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I. Florenz – Damals in der Zukunft: »Aurora und Nico«

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»Hörst du es, Aurora?«, fragte Nico. Er nestelte an seinem Schlafsack, rutschte ganz nah an Aurora, die sich langsam in eine anschleichende Angst hineinsteigerte. Gefüttert wurde sie von den Gruselgeschichten, die ihr Nico absichtlich ständig erzählte, um die Saat der Furcht in ihr kleines Herz zu säen. Obwohl der zehnjährige Nachbarsbub genau dreizehn Monate älter war als Aurora, führte er sich bei ihr auf, als wäre er ihr zehn Jahre älterer Bruder. Kein Wunder, beide waren Einzelkinder und kannten sich schon ein Leben lang. Sie waren immer zusammen, wie unzertrennliche Geschwister. Nico liebte es, Auroras starken und weisen Beschützer zu spielen.

»Nein. Was hörst du denn?«, fragte Aurora und starrte in Nicos bernsteinfarbene Augen. Sie runzelte die Stirn. Klammerte sich an ihren braunen, abgewetzten Teddybären. Sein pechschwarzer Wuschelkopf war total zerzaust, so als hätte er gerade den Finger in eine Steckdose gesteckt.

»Pst … es ist ein Löwe oder ein Bär. Du musst ganz still sein und keine Angst haben. Ich beschütz dich.«

»Okay, aber ich hör nichts.« Aurora starrte auf die Decke des Zeltes und spürte ein leichtes Ziehen in ihrer Bauchgegend. Es war nicht dieselbe Angst, die sie vor ihrer Mutter verspürte. Was wäre, wenn Nico recht hatte und da doch irgendein Monster auf sie lauerte? Auf einmal fand sie die Idee des Zeltens nicht mehr so toll. Sie hatten Sommerurlaub, und Nico hatte seine Eltern und Auroras Mutter dazu überredet, beide im Garten von Nicos Familie zelten zu lassen. Sie hatten sich in ihren blau gemusterten Pyjamas im Badezimmer die Zähne geputzt, hatten Nicos Eltern, die im Wohnzimmer gesessen hatten und fernsahen, gute Nacht gesagt, und gingen dann hinaus in den Garten, wo sie am Nachmittag gemeinsam das Zelt aufgebaut hatten. Bei Tag war noch alles ganz harmlos gewesen, aber jetzt, in der Nacht, zauberte der Lichtkegel von Nicos Taschenlampe, mit der sie noch eine Weile Comics gelesen hatten, auf einmal seltsame Schatten an die Zeltwand. Je mehr Geräusche verschwanden, die das Wohnviertel tagsüber von sich gab, umso mehr komische Laute drangen jetzt in der Nacht in Auroras ängstliche Kinderohren. Sie drückte ihren Teddybären Bruno noch fester an ihre kleine Brust. Knabberte an ihrer Unterlippe, während sie lauschte.

»Pst … hör genau zu. Es ist eindeutig ein Löwe, der sich an unser Zelt anschleicht. Bruno kann dir da auch nicht helfen, aber ich schon, denn ich habe vor nichts Angst. Ich werde mal Polizist, wie mein Vater, und beschütze alle Menschen, egal wie viele Monster auch kommen.« Nico entriss ihr den Teddybären und warf ihn weg.

»Hey, was machst du da? Spinnst du? Das ist Bruno, mein Bruno! Den hat mir deine liebe Mama Rosa geschenkt.«

»Ich weiß, aber der kann dir nicht helfen, ich schon. Komm näher zu mir, ich beschütze dich. Sobald der Löwe mich sieht, weiß er, dass ich ein gefährlicher Krieger bin. Er macht sich sofort in die Hosen und rennt davon, bevor ich ihn plattmache.«

»Und woher will der Löwe das wissen? Du hast doch gar keine Waffen, Nico!« Aurora machte den Reißverschluss ihres Schlafsackes auf und schlüpfte sofort in den ihres Freundes. Dieser umarmte sie fest.

»Ich hab unter dem Kissen mein Rambo-Messer versteckt.«

»Aber das ist aus Plastik, Nico!«

»Ja, aber das weiß der Löwe nicht, nur wir beide, verstehst du?«

»Aha, aber …«

»Hör auf, Fragen zu stellen, Aurora. Hab ich dich je im Stich gelassen, enttäuscht oder angelogen?«

Aurora schüttelte den Kopf.

»Vertraust du mir dein Leben an?«

»Ja.«

»Und warum?«

»Weil du stärker als Rambo bist und Polizist werden wirst wie dein Papa?«

»Na also. Geht doch. Du hast es endlich kapiert. Bist ein cleveres Mädchen, Aurora, fast so clever wie ich.«

»Danke, Nico. Der Löwe hat also wegen des Rambo-Messers Angst vor dir, auch wenn er es nicht sehen kann, wenn er zu uns ins Zelt kommt?«

»Nicht nur. Jedes gefährliche Tier und jedes Monster auf dieser Welt kann in meinem Blut riechen, wie gefährlich ich bin. Das habe ich im Fernsehen gesehen. Stellt dir vor, du könntest bei jedem Menschen schnüffeln, wie bedrohlich der ist. Eine tolle Sache, oder?«, log er mit einem angeberischen Ton, und Aurora glaubte ihm jedes Wort, denn Nico war für sie wie ein großer Bruder, und der war allwissend und stärker als jeder Bär. Wenn Aurora das bei Menschen riechen könnte, würde ihre Mutter sicher nach ätzendem Durchfall stinken.

»Nico?«, flüsterte sie und klammerte sich noch fester an ihn. Die Haut an seinem dünnen Hals roch nach Minze, und zwei braune, verschmierte Flecken an seinem rechten Mundwinkel verrieten ihr, dass er sich nach dem Zähneputzen noch verbotenerweise in die Küche geschlichen hatte, um heimlich ein Nutella-Brot zu verdrücken.

»Ja?«

»Und wenn es ein ganz gescheiter Löwe ist, der es schafft, dich trotzdem zu töten, und mich dann auffrisst?«

»Spinnst du? Glaubst du nicht an meine Kräfte? Hab ich dich nicht immer beschützt? Vorgestern hab ich sogar meinen besten Freund Mauro verprügelt, weil er dich wegen deinen Zahnstocherbeinen gehänselt hat. Er ist einen Kopf größer als ich und hat Beine wie Rambo.«

Aurora überlegte kurz. Mauro und Rambo? Nö, die beiden hatten nicht die gleichen Beine, aber Filme waren ja nicht echt, und Nico hatte immer recht. Also ja. Da musste was dran sein. Auf einmal hörte sie ein lautes Knacken, dann das Fauchen einer Katze. Aurora hatte sich vor Panik in die Hosen gemacht. Nico begann laut zu lachen, löste sich aus der Umarmung, öffnete den Schlafsack und sprang auf.

»Oh Mann, du bist ein richtiger Schisshase! Hast du dir jetzt echt in die Hosen gemacht?«

Schamröte stieg in ihr Gesicht. Sie war wie gelähmt. Zog ihre Knie zum Kinn und begann zu weinen.

»Pst … hey, entschuldige. Es ist alles in Ordnung. Jeder macht sich mal in die Hosen.« Er kniete sich zu ihr nieder. »Komm her«, sagte er und nahm sie in seine Arme.

»Ich werd dir nie wieder einen solchen Schrecken einjagen. Versprochen.« Er wischte ihr die Tränen vom Gesicht.

»Und du …«, schluchzte Aurora. »Wirst du mich auch vor Mama beschützen?«

»Klar, aber wieso denn? Hast du etwa Angst vor ihr?«

»Ja.«

»Und warum?«

»Weil … weil sie böse ist«, schluchzte Aurora. Es war, als wäre soeben bei ihr ein innerer Damm gebrochen. Tränen kullerten über ihre geröteten Wangen.

»Warum hast du mir das nie gesagt?«, fragte Nico und wischte ihr über die feuchten Wangen.

»Sie … sie meinte, wenn ich irgendjemand etwas davon verrate, wird sie dich, deine liebe Mama Rosa, deinen lieben Papa Pietro und deine Kanarienvögel Batman und Robin töten.«

Nico schaute sie entsetzt an. Seine Kinnlade schien jeden Moment den Boden zu erreichen. Er schüttelte rasend vor Wut den Kopf. »Die spinnt ja! Das ist gelogen, Aurora. Die will dir nur Angst einjagen. Was hat sie denn gemacht?«

Aurora schwieg. Sie konnte nicht mehr.

»Sag mir alles, micina. Ich bin bei dir und beschütz dich«, erklärte ihr Nico und küsste ihre Stirn. Er musste sich sichtlich beherrschen, um vor Wut nicht auszurasten.

»Geschlagen. Unter den Füßen, damit es niemand sieht«, schluchzte sie weiter.

»Scheiße! Deshalb hinkst du immer wieder und läufst so komisch? Es sind nicht deine Knieschmerzen, oder?«

»Nein. Sie bindet mich am Bett fest, und dann tut sie schlimme Sachen. Und wenn sie ganz wütend ist, muss ich vor dem Schlafengehen etwas Öliges, Gruseliges trinken. Davon bekomme ich Bauchkrämpfe und muss die ganze Nacht aufs Klo. Es tut so weh und mir ist dann so schlecht. Sie hat gesagt, dass sie mich nie gewollt hat und dass ich ihr im Weg stehe. Deshalb muss ich auch oft im Keller schlafen, neben den Erbsendosen und den Spinnen, vor denen ich so Schiss habe. Dann mach ich mich immer in die Hosen, und dann schimpft sie noch mehr, weil sie so viel waschen muss. Ich muss immer brechen, und mein Magen tut immer so schrecklich weh. Deshalb kann ich nicht so viel essen und bin so dünn.«

»Jetzt verstehe ich. Das ist auch der Grund, weshalb du so oft krank bist, oder?«

Aurora nickte. »Bitte hilf mir Nico! Ich will nicht, dass sie euch alle und mich tötet. Auch Batman und Robin sind ja so lieb. Die können doch nichts dafür.« Sie weinte unaufhörlich, umklammerte Nico und bat ihn verzweifelt um Hilfe. Sie hatte panische Angst, dass er und seine Familie jetzt, wo sie ihm das schlimme Geheimnis verraten hatte, sterben würden.

»Pst … alles wird gut werden, Aurora. Papa ist Polizist. Er steckt die Schurken in ein Loch, und deine Mutter ist ein Monster. Die gehört in ein tiefes, tiefes, tiefes Loch. Komm, wir gehen zu Papa. Ich erzähle ihm alles, und dann darfst du für immer bei mir bleiben. Zu ihr darfst du nie wieder zurückgehen.«

»Nein, bitte nicht. Ich habe solche Angst vor ihr.«

»Jetzt nicht mehr, Aurora. Ich hab dich immer beschützt, und ich werd dich immer beschützen. Sie wird dir nie wieder etwas antun, und du brauchst auch nie wieder vor ihr Angst zu haben. Vertraust du mir?«

»Ja.«

»Gut. Schau mir in die Augen, Aurora. Wer hat mir das Kämpfen beigebracht?«

»Rambo.«

»Genau! Und wer ist Rambo?«

»Der beste menschliche Krieger auf der Welt.«

»Super! Du hast es geschnallt. Und jetzt lass uns das Monster von deiner Mutter jagen! Die wird dich nie wieder anfassen. Das schwöre ich dir bei dem heiligen Messer von Rambo!« Aurora sah, wie er unter dem Kopfteil des Schlafsacks ein Plastikmesser hervorzog, es hochhob und küsste. Und diesen Schwur hielt er auch, so wie ein richtiger Krieger und ein Superheld.

Vikings - Vergangene Zeiten

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