihn schnappen?“, fragte er und entzündete sich eine weitere Zigarette.
Ich sah ihm direkt in die Augen, was ihn nervös machte. Das Spiel mit Helen, der Geruch von Blut, die Wunden, die junge Frau, die an der Schwelle des Todes gestanden hatte, all dies hatte meine niedersten Instinkte in mir geweckt und ich war mir sicher, dass er das wilde Biest in meinen Augen erkennen konnte. „Unter meines Gleichen werde ich als gnadenloser Henker bezeichnet.“
„Oh, ja, dessen bin ich mir sicher!“, stieß der Sergeant aus und setzte einen Schritt zurück.
Ich musterte ihn eine Zeit, dann ließ ich meinen Blick zu Officer Taylor hinüberwandern, die sichtlich ungeduldig im Auto saß und uns beobachtete. „Was werden Sie ihr sagen?“, fragte ich.
„Nicht viel!“
„Sie werden sie nicht heraushalten können. Nicht aus diesem Fall, nicht nach dieser Nacht.“
„Ich werde mein Bestes geben. Glauben Sie nicht, dass ich Sie in Ihrem Zustand in ihre Nähe lasse, O’Dell.“
Schade, dachte ich, denn ihre Reaktion wäre sicher interessant gewesen. Auf der anderen Seite spürte ich, was der Fund in der Halle in ihr angerichtet hatte. Sich einem unter der Oberfläche brodelnden Biest auszusetzen, war sicher das Letzte, das sie diese Nacht gebrauchen konnte. „Sie ist gerissen, Smith. Und sie ist wissbegierig. Passen Sie auf, dass sie sich nicht hinter Ihrem Rücken in Gefahr begibt!“
„Sollte ich da etwas wissen?“
Ich schüttelte den Kopf. „Nur ein Eindruck, Sergeant.“