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Im Kreis der Alten
ОглавлениеIch stand vor der großen ovalen Tafel, an denen die Mitglieder des Kreises in großen, thronartigen Sesseln saßen, mindestens drei Meter Abstand zueinander, und mich nachdenklich musterten. Ich selbst hielt Abstand zu der Tafel, denn ich wollte ihnen nicht zu nahekommen, riskieren, dass sich unsere Energien mischten. Es war eine Zusammenkunft der Ältesten, eine Zusammenkunft der mächtigsten Vampire, die immer eine gewisse Gefahr in sich barg. Niemand wusste, wie viel Macht die anderen tatsächlich besaßen, und niemand wollte es den anderen wissen lassen. Der Respekt, vielleicht auch die Angst voreinander hielt die Balance, machte es möglich, dass der Kreis funktionierte.
Mein Blick flog über die sieben Vampire, wovon nur wenige älter waren als ich, drei an der Zahl um genau zu sein. Drei waren ungefähr im selben Zeitalter gewandelt worden wie ich und einer von ihnen war jünger. Pierre, der meinen Platz eingenommen hatte, als ich den Kreis verlassen hatte. Dass er den Mitgliedern des Kreises an Macht nicht ebenbürtig war, stand außer Frage, weshalb er meist außerhalb der taktierenden Spiele der Mitglieder fröhlich seiner Mitgliedschaft frönte. Niemand sah in ihm eine Bedrohung. Er war immer freundlich und gut gelaunt, musste seine Gefühle nicht hinter einer Maske verstecken, worum ihn die anderen meiner Einschätzung nach manchmal beneideten. Doch hatte dies auch seinen Preis, denn seine Stimme fand weniger Gewicht als die der anderen. Er konnte allerdings gut damit leben, genoss, dass er zumindest ein wenig Mitspracherecht besaß.
Ich bemühte mich, niemanden von ihnen zu lange anzusehen, doch als mein Blick auf Marianne lag, spürte ich wieder die Traurigkeit, die sich meiner immer bemächtigte, wenn ich sie sah, und ich war mir sicher, dass sie es wusste. Doch sie ließ sich nichts anmerken, musterte mich mit derselben Ausdruckslosigkeit wie die anderen Mitglieder des Kreises. Marianne, meine große Liebe als frisch gewandelter Vampir. Wie naive Kinder hatten wir unsere Liebe im Schutz der Nacht genossen, hatten wir gemeinsam gejagt, unsere neuen Mächte erforscht. Wenn einer der Mitglieder auch nur eine leise Vorstellung meiner Fähigkeiten hatte, dann war sie es. Doch mit Eintritt in den Kreis war uns diese Naivität genommen worden, war uns unsere Liebe genommen worden.
Ich streifte kurz Amaniels Blick, den ich nur zu gut kannte. Ich schätze, dass er einer der Ersten gewesen war. Nicht der erste Vampir, aber beinahe. Ich hatte eine Zeit in seiner Obhut verbracht und vermutete, dass er den ältesten Vampir getötet und seine Macht in sich aufgenommen hatte. Er hatte mich, ohne es zu wissen, gelehrt, wie man die Macht anderer Vampire im Augenblick ihres Todes in sich aufnahm. Ihm verdankte ich dadurch, dass meine Macht stetig wuchs, mit jedem Vampir, den ich eliminierte. Ich glaube nicht, dass er ahnte, dass ich ihn dabei beobachtet hatte, dass ich meine Aufgabe dazu nutzte, mächtiger und mächtiger zu werden. Nicht, um die Welt zu beherrschen, wie Sie jetzt vielleicht vermuten, sondern um irgendwann eine Gegenmacht zu dem Kreis darzustellen, ihre Macht, ihre Spiele im Zaum halten zu können, denn schon immer hatte ich befürchtet, hatte ich gespürt, dass diese Einigkeit auf wackeligem Boden stand.
„Keine Anzeichen vampirischer Beteiligung?“, hörte ich Amaniel fragen.
„Nicht bei den beiden ersten Morden“, antwortete ich. „Doch es ist offensichtlich, dass der Mensch, der diese Morde verübte, die Aufmerksamkeit eines Vampirs erringen will.“
„Du glaubst, dass er gewandelt werden will?“
Ich nickte. „Ja, in der Tat. Die Brutalität, mit der er vorgeht, soll beweisen, dass er würdig ist, dass er ein wahrer Jäger ist.“
„Also kein Sensitiver“, mischte sich Marianne ein.
„Dann wüsste er, dass dies nicht die Eigenschaften sind, die wir in einem zukünftigen Vampir zu finden wünschen.“ Amaniel winkte abwehrend mit der Hand, obgleich sein Gesicht ausdruckslos blieb.
„Das scheint ihm nicht bewusst. Woher er auch immer von unserer realen Existenz weiß, er weiß nichts über unsere Gepflogenheiten“, fuhr ich fort. „Er wird weiter morden, bis er die Aufmerksamkeit eines Vampirs erregt.“
„Dann sollten sich die Menschen bemühen, ihn möglichst schnell zur Strecke zu bringen“, entgegnete Amaniel und ich wusste, dass er nicht daran dachte, mich in diesen Fall zu involvieren.
„Sie wünschen sich meine Hilfe“, sprach ich mein mehr als offenkundiges Anliegen aus.
„Es ist kein Vampir beteiligt, die Morde sind Sache der Menschen.“
„Na ja!“ Pierre räusperte sich. „Indirekt sind schon Vampire beteiligt. Es könnte sinnvoll sein, diesen Menschen zu stoppen, bevor Vampire aktiv einsteigen.“
Ich sah Pierre leicht zurückweichen, als sich die Blicke der anderen Mitglieder auf ihn legten. Kaum merklich lehnte er sich im Sessel zurück. Ich ließ meinen Blick zu Marianne schweifen, sah sie eindringlich an, in der Hoffnung, sie würde meinen Wunsch verstehen.
„Nathaniel, lass uns einen Augenblick allein darüber beraten!“ Amaniels Blick verriet Spott und Hohn, als er dies sagte. Die Strafe dafür, dass ich gewagt hatte, den Kreis zu verlassen, dass ich gewagt hatte, so deutlich zu zeigen, dass ich den Entscheidungen des Kreises nicht zustimmte.
Ich erwiderte seinen Blick, dann ließ ich selbst ein spöttisches Grinsen über meine Lippen gehen, verneigte mich, ohne ihn aus den Augen zu lassen, und verließ den Saal. Ich kannte die Entscheidung bereits. Kopfschüttelnd schlenderte ich durch die Burg, den Stützpunkt des Kreises und starrte in die Nacht hinaus. Ich konnte Fledermäuse durch das Gemäuer fliegen hören, sah das ganze eifrige Leben, das des Nachts aus den Verstecken gekrochen kam, und beschloss, mein zweites Anliegen nicht zu äußern. Die Spannung im Saal war merklich gestiegen seit meinem letzten Besuch. Der dünne Boden unter der Stabilität des Kreises hatte deutliche Risse bekommen. Ich hatte die Gier nach Macht gespürt und wusste, dass meine Bitte, die junge Frau zu überprüfen, eine ungesunde Aufmerksamkeit auf sie legen würde. Ich würde sie selbst überprüfen müssen, möglichst ohne, dass der Kreis etwas davon mitbekam. Ich griff in meine Westentasche und fühlte nach dem kleinen Röhren, das ich darin trug, dann ging ich ohne Umschweife in die Bibliothek.
Eine ältere Dame saß wie immer am Ausgang der Bibliothek und las. Ginger muss um die fünfundsiebzig gewesen sein, als sie gewandelt worden war. Für alle Ewigkeit im Körper einer alten Dame gefangen. Manchmal tat sie mir leid. Doch heute hatte ich nicht die Möglichkeit, Mitleid zu empfinden, denn heute musste ich sie überlisten. Wir sprachen kurz, bis ich zwischen den Regalen verschwand und mit einem Buch zurückkehrte, dessen Inhalt mir eine glaubwürdige Erklärung lieferte. Während Ginger ihren Schreibtisch vorbereitete, die Daten aufzunehmen, nahm ich das Röhrchen aus der Westentasche, steckte es in den Mund und wandte mich ihr zu. Mit einem: „Du bist ein Schatz, Ginger, das muss einfach mal gesagt werden!“, nahm ich ihren Kopf in meine Hände, küsste sie und kippte ihr damit den gesamten Inhalt in den Mund. Sie schluckte in ihrer Überraschung wie jedes Mal und schon verschwand ich wieder zwischen den Regalen, stellte meine Pseudoausleihe wieder ins Regal und bewegte mich schnell zu dem Buch, das ich eigentlich begehrte. Ich ließ es in meinem Mantel verschwinden und verließ mit einem letzten Blick auf Ginger, die regungslos vor sich hinstarrte, die Bibliothek. Jeden Moment würde die Wirkung nachlassen und sie würde weiter in ihrem Buch lesen, ohne sich an meinen kurzen Besuch und seine Umstände zu erinnern. Ich wartete vor der Tür, bis ich ihre normalen Bewegungen vernahm, dann entfernte ich mich zügig aus diesen Gängen.
Es ist durchaus von Vorteil, wenn man mit einer Kräuterhexe zusammenlebt. Helen hatte eben einen solchen Garten in einem kleinen Gewächshaus angelegt und mir geholfen, mit Tränken, Tees und Räucherstäbchen aus eben jenen Kräutern und Giftpflanzen zu experimentieren. Wenn man so oft von den Machtspielen des Kreises enttäuscht wurde wie ich, wird man erfinderisch. Oft hatte ich Vampire in meinem Haus festgehalten, bis das Urteil des Kreises gefallen war. Und eben jene Vampire hatten mir stets Erkenntnisse über die Wirkung der verschiedenen Giftpflanzen und Kräuter geliefert. So wusste ich, dass Stechapfel auf unseren Organismus keine tödliche Wirkung hatte, sondern lediglich zum kurzzeitigen Erstarren führte einhergehend mit temporärem Gedächtnisverlust. Jedoch einem Verlust, der als solcher nicht wahrgenommen wurde. Es war als bliebe man kurz stehen, während die Zeit weiterlief, ohne dass man bemerkte, dass man kurz außerhalb der Zeit existiert hatte. In dem Moment, in dem das Bewusstsein wieder einsetzte, war auch die Tinktur selbst im Körper unauffindbar. Ein unschlagbares Mittel, wenn man des Öfteren den Kreis umgehen musste, was bei mir durchaus vorkommen konnte.
Sie ließen sich Zeit, wohl mehr, um mir wieder einmal vor Augen zu führen, was ich weggeworfen hatte. Doch dieses Mal kam es mir sehr entgegen, dass sie mir soviel Zeit gönnten. Ich konnte das Buch ungesehen sichern, dass ich es nicht mit mir zurück in den Kreis nehmen musste und somit in Gefahr ging, entdeckt zu werden. Ich konnte ohne Hast in den Warteraum zurückkehren und mich scheinbar gelangweilt in eine wartende Position bringen, bevor ich schließlich wieder hereingebeten wurde.
„Der Kreis hat entschieden!“, begann Amaniel und ich verkniff mir, mit den Augen zu rollen. „Die Morde sind Sache der Menschen. Wir werden uns bis auf Weiteres nicht einmischen.“
Ich musterte Amaniel ebenso ausdruckslos, wie er mich ansah, ohne seinem Blick auszuweichen. „Bis auf Weiteres bedeutet, bis sich ein Vampir einmischt. Ihr wollt diesen Mörder und seine Opfer tatsächlich dazu benutzen, gesetzesfreie Vampire zu locken.“
„Hast du etwas gegen die Entscheidung des Kreises einzuwenden?“
Ich ließ ein Grinsen über meine Lippen gehen und verneigte mich. „Ich respektiere die Entscheidung des Kreises und warte auf den Dummen, der in die Falle tappt.“ Mit diesen Worten wandte ich mich um und verließ mit größter Respektlosigkeit grußlos den Saal.
Leise fluchend schritt ich durch die Gänge, schimpfte auf die Arroganz der Alten, obgleich ich nichts anderes erwartet hatte, bis mir jemand in den Weg trat. Ich war nicht überrascht, hatte seine Anwesenheit längst bemerkt, doch war er für mich kein Grund, meine wahren Ansichten zur Entscheidung des Kreises zu verbergen.
„Es tut mir leid, Nathaniel“, erklärte Pierre und sah mich freundlich lächelnd an. „Ich habe es versucht, aber du weißt, wie viel Gewicht sie in meine Äußerungen legen.“ Er blieb mehrere Meter von mir entfernt stehen, wagte nicht, sich mir zu nähern. Er fürchtete mich, ganz eindeutig.
„Ich weiß, Pierre“, erwiderte ich, während ich ihn seelenruhig ansah.
Er wich meinem Blick aus, obgleich ich keine negativen Gefühle mir gegenüber wahrnehmen konnte. „Ich nehme eine Alibirolle im Kreis ein. Ich bin nach dir der Älteste. Sie brauchen mich lediglich, um die Sieben vollzumachen.“
Ich lächelte. „Immerhin hast du so Einblick in die Machtspiele der Mitglieder. Du bist immer informiert.“
Er lachte, doch dann wurde er auf einmal sehr ernst. „Du solltest vorsichtig sein, Nathaniel“, sagte er leise. „Sie fürchten dich.“
„Ich weiß, dass sie mich fürchten. Ich war Mitglied des Kreises. Sie fürchten sich alle gegenseitig.“
Pierre schüttelte den Kopf. „Sie fürchten dich weit mehr. Sie können dich nicht einschätzen, deine Macht. Du solltest deine Verachtung für sie nicht so offenkundig machen. Es könnte sie herausfordern.“
Ich musterte ihn eine Zeit lang. „Du meinst, ich könnte ihnen ein Dorn im Auge werden.“
Er zog kurz die Augenbrauen hoch. „Das habe ich nicht gesagt.“ Doch ich wusste, dass es genau das war, das er mir hatte sagen wollen.
„Nein, hast du nicht.“
„Sei auf der Hut, Nathaniel!“, wiederholte er eindringlich.
„Ich hoffe, du weißt, auf welche Seite du dich stellen wirst, wenn sie den Dorn herausziehen wollen, Pierre!“, flüsterte ich und setzte meinen Weg weiter fort. Er wich mir aus, doch er sah mir grinsend hinterher. Pierre, wahrscheinlich der Einzige unter diesen Vampiren, der so etwas wie einem Freund nahekam.